Kennen Sie die Szene aus “Das Auge”, in dem der Detektiv (Michel Serrault) auf dem Jahrmarkt ein erstes Polaroid der Serienmörderin (Isabelle Adjani) schießt? In dem Moment, in dem er das Bild in der Hand hält, setzt die Musik des Karussells ein, das sich im Hintergrund dreht. Und mit der Musik beginnt der Hauptteil des Films, die Geschichte kommt in Schwung.
Immer wieder habe ich nach diesem Sound gesucht und ihn nie gefunden. Das änderte sich, als ich mir das Demo der Library Carousel auf der Sonokinetics Homepage ansah, denn hier geht es exakt um diese vergessene Randgruppe unter den Orgeln: Den Leierkasten, die Drehorgel, die Kirmesorgel, Musikautomaten mit einem unvergleichlichen Charme, mal großartig, pompös-mechanisch und manchmal auch traurig-gequält.
Während Drehorgel und Leierkasten eher die kleineren Formate bezeichnen, handelt es sich bei dem von Sonokinetics gesampelten Instrument um eine stattliche Konstruktion, nahe an den Dimensionen eines Wohnwagens. Ihre Blütezeit erlebten die mechanisch betriebenen Pfeifenorgeln zwischen 1880 und 1920. Die Großen unter ihnen hatten die Aufgabe, eine leibhaftige Kapelle zu ersetzen und verfügten über einen entsprechend voluminösen Sound.
Installation
Die Installation ist einfach: Nach dem Kauf im Sonokinetic Online-Shop erhält man einen Download-Link. Den Ordner “Carousel” mit den Unterordnern Base und Additionals kopiert man auf einen Speicherplatz seiner Wahl. Unter “Additionals” findet man den Installer für das Interface. Carousel läuft als Kontakt-Instrument ab Version 4.1 – standalone sowie als VST/AU/RTAS-Plug-in. Der kostenlose Kontakt-Player wird nicht unterstützt. Eine Autorisierung über das NI Service Center ist nicht erforderlich. Carousel wird nicht über den Library-, sondern über den File-Browser geladen.

Im digitalen Zeitalter angekommen, wiegt die Kirmesorgel satte 424 MB. Es handelt sich hier um ein Instrument mit 10 Layern, den Registern. Hinzu kommt eine kleine Percussion-Abteilung. Der RAM-Verbrauch beschränkt sich laut Kontakt-Anzeige auf etwa 44 MB, das benötigte Zusatzmaterial wird von der Disk gestreamt.
Aufbau des Instruments
Im oben abgebildeten Hauptfenster erkennt man schon die Register-Buttons, die für die übereinander gelegten Klänge stehen. Die einzelnen Register der virtuellen Kirmesorgel entsprechen den Instrumentengruppen, die das Original imitiert. Sie erstrecken sich nicht über den gesamten spielbaren Tastaturbereich, sodass beim Einschalten aller Register die Klangfarbe der Orgel von Zone zu Zone variiert, ohne jedoch ihre Ausgewogenheit zu verlieren. Alternativ zu den Buttons im Interface kann man die Register per Keysitch ein- und ausschalten.

