Interview: Stephan Kaske von Mythos

Mythos Interview Release Time

Wenn man den Namen Stephan Kaske hört, wird sicher so mancher jüngerer EM-Fan überlegen; erwähnt man aber den Namen Mythos dabei, sollten bei jedem Elektronic Freak, egal welchen Alters, die Ohren klingeln. Stephan Kaske alias Mythos – Elektronic Pinonier aus der Hauptstadt Berlin hat seit den frühsiebziger Jahren bis heute schon weit über 30 Alben veröffentlicht. Mir würde hier aus rein Deutscher-Elektro-Solokünstler-Sicht nur Klaus Schulze oder Michael Rother einfallen, die ähnlich produktiv gewesen sein müssten. Was mit Krautrock begann, setzt sich bis heute in elektronischen Klanglandschaften und High-Tech-Surround-Sound-Alben fort. Doch lassen wir den Künstler einmal selbst zu Wort kommen.


Wie verlief bei Dir der Einstieg in die EM-Musikszene, welche Motive haben zur Gründung geführt und wie lange genau bist Du jetzt dabei?

Die Musik von Mythos und mir war eigentlich schon immer eigenständig, progressiv, nicht-kommerziell und vor allem irgendwie “multistilistisch”. Ich habe immer Sachen einfach gemacht, die mir in den Sinn kamen, die mir gefielen; egal, was andere darüber dachten oder ob es kommerziell schädlich war. Beispielsweise brachte ich schon Ende der 60er Jahre die (Echo-)Querflöte, Sitar und die ersten “Synthesizer” auf die Bühne. Die wurden noch mit Stiften auf Platinen gespielt und waren nicht gerade tonrein. Die Bombergeräusche, die später auch auf die Mythos-1 kamen, hab’ ich mit einem selbstgebauten Verzerrer mit halb herausgezogenem (!) Stecker erzeugt, Echogeräte wurden weniger für Raumsimulationen benutzt als für abstrakte Effekte usw. So waren Experimente und die EM schon immer ein Teil meiner Musik, auch als wir noch überwiegend Rockmusik machten.

Welche Bedeutung verbirgt sich hinter dem Pseudonym “Mythos” und was kannst Du uns zu Deinen musikalischen Einflüssen und Inspirationen sagen?

Ich finde schon, dass Mythos zu der Zeit und auch bis heute ein prima Begriff für das breite Spektrum meiner Musik ist, und würde es auch nicht wechseln wollen; zumal das doch in jeder Beziehung unklug wäre. Zu den Einflüssen kann ich sagen, dass ich schon immer so wenig wie möglich andere Musik gehört habe und höre. Ist natürlich in der musiküberfluteten Umwelt heutzutage nicht so einfach und hat sicherlich auch Nachteile. Jedenfalls gibt’s in all meinen Autos nur einen Sender: das “Info-Radio” mit Nachrichten und Sport. Frühe, ursprüngliche Einflüsse kamen, um nur einige zu nennen, von Pink Floyd, Jethro Tull, Genesis und Mahavishnu Orchestra (ungerade, ungewöhnliche Takte!), Iron Butterfly, Alan Parsons, Vangelis oder Mike Oldfield.

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Wer ist bei Mythos für die künstlerische Gestaltung der CDs, z.B. Front-Coverfotos und Booklets, zuständig?

Mich macht es schon ewig fertig, dass ich 95%, wenn nicht 98% meiner Zeit für Organisation, Promo, Internetseiten, Veranstalter, Konzertplanung, Hotels, Übungsräume, Band-LKW, Diskussionen, und und und aufwenden musste. Ich fühle mich als MUSIKER! Alles andere könnten andere eigentlich besser… an mir blieb es dann aber immer irgendwie hängen… So hab’ ich aber wenigstens ALLE Artwork-, Foto und Covergestaltungen Fachleuten, also Graphikern und so, überlassen. Der Deal: Meine Plattenfirmen reden mir nie in die Musik rein; ich ihnen nicht in’s Artwork, Fotos, Vertrieb oder Veröffentlichungstermine. So bleiben wenigstens die wenigen Prozent an Zeit übrig, um die Welt mit dem einen oder anderen Album oder Video zu beglücken…

Wie hat sich Dein Musikstil seit der Gründung weiterentwickelt, wie läuft bei Mythos die Studioarbeit ab und wie lange dauern die Aufnahmen für ein Komplettwerk?

