Test: Sonible frei:raum

Frei:raum erweitert den Begriff Equalizer um zwei neue Dimensionen: Der 7-Band-EQ bietet die Möglichkeit, den Raumanteil eines Signals sowie dessen atonale, geräuschhafte Bestandteile isoliert zu bearbeiten. Damit sollten Klangkorrekturen und Klangdesign in bislang nicht bekannter Weise möglich werden.

Recording und Studiotechnik

 

Einleitung

Virtuelle Equalizer gibt es heutzutage reichlich und in vielerlei Gestalt. Neben klassischen graphischen und parametrischen Equalizern in Form moderner, chirurgischer Tools zur detaillierten Kontrolle des Frequenzspektrums oder als Emulationen legendärer Hardware, trifft man auch auf Kandidaten mit besonderen Extras, etwa einer Kombination aus Mitten/Seitensignalbearbeitung und dynamischen Filtern oder als fortgeschrittenes Frequenzmanipuations-Labor mit einer Fülle von Filtercharakteristika und Linear Phase – Betrieb.

Wer auf dem nicht gerade dünn besiedelten Markt als junges Entwicklerteam, und um ein solches handelt es sich beim österreichischen Hersteller Sonible, Fuß fassen will, muss schon etwas Außergewöhnliches bieten – und es sieht ganz so aus, als ob sich Peter Sciri, Ralf Baumgartner und Alexander Wankhammer, allesamt Absolventen der Universität für Musik und Darstellende Kunst und der Technischen Universität Graz, dessen auch bewusst sind.

 

 

Überblick

Frei:raum bietet drei simultan nutzbare Modi:

  • einen konventionellen Master-Betrieb, ergänzt durch eine sogenannte Smart-Funktion, bei der frei:raum versucht, einen idealen Frequenzgang herzustellen,
  • einen Proximity-Modus, in dem die Raumanteile spektraler Teilbereiche kontrolliert werden können und
  • einen sogenannten „Entropy“-Modus, in dem die tonalen und atonalen Bestandteile einer Abmischung bearbeitet werden können – ebenfalls bei Bedarf für Teilbereiche des Spektrums in unterschiedlicher Stärke.

Pro Modus stehen sieben Filter zur Verfügung: Drei Glockenfilter für die Mitten werden durch je zwei Filter zur Bearbeitung der tiefen und hohen Frequenzen flankiert. Hier steht wahlweise eine Glocken- oder Cut- bzw. Kuhschwanzcharakteristik zur Wahl. Alle Filter arbeiten vollparametrisch, können also in Frequenz (Hz), Stärke der Anhebung/Absenkung (bis 24 dB) und ihrer Flankensteilheit eingestellt und zur Kontrolle auf Solobetrieb geschaltet werden. Zudem sind alle Filter mit Miniatur-Pegelanzeigen ausgestattet. Aufgrund der winzigen Dimensionen sind diese allerdings nicht besonders aussagekräftig.

Alternativ zur oben abgebildeten Kurvengrafik kann man auch zur blind:flug genannten Darstellung wechseln, in der eine Reglerbatterie erscheint:

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Die Bezeichnung blind:flug signalisiert, dass diese Alternative die Ablenkung des analytischen Hörens durch die Betrachtung der Kurvenformen vermeiden soll.

In der unteren Kontrollleiste befinden sich globale Regler, die etwa die Beeinflussungsstärke des Proximity- und Entropy-Algorithmus über alle Bänder hinweg definieren. Hier kann auch jede der drei Bearbeitungsebenen auf Solo und Bypass geschaltet werden.

Schließlich findet sich ganz rechts noch eine großzügig dimensionerte Anzeige des Ausgangspegels.

An dieser Stelle sollte bereits klar geworden sein, dass die Bedienoberfläche überschaubar gestaltet ist. Die Filter lassen sich alternativ zu den Wertefeldern (die per Klicken und Ziehen sowie durch Doppelklick und Werteeingabe bedient werden können) auch über Anfasser einstellen. Mit gehaltener Alt-Taste definiert man die Flankensteilheit, mittel Shift-Taste fixiert man die Mittelfrequenz und per Doppelklick setzt man ein Band zurück. Man sollte mit frei:raum also schnell zurechtkommen.