Über den “Tutti”-Button aktiviert man alle Register, alternativ per Keyswitch. So kann man zum einen mittels Tutti-Funktion zwischen einer Vollorchestrierung und einem individuellen Register-Setup wechseln, zum anderen mittels Keyswitches Soundwechsel für einzelne Register midifizieren. Mit den grünen Keyswitches im oberen Bereich der Tastatur triggert man eine Reihe von Percussion Sounds, die ebenfalls zum Repertoire des Originals gehören. Auch für die Percussion gibt es einen On/Off-Keysitch, der im Gegensatz zum Tutti-Befehl eigentlich überflüssig ist, da diese Sounds sowieso auf separaten Tasten liegen.
Audioqualität und Sound
Die Samples wurden mit einer Samplingrate von 44,1 kHz. und in 24 Bit Auflösung aufgenommen. Es kommen Sustain- und Release-Samples zum Einsatz. Der mit den Registern belegte Spielbereich erstreckt sich von A0 bis G4 über vier Oktaven. Dem Original folgend hat man auf jegliche Anschlagsdynamik verzichtet. Erst ein Wechsel der Register bringt Dynamik ins Spiel. Der Tutti-Sound erweist sich erwartungsgemäß als sehr voluminös. Beschränkt man sich auf ein Register, beispielsweise “Bafoon”, wird die Darbietung automatisch leiser und zarter. Durch die Kombinationsmöglichkeiten der Register kann man einzelnen Passagen der Komposition ihren eigenen Charakter verleihen. Eine sparsame Orchestrierung bringt den Klang mehr in Richtung Leierkasten, nur das Leiern fehlt: Pitchbender und Modulationsrad sind außer Betrieb. Randomisierte, subtile Tonhöhenschwankungen über einen LFO, dessen Intensität man mit dem Modulationsrad steuert, wären eine passende und nahe liegende Dreingabe gewesen. Mit den Mitteln von Kontakt kann man sich natürlich auch selbst etwas basteln oder einen externen Effekt hinzuziehen und diesen automatisieren.
Der Sound von Carousel ist sehr authentisch und mit keiner anderen Orgel-Library, die ich kenne, zu vergleichen. Wer eine typische Kirmesorgel braucht, wird hier endlich fündig. Das Attack, also das mechanische Anblasen der Pfeifen, ist in allen Registern sehr gut akzentuiert, was den Gesamtsound direkt und durchsetzungsfähig macht. Die Samples sind sehr unauffällig geloopt. Beim analytischen Durchhören einzelner Noten mit lang gehaltenem Sustain machen sich jedoch Unsauberkeiten bemerkbar, kratzende Nebengeräusche, deren Herkunft unklar ist. Es klingt eher nach Fehlern, die sich bei der Aufbereitung der Samples eingeschlichen haben als nach mechanischen Arbeitsprozessen des Originalinstruments. Trotzdem kann man diese sehr dezente Geräuschkulisse als eine gewisse Patina betrachten, die nicht wirklich stört: Im Rahmen einer genretypischen Komposition werden diese Unsauberkeiten nicht auffallen und eher das Gefühl der Echtheit unterhalb der Wahrnehmungsschwelle subtil unterstützen.
Bei ausgeschaltetem Convolution-Reverb sind die Sustainphasen der Samples sehr trocken. Die Release-Samples bringen einen gewissen Raumanteil mit, der jedoch nicht prägend ist und der Verwendung externer Effekte nicht im Wege steht.
Die Percussion- und Drum-Sounds klingen weitaus weniger direkt als die Orgelregister und spielen eine Hintergrundrolle. Velocity-Layer gibt es nicht – das Original dürfte ebenso wenig darüber verfügen. Die Percussion-Instrumente dienen dazu, Akzente zu setzen und verstärken gerade durch ihre Einfachheit das Echtheitserlebnis. Sie sind als Einzelinstrumente für Anwendungen außerhalb von Carousel aufgrund der genannten Einschränkungen nicht geeignet.
Der Convolution Reverb
Drei Impulsantworten mit den Bezeichnungen Indoor-Carousel 1, 2 und 3 stehen zur Wahl, hübsch bebildert.

Die Parameter Verzögerungszeit, Halldauer und Lautstärkeanteil stellen eine einfache Ausstattung dar. Ein EQ wäre eine sinnvolle Ergänzung gewesen.

Soundbeispiel 1 …
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… und Soundbeispiel 2
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Das gefällt mir nicht
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Das gefällt mir
Wer den authentischen Klang einer Kirmesorgel des letzten oder vorletzten Jahrhunderts sucht, wird hier fündig. Carousel bringt die Jahrmarktsstimmung in grandioser Fülle rüber und sorgt, ausgerüstet mit zehn Registern, für Abwechlungsreichtum und Dynamik. Carousel eignet sich nicht nur für Soundtracks zu Szenen rund um Volksfest und Bierzelt, sondern als vielseitig nutzbares Instrument mit dem Sonderstatus der Originalität. Der Preis von knapp 40 Euro ist sehr günstig.
Holger Obst
Systemvoraussetzungen Mac OS X
- Native Instruments Kontakt (nur Vollversion ab 4.1)
Systemvoraussetzungen Windows
- Native Instruments Kontakt (nur Vollversion ab 4.1)
Preis
- ca. 40 Euro
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