Das hat sich natürlich in den Jahrzehnten dramatisch geändert. Die ersten 4 LPs nahmen wir ja noch im legendären Dierks-Studio in Köln-Stommeln auf. Ursprünglich ja noch für OHR und Cosmic Couriers… au Mann, vielleicht schreib’ ich mal ein Buch darüber(?!). Ab 1980 hab’ ich dann das MYTHOS STUDIO BERLIN aufgebaut, das von Anfang an und für etwa 20 Jahre eine Goldgrube war, wovon ich bis heute profitiere. TV, Radio und Presse berichteten umfangreich. Aufhänger: “Berliner Junge produziert LP in eigenem Studio” – und ab ging die Luzie… LP 5 und 6 erschienen 1980 und 1981 bei sky. Durch das brechend volle Studio kam ich erst Ende der 80er Jahre wieder dazu (außer Film-, TV- und Werbemusik) eigenes Material zu produzieren. 1989 zahlte sich Überzeugung (Dickköpfigkeit?!) und Beharrlichkeit dann erneut aus: Nach über 100 Absagen (Schreck!) begann eine rund 20jährige Zusammenarbeit mit Membran. Daraus resultierten dutzende von Ein- bis Vierfach-Alben durchaus unterschiedlicher Stilrichtungen, die ich ausschließlich allein im MSB produzierte. Mit “richtiger” Musik, wie Membran forderte. Kein Lull und Lall. Wie schrieb z.B. der kanadische Kult-Kritiker Sylvain Lupari über das Dreifach-SACD-Album “Mysteria – An Electronic Journey Into Sound”: “Die MYSTERIA ist ein kolossales Werk. Stellen Sie sich vor: 3 CDs und mehr als
150 Minuten rhythmischer Musik OHNE deliriöse psychedelische Athmosphären.”

Gibt es bei Mythos auch Nebenprojekte, die erwähnenswert wären?

Wenige. Mein Techno-Projekt “Momentum” geriet nach vielversprechendem Start (und Loveparade-Präsentation) inzwischen in Vergessenheit. Label machte dicht und Membran wollte nicht, hatte andere Prioritäten. Letztere trugen aber reichlich Früchte und so produzierte ich für Membran zwischen 1990 und 1998 auch rund 20 Alben der M.A.S.S. Serie.

Ist es noch nötig in diesen audiovisuellen und medialen Zeiten zu einer CD auch gleichzeitig ein Video zu erstellen? Mir fällt da gerade Dein “Fukushima Sea” Videoclip ein.

Mir geht’s da generell um “die Sache”, also den Leuten meine Musik nahezubringen. Siehe oben: Tropfen/Ozean/Fähnchen. Bei dem “Fukushima Sea”-Clip allerdings doch um mehr; deshalb hab’ ich ihn auch sofort in Form eines Netreleases herausgebracht und nicht auf die nächste CD gewartet. Ansonsten verstehe und übernehme ich, glaube ich, mehr und mehr die Auffassung meines holländischen Musiker-Freundes Bert Hülshoff aka Phrozenlight. Der hat schon mehr als 400 (!) Videos produziert; alle zwischen 9 und über 30 Minuten Länge, stellt ständig weitere her und ins Netz und hat über 36.000 Clicks. Das ist “sein Ding”. Was Kritiker, die Leute, Dieter Bohlen oder Britney Spears darüber denken ist ihm “wurscht”.