Wer sich mit fortgeschrittenen virtuellen Equalizern ein wenig auskennt (beispielsweise dem dynamischen EQ aus iZotope Ozone 6 oder dem Pro Q-2 von Fabfilter), wird aber auch bereits festgestellt haben, dass einige Features fehlen. So gibt es beispielsweise keine Pegelanpassung, die automatisch dafür sorgt, dass das Eingangssignal nach Bearbeitung durch die Filter in etwa die selbe Lautstärke behält. Auch ein Analyser, der den spektralen Verlauf des eingehenden Audiosignals in Echtzeit anzeigt, ist nicht an Bord. Möglicherweise hat man darauf auch verzichtet, um die CPU-Leistungseinforderung nicht weiter hoch zu treiben.

Dass diese Zugaben fehlen, stellt gleichwohl keinen entscheidenden Mangel dar, spannend ist vielmehr die Frage, ob die innovativ klingenden neuen Möglichkeiten auch funktionieren und sich als musikalisch sinnvoll erweisen. Um von vorneherein keine Kompromisse einzugehen, arbeiten alle Modi konstant im Linear-Phase-Betrieb.

 

Installation und Autorisierung

Nach dem Erwerb erhält man eine Seriennummer, mit der man die Demo-Version freischaltet. Diese läuft übrigens 14 Tage ohne Einschränkung. Wer diesen Test also aktiv begleiten möchte, kann das anhand der Demo-Version tun. Am Ende des Test befindet sich zudem ein Bewertungsfeld für das Plug-in, in dem jeder Nutzer eine eigene Bewertung abgeben kann. Zusätzliche Kommentare sind natürlich auch erwünscht.

Der Download wiegt lediglich 9 MB. Frei:raum liegt für Mac und PC in den Formaten VST, AU und AAX in 32 und 64 Bit vor. Welche Formate in welchen Ordnern installiert werden sollen, lässt sich bei der Installation individualisieren.

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Im Preis enthalten ist eine Lizenz für zwei rechnergebundene Installationen, etwa auf der Studio-Workstation und auf dem Live-Laptop. Frei:raum wird per automatisch ablaufendem Challenge-Response beim ersten Start des Plug-ins freigeschaltet. Hier muss man lediglich seinen Lizenzschlüssel eintragen, den man zuvor per Mail (oder als Aufkleber auf der Box bei physikalischer Lieferung) erhalten hat. Ein Benutzerkonto auf der Herstellerseite muss dafür nicht angelegt werden.

(Eine Offline-Aktivierung gibt es derzeit noch nicht. Wir haben beim Hersteller nachgefragt und erhielten die Antwort, dass an einer Möglichkeit gearbeitet wird, die Lizenz auf einen USB-Stick zu übertragen. Damit wäre frei:raum rechnerungebunden nutzbar.)

Verbraucht man beide Lizenzen sofort, benötigt aber später eine weitere (etwa nach einem Rechnerwechsel oder einem Systemplattencrash), so soll dies über den Support kulant geregelt werden.

Einen Internetzugang vorausgesetzt, meldet das Plug-in selbständig, ob ein Update verfügbar ist.

Zum Download gehört neben dem englischsprachigen lobenswerter Weise auch ein deutschsprachiges PDF-Manual. Nicht jeder deutschsprachige Hersteller kann sich zu dieser Zusatzarbeit aufschwingen.

 

CPU-Leistungseinforderung

Moderne und innovative Software bringt gerne auch mal eine gestandene CPU ins Schwitzen – wie jüngst erlebt bei Kaleidoscope oder B2 von 2CAudio.

