
Im Jahr 2011 spaltete sich das Entwicklerstudio Tonehammer, unter anderem bekannt für die Chor-Library Requiem, in zwei unabhängige Firmen. Aus der Auflösung gingen 8dio und SoundIron hervor. Letzteres Studio veröffentlichte jüngst eine weitere Chor-Library namens Mars. Das Download-Instrument ist nach der Installation satte 30 GB groß und möchte mit einer umfassenden Feature-Liste überzeugen: Ein dreißigköpfiger Männerchor in zwei Sprachen mit Legato-, Staccato- und Marcato-Artikulationen, drei Solisten, umfangreiche Phrase Builder- und Marcato Builder-Editoren sowie eine Vielzahl an Effekten, Texturen und Drones sind an Bord, das alles in zwei Mikrofonpositionen und mit dem Klang der Montclarion Hall-Kirche. Die Voraussetzungen für ein mächtiges und vielseitiges Instrument sind gegeben, wenn auch die Umsetzung überzeugen kann.
Download und Installation
Nach dem Kauf erhält der Kunde den Link zu einem Download-Manager, der Download und Installation automatisch ausführt. Auf Wunsch und gegen Aufpreis kann ein Backup auf DVDs bestellt werden. Die Installation läuft unproblematisch: Im Download-Manager muss nur der gewünschte Pfad angegeben werden.
Mars benötigt die Vollversion von Kontakt 4 oder höher. Der kostenlose Kontakt-Player unterstützt diese Library nicht.
Konzept
Mars arbeitet sowohl mit keyswitch-gesteuerten Phrasen als auch mit spielbaren Artikulationen. Die Library gliedert sich folgendermaßen in verschiedene Patch-Konzepte auf:
Effekte
Im “Choral Effects”-Ordner befinden sich Effekte wie Cluster, Body Percussion (Zungenschnalzen etc.), Aufwärm-Geräuschkulissen usw. Die Effekte sind hier auf das gesamte Keyboard verteilt und meist atonal.
Legato und Sustains
Insgesamt stehen in Mars sieben Vokale zur Verfügung. Im Legato/Sustain-Ordner der Library hat der Nutzer Zugriff auf Single-Patches mit einem Vokal, auf Double-Patches mit jeweils zwei Vokalen, die stufenlos ineinander übergeblendet werden können und auf ein Patch mit allen sieben Vokalen. Bei letzterem wählt man zwei beliebige Vokale aus; der Rest funktioniert wie in den Double-Patches.
Marcato
Neben gewöhnlichen Single-Marcatos, also schlichten Marcatos, die tonal auf dem Keyboard verteilt sind, sind in diesem Ordner zwei Builder-Editoren zuhause.
Der Marcato-Builder verfügt wie die schon erwähnten Double-Patches über die Möglichkeit, zwei Töne ineinander überzublenden. Es werden allerdings nicht zwei einfache Vokale benutzt, sondern Marcatos, die einzeln konfigurierbar sind. Bei jedem Marcato ist aus einer Vielzahl von Attacks, Sustains und Releases zu wählen.
Im Marcato Phrase-Builder lassen sich 21 Marcatos (auch in Staccato-Ausführung) aneinanderreihen, um Phrasen zu erstellen. Jede Phrase kann bis zu 16 Marcatos oder Staccatos beinhalten; pro Patch sind bis zu 16 Phrasen möglich.
Poly-Sustain
In den Poly-Sustain-Ordnern “Fast”, “Long”, “Slow” und “Spoken” verstecken sich die versprochenen Phrasen in zwei Sprachen. Per Keyswitch umschaltbare Wörter auf Latein und Slavisch in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, die der Library-Dokumentation zu entnehmen sind. Die lateinischen Wörter beschränken sich hier auf Begriffe aus der Religion: Das Ave Maria ist allgegenwärtig.
Staccato:
Im Gegensatz zu den Staccatos, die im Marcato Phrase-Builder zu finden sind, hat man es hier nicht mit Silben, sondern mit einzelnen Vokalen zu tun, die als Staccato verfügbar sind.
Interface
Je nach gewählter Patch-Art ändert sich das Interface von Mars enorm. Latein-Patches kommen in römischer Aufmachung daher, slavische Patches in russisch-orthodoxer Gestaltung. Darüber hinaus schlagen sich auch die unterschiedlichen Funktionsweisen (wie oben erklärt) in der Gestaltung des Interfaces nieder.

