Test: Jam Origin MIDI Guitar

Seit Erfindung des MIDI-Standards vor einem gefühlten Jahrhundert träumen viele Gitarristen davon, mit ihrem Instrument per MIDI elektronische Klangerzeuger und Sampler ansteuern zu können. Bisher ging das nur mit teuren und teilweise irreversiblen Modifikationen am Instrument …

Die dänische Firma ‚Jam Origin‘ legt nun mit ‚MIDI Guitar‘ eine Software vor, mit der man jede Gitarre per Klinkenkabel und Audio-Interface zum Steuern von VST-Instrumenten und sonstigem MIDI-fähigen Equipment nutzen kann. Und das auch noch polyphon! No way? Nach einem ausgiebigen Test sage ich: Way!

Installation und Authorisierung

Es ist keine wirkliche Installation notwendig! Nach dem Download und Entpacken des entsprechenden zip-Ordners (ca. 34 MB für die Windows-Version) schiebt man( je nach System) die 32-Bit oder die 64-Bit Version der dll-Datei in den VST-Ordner. Fertig.

Die Stand-Alone-Version ist eine exe-Datei, die man von jedem Ort aus starten kann. Auch hier gibt es wieder je eine Version für 32-Bit und eine für 64-Bit. Außer den beiden dll-Dateien und den beiden exe-Dateien gibt es noch zwei txt-Dateien: Eine EULA (Lizenz-Bestimmungen) und eine Version-History. Das ist alles.

Wenn man sich eine Lizenz gekauft hat, bekommt man umgehend eine Email mit einem Download-Link für den Lizenzschlüssel zugeschickt (Größe: 1KB). Diese Lizenzschlüssel verschiebt man in einen beliebigen Ordner auf der Festplatte. Anschließend startet man MIDI Guitar, klickt den ‚Activate‘-Button und zeigt MIDI Guitar den Ordner mit dem Lizenz-File. Fertig.

Ich glaube, dass war die einfachste Installation, die ich je für ein zu lizensierendes Produkt durchgeführt habe.

Das Lizenzfile kann und darf einfach kopiert werden und ist nicht an einen bestimmten Rechner gebunden, so dass man die Software auf allen eigenen Computern nutzen darf. Als Kopierschutz dient die Anzeige des Käufernamens im GUI.

Features

Es gibt diverse Einstellmöglichkeiten wie Buffer Size (Latenz), Wahl zwischen monophonen oder polyphonen Betrieb, Eingangsempfindlichkeit, Transposition … aber keine wirklichen sonstigen Funktionen. Die einzige wirkliche Funktion von ‚MIDI Guitar‘ ist das Umwandeln des eingehenden Audio-Signal der Gitarre in MIDI-Daten. Nicht mehr und nicht weniger. Und wie gewaltig diese eine Aufgabe ist, erkennt man daran, dass sie bisher noch niemand geschafft hat.

Essentials

Advanced

Praxis

Es gibt keine Bedienungsanleitung als pdf. Das ist auch gar nicht nötig. Stattdessen öffnet man die ‚Bedienungsanleitung‘ durch einen Klick auf den ‚Help‘-Button. Es öffnen sich 6 Tabs, von denen die ersten 5 jeweils ein paar Sätze zu einem bestimmten Thema bieten.

Help

Das 6. Tab ‚Settings‘ …

Settings

… erklärt zu jeder Option in kurzen Worten, wie man diese Option jeweils am Besten einstellt.

In der Stand-Alone-Version kann man gleich nach dem Anpassen der Software an die eigene Gitarre und Spielweise loslegen. Ich muss allerdings sagen, dass ich nur zu Versuchszwecken mal etwas an den einzelnen Parametern rumgeschraubt habe, aber eigentlich funktionierte alles schon mit den Werkseinstellungen so gut, dass das gar nicht nötig gewesen wäre. Laut Hersteller soll man den Bridge-Pickup verwenden, weil der mehr Höhen produziert. Ich habe eine sehr weich klingende Gitarre (mit Single Coils) ohne ausgeprägte Höhen und spiele obendrein noch Pure-Nickel-Saiten statt der weit verbreiteten wesentlich höhenlastigeren Steel-Strings – trotzdem hatte ich keine Probleme mit dem Triggering.