Beim ersten Start von frei:raum (64 Bit, VST) innerhalb von Cubase stelle ich dann auch mit einem kleinen Schreck fest, dass auf unserem Testsystem (Win 7 PC, 6-Core i7 3930k, Cubase 7, Motu 828 mKII Firewire 800, Projekt mit 44,1kHz/24Bit) bei einer Puffergröße unterhalb von 192 Samples nach dem Laden von frei:raum CPU-Peaks von konstant 100% auftreten, obwohl noch gar kein Audiomaterial anliegt, kein EQ eingestellt ist und nichts berechnet wird. Auch der Bypass-Button hilft nicht weiter, erst ein komplettes Ausschalten des Plug-ins bringt die Peak-Anzeige zur Ruhe. So sieht es bei 256 Samples Puffergröße (mit rund 14 ms Gesamtlatenz auf unserem Testsystem) aus:

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Erst bei Puffergrößen ab 512 Samples …

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… macht sich das Plug-in auch bei der Peak-Anzeige nur noch moderat bemerkbar und kommt mit rund 10% Leistung eines 3,5 GHz Prozessors zurecht. (Benutzt man mehrere Instanzen in unterschiedlichen Mixer-Kanälen, so verteilen sie sich auf die Kerne eines Multicore-Rechners, sodass die CPU-Last erst signifikant ansteigt, nachdem alle Kerne beschäftigt sind – siehe auch unser Artikel „Multi-Prozessor-Systeme – Was nützen die vielen Kerne wirklich?“)

Bei 1024 Samples:

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Frei:raum scheint also für den Einspiel- und Live-Betrieb mit geringen Latenzen (unter 10 ms) weniger geeignet zu sein oder für diesen Fall entsprechend schnelle USB 3.0- oder Thunderbolt-Audio-Interfaces zu benötigen. Sei´s drum: Dieser Spezial-EQ dürfte ohnehin vor allem für die nachträgliche Klangbearbeitung interessant sein, und für diese benötigt man keine geringen Latenzen.

Bei der ersten Inbetriebnahme zeigt sich, dass die Leistungseinforderung mit anliegendem Audiomaterial, laufendem Playback und komplex eingestellten EQ-Kurven nicht signifikant weiter ansteigt. Frei:raum fordert seine CPU-Leistung also mit dem Einschalten ein und behält diese unabhängig von Audiomaterial und Bearbeitungsmodi statisch bei. Die einzige Ausnahme ist der Lern-Modus des Smart EQs, zu dem wir gleich kommen werden. Hier kann man prinzipiell alle drei mit dem Lernmodus ausgestatteten Bänder gleichzeitig lernen lassen – mit der Folge, dass sich die CPU-Leitunsgeinforderung während der Lernphase verdreifachen kann. Das Lernen findet sinnvollerweise bei laufendem Playback statt. Zu einem Absturz unseres Testsystems kam es dennoch auch bei maximaler „Denkanstrengung“ der CPU nicht. Generell lief frei:raum absolut stabil und funktionierte einwandfrei ohne jegliche Bugs.

 

Frei:raum im Detail: Der Smart EQ

Das Berechnen eines optimalen Filterverlaufs zur Korrektur eines eingehenden Audiosignals ist nicht ganz neu: Bereits der Assimilator für die TC Powercore-Plattform aus dem jahre 2003 war ein Spezialist für diese Aufgabe – lieferte allerdings in vielen Fällen nicht wirklich befriedigende Ergebnisse. Deutlich bessere Resultate erzielt man heutzutage mit den Pro EQ von Fabfilter und seiner EQ Match – Funktion. Beide Tools analysieren den Frequenzgang eines Referenzsignals und prägen dieses einem Zielsignal auf.

Der Smart EQ von frei:raum verfolgt einen etwas anderen Ansatz: Er verzichtet auf ein vom Benutzer einzuspeisendes Referenzsignal und versucht von sich aus, das den Klang aufzupolieren.

Laut Handbuch werden dabei problematische Resonanzen und Auslöschungen von frei:raum selbständig erkannt und durch ein Kompensationsfilter ausgeglichen. Diese Arbeitsweise verfolgt also einen gänzlich anderen Ansatz als die Analyse eines Frequenzgangs und dessen Übertragung auf ein Zielsignal.

Wie stark frei:raum dabei in das Signal eingreift und problematische Frequenzanteile zu korrigieren versucht, stellt man vor Inbetriebnahme des Lern-Modus durch den Sensitivity-Regler ein. Geringe Sensitivity-Werte führen dazu, dass der Smart EQ schmalbandige Resonanzen auszugleichen versucht, höhere Werte bewirken das Bearbeiten breiter angelegter Unausgewogenheiten.