Alle Patches, deren Funktion sich auf die Wiedergabe einfacher Samples beschränkt, sehen in etwa so aus. Der Tuning-Regler erklärt sich von selbst; im Shaping-Bereich ist eine Art Hüllkurve einstellbar und auch der Release-Regler ist intuitiv und selbsterklärend.

Legato-Instrumente benötigen eine Reihe weiterer Kontrollmöglichkeiten. Der Speed-Regler steuert die Geschwindigkeit der Legato-Übergänge; Range bestimmt in Halbtonschritten, wie weit das Legato maximal reichen darf; Polyphony setzt die Maximalanzahl gleichzeitig wiedergegebener Noten fest und Legato Volume kontrolliert die Lautstärke der Übergang-Samples.
Low und High unter Range bedürfen näherer Erläuterung: Hier wird der Bereich des Keyboards eingestellt, den das Patch nutzen soll. Nur Tasten in diesem Bereich erzeugen einen Klang. Das ist vor allem nützlich, wenn zwei Patches gleichzeitig gespielt werden sollen – beispielsweise zwei Solisten. So sind Divisi möglich, ohne zwei Sänger gleichzeitig singen zu lassen.

Obiges Bild zeigt den Marcato Builder von Mars. Aus den zahlreichen Möglichkeiten können zwei Marcati ausgewählt werden – das eine unter Low, das andere unter High. Mit X-Blend (rechts unten, wie jeder Knopf auf einen CC-Befehl zu mappen) kann zwischen der Low- und der High-Artikulation gefadet werden.
Jedes Marcato besteht aus einem Attack, einem Sustain und einem Release, die innerhalb der Marcato-Art (z. B. Eh, Ah, Ee etc.) frei kombinierbar sind. Lautstärke und Verhalten aller Bestandteile können einzeln eingestellt werden; die Grundwerte sind meist passabel.

Dieses Patch gehört schon rein optisch eindeutig zu den slavischsprachigen Patches. Auch hier gibt es wieder die Unterteilung in Low und High, per X-Blend ineinander überblendbar. Die gesungenen Worte können per Regler oder Keyswitch geändert werden.

Dieses lateinische Phrases-Patch gibt keine einzelnen Worte, sondern Satzteile wieder. Die Unterscheidung in Low und High gibt es hier also nicht. Die Phrasen wechselt man nicht per Keyswitch – jede Keyboardtaste gibt eine andere Phrase wieder, was die Vielfalt deutlich einschränkt. Die Kontrollelemente sind allesamt aus anderen Patches bekannt.

