Da liegen tausende ungenutzter Drumloops rum. Was wäre, wenn man sie in irgendwas anderes morphen könnte, in etwas Elektronisches, Experimentelles, etwas Verwertbares für Industrial, Ambient, IDM und Noise. Unmöglich, sagst du? Teste mal relectro!
Mit diesen salbungsvollen Worten werben LinPlug derzeit für ihr neues Beatkiller-Plug-In: relectro. Nun sind solche Tools beim besten Willen nichts Neues. “Glitch” wird jeder kennen, der sich in den etwas ruppigeren Elektro-Stilen heimisch fühlt. Das Freeware-Pluggy fürs Windows-System hat Jahre auf dem Buckel und ist in allerlei Produktionen zu hören. Und das ist sein Problem: man hört es raus. Ähnlich wie das Grain Delay aus Ableton Live hat “Glitch” einen nahezu entlarvenden Wiedererkennungswert, es klingt einfach zu sehr nach sich selbst, egal, was man durchjagt. Es war höchste Zeit für etwas Neues.
LinPlug, die namhafte Berliner Edelschmiede, dürfte mit Plug-Ins wie dem Albino maßgeblich zur Salonfähigkeit von Software-Synthesizern beigetragen haben. Daher kämpften Neugier und Erwartungshaltung um den ersten Platz.

Die Installation erweist sich als durchaus “retro”, um nicht zu sagen: als etwas frickelig. Windows 98-Style. Man lädt eine Installer.exe, deren Installationsroutine dazu auffordert, den richtigen Pfad zu suchen. Automatisch geht da – zumindest unter Windows – nichts. Wer nicht weiß, wo der VST-Ordner im System versteckt ist, in dem die 992 kB leichte relectro.dll und der Ordner mit der Presetbank landen sollen, ist gut beraten, dies im Vorfeld herauszufinden. Ist diese Hürde überwunden, erscheint beim ersten Aufruf des Plug-Ins im Host eine Art Splashscreen, der zum Eingeben der Seriennummer auffordert. Ist das erledigt, kann relectro über eben diesen Splashscreen gestartet werden.

Ein Klick auf das kleine Zahnrad ganz rechts führt zum GUI

relectro macht keinen Hehl um seine Herkunft, die Oberfläche des Beatkillers erinnert an einen Synthesizer – LinPlugs Kernkompetenz. Ums vorweg zu nehmen: Mein Grinsen war so breit, dass ich bereits nach fünf Minuten neue Ohren brauchte und ein Facelifting in Erwägung zog. Schon das erste Try&Error-Processing führte zu bemerkenswerten Ergebnissen.
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Will man gezielter ans Werk, lohnt die Lektüre des 32-seitigen Manuals. Die Entwickler beten nicht nur die Features herunter, sie erklären nebenbei auch ihre Intentionen, die letztendlich zum relectro führten. Man erfährt, dass das relectro ursprünglich ein neuartiger Synthesizer, ähnlich dem Wavetable-Konzept, werden sollte. Doch im Laufe der Entwicklung erkannten die Berliner, dass all die frischen Ideen in einem Effekt-Plug-In besser zum Tragen kommen. Ich kann diese Entscheidung nur beglückwünschen. Denn da man nicht relectro selbst mit Audio-Material beladen muss, macht das Tool auch hinter VST-Drummies eine gute Figur. Um die Besonderheit des Plug-Ins zu verstehen, gehen wir ein wenig ins Detail und schauen uns sein Futter etwas genauer an.

Die grafische Darstellung eines kurzen Drumloops

Ein einzelner Beat des Loops. Nennen wir ihn “Single Shot”

Mr. Single Shot unterm Mikroskop: Das Material besteht aus vielen kleinen Ups & Downs, den Wellenperioden. Diese einzelnen Perioden analysiert relectro in Echtzeit und setzt die Effekte auf sie an. Es wird also nie das komplette Material behandelt, sondern stets seine kleinste Einheit.