Die Smart-EQ-Funktion steht für alle drei Mittenbänder bereit. Jedes Band kann in seiner Beeinflussungsbreite (Flankensteilheit) und in der Sensibilität des Lernmodus individuell eingestellt werden.

In einem ersten Versuch habe ich einen Loop aus Ueberschall Indie Rock verwendet und den Smart EQ nacheinander für die Höhen (mit 70% Sensitivity), die Mitten (mit 25% Sensitivity) und die tiefen Frequenzen (mit 100% Sensitivity) bearbeitet. Für das Lernen nimmt sich frei:raum nicht viel Zeit, etwa zehn Sekunden pro Band.

Das Ergebnis zeigt, dass frei:raum an dem Originalsignal nicht allzu viel auszusetzen hat: Die in einigen Bereichen etwas gezackte grüne Linie stellt den Korrektur-Equalizer dar, der mit reichlich Bändern ausgestattet sein muss und sich also nicht etwa auf eine Einstellung der sieben Filter beschränkt, die von Nutzerseite definiert werden können:

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Bewegt man die Anfasser, also die zentralen Frequenzen der drei vollparametrischen Mitten-Filter, so kann man die Korrekturkurve formen, etwa die Korrektur verstärken, indem man die Anfasser nach oben zieht, oder die Korrektur auf einen Bereich legen (durch horizontale Verschiebung) sowie schmal- oder breitbandig gestalten (durch Anpassen der Flankensteilheit). Bewegt man die Anfasser vertikal unter die Mittellinie, so stellt man die Korrektur quasi auf den Kopf, macht also das Gegenteil von dem, was Smart EQ empfiehlt.

So hört sich das Original (ohne Smart EQ) an:

 

Und so nach der Korrektur:

 

Frei:raum ist offenbar der Meinung, dass die Höhen ein wenig überrepräsentiert sind, während die Mitten und oberen Mitten ein wenig aufgepeppt werden könnten. Insgesamt ist es Geschmacksache, ob nun Original oder Korrektur besser gefällt.

Beachtlich ist aber, dass der Korrektur-EQ von frei:raum dem Sound eine ordentliche Prise Substanz und Kantigkeit verleiht. Gratulation! Das ließe sich mit einer beliebigen EQ-Einstellung eines beliebigen anderen Kandidaten so differenziert nicht erreichen. Um einen solchen Effekt zu erzielen, müsste man zu anderen Mitteln, etwa Multiband-Kompressoren, Transienten-Tool und vielleicht auch einem Exciter greifen – und diese alle sorgsam und wohldosiert einsetzen – eine Aufgabe für feine Ohren und ein erfahrenes Hirn zwischen ihnen. Mit frei:raum geht’ s in ein paar Minuten.

Im Hinterkopf reserviere ich den Smart EQ schon einmal für meine künftigen Masteringketten und auch für Überarbeitungen älterer Songs.

Probieren wir das Wunderwerkzeug doch mal mit einem wirklich schrottigen Audiodemo aus. Um ein solches zu erzeugen, mache ich etwas richtig Böses: Diese Manipulation ..

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… würde jeden Toningenieur seinen Job kosten:

 

Frei:raum schlägt nach kurzer Lernphase diese Korrektur vor:

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Tatsächlich klingt es wieder ganz passabel:

 

Diese vermutlich im Süden Deutschlands beheimatete Bläserkapelle stammt aus dem Sample-Reperoire von iZotope Iris 2 und ist eigentlich für Experimentalsounds gedacht:

 

Verwaschener geht es kaum. Die Instrumente sind kaum noch zu erkennen. Der Smart EQ von frei:raum schlägt entsprechend drastische Eingriffe vor:

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Im Ergebnis wird der Klang immerhin deutlich klarer und differenzierter:

 

In Anbetracht des Originals ein geradezu sensationelles Resultat. Es werden Instrumente hörbar, die zuvor völlig überlagert waren. Besonders fällt dies bei der Snare auf.

