Kinofilme haben uns gelehrt: Die dunkle Seite ist böse und ein Weg, den man nicht einschlagen sollte. Diese Haltung sollte man noch einmal überdenken, wenn man sich mit “The Dark Side” konfrontiert sieht, einem Produkt aus dem Hause East West.
Auf der englischen Herstellerseite wird die 40 GB schwere Library mit den Worten “Mangled, distorted, or effected out of all recognition” angepriesen.
Was auf den ersten Blick wie ein ziemlich einseitiges Konzept scheinen mag und vorrangig an Industrial und Horrorfilm-Soundtracks erinnert, erweist sich als vielseitige Klangbibliothek, die auch Orchesterkompositionen um eine brachiale Komponente erweitern oder Metalproduktionen interessanter machen kann. Wie alle East West-Produktionen läuft auch The Dark Side mit der hauseigenen PLAY-Engine.
Installation und Authorisierung
Die Installationsdateien der Library befinden sich auf sechs DVDs. Wer PLAY schon installiert hat, kann die Library zu den schon installierten Komponenten hinzufügen; ansonsten lassen sich auch die VST-, AU- und Standalone-Versionen von PLAY mit dem TDS-Installationsprogramm installieren. Alle notwendigen Dateien können also bequem aus dem selben Programm heraus installiert werden; es ist nicht notwendig, mehrere Installationen hintereinander durchzuführen.
The Dark Side wird per iLok registriert; der Code befindet sich auf der Papphülle der DVDs. Der EW-Authorisierungs-Manager hat mit dem aktuellen PLAY-Update eine Verbesserung erfahren. Vor der Aktualisierung musste man noch sowohl die Zugangsdaten zur East West-Seite als auch die iLok.com-Login-Daten im “Authorization Wizard” eingeben. Jetzt kann man den East West-Account auf der Herstellerseite dauerhaft mit dem iLok-Konto koppeln, der Authorisierungsmanager fragt also nur noch nach einem LogIn.
Hat man den zwingend notwendigen iLok-USB-Stick gerade erworben und noch nicht installiert, findet man dessen Treiber auch auf der ersten der sechs DVDs. Dieser Installer funktioniert nach meinen Erfahrungen sogar besser als der Download von der Herstellerseite. Bei einigen Usern sorgte der für Probleme, bei denen die Installation einfach abbrach.
Das Konzept
Sämtliche Instrumente in The Dark Side wurden mit zahlreichen Effekten versehen, ehe sie aufgenommen wurden. Der am häufigsten eingesetzte Effekt ist dabei die Verzerrung. Mit sanftem Anzerren wie bei einem Gitarrenverstärker im Crunch-Modus hat das nicht mehr viel zu tun: Die Instrumente klingen teils sehr verfremdet, stark elektronisch und in einigen Fällen schlicht brutal.
Folgende Kategorien sind vertreten
- Drums
- Basses
- Guitars
- Keys and Strings
- Ethnics and Choirs
- Instruments wFX
- Misc and Perc
Bei “Instruments wFX” handelt es sich um Instrumente aus den anderen fünf Kategorien mit zusätzlichen Effekten.
Interface und Engine
Am Interface sticht als erstes die gasmaskenähnliche Gestaltung im Zentrum auf. Die Pegelanzeiger, die Lautstärke- und Panorama-Regler und die Mute- und Solo-Buttons für das aktuelle Instrument sind wie Teile eines Anzugs um diese Maske herum angeordnet, was dem Interface einen sehr passenden, stimmigen Look verleiht. Zusammen mit den dunkelgrünen Anzeigen entsteht der Eindruck eines Strahlenschutzanzugs (Produzent Doug Rogers hat verraten, dass für die Hintergrundtextur eine alte Schockbehandlungsmaschine aus einer psychiatrischen Anstalt abfotografiert wurde). Alles in allem passt das sehr zum Sound der Library und zu thematisch verwandten Instrumentnamen wie “Nuclear Bass”, “Toxic Choir” und “Radioactive”.