Am Anfang der Effekte-Kette steht eine Kompressor-Expander-Kombi. Anders als der handelsübliche Kompressor, kommt dieser Kandidat ohne Attack, Threshold, ect. aus, denn – wie gerade erwähnt – hebt er jede einzelne Wellenperiode an. Mit dem Regler schiebt man nur den Ratio-Wert des Kompressors hoch. Mit bis zu 60 dB Kompressionsrate wird aus leisem Jazz-Getrommel ganz rasch hochgradig fieser Noise- und Power Electronics-Sound. Kontrollierte Artefaktproduktion statt kontrollierter Insolvenz. Neben der Steuerung über den fein eingestellten Schieberegler lässt sich der Kompressor/Expander via internem Step-Sequencer und LFO modulieren. Dies gilt freilich auch für all seine Kollegen aus der schnellen Eingreiftruppe, wie z. B. die beiden Cut-Filter.

High-Cut + Low-Cut = Bandpass (bzw. Bandsperre, wenn die High vor dem Frequenzbereich des Low steht)
Da auch die Filter-Kombi jede einzelne Wellenperiode angeht, gibt’s keinen Steigungswert (Slope). Jede Frequenz die außerhalb des definierten Wertes liegt, wird gnadenlos weggeflext. Es ist naheliegend, dass bei einem derart brutalem Ausleseverfahren Lücken ins Audio-Material geschossen werden. Der Angelsachse nennt diese Lücken “Gaps” und relectro weiß sie zu füllen.

Die folgenden Regler beschäftigen sich mit dem Pitchen des Materials. Es ist diese Sektion, die jene mit dem Cut-Filter geschossenen Lücken zu füllen vermag. Der Modus “Fill” lässt darauf schließen. Die letzte überlebende Wellenperiode wird einfach wiederholt, bis die Lücke überbrückt wurde. Ein weiterer Modus hört auf den Namen “Blend”. Hier wird die letzte intakte Periode vor mit der nächsten nach dem Gap gemischt. Da so eine Wellenperiode ultrakurz ist, klingen diese beiden Modi bisweilen ähnlich. Doch da wäre noch der “Gap”-Modus. Hier wird – wir ahnen es – die Lücke einfach an ihrem Platz gelassen, denn so ein akustischer Kollateralschaden kann mitunter sehr reizvoll sein – Circuit Bending ohne Lötkolben. Die Modulation der Cut-Filter sorgt für eine Controlled Demolition.
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Der Regler namens FIX bringt die klitzekleinen Wellen auf Linie, d. h. diese Funktion sorgt dafür, dass die Wellenperioden auf dieselbe Länge gebracht werden, während NOTE bestimmt, welche Frequenz behandelt wird. Setzt man obendrein noch TRACK ein, wird die gewählte Note in Abhängigkeit der Frequenz des Originalmaterials verändert. Die beiden SPEED-Regler definieren das Tempo des An- und Absteigens dieser Frequenz. Ich kann dem geneigten Leser versichern, dass das Ergebnis vollkommen anders klingt als man sich das bei all der grauen Theorie vorstellt – und der Spaß fängt erst an.

REPEAT wiederholt ein Wellenförmchen und zwar so lange, bis ein lauteres daher kommt. Je weiter oben der Regler steht, desto länger ist die Wiederholphase. Ganz oben ackert er bis zu einer Sekunde. Für eine Wellenperiode ist das eine halbe Ewigkeit. Mit WAVE-REPLACE kann man eine andere, vorgegebene Welle ins Geschehen mischen. Ganz rechts, auf Anschlag, ersetzt sie das Originalmaterial vollständig. So kann einem schnöden Drumloop eine Art Bassline hinzugemischt werden.
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Selbst der EQ arbeitet anders als üblich. Auch diese klangverändernde Maßnahme kümmert sich um die kleinste Instanz des Audio-Materials. Der EQ ignoriert alle Harmonischen außerhalb des definierten Frequenzbereichs, doch innerhalb des vorgegeben Wertes legt er sich ordentlich ins Zeug. Zum Einsatz kommt der Equalizer erst, wenn man den Gain-Regler aus dem neutralen Bereich befördert. relectro bestätigt dies, indem er unterm Regler ein lila Lichtlein anknipst. Im Grunde kann man sein Audio mit dem EQ allein schon bis zur Unkenntlichkeit zerfetzen. Auch hier sorgen Feldversuche mit den beiden Modulationsquellen für den einen oder anderen Aha-Effekt.