Um zu schauen, ob´s nicht doch auch mit einem guten EQ funktionieren würde, schnappe ich mir den Fabfilter Pro Q2 und ahme dort in etwa den Kurvenverlauf nach, den frei:raum vorschlägt.

 

Ich nehme noch den Novetech Character hinzu, in der Hoffnung, dass das Signal insgesamt transparenter wird:

 

Damit nähere ich mich dem Ergebnis von frei:raum, ohne dieses jedoch zu erreichen. Der Noveltech Character, der für solch eine Extremsituation sicher nicht gedacht ist, produziert hier (erstmalig in meiner Praxis) Artefakte. Ich ignoriere das und baue noch den Sonnox TransMod Native ein, um die Attacks, soweit überhaupt welche vorhanden sind, herauszuarbeiten:

 

Das Ergebnis unseres Testkandidaten wird immer noch nicht erreicht.

Abseits des Smart-EQs kann der erste Modus natürlich auch als normaler Mehrband-Equalizer betrieben werden, wie bereits erwähnt mit Linear Phase.

 

Der Proximity-Modus

Im zweiten Modus kommen wir zu einer Spezialität, wie sie in dieser Form nur von frei:raum geboten wird – zumindest ist mir kein anderes Plug-in bekannt, welches über mehrere Bänder eine Reduzierung der Raumanteile im Mix erlaubt.

Zwar gibt es beispielsweise mit dem SPL De-Verb eine gut funktionierende Lösung, den Raumanteil zu reduzieren, De-Verb bearbeitet aber immer das gesamte Frequenzspektrum und beschränkt sich auf einen einzelnen Parameter.

Frei:raum ermöglicht es, mit Hilfe der sieben Bänder sehr detailliert in die räumliche Staffelung eines Mixes einzugreifen. So können im Idealfall einzelne Instrumente nach vorne geholt und andere tiefer in den Raum geschoben werden.

Für den Proximity-Effekt gibt es zunächst wieder globale Regler:

  • Proximity reguliert das Mischungsverhältnis zwischen Direktschall und Raumanteilen. Befindet sich dieser Regler in der Linksstellung, ist der Effekt wirkungslos. Im Rechtsanschlag werden die Raumanteile maximal reduziert.
  • Strength reguliert die Stärke der Trennung zwischen Direktschall und Raumanteilen. Niedrige Werte trennen die beiden Signalanteile weicher und klingen unauffälliger, auch natürlicher, während hohe Werte zu einer härteren Trennung führen.
  • Smooth bewirkt bei kleinen Werten nur eine geringe Glättung der Berechnungsergebnisse. Dies kann bei hohen Proximity-Werten und hoher Strenght zu Artefakten führen aber auch für ein expressives Klangdesign verwendet werden. Eine stärkere Glättung und entsprechend hohe Smooth-Werte liefern natürlicher klingende Ergebnisse.

Zum Ausprobieren des Effektes verwende ich wieder einen kompletten Mix, dieses Mal aus der Ueberschall-Library „Pop Ballads“. Hier das Original:

 

Bevor es zum Proximity-Modus geht, probiere ich gleich noch einmal den Smart EQ aus. Zwar ist der Ueberschall-Mix eigentlich kaum zu beanstanden und produktionsfertig, trotzdem oder gerade deshalb ist es interessant, zu sehen, was frei:raum vorschlägt und inwieweit dieser Vorschlag vielleicht noch mehr aus der Produktion herauskitzelt.

Tatsächlich zeigt der interne Vergleich zu einem Idealmix nur wenig Korrekturbedarf an (den man aus der Smart EQ – Kurve ablesen kann):

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Es macht wirklich Spaß, mit den Analyseergebnissen zu arbeiten, denn durch Verschieben der Anfasser der drei mittleren Frequenzbänder kann man mit deren Wirkungsbereich und Wirkungsstärke beliebig jonglieren. Beim vorliegenden Mix zeigt sich, dass übermäßiges Manipulieren nicht angebracht ist. Aber eine Prise frei:raum – Politur verleiht dem Mix tatsächlich etwas mehr Präsenz und Differenziertheit:

 

Nun wechseln wir zum Proximity-Modus. In den Extremeinstellungen des Proximity-Reglers wird deutlich, wozu dieser in der Lage ist: Bei minimalem Proximity-Wert verschwimmt der Mix regelrecht im Raum – hier mit mittlerer Strenght und maximalem Glätten:

 

Das ist natürlich nicht das, was man in der Regel haben möchte, zeigt aber, dass frei:raum durchaus auch in der Lage ist, außergewöhnliche und durchaus ästhetische Effektklänge hervorzuzaubern.