Am oberen Rand des Interfaces befinden sich die Buttons für das Hauptmenü, die Einstellungen und den Browser, mit dem man die Instrumente auswählen und verwalten kann, sowie eine Anzeige für das aktuell gewählte Instrument. Pro geöffneter Instanz sind beliebig viele Instrumente auf sechzehn MIDI-Kanäle verteilbar. Dazu ist zu sagen: Nutzt man PLAY als Plug-in in einem Sequenzer, empfiehlt es sich, mehrere Instanzen zu verwenden: Im Gegensatz zur Standalone-Version nutzt jede Plug-in-Instanz nur einen Rechenkern. Von Mehrkernprozessoren profitiert man also nur mit entsprechendem Instanzen-Management.
Den Hauptteil des Interfaces füllen mehrere klangverändernde Elemente. Links oben befindet sich die “Stereo Double”-Funktion, mit deren Hilfe man den Sound eines Instrumentes verbreitern kann. Der mit “Left” oder “Right” gewählte Kanal bleibt im Grundzustand, der jeweils andere wird mit einer leichten Verzögerung versehen, die mit dem “Amount”-Regler einstellbar ist. Direkt daneben sind die beiden Regler, die die Tonhöhe verändern. Der “Coarse”-Regler umfasst dabei zwei Oktaven in jede Richtung.

Der grafisch repräsentierte Filter eignet sich besonders bei dieser Library dazu, etwas “Biss” aus dem Klang zu nehmen, wenn stark verzerrte Instrumente im Mix nicht zu sehr herausstechen sollen. Zusätzlich fungiert das ModWheel am Midi-Controller bei den meisten Patches als Low Pass Filter.
Rechts oben ist die aus anderen PLAY-Produkten Reverb-Einheit. Dabei handelt es sich um einen Faltungshall mit vielen Impulsantworten, die der Engine beiliegen.
Der ADT-Effekt (Artificial Double Tracking) ist ein Mittel, ein Instrument voller klingen zu lassen. Diese Technik wurde bei Beatles-Aufnahmen in den Abbey Road-Studios entwickelt und kam bei East West erstmals in der Beatles-Library Fab Four zum Einsatz. Das Instrument wird dabei mit einem Tape Delay gedoppelt.

Bei einer Sample-Library darf natürlich eine Hüllkurve nicht fehlen. Mit dem “Envelope”-Element lassen sich die Samples umfangreich bearbeiten und manipulieren, um beispielsweise den Attack zurückzuschrauben und so ein weiches Fade-In zu erreichen.
Alle Instrumente wurden in zwei Versionen aufgenommen, die auf die beiden Stereokanäle verteilt wurden. In der Dropdown-Box unterhalb des Panoramareglers lassen sich folgende Varianten wählen: Stereo, Stereo mit vertauschten Kanälen, Mono rechter Kanal, Mono linker Kanal und Mono beide Kanäle.
Die Instrumente
Drums
Im Schlagzeug-Ordner finden sich zahlreiche Drumkits, die unterschiedlich stark bearbeitet wurden. Einige Kits liegen in mehreren Mikrofonierungen vor, die sich nicht wie in anderen EW-Libraries innerhalb des Instruments an- und ausschalten lassen, sondern als eigene Patches geladen werden müssen.

In der Artikulationen-Liste lässt sich die Lautstärke der Bestandteile einzeln anpassen. Bei einigen Kits ist dieses Feature sehr zu empfehlen, da beispielsweise die Hi-Hats und die Becken deutlich lauter sind als der Rest. Dieser Liste wurde leider viel zu wenig Platz eingeräumt. Auf Dauer wird das Hoch- und Runterscrollen lästig.