Wie bewertest Du den Einsatz von Licht und Lasereffekten bei Deinen Konzerten, dient es rein als Visualisierung der Musik und wie hat Dir Deine Planetarium Tour 2012 gefallen? Lass unsere Leser
auch noch wissen, wie Du auf die tolle Idee mit dem EM-Breakfast-Auftritt kamst und vor allem zu deren Motto “Unabsteigbar” – ebenfalls Titel der gleichnamigen EP.

Ich fang mal von hinten an – dafür bin ich bekannt… Äh nee, jetzt komm’ ich vom Thema ab, also: Die tolle Idee mit dem EM-Breakfast hatten Sylvia Sommerfeld und der Verein “schallwen.de”. Das ganze findet alljährlich in Bochum statt. Und deren Fußballverein ist der Vfl Bochum. Und DER galt ja mal als “unabsteigbar”. Dachte, es wäre eine nette Geste und Referenz den Gastgebern
gegenüber. Hatte allerdings nicht vermutet, wie viele der zum Teil von weit her angereisten Besucher Fans von ganz anderen Vereinen waren (schwitz). Hat mich aber keiner verhauen. Die instrumentale und die Laser-Action auf der Bühne ist für mich elementar wichtig. Wie ihr wißt, war Mythos ja bis 1979 eine sehr rockige Band; mit viel Toben und Action in der Musik und auf der Bühne. Elektroniker-Konzerte dieser Zeit sahen mangels adäquater Technik dann aber oft so aus: Ein Musiker saß mit dem Rücken zum Publikum auf einem mitgebrachten Teppich, drückte gelegentlich eine Taste des einzigen Synthis und offen oder versteckt lief eine Tonbandmaschine. Für uns “echte” Musiker ein Graus und somit war für mich das Kapitel “Live” erstmal auf unabsehbare Zeit erledigt. Erst Ende 2008 überredeten mich einige überzeugende und ernst zu nehmende Veranstalter, vorneweg Sylvia Sommerfeld (dankeschön!), doch wieder einmal ein Live Programm auf die Beine zu stellen. Habe dann tatsächlich über ein halbes Jahr ein technisches Setup entwickelt und damit Songs komponiert. Wieder Flöte geübt (nach über 25 Jahren!) und nach neuen, originellen Instrumenten gesucht. Die fand ich z.B. in dem Elektronischen (MIDI-)Dudelsack und der Laser-Harfe. Speziell letztere hatte natürlich einen enormen Effekt speziell bei den Planetarien Konzerten. Deshalb habe ich für die Touren 2013 bereits weitere Laser und andere Controller angeschafft, die ich in der Winterpause ins neue Programm integrieren werde.

Mythos Interview Release Time

Bist Du mit Deinem Projekt Mythos auch im Ausland erfolgreich und bekannt?

Denke ich schon. Jedenfalls rechnen die GEMA, Membran oder Sireena mehr Auslands-Plattenverkäufe als Inlandsverkäufe ab, speziell aus den USA. Die Mehrheit der zahlreichen CD-Kritiken und Empfehlungen kommt ebenfalls aus dem Ausland.

Welche Synthesizer hast Du früher für Deine Klänge eingesetzt und welche Instrumente sind heute Deine Lieblinge?

Nun, bei den ersten 6 LP’s gab’s da nicht viel: Die Stylophon-Unikate, einen Roland SH-1000, den Mini-Moog, EDP WASP und SPIDER, Korg PolySix, ein Crumar String-Teil, Korg Vocoder VC-10, CR-78, diverse MFB-Drums, TR-808, später dann den DX7 und 2 FB-01. Der wirkliche Sprung kam allerdings ab ca. 1990 mit den umfangreichen Aufträgen von Membran: Emax-1, -2, Ultra und Audity, Korg M1EX, Wavestation, Karma und Radias, Waldorf Q, Yamaha FS1R und 6 Teile von Quasimidi, allen voran Polymorph, Raven Max und Sirius.