Hier geht es in die entgegengesetzte Richtung: Ich hole den Raumanteil ein gutes Stück aus dem Mix heraus:

 

Und zwar mit dieser Einstellung:

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Dreht man Proximity und Strengh auf 100% und Smoothing auf 0%, so werden die Instrumente fast vollständig ihres Raumes beraubt, und es klingt zunächst einmal reichlich unnatürlich.

 

Das Audiodemo soll eigentlich auch nur zeigen, wo die Grenzen der Bearbeitung liegen – und diese sind sehr weit gesteckt.

Nicht ganz so extreme Einstellungen können jedoch dazu benutzt werden, einen Mix oder auch eine Gruppe (etwa Schlagzeug) in einem alternativen Raum zu platzieren, indem man einen Raumsimulator als nächtses Plug-in in der Kette hinzufügt.

Für das nächste Audiodemo habe ich die Proximity-Einstellungen etwas heruntergefahren und die Glättung hinzugenommen:

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Im Anschluß habe ich Altiverb als Insert-Effekt hinzugenommen …

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… und den Mix im Raum positioniert …

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… mit folgendem Ergebnis:

 

Mit den sieben Frequenzbändern sollte man nun im Idealfall Teilspektren über den Raum verteilen können. Dort, wo die blaue Kurve unterhalb der horizontalen Mittellinie verläuft, werden Raumanteile hervorgehoben, dort, wo sie darüber liegt, werden Raumanteile reduziert.

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Mein Versuch, unseren inzwischen hinlänglich bekannten Mix so zu bearbeiten, dass der Bass tiefer in den Raum verlegt und Piano, Snare und die Hi-Hat nach vorne rücken, führt allerdings nicht zu spektakulären Ergebnissen – die Differenzierung des Effekts über das Frequenzspektrum hinweg wird bei diesem Ausgangsmaterial nicht besonders deutlich:

 

Probieren wir es einmal mit Drums, die über einen ordentlichen Raumanteil verfügen. Als Vorlage dient ein Beat aus der EZdrummer Library von Toontrack:

 

Im Mixer von EZdrummer habe ich die Ambience-Mikros und den Hall im Pegel angehoben, damit frei:raum auch etwas zu tun hat.

Bei maximaler Reduzierung des Raumanteils …

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… rücken die Drums zwar spürbar nach vorne, von einer regelrechte Auslöschung des Halls bleibt man bei diesem Beispiel jedoch weit entfernt:

 

Der SPL De-Verb liefert in diesem Fall extremere Resultate- bis hin zum Reduzieren der Drumsounds auf die Transienten.

Hier habe ich versucht, speziell die Snare und die Hi-Hat nach vorne zu holen:

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Mit folgendem Resultat:

 

Zieht man die Proximity-Kurve in den Bässen oder den Höhen weit nach unten, so sollte eigentlich ja nur deren Direktschall zurückgeregelt werden und der Raumanteil in den Vordergrund treten. Zugleich werden jedoch auch die betreffenden Frequenzen stark reduziert, sodass Extremeinstellungen des Kurvenverlaufs dazu führen, dass die Bässe vollkommen ihr Volumen verlieren oder die Höhen ausgeblendet werden.

Der Proximity-Modus eignet sich also – abhängig vom Audiomaterial – nicht immer für´s Grobe, sicher aber für den Feinschliff am Mix. Ein dramatisches Verschieben einzelner Instrumente nach vorne oder nach hinten im Raum ist mit nicht gelungen (das kommt aber noch: siehe unten). Dennoch: Gerade wenn es um den Feinschliff am Mix und dessen Raumanteil geht, leistet der Proximity-Modus exzellente Arbeit, ist sehr fein dosierbar und liefert Ergebnisse, die so mit keinem anderen Tool möglich sind.