Soundqualität
Sämtliche Instrumente aus The Dark Side sind ordentlich gesamplet. Durch das ungewöhnliche Konzept kann man bei dieser Library nicht von guter oder schlechter Qualität sprechen: Dass die Sounds verzerrt, kratzig, unsauber und unorthodox klingen, ist Absicht.
Bei einigen der weniger stark bearbeiteten Instrumente fällt auf, dass einzelne Töne komplett aus dem Panorama-Muster fallen, also beispielsweise der mittlere von drei aufeinanderfolgenden Tönen völlig anders gepannt ist als die anderen beiden. Diese Töne stechen heraus und machen ein Einbetten des Instruments in den Mix schwer. Solche kleinen Fehler finden sich in nahezu jeder EW-Library und werden meist durch Library Updates behoben.
Die drei folgenden Soundbeispiele wurden mit dem “Dark Dirt”-Kit aufgenommen. Zuerst in der Standardvariante …
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… mit der Stereo-Double-Funktion …
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… und schließlich um sechs Halbtonschritte tiefer gestimmt:
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Beim “Bone Crunch”-Set haben mir besonders die kräftigen Toms gefallen:
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“Broken Circuit” geht schon in eine deutlich elektronischere Richtung.
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Bässe
Die Bässe sind teilweise extrem verfremdet und erinnern, auch wenn ab und an ein gewöhnlicher E-Bass als Grundinstrument diente, sehr an Synth-Klänge. Hier zeigt sich das Konzept, Verzerrung kreativ einzusetzen und es auch ab und an zu übertreiben, mit am deutlichsten.
Der Low Pass Filter stand bei den Soundbeispielen zuerst bei einem Wert von 64, dann bei 0, um zu demonstrieren, wie das ModWheel den Sound beeinflusst.
Bass Hemmorhage:
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Destroyer Bass:
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Nuclear Bass
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Gitarren
Von relativ verzerrungsfreien Gitarren bis zum sägenden Gitarrenorchester findet sich im Gitarrenordner so ziemlich alles. Im Gegensatz zu Gitarren aus anderen EW-Produkten wie Ministry of Rock oder Gypsy gibt es in The Dark Side keine verschiedenen Artikulationen. Die meisten Gitarren wurden aber mit so viel Attack aufgenommen, dass man sie auch als kurz angespielte Töne spielen kann. Der Attack-Wert lässt sich mit der Hüllkurve bei Bedarf zurückschrauben.
Guitars on Mars:
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Relatively Clean Strings:
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Keys & Strings
Besonders interessante und teils kuriose Instrumente finden sich bei den Keyboards und Streichinstrumenten. Hier wurden Orgeln verzerrt, Streicher kompromisslos in niedrige Bittiefen gezwängt und Klaviere mit einem Unter-Wasser-Effekt versehen.
“ClockworkO” ist nicht nur dem Namen nach eine Anspielung auf einen Stanley Kubrick-Film, sondern orientiert sich auch klanglich am bekannten Synthesizer-Titelstück.
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“Dist Org String Thing” erinnert an eine surreale Trash-Version von “Phantom der Oper”, vor allem wenn man die Noten nicht ganz so sauber einspielt.
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“Demonic” könnte dem 8-Bit-Soundtrack eines frühen Videospiels entsprungen sein.
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Ethnics & Choirs und Misc & Perc
Die Instrumente aus diesen beiden Verzeichnissen wirken wie Presets eines Synthesizers. Hier findet man die am stärksten bearbeiteten Instrumente der ganzen Library.
2-Bit Choir:
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Mandamadness:
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UFO Choir:
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Das folgende (letzte) Soundbeispiel demonstriert mehrere Instrumente der Library im Zusammenspiel. Dabei kommt auch das Pitchwheel zum Einsatz, das in PLAY frei konfigurierbar ist.
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Abschließend
The Dark Side ist ohne jeden Zweifel eine interessante Library. Ich persönlich würde sie als optimale Ergänzung zu den Standardinstrumenten im jeweiligen Musikstil einschätzen. Besonders die vielen Effekt-Klänge sind eher unterstützender Natur als tatsächlich eigenständige Instrumente.