Der Franzose Jean Michel Jarre hat vor ca. 5 Jahren seine erste Veröffentlichung “Oxygene” mit den Original Instrumenten aus 1976 live aufgeführt, wäre das auch eine Idee für Dich und Deine
Frühwerke?

Nö… Einige der Musiker weilen schon nicht mehr unter uns, andere sind schon seit Jahrzehnten nicht mehr aktiv oder verschollen. Ich persönlich bräuchte Monate, um wieder Hornhaut auf die Fingerkuppen zu bekommen und meine 71er Strat (ja, die hab’ ich noch!) und eine Sitar spielen zu können. Ich schaue da lieber ausschließlich nach vorn und habe jede Menge Ideen und Ziele. Mehr als ich gleichzeitig und in absehbarer Zeit realisieren kann

Was hat Dich veranlaßt die beiden “Sky” Platten “Quasar” und “Grand Prix” aus 1980/81 aus den Originalbändern zu veröffentlichen, sowie bereits die “SuperKraut 76″ – das legendäre Livekonzert?

Nun, die SuperKraut und die Quasar gibt’s ja bereits wieder, die Grand Prix folgt im Frühjahr 2013. Ja, ihr habt es inzwischen vielleicht bemerkt: Beharrlichkeit zahlt sich aus, das Glück kommt zu dem, der warten kann und stets bereit ist. So ein Glückspilz bin möglicherweise ich. Das SuperKraut-Konzert z.B. hat Sireena gefunden, aufgetan und mir dann angetragen. Der Erfolg war so groß, dass (auch wieder Sireena) es geschafft hat, von sky die Rechte zur Wiederveröffentllichung zu erwerben. Was Sireena noch Sensationelles in der Mythos-”Pipeline” hat, darf ich noch nicht sagen. Nur soviel: Für alte und neue Mythos Fans gibt’s in den nächsten Jahren einige Überraschungen, mit denen bestimmt keiner rechnet!

Einige Musiker arbeiten auch in diesen Zeiten mit analogen Synthies anstatt mit digitalen Computern und Software, bist Du auch der Meinung das analoge Sounds wärmer klingen und somit durchaus eine wichtige, emotionale Komponenete in der elektronischen Musik darstellen?

Nehmt’s mir nicht übel – ich bin ein bekennender Banause… Für mich ist es wirklich wurscht, woher ein Sound kommt, kalt oder warm, kariert oder von Jungfauen bei Vollmond hineinmassiert. Ich bin der reine ANWENDER, benutze alles durcheinander. Siehe auch die Equipmentliste. Ich weiß, wo ich was finde, oder ich suche halt. Dann wird’s editiert und den Rest machen Mix, Effekte und Klangreglung.

Was willst Du in der nahen oder späteren Zukunft noch mit Mythos verwirklichen und erreichen, wie steht es z.B. mit Filmmusik zu einem imaginären Streifen?

Es liegen zur Zeit so viele Veröffentlichungen und die dazu gehörige Promoarbeit an, das ich gar nicht weiß, wie und wann ich das alles wieder schaffen werde. Geschweige denn, endlich mal wieder Musik zu machen. Vorher kommt ja z.B. erst noch die Integrierung der neuen Laser-Controller ins Liveprogramm oder die Tourplanung 2013. Aber ich kann mir kaum schönere Aufgaben vorstellen und freue mich schon auf so ein bis zwei genußvolle Touren pro Jahr, einige Scheibchen mit all den noch unveröffentlichten Ideen und immer mal das eine oder andere Video.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute!


Das Interview wurde geführt von:
Sven Ericksen

Fotos:
Hans-Herman Heß / electronic-circus.net

Ergänzende Links

  • Webseite: Mythos (Webseite von Stephan Kaske / Mythos und weiteren betreffenden Projekten)
  • Weitere Interviews auf ReleaseTime

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