Komme wir zum dritten Modus:

Hinter Entropy

… würde man ja zunächst eher einen Granulareffekt vermuten. Entropy bringt jedoch nicht etwa Unordnung in eine rhythmische Struktur oder einen Klangverlauf, sondern erlaubt es, tonale und atonale Anteile bestimmter Frequenzbereiche zu verstärken oder zu unterdrücken.

Auch hier gibt es wieder zwei globale Parameter: Entropy verstärkt mit zunehmender Rechtsdrehung des Reglers die atonalen, inharmonischen Bestandteile. Bei den eben verwendeten Drums kommt es zu einer Betonung der Einschwingphase der einzelnen Hits, sie rücken also damit auch weiter nach vorne.

Strenghth reguliert, wie strikt beide Anteile voneinander getrennt werden. Niedrige Werte führen zu fließenden Übergängen, hohe zu harten Trennungen zwischen tonalem und atonalem Material.

Hier der zuvor verwendete Beat mit 100% Entropy und 50% Strenght:

 

Im nächsten Demo habe ich versucht, experimentell mit frei:raum umzugehen. Die Bassdrum soll zu einem dröhnenden, wummernden Etwas in den Tiefen des Raumes mutieren, Snare und Hi-Hat sollen jedoch präsent und vorne auftreten. Entsprechend extreme Kurven habe ich im Entropy-Modus eingestellt:

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Auch der Smart EQ ist mit dabei, im Bassbereich mit Umkehr des nach Lernen vorgeschlagenen Kurvenverlaufs:

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Und so klingt es:

 

Zusammen mit Altiverb 7:

 

Mit etwas weniger Hallanteil und reduzierter Raumgröße:

 

Im Vergleich dazu der unbearbeitete Beat:

 

Es lassen sich also auch allerlei Experimente und Spielereien mit frei:raum anstellen.

Hier hören Sie einen Loop aus der Ueberschall Library Sounds of Berlin:

 

Mit frei:raums Proximity und Entropy lässt sich der Beat komplett trockenlegen:

 

Die Bassdrum ist nur noch ein Flappen, die anderen Instrumente wirken schon fast schneidend. Und hier klappt auch genau das, was ich vorhin schon zu erreichen versucht habe. Mit diesem Kurvenverlauf …

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… erhält die Bassdrum ihr Volumen wieder zurück, während die anderen Instrumente weiterhin prägnant und ein wenig harsch klingen.

 

Zu guter Letzt probiere ich frei:raum noch an dem Song aus, an dem ich gerade arbeite. Impulsgeber für diesen Song waren einige Vocal-Improvisationen aus der Library Questionably Barbershop von Soundiron. Es ist also kein Zufall, dass der Song auch etwas fragwürdig ist (questionable).

Frei:raum probiere ich am B-Teil des Songs aus. Der Song ist noch ziemlich roh und in keiner Weise abgemischt. Die Drums dieses Parts sind noch ein wüstes Durcheinander exemplarisch ausgesuchter Pattern aus Toontracks Post-Rock Kit.

Meine Hoffnung ist also, dass der Smart EQ den unfertigen Mix gleich zwei Level nach oben katapultiert. Zunächst das Original:

 

Nun benutze ich alle drei Mittenbänder des Smart EQ und verwende verschiedene Sensitivity-Werte, um anschließend sowohl schmalbandige Fehler (Resonanzen und Auslöschungen) als auch breit angelegte Ungleichmäßigkeiten korrigieren zu können.

Überraschenderweise meint Smart EQ nach sorgfältiger Analyse des Materials, dass es gar nicht so viel Korrekturbedarf gibt:

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Heißt das, ich darf mir schon vor der eigentlichen Abmischung auf die Schulter klopfen? Gehe ich mit den Kurven über 12 dB hinaus, so wird der Sound definitiv schlechter. Die oben abgebildete Einstellung führt zu einer hörbaren aber nicht dramatischen Aufwertung. Spannend wird es jedoch mit dem Einsatz des Proximity-Moduls. Den Raumklang des Originals finde ich zwar nicht schlecht aber auch nicht wirklich optimal. Die Instrumente könnten ein wenig deutlicher hervortreten – und genau das erreiche ich mit Proximity.

