Die fünfte Runde ist eingeläutet, und die Ethno-Library mit der längsten Entwicklungsgeschichte erscheint in neuem Glanz und mit kräftigem Zuwachs an Klangmaterial. Auch das Interface hat ein Lifting erhalten, die Features sind erweitert worden. Besonders die temosynchrone Integration sämtlicher Loops erhöht die Flexibilität des Materials beträchtlich. Marcel Barsotti, unter anderem Komponist für die Filmmusik zahlreicher preisgekrönter Produktionen, und Andreas Hofner, ebenfalls mit langjähriger Erfahrung im Bereich Film- und TV-Musikproduktion, zeichnen sich als Produzenten auch für das fünfte Kapitel der von Best Service veröffentlichten Library verantwortlich.
Den Vorgänger, Ethno World 4, haben wir bereits ausführlich für Sie getestet, sodass es im Folgenden vorwiegend um die Neuerungen und nicht um den bereits bewerteten Teil des Produktes geht.

Installation
Die beiden separat oder im Bundle erhältlichen Library-Pakte der fünften Ethno World-Reihe kommen auf zwei DVDs. Die Libraryordner werden manuell auf einen beliebigen Speicherplatz kopiert und anschließend über Kontakt (soweit vorhanden) oder den kostenlosen Kontakt-Player 4.1.1 geladen. Per “add Library” lassen sie sich lokalisieren.
Autorisierung
Die Autorisierung verläuft in gewohnter Manier, entweder über den Befehl “Activate” von Kontakt bzw. dem Kontakt Player aus oder über das NI Service Center: Das Service Center erkennt das neue Produkt und verlangt nach der Seriennummer – eintippen und fertig.
Überblick
Es ist sicher nicht nur der Umfang der Library, der ihren Sonderstatus begründet, doch allein dieser setzt Maßstäbe: Mehr als 18.000 Samples verteilen sich auf über 240 verschiedene Instrumente und bringen gut 13 GB auf die Waage (7,95 GB Instrumente von DVD 1 und 5,32 GB Voices von DVD 2). Die Instrumente der ersten DVD sind in Kategorien zusammengefasst:
- Bell Type Instruments
- Bowed Instruments
- Construction Sets
- Key Instruments
- Metal Type Instruments
- Stringed Instruments
- Woodwind & Brass
- World Drums
- World Percussion
Verglichen mit Ethno World 4 sind hinzugekommen
- Bei den Schlaginstrumenten: Taiko Drums, Big Ethnic Tom Drums
- bei den Bläsern: die Iranische Ney Flute, die Pivana und Tenor Pivna Flute aus Korsika, eine Pan-Flöte
- bei den Metal-Type-Instruments: diverse Becken, der große “Fen Gong” und Windchimes
- bei den String-Instruments ist es eine ukrainische Bandura.
Die Voices, die sich bislang auf die Mongolei fixierten, laden nun zu einer Multikulti-Weltreise ein: Knabengesang, weibliche und männliche Gesangsphrasen aus Bulgarien, Kamerun, China, Guinea, dem Iran und dem arabischen Raum, Peru und der Türkey. Auch Europa ist vertreten. Wie wir später noch hören werden, findet sich hier auch Eingeborenengesänge aus dem Süden unserer Republik. Das passende Gegenstück liefern die Ureinwohner des nordamerikanischen Kontinents. Gregorianische Gesänge, ein Ethno-Chor und artistisches Pfeifen (“human whisteling”) runden die Sache ab.