Das “Init”-Preset nennt sich “Z_Default”. Hier stehen alle Werte auf null. Oft findet man heraus, dass nur einige Effekte genügen, um die gewünschte Manipulation zu erreichen. Die alte Binsenweisheit “Weniger ist mehr” steht bei relectro gewissermaßen im Quellcode.

Für die Modulation offeriert relectro eine Matrix, wie man sie von Synthesizern wie “Thor” (aus Reason) oder MorphOx aus dem eigenen Hause kennt. Während die beiden Stepper von einer ganzen bis zu 1/64-Note triggern (inkl. Triolen), beherrschen die beiden stets sync laufenden LFOs auch “krumme” Beats wie 7/16, 5/8 u. s. w.. LinPlug war die erste Schmiede, die Modulation-Matrixe in Softsynths anbot. Fein, dass auch das erste Effekt-Plug-In dieses Feature mit auf den Weg bekam.
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Die beiden Wheels leisten auf verschiedene Art etwas Ähnliches. AMT (Amount) schiebt die Parameter der Effekte von Null auf den eingestellten Wert. WET mischt – wie man’s erwartet – den bearbeiteten Klang ins Original. Ich hatte die schönsten Stunden (jawohl: Stunden!) beim Herausfinden der besten Einstellungen dieser beiden Kandidaten. Und das sowohl bei den eigenen Versuchen, als auch bei den zahlreichen Presets. Denn die halten sich definitiv nicht an den guten Tipp aus dem Manual, man solle bedacht und vorsichtig mit der Dosierung umgehen. Hat man für AMOUNT eine gelungene Position gefunden, kann man auf das kleine Kamera-Symbol über dem Wheel klicken. relectro befördert dann alle Regler in die Position, in der sie stünden, wäre AMOUNT auf Maximum. Nun kann man die letzten Feineinstellungen vornehmen und sein neues Preset abspeichern. Mitunter erreicht man mit AMT auf der Maximalstellung verwertbarere Ergebnisse als knapp über Null. relectro – das wird schnell klar – ist nicht das 575. Bitcrusher-Beatmangler-0815-Tool.
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Folgt man der Produktbeschreibung, kann man zum trügerischen Schluss kommen, relectro eigne sich nur zur destruktiven Bearbeitung unschuldiger, längst vergessener Drumloops. Weit gefehlt! Besonders die Noise- und Industrial-Klientel wird alles durchjagen, was irgendwo in den Tiefen der Festplatte schlummert. Recht so! Endlich bekommt das verstaubte Gelumpe was es verdient.
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Doch auch Besitzer von Fieldrecordern können sich glücklich schätzen, denn relectro nimmt sich eines jeden noch so unscheinbaren Geräusches pflichtbewusst an.
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Ein jeder kennt das: man nimmt die Kaffeekanne aus der Maschine und ein letztes Tröpfchen landet auf der heißen Warmhalteplatte – zisch. Dieses “Zisch” macht als Single Shot im Drum-Sampler als HiHat oder Crash eine gute Figur. relectro macht noch viel mehr daraus, z. B. eine sterbende Katze. Umgedreht wird aus einer quietschenden Tür schnell ein beat-artiges Konstrukt. Immer die Möglichkeit im Hinterkopf, dass man die Ergebnisse mit weiteren Effekten bearbeiten kann, entpuppt sich das Plug-In auch als sehr brauchbares Tool für Sounddesigner.
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Die Ersten sollen die Letzten sein.