Für diejenigen, die gerne viel Zeit mit dem Feintuning der Instrumente verbringen ist The Dark Side eine wahre Fundgrube. Schon kleine Veränderungen können großen Einfluss auf den Sound haben und die Instrumente neu definieren. Die Library ist und bleibt allerdings samplebasiert; man kann also nicht so tiefgreifende Veränderungen durchführen wie bei einem Synthesizer.
Auch wer bei Synthesizern eher die Presets durchhört, bis er etwas Brauchbares gefunden hat, und nicht die Zeit oder die Lust hat, sich mit den zahlreichen Einstellungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen, wird sich mit The Dark Side wohlfühlen. Die Instrumente sind sofort spielbar und klingen auch dann gut, wenn man keine einzige Einstellung ändert.
Das Produkt eignet sich für jeden, der experimentierfreudig ist und bekannte Pfade verlassen will, ob nun mit einzelnen Soundeffekten oder gänzlich ungewöhnlichen Instrumenten.
Jedem Nutzer möchte ich neben dem hervorragend geschriebenen Handbuch das Tutorial-Video von The Dark Side nahelegen, das auf soundsonline.com verfügbar ist. Der Produzent erklärt dort Schritt für Schritt die Entstehung eines offiziellen Demo-Songs und verrät einige Tricks und Einstellungsmöglichkeiten.

Das gefällt mir nicht
The Dark Side ist eine Library, bei der man auch gerne mit dem Panning experimentiert. Im Gegensatz zu einer Orchester-Library gibt es hier keine feste “Sitzordnung” der Instrumente. Mit dem Panorama bekommt man aber Probleme, sobald man den Faltungshall der Engine benutzen will: Der Pan-Regler sitzt zusammen mit dem Lautstärkeregler am Ende der Signalkette. Schiebt man also ein Instrument ganz nach rechts, tönt auch der Hall nur noch aus dem rechten Speaker. Möchte man ein Instrument simulieren, das im virtuellen Raum stark auf eine Seite gepannt ist, allerdings im ganzen Raum nachhallt, muss man auf externe Reverb-Lösungen zurückgreifen und kann somit die PLAY-Impulsantworten nicht mehr benutzen.
Darüber hinaus hat PLAY eigentlich eine Funktion, die es erlaubt, in einer Instanz mit mehreren Instrumenten einzelne Instrumente auf einen separaten Ausgang zu leiten, den man dann mit einem Effekt versehen kann, der nur das jeweilige Instrument betrifft. Ausgerechnet diese effektlastige Klangbibliothek macht vom vorhandenen Feature allerdings keinen Gebrauch: Man kann Audio-Insert-Effekte nur auf die gesamte Instanz legen. Das schränkt den Workflow ein, wenn man schon eine Instanz voller Instrumente hat – man muss das Instrument in eine andere Instanz auslagern.
Das gefällt mir
Abgesehen von diesen Kritikpunkten (die beide lediglich Komfortfunktionen betreffen) ist The Dark Side eine erfrischend innovative Library mit vielen Einstellungsmöglichkeiten und einem großartigen “out of the box”-Sound. An der Qualität gibt es nichts zu meckern, die Engine läuft stabil und die Instrumente inspirieren zum Basteln, Komponieren und Experimentieren.
Dominik Raab
Minimal Systemvoraussetzungen Mac OS X
- Intel Core 2 Duo 2.1 GHz.
- 2 GB RAM
- Mac OSX 10.5
Minimale Systemvoraussetzungen Windows
- Intel Core 2 Duo oder AMD Dual Core 2.1 GHz.
- 2 GB RAM
- Windows XP, Vista oder 7 (64 Bit empfohlen)
- ASIO-Soundkarte
Preis
- 229 Euro
Vertrieb
- Best Service
Hersteller
- East West
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