Die Philosophie, die hinter Ethno World 5 steckt, ist das Erreichen einer möglichst hohen Authentizität durch die Wiedergabe von Loops. Die jeweiligen Phrasen wurden von Meistern auf ihren Instrumenten eingespielt und wären von einem Keyboarder, auch wenn ihm noch so viele Multi-Velocity-Samples, Round-Robins und Artikulationsswitches zur Verfügung gestellt würden, nicht auf diesem Niveau reproduzierbar. Durch die Kontakt-Engine der vierten Generation ist es nun möglich, die Loops durch Pitch-Shifting und Time-Stretching wesentlich flexibler in ein Projekt einzuarbeiten: Tempo und Tonhöhe können über weite Bereiche ohne Verlust von Audioqualität angepasst werden. Alle Solophrasen und alle Drumloops sind temposynchronisierbar. Neben der Arbeit mit Loops gibt es auch eine Reihe von Key-Intrumenten, die, wie der Name schon signalisiert, traditionell über die Tasten eingespielt werden. Auch bei den Drums und Percussions liegen gut gefüllte Tastaturbelegungen mit Single-Hits vor. Bei diesen Instrumenten verzichtet auch Ethno World 5 nicht auf Multi-Velocity-Layer, wenngleich nicht in dem Umfang, wie man ihn bei Libraries findet, die überwiegend hierauf setzen: Die Bandura begnügt sich mit zwei Velocity-Layern, die Taiko-Drums erreichen mit bis zu 16 Velocity-Layern schon ein gehobenes Niveau.

Speziell die Key-Instrumente profitieren vom neuen, fortgeschrittenen Legato-Modus, der natürlich nicht nur den Neuankömmlingen, sondern auch den Alt-Instrumenten beschert wurde. Ein Kandidat, dessen Spiel hiervon besonders lebt, ist beispielsweise die Sitar, die bei Ethno-World schon seit Jahren zuhause ist:

Legato gibt es in zwei Basisversionen
- Herkömmliches Überblenden auf den nächsten Ton, durch überlappendes Spiel beider Noten. Die Attackphase des Folgetons wird weggelassen.
- Pitchbendig zum nächsten Ton (Glide), auszulösen durch das Sustain-Pedal.
Im Performance-Fenster stellt man Offset und X-Fade Time für Version 1 und die Glide-Time für Version 2 ein:

Hier gibt es gleich noch mehr Optionen, mit denen man das Spiel lebendiger machen kann:
- Humanize-Funktionen für die Tonhöhe und die Klangfarbe. Dezent eingesetzt liefern diese eine realitätsnahe Breite von Norm-Abweichungen.
- Mit “Harmonize” kann der Ton mit leichter Verstimmung gedoppelt oder getrippelt werden:

Zeit für erste Audiodemos: Zur Verdeutlichung der Legato-Funktionen hören Sie einen einfachen, aufgelösten C-Dur Akkord, zunächst ohne Legato …
… dann mit dem herkömmlichen Legato …
… und schließlich mit der Glide-Funktion per Sustain-Pedal (Instrument: Bandura):
Der Legato-Mode bewirkt automatisch Monophonie und setzt damit auch die Harmonize-Funktionen außer Kraft. Mit zwei leicht verstimmten Noten (s. Abbildung) gewinnt das Instrument an Klangfülle:

Weitere Editiermöglichkeiten
Im Hauptfenster (“Quick Edit”) des Instruments stehen einfache und grundlegende Fader unter “Sound Control” zur Verfügung: Volumen, Panorama, eine reduzierte Hüllkurve mit Attack und Release (eine umfangreicher ausgestattete Hüllkurve findet sich unter “Group Edit”, s. u.), ein Velocity-Regler, der die Anschlagsempfindlichkeit beschränkt, Pitch-Bender-Range und zwei Filter zur Begrenzung der Bässe und Höhen. Oberhalb dieser Abteilung kann die Tonhöhe und (bei Loops) die Geschwindigkeit justiert werden. Per default werden alle Samples (also Tasten) getrennt eingestellt. Über den “Edit All”-Button ganz links lassen sich alle Änderungen der gesamten Tastaturbelegung zuweisen.

Ein Convolution-Reverb ist mit an Bord und bietet unter den Kategorien Hall, Spaces, Ambiences, Chambers, Rooms und Plate jeweils eine ausreichende Auswahl verschiedener Lokalitäten. Der Hall ist von zeitgemäßer Qualität und bietet die Regler Predelay, Size und Output. Damit lässt sich Atmosphäre schaffen, wenngleich niemand erwarten wird, hier die Klangqualität, geschweigedenn Ausstattung eines Spezialisten vorzufinden, der für sich alleine schon mehrere Hundert Euro kostet.