Am Anfang war das Feuer Filter
Am Anfang des Signalweges kann das eingehende Audio-Material in zwei verschiedene Bahnen gelenkt werden. Je weiter nördlich der FILTER-Regler steht, umso mehr Anteil geht durch die Modulationskette. Schiebt man ihn nach unten, bleibt ein Anteil des Signals unbehandelt – WET. Es sei denn, man mischt etwas Delay hinzu. Wie man ahnt, handelt es sich beim Filter nicht nur um einen handelsüblichen Splitter. Vielmehr fungiert diese Abteilung auch als eine Art Low-Cut, das die Harmonischen etwas dämpft, die relectro en mass produziert. Wie viel zum Output passieren darf, regelt LEAK.
Die finale Mischung kann bei Bedarf mit einer herkömmlichen Hi/Low-Cut-Kombi getuned werden. Dieses Filter-Duo und der Chorus sind die einzigen Werkzeuge, die relectro mit einem “normalen” Effekt-Plug-In gemein hat. Und genau deswegen mag ich’s! LinPlugs Neuzugang hebt sich deutlich vom Effekte-Einerlei ab. Mit der Crossfader-Dreifaltigkeit FILTER, AMT und WET lässt sich die Sprengkraft des Tool sehr feinfühlig von subtil bis Armageddon schieben. Geht man vorsichtig zu Werke, kann auch komplexeres Material auf – und umgewertet werden. Eine kleine Lernkurve kann man relectro zwar durchaus bescheinigen. doch das Lernen wird mit einer ganz großen Portion Spaß belohnt.

Das gefällt mir nicht
Die Bezeichnung WET unter den Reglern für Delay und Chorus, sowie dem Wheel dient nur der Beschriftung. Die eigentliche WET-Stellung ist am anderen Ende. Man merkt allerdings recht schnell, dass da etwas “nicht stimmt”.
Die Werkspresets mögen den unbedarften Anwender etwas verschrecken. Tipp: das Amount-Wheel etwas herunterdrehen.
Das gefällt mir
Wie eingangs erwähnt: es war Zeit für etwas Neues und relectro ist genau das. Ein außergewöhnliches Tool für außergewöhnliche Klänge. relectro ist als VST und AU verfügbar. Dazu gibt’s ein umfangreiches Manual, was heutzutage leider keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Obendrein ist der Preis von 59 Euro ein Knüller.
Einige Feinheiten sucht man bei anderen Plug-Ins vergeblich: Hält man beim Verschieben eines Reglers ALT gedrückt, verschiebt sich dessen Wert um den kleinstmöglichen Wert. Hält man STRG (bzw. “Command” beim Mac), springt der Regler auf den Default-Wert zurück. Bei gedrückter Shift-Taste sind enorme Feineinstellungen möglich, z. B. bei PITCH um +/- 0,01.
LinPlug ist seit 11 Jahren am Markt und glänzte stets mit einem vollkommen schrottfreien Portfolio. Das erste Effekt-Tool der Berliner Schmiede macht hier keine Aufnahme. Zwar wird die Zielgruppe kleiner sein, als bei Synthesizern wie dem Albino, doch auch relectro wird seine Fans finden. Wer sein Geld mit dem Erstellen von Loops verdient, dem sei relectro besonders ans Herz gelegt.
Sascha Sachs
Systemanforderungen Mac OS X
- System 10.4 oder neuer
- 1 GHz. CPU
- 1 GB RAM
Systemanforderungen Windows
- Windows XP oder neuer
- 1 GHz. CPU
- 1 GB RAM
Preis
- 59 Euro
Hersteller
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hi! ein klasse test! das tool klingt sehr interessant – insbes. wenn man ein “loop-freak” ist
gruß, olli
p.s.: wie schon beschrieben gibt es nichts langweiligeres wenn der user hört mit was man einen effekt gemacht hat (glitch etc.) – das scheint hier anders zu sein was sehr gut wäre…
Ja, Oliver, da gebe ich Dir vollkommen recht, ich darf da vielleicht auch an dieser Stelle meinen kleinen offiziellen Demosong für reLECTRO posten, indem habe ich einfach am Ende mal ein paar A/B Beispiele angehangen um zu zeigen, was man mit reLECTRO alles machen kann, der komplette Track bzw. jede Spur wurde durch reLECTRO gejagt.
http://soundcloud.com/xenox-afl/fn-relectronix-linplug
Frank