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Abschließend noch ein Experiment mit den Bläsern, die von Haus aus (dank Melodyne) schon schön schräg sind. Die Vorlage lieferte ein Pattern aus Native Instruments Session Horns Pro. Das Original (nach Melodyne-Bearbeitung, mit Flatterecho und Effekt-Hall aus Altiverb):

 

Mit Proximity und vor allem Entropy-Bearbeitung aus frei:raum:

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Zum Schluß nochmal alle Spuren zusammen:

 

Ausblick

Mittelfristig sollen die drei in frei:raum integrierten Module EQ/Smart EQ, Proximity und Entropy auch als separate Plug-in erhältlich sein. Langfristig plant Sonible weitere Plug-ins, etwa De-Esser/Kompressoren, die ebenfalls neue Ansätze verfolgen.

 

Fazit

Mit frei:raum ist Sonible ein fulminanter Einstieg in die Welt der Plug-ins gelungen. Wer hätte bis vor kurzem noch geglaubt, dass die Welt noch einen weiteren Equalizer braucht? Aber genau so ist es: Frei:raum erweitert die Möglichkeiten der Klangbearbeitung und gehört zu den wenigen Plug-ins, die das Attribut „innovativ“ rundum verdienen.

Dabei ist der auf den ersten Blick weniger sensationelle Smart EQ eine echte Offenbarung, wenn es darum geht, schnell und komfortabel dem Mix den richtigen Frequenzgang zu verpassen. Der im Hintergrund arbeitende Algorithmus, der störende Resonanzen und Ungleichmäßigkeiten beseitigen soll, leistet ganze Arbeit. Die anschließenden Anpassungsmöglichkeiten, mit denen man die vorgeschlagene Filterkurve beinahe beliebig formen kann, erweisen sich in der Praxis als ideal, um den richtigen Mittelweg zwischen Korrekturvorschlag und eigenem Geschmack zu finden.

Mit dem Proximity-Modus, der Raumanteile spektraler Teilbereiche reduzieren oder verstärken kann, sowie dem Entropy-Modus, der atonale und tonale Bestandteile trennt und ausbalanciert oder deren Manipulation zulässt, ist ein fortgeschrittenes Klangdesign möglich. Audiosignale können regelrecht trockengelegt, Instrumentenverteilungen im Raum nachträglich korrigiert werden. In der Praxis arbeiten beide Modi gut zusammen, denn auch der Entropy-Modus nimmt Einfluss auf die Transienten und damit auf die psychoakustische räumliche Tiefenstaffelung. Hier heißt es experimentieren – die Möglichkeiten, die sich ergeben sind vielfältig.

Angesichts der innovativen neuen Werkzeuge, die sauber und bugfrei arbeiten, ist der Preis sicher angemessen. Nach diesem gelungenen Einstand darf man gespannt sein, wie es mit der Softwareentwicklung im Hause Sonible weitergeht.

Testautor: Holger Obst

Hersteller: Sonible

Top Product Award

Plus:

  • Erstklassig arbeitender Smart EQ (Korrektur-Equalizer)
  • erster Mehrband-Raumunterdrücker
  • Entropy-Modus für unkonventionelle Transientenbearbeitung, Klangdesign und Experimente
  • Ausstattung mit sieben Bändern pro Modul
  • Alle Module gleichzeitig nutzbar
  • innovatives Konzept

Minus:

  • Hohe Systemanforderung für den Betrieb mit niedrigen Latenzen

Preis: 279,00 EUR (UVP, Stand: April 2016)

(Rabatt für Studenten und Vortragende nach kurzer Mail mit Tätigkeitsnachweis an den Sonible Support)

System:

  • Mac: ab OSX 10.7
  • Win: ab XP bis 8
  • Formate: AU, VST, AAX
  • unterstützte Sampleraten: 44,1 bis 192 kHz
  • 32 und 64 Bit

 

 

 

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