Mehr Hall (nämlich ein algorithmisches Modell) und mehr Hall-Parameter gibt es im Menü Effects/Reverb:

Soweit man sich auf die Verwendung von Ethno-World 5 in einem Projekt beschränkt, ist es möglich, alle Instrumente im selben Raum spielen zu lassen und durch eine unterschiedliche Dosierung des Halls in der Tiefe zu staffeln. Nimmt man fremde Libraries hinzu, empfiehlt sich die Verwendung eines externen Reverbs in einem Send-Kanal, es sei denn, man will unterschiedliche Akkustiken miteinander vermischen.
Compressor/Saturation, Equalizer, Delay, Phaser und Chorus eröffnen weitere Möglichkeiten der Klanggestaltung:




Über den Karteireiter “Group Edit” geht es zu einer ausgewachsenen ADSR-Hüllkurve mit einem Zusatzregler, der die Attackzeit in Abhängigkeit zur Velocity variiert.

Beim spartanischen LFO (mit 5 Wellenformen) zur Tonhöhenmodulation vermisst man eine Tempo-Sync Funktion:

Die Microtuning-Seite birgt alles, was der multikulturelle Musiker auf seiner Rundreise durch die Welt der Stimmungen braucht (Pentatonic Africa, Indian Raga, Kirnberger III). Und sollte es mal nicht passen, können auch eigene Skalen definiert werden.

Die Vocal Abteilung
Glanzstück der neuen Ethno World sind die Weltgesänge, die nicht nur in reichlicher Auswahl, sondern vor allem temposynchron vorliegen – eine enorme Arbeitserleichterung. Im liebevoll gestalteten Booklet sind 9 Seiten den Künstlern gewidmet, eine kleine Hommage, wie man sie selten findet: Auch Sänger/innen werden hier mit einer kurzen biografischen Notiz und Foto vorgestellt. Dieses vorbildliche Beiwerk hebt die eingesungenen Passagen, die ihrerseits einen sehr persönlichen und warmen Charakter haben, vollends aus dem Meer an anonymen (Gesangs-) Samples. Man denke beispielsweise an die Tonnen von Vocalsamples in Pop-Banalenglisch, die den Markt seit 20 Jahren besiedeln: Die Stimmen der Ethno-World 5 Library sind das genaue Gegenstück zu diesem Massenmarkt – eine rundum charaktervolle Präsentation.
Diese sollte allerdings nicht über die Grenzen einer Universallibrary hinwegtäuschen; universal in dem Sinne, dass sie für die unterschiedlichsten Anwendungszwecke geeignet sein soll. Wer seine persönlichen lyrischen Botschaften in die Welt senden will, muss immer noch selbst zur Feder greifen und auch einsingen – oder einsingen lassen.
So sind die Lyrics dieser Library denn auch – soweit von mir als Testautor überprüfbar – allgemeinverträglich. Der Muezzin huldigt, wie soll er auch anders, seinem Gott; der peruanische Sänger betet sein geliebtes “Täubchen” an, eine Strophe weiter (die Eheschließung ist inzwischen erfolgt und man befindet sich im fortgeschrittenen Prozess der Zweisamkeit) heißt es dann: “Iß Deine Kartoffel und lass mich in Ruh´ “.
Türkischer Muezzin und Big Handdrum:
Peruanischer Huayno-Gesang mit Madal Drum Loop und Panflöte:
So weit entfernt mache Völker auch residieren, so eng verbunden finden sie sich nun in der Ethno-Welt wieder. Hier ein Beitrag zur deutsch-japanischen Freundschaft: Kriegerische Taiko-Trommeln und herzhafter Gesang aus dem gebirgigen Süden unseres Landes. (Das Pad, welches die Ernsthaftigkeit des musikalischen Unterfanges unterstreicht, findet sich übrigens von C0 bis C1 als Beigabe zu mehreren Gesangs-“Instrumenten”.)
Mori Dioubatée ist für die “Cameroon Songs” verantwortlich. Statt dem Pad findet sich hier eine kleine Gitarrenbegleitung (ab C0), die prima zum Gesang passt:
Neben den Sologesängen finden sich auch Knabenstimmen, die man zum Chorgesang einsetzen kann. Per Modulationsrad können Vocale überblendet werden. Solche Variationsmöglichkeiten gibt es auch bei dem Ethnischen Kammerchor. Im nächsten Audiodemo hören Sie beide zusammen mit afrikanischen Donn-Donn-Trommeln im Hintergrund:
Nicht vergessen werden sollen die Gregorianischen Gesänge, die allerdings einen satten Raumanteil mitbringen. In diesem Fall passt das, auch wenn prinzipiell trockene Samples mehr Freiheiten bei der Gestaltung des Halls lassen. Sehr gelungen sind auch Aufnahmen der Amerikanischen Ureinwohner, die es einmal als saubere Studioversion …
… und dann als Field-Recording aus der freien Natur gibt:
Das gefällt mir nicht
—
Das gefällt mir
Der enorme Zuwachs an Vocalphrasen (und Chören) aus aller Welt ist für sich alleine schon ein großer Wurf. Die Aufnahmequalität ist ist zeitgemäß gut und einwandfrei, die persönliche Note der einzelnen Stimmen ohne Ausnahme eine Bereicherung und das Salz in der Suppe. Richtig Spaß macht die Sache durch die artefaktfreie Tempo- und Tonhöhenanpassung der Gesangspassagen. Addiert man diese drei Pulspunkte (Umfang, Charakter, Pitch-/Time-Flexibilität), so kann keine andere Sample-Library mithalten.
Bei den Neuzugängen unter den Instrumenten fallen besonders die Taiko-Drums auf, die sehr druckvoll klingen und reichlich Velocity-Layer für ein dynamisches Spiel mitbringen.
Alles in allem ist Ethno World 5 Professional & Voices für jeden, der schon mit der Vorgängerversion gerne gearbeitet hat, ein Pflichtupdate. Erfreulicherweise kostet das Update von Version 3 auf 5 nicht mehr als das von der vierten Stufe. Als Download gibt es Instrumente und Voices auch als getrennte Librarypakete. Wer also bereits anderweitig mit ethnischen Instrumenten versorgt ist, kann sich auch nur die Vocals kaufen.
Systemvoraussetzungen Mac OS X
- OS X 10.5 / 10.6
- Intel Core Duo 1.66 GHz.
- Min. 2 GB RAM
- 1 GB freier Festplattenspeicher für die Player installation
- zusätzlicher Festplattenspeicher entsprechend der Library Größe
- Internet Verbindung zur Produktaktivierung (auf beliebigem Computer möglich)
- DVD Laufwerk
Systemvoraussetzungen Windows
- Windows XP (SP2) / Vista / Win7 (32/64 Bit)
- Pentium oder Athlon XP 1.4 GHz,
- Min. 2 GB RAM
- 1 GB freier Festplattenspeicher für die Player installation
- zusätzlicher Festplattenspeicher entsprechend der Library Größe
- Internet Verbindung zur Produktaktivierung (auf beliebigem Computer möglich)
- DVD Laufwerk
Preise
- Vollversion: 449 Euro
- Upgrade: 149 Euro
- Download bei soundsondemand 249 Euro pro DVD
- Teile der Ethno World 4 werden als kleinere Pakete zum Download für je 89 Euro
Hersteller / Vertrieb