Sieht man in Mars Matruschka-Puppen, weiß man, dass man ein Phrase Builder-Patch vor sich hat. Die Puppen zeigen an, bei welcher Silbe sich die Wiedergabe gerade befindet. Jeder gespielte Ton, der sich deutlich vom vorherigen abhebt, löst die nächste Silbe aus.
Durch Klick auf eine Silbe wird diese der nächsten “freien” Puppe zugewiesen. Das Ändern einer Silbe ist nachträglich nicht mehr möglich – man kann nur per Backspace einzelne Silben von hinten her löschen und sie anschließend durch neue ersetzen – oder alle per Clear. Fällt dem Anwender auf, dass er die erste Silbe ändern möchte, muss er alle Silben löschen.
Insgesamt sind 16 Phrasen mit insgesamt 16 Silben möglich, bis das Patch “voll” ist.
Zwischen Silbenanzeiger und Puppe lässt sich die Artikulation (Marcato oder Staccato) wählen.
Klang
Es folgen einige einfache Audiobeispiele zu den unterschiedlichen Patches in SoundIron Mars. Den Anfang machen die Effekt-Patches, die mitunter sehr ungewöhnlich ausfallen.
- Body Percussion:
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- Warcry:
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- Clusters:
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Die Legato-Instrumente sind allesamt sauber editiert und bieten einen klaren und vor allem lauten Klang. “Epic Male Choir” im Titel deutet schon an, dass leise Töne eine Seltenheit sind – es gibt sie allerdings.
- Legato Mm:
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- Legato Ah:
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- Auch im Marcato Builder findet man qualitativ hochwertige Samples und entsprechendes Editing. Attack-, Sustain- und Release-Samples passen gut zusammen; nichts wirkt unpassend.
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Die slawischen und lateinischen Wort-Patches sind dank der Keyswitches und eines hohen Tonumfangs sehr flexibel. Aber: Mehrsilbige Wörter werden stets auf denselben Ton gesungen. Tonmodulation innerhalb des Wortes gibt es höchstens mit dem Pitchwheel am Keyboard – das dann aber nicht sehr überzeugend.
- Slavonic:
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Ganz besonders die Solisten klingen mit ihren Phrase-Patches absolut umwerfend. Dass die Phrasen nicht für jede Tonhöhe verfügbar sind, schmälert den Umfang allerdings deutlich, sodass man sich schnell “sattgehört” hat. Außerdem stammen alle lateinischen Phrases aus dem Bereich der Religion und sind je nach Anwendungsgebiet eventuell unpassend.
- Tenor 2 Phrases:
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- Die Solisten beweisen ab und an sogar komödiantisches Talent: Mit den hervorragend klingenden Bass-Staccati lassen sich etwa überzeugende A-Capella-Einlagen simulieren.
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So gut die Grundidee des Marcato Phrase-Builders auch ist: Er krankt an Editing-Fehlern. Die Samples an sich klingen – wie der Rest der Library – alles andere als schlecht, allerdings sind die Silben in ihrer Lautstärke (bei gleichen Bedingungen wie Velocity-Wert etc.) teils sehr unterschiedlich. Die wählbaren Staccati (wie auch die puren Staccato-Patches) sind auch bei strikter Quantisierung oft nicht auf den Takt zu bekommen: Die Anfänge der Samples sind sehr unterschiedlich.
- Marcato:
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- Staccato:
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Audioqualität
Alle Samples liegen in 24 bit und 48 kHz vor – das hört man auch. Die Klangqualität der Samples ist herausragend; Hintergrundgeräusche sind allenfalls eine Seltenheit. Vor allem die Phrasen klingen sauber aufgenommen und schön klar. Absoluter Klanghöhepunkt der Library sind die Solisten.
Wer bei den Mikrofonpositionen eine trockene und eine Raumposition erwartet, sei gewarnt: Auch die trockenere Stage-Position hat schon einen gehörigen Reverbanteil, da Mars in einer Kirche aufgenommen wurde. Da bleibt nicht viel Platz für eigene Hallgestaltung.
Abschließend
Wo „Epic“ draufsteht, ist auch Epic drin. Mars ist eine laute, kräftige Chorlibrary mit sinnvollen Funktionen und Eigenschaften, auch wenn diese teils etwas fummelig und unkomfortabel anmuten. Soviel Einarbeitungszeit wie eine Library mit WordBuilder braucht Mars hingegen auch nicht. An der Qualität der Aufnahmen ist nichts auszusetzen; an manchen Stellen ist nur das Editing nicht ganz zufriedenstellend. Alles in allem ist Mars aber eine Library mit einem klaren, gut umgesetzten Konzept.
Das gefällt mir nicht
Die Legato-Patches sowie einige Staccato-Artikulationen könnten besser editiert sein. Nichts stört beim Einspielen so sehr wie unsauber geschnittene Anfänge, die eine gesamte Passage aus dem Gleichgewicht bringen.
Den Marcato Phrase-Builder hätte ich auch lieber in einer komfortableren Variante gehabt: Dass einzelne Silben in der Mitte einer Phrase nicht austauschbar sind, sondern man so lange “backspacen” muss, bis man dort angekommen ist, nimmt bei umfangreicheren Phrasen zu viel Zeit weg – man muss schließlich nicht nur löschen, sondern danach auch wieder “auffüllen”.
Das gefällt mir
Dass SoundIron sich auf einen Männerchor beschränkt hat, schien mir am Anfang ungewöhnlich – dennoch erscheint Mars überraschend komplett und durchdacht.
Die Solisten sind eine hervorragende Idee. Auch wenn das Vokabular der Solo-Phrasen sehr eingeschränkt ist, macht es Spaß, damit herumzuspielen. Generell ist die Library sehr inspirierend. Es ist mir vorher noch nie passiert, dass ich ein Projekt geöffnet und als erstes den Chor geladen habe; menschliche Stimmen waren immer Füllmaterial für mich, quasi der letzte Schliff. Mit Mars habe ich Spaß daran, zuerst den Chor zu laden und alles andere darauf aufzubauen.
Dominik Raab
Preis (Stand: Februar 2012)
- 499 Dollar (Download)
- 499 Dollar + 45 Dollar (Boxversion)
- Anmerkung: Wer die Boxversion bestellt erhält die Download-Version zusätzlich, um das Produkt schon vor Erhalt der Sendung benutzen zu können.
Ergänzende Links
- Hersteller: Soundiron
- Produktwebseite Soundiron Mars

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