Für die VST-Version gibt es auf der Hersteller-Website ‚DAW Setup Guides‘ für zahlreiche gängige DAWs wie Cubase, Logic, ProTools etc., insgesamt 13 Stück. Exemplarisch erkläre ich das Vorgehen für Cubase:

  1. Zuerst fügt man eine Audio-Spur und eine Instrumenten/MIDI-Spur hinzu.
  2. Dann wählt man bei der Audio-Spur ‚MIDI Guitar‘ als Insert-Effekt.
  3. Bei der Instrumenten/MIDI-Spur wählt man ‚MIDI Guitar‘ als Input.
  4. Und schließlich aktiviert man die Mithör-Funktion (Monitoring) beider Spuren.

Das folgende Audio-Beispiel habe ich komplett mit ‚MIDI Guitar‘ eingespielt. (Die einzelnen Spuren bespreche ich anschließend im Detail.)

Zuerst habe ich eine Schlagzeug-Spur erstellt und mit dem EZdrummer 2 von Toontrack den Grundbeat mit Kick und Snare eingespielt. Für eine CD-Aufnahme würde ich natürlich den Schlagzeup-Part üben, hier möchte ich aber demonstrieren, wie schnell man mit dieser Software Ideen festhalten kann. Deshalb lasse ich den etwas unrealitischen Snare-Wirbel so stehen (First Take).

 

Das Ganze habe ich etwas quantisiert (nicht zu 100 %, damit es nicht zu steril klingt.) Beachtet die Dynamik! Die unterschiedliche Lautstärke der Kick-Drum-Schläge wird sehr schön wiedergegeben.

Die Hihat habe ich als Overdub hinzugefügt und anschließend ebenfalls etwas quantisiert. Mit der Maus habe ich zwei Hihat-Noten auf das Crash-Becken verschoben, weil mir das besser gefiel.

 

Das Einspielen von Schlagzeugspuren ist für mich als hauptamtlichen Gitarristen so viel entspannter mit der Gitarre als mit der Tastatur, dass ich alleine schon dafür die Software kaufen würde.

Als nächstes habe ich mit dem Scarbee PreBass von Native Instruments den Bass eingespielt. Von der Schlagzeug-Spur könnte man ein Groove-Preset erstellen und den Bass anschließend damit quantisieren (wieder nur näherungsweise). Ich habe hier allerdings einfach ein paar Noten per Hand „quantisiert“, weil der Takte insgesamt schon ganz gut war und mich nur das Timing von drei Noten gestört hat.

 

Jetzt kommt noch die Orgel hinzu. Jawoll, ‚MIDI Guitar‘ ist polyphon! Hier hatte ich zum ersten Mal ein paar Fehltrigger, die ich anschließend per Hand korrigiert habe. Die Qualität des Triggering hängt von mehreren Faktoren ab, unter anderem davon, on man mit Fingern oder Plek spielt und wie höhenlastig die Gitarre ist. Allerdings funktionieren die mir bekannten Hardware-Systeme nicht besser als ‚MIDI Guitar‘.

 

Und schließlich habe ich noch eine Geige aus meinem nord electro 3 mit meiner Gitarre eingespielt. Man beachte wieder die Dynamik: Die letzten paar Takte habe ich leiser gespielt, was sehr gut wiedergegeben wird.