17. Oktober 2010 um 22:39 Uhr
Großartiger Test!! Sehr ausführlich und genau da detailliert, wo es angebracht ist. Ich bin noch Nutzer der Version 4, aber werde jetzt bestimmt bald umsteigen. Hast du das mit der japanischen Taiko und dem Jodler eigentlich selbst verzapft oder enstammt es tatsächlich aus einem Patch? Jedenfalls hab ich selten so gelacht
Eine Frage habe ich noch: Du hast es bei dem Soundbeispiel zu dem gregorianischen Gesang angemerkt, aber wie ist es denn generell mit dem Hall bei den Voices? Sind die auch komplett “trocken” spielbar, sodass man selbst Hall hinzufügen kann, oder ist man auf den internen Effekt angewiesen? Besten Dank!!
18. Oktober 2010 um 18:30 Uhr
Hi Albie,
Jodler und Trommen sind aus der Library, nur die Kombination ist von mir (ich habe also nicht selbst gejodelt).
Die Vocals (wie auch die Instrumente) sind überwiegend angenehm trocken. Eine Bearbeitung mit externen Effekten ist kein Problem.
Danke für´s Lob. Sowas tut immer gut.
Viele Grüße,
Holger.
19. Oktober 2010 um 10:48 Uhr
Danke für die Antwort