Für dieses Beispiel habe ich zu Versuchszwecken einfach mal meine Westerngitarre von Martin genommen. Sie hat einen eingebauten LR Baggs Lyric, also ein Mikrofon, keinen Piezo-PickUp. Ich habe ganz bewusst keinerlei Anpassung in ‚MIDI Guitar‘ vorgenommen. Trotzdem hatte ich nur zwei Fehltrigger: Zwei Noten wurden nicht aufgenommen. Also selbst direkt „out of the box“ funktioniert die Software sehr gut, und selbst mit nicht optimalen Gitarren. Eine Gitarre mit Piezo würde vermutlich noch etwas besser funktionieren, da ein solches System deutlich mehr Höhen produziert.

 

Außer der Lautstärkenanpassung und einer Summenkompression habe ich nichts gemixt und gemastert – solch eine Idee kann man in wenigen Minuten festhalten.

Keine Zauberei!

Allerdings steht ein sehr schöner Satz auf der Hersteller-Website: ‚MIDI Guitar‘ ist keine Zaubersoftware und auch kein Talent-Booster – wenn man unsauber spielt, klingen auch die MIDI-Parts unsauber. Die nötige Anpassung der eigenen Spieltechnik an die Software ist aber minimal, ich habe einfach nur die perkussiven Geräusche weggelassen, die ich sonst spiele, denn die würden natürlich nichts Vernünftiges triggern.

Vergleich mit Hardware-Lösungen

Das Tracking ist insgesamt exzellent! Die Latenz kann so gering eingestellt werden, dass sie nicht wirklich spürbar ist und die getriggerten Noten sind äußerst akkurat.

Ich habe schon einige Modelling- und MIDI-Systeme für Gitarre besessen, kaum genutzt und wieder verkauft, andere habe ich nur ausgiebig probiert und gleich vom Kauf Abstand genommen. Die Modelling-Geschichten klangen nie so gut wie echte Gitarren über Röhrenamps, und die MIDI-Geschichten brauchten umständlich zu bedienendes Hardwarezeug und erforderten Gitarren-Modifikationen. Außerdem konnte ich natürlich nur die eine Gitarre nutzen, die ich entsprechend mit einem solchen Spezial-MIDI-Tonabnehmer ausgestattet hatte. Mit ‚MIDI Guitar‘ nehme ich irgendeine meiner Gitarren, verbinde sie mit einem normalen Klinkenkabel mit meinem Audio-Interface und kann VST-Instrumente spielen, die ich schon kenne und in die ich mich nicht erst mühsam einarbeiten muss. Der Preis solcher Hardware-Lösungen ist um ein Vielfaches höher als der Preis von ‚MIDI Guitar‘.

Fazit

Ich bin hellauf begeistert! Jam Origin stürmt mit einem Paukenschlag auf den Musik-Software-Markt. ‚MIDI Guitar‘ ist einfachst zu installieren, authorisieren und bedienen. Es gibt quasi keine Einarbeitungszeit.

Die Software funktioniert einwandfrei und macht einen Riesenspaß. Und der Preis ist angesichts des Gebotenen als sehr günstig zu bezeichnen. Da meines Wissens kein vergleichbares Produkt existiert, gibt es von mir eine ganz klare Kaufempfehlung.

Auch der Kunden-Service ist herausragend: Unsere Anfrage wurde innerhalb von 14 Minuten beantwortet – an einem Sonntag Abend! Zum ausgiebigen Testen gibt es eine zeitlich unbeschränkte Demo-Version. Und zu guter Letzt gilt die Lizenz für alle Computer, die sich im eigenen Besitz befinden.

Andi Saitenhieb

Systemvoraussetzungen

  • System 10.6 (10.5.8 läuft in 32bit)
  • Windows XP SP3
  • RAM 512 MB
  • CPU: Dual core 1.6 GHz
  • Ein Audio/Guitar interface um die Gitarre an den Computer anzuschließen
  • iOS: iPad 2, iPhone 4s, iPod 5 or neuer.

Preis

  • 99$ (Stand August 2014) inklusive Gratis-Lizenz für ‚MIDI Bass‘
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