Die ausschließlich als Download erhältlichen Sounds of Revolution (im Folgenden abgekürzt mit SOR) Sample Packs decken inzwischen eine beachtliche Bandbreite aktueller Stile ab: Von Minimal Techno über Electro House bis FX-Sounds reicht die Palette. Im vorliegenden Test nehmen wir die Libraries “Kick Free Revolution Vol. 2″ und “FX Revolution Vol. 1″ für Sie unter die Lupe.
Hintergrund
Beide Packs (wie auch alle anderen SOR-Produkte) sind an den Bedürfnissen von Producern ausgerichtet, mit denen der Sounddesigner Oliver Schmitt in regem Kontakt steht. Dort kommt es weniger darauf an, einen komplett durchgestylten, möglicherweise auch noch mit Hall versehenen Beat, geliefert zu bekommen – ganz im Gegenteil: gefragt ist eigenständiges Material ohne Bass Drum und Snare, da vor allem diese beiden Schlaginstrumente Stil und Klang eines Grooves beinahe unveränderlich festlegen. Viel flexibler kann man arbeiten, wenn diese beiden prägenden Akteure fehlen. Und auch was den Sound betrifft, sind im Producer-Bereich frisierte und bis ins letzte aufpolierte Sounds weniger gefragt. Hier schätzt man ebenfalls den Freiraum der nachträglichen Gestaltung.
Für Producer gibt es aber noch ein anders “no go”: Viele auf dem Markt befindliche Libraries greifen auf bereits veröffentlichtes Material zurück. Mittels steilflankiger Filter wird ein Teil des Frequenzspektrums ausgeblendet (in der Regel die Bass Drum, d. h.: die unteren Frequenzen) und der Rest in diversen EQ-, Filter- und Effektbearbeitungen mehrfach gebounct zu einem größenmäßig beeindruckenden Paket aufgeblasen. Abgesehen davon, dass solche Produkte urheberrechtlich mehr als grenzwertig sind, ist das Ergebnis nur eingeschränkt inspirierend, und große Teile solcher Libraries erweisen sich schlicht als langweilig oder unbrauchbar. Anders bei Oliver Schmitt und SOR: Hier ist jeder Loop ein bis ins Detail ausgearbeitetes Unikat, und – das sei vorweggenommen – ideenreich und kreativitätsfördernd. Genug der Vorschusslorbeeren, wir werden sehen, wo in der Praxis die Stärken und Schwächen der SOR-Firmenphilosophie liegen.
Installation
Kick Free Vol. 2 und FX Vol. 1 liegen als Rex2 Loops, Stylus RMX Rex2 Loops (nur Kick Free Vol. 2), und Apple-Loops, als 24bit Wav-Files (Loops und One Shots) sowie in einer Aufbereitung für EXS24 und Kontakt 2 (aufwärts) vor. Kick Free Vol. 2 bringt es auf ca. 260 MB in der Stylus-Abteilung und mehr als 400 MB in der Sampler-Bearbeitung; der Sample-Content von FX Vol. 1 wiegt ca. 1,55 GB.
Für unseren Test haben wir die Stylus- und die Kontakt-Packs heruntergeladen. Die für die Verwendung in Stylus vorgepackten Rex2-Files lassen sich im Falle von Kick Free Vol. 2 sehr einfach über den SAGE-Converter (der Bestandteil von Stylus RMX ist) verarbeiten: Man zieht den Ordnerinhalt einfach in den Converter und findet die Sounds anschließend abspielbereit unter User Libraries/Converted Rex Files. Hilfreich bei dieser Arbeit ist die passend zugeschnittene Ordnergröße mit maximal 61 Files. Bei den FX Vol. 1 muss man mitzählen, denn hier übersteigt der Content der meisten Ordner diese Obergrenze.
Hat man erst einmal alles abrufbereit auf der Festplatte, stellt man verwundert fest, welch üppige Ausstattung aus 260 MB Rex-Loops erwachsen kann. Wie eingangs bereits dargestellt, sind alle Loops nutzbar; es gibt keine reinen “Festplattenfüller”. Somit ist der Fundus beachtlich.
In Stylus sieht die Library-Übersicht (ausschnittsweise) folgendermaßen aus:

Und in Kontakt 4 kann ein Rack (ebenfalls ausschnittsweise) so aussehen:


Content
Die Library Kick Free Vol. 2 umfasst folgende Abteilungen, deren Namen zugleich eine gute Orientierung bei der Suche nach dem richtigen Sound bieten:
- Clicks
- Club (1&2)
- Detail und Glitch
- FX
- HiHat
- Layered
- Percusion
- Rough
- Tnal
- Tribal
Der Titel der Library ist genau genommen unvollständig, eigentlich müsste es heißen: “Kick and Snare Free”. Druck, der von unten kommt, und Snare-Knaller in den oberen Mitten sind folglich nicht das primäre Anliegen der Loops. Damit soundmäßig jedoch auch Bodenbildung betrieben werden kann ohne auf Fremdmaterial zurückgreifen zu müssen, hat SOR einen Kick-Bonus hinzugepackt. Soweit ist das sehr lobenswert, eine kleine Snare-Abteilung als weitere Zugabe wäre konsequenter gewesen. Dennoch gibt es keinen Grund für Enttäuschungen, denn einerseits wird wohl jeder User ein paar Snares auf seiner Festplatte haben, andererseits gibt es neben den Kicks zusätzliches Bonus Material: Jedem Pack liegt eine kleine Free-Samples-Abteilung anderer SOR-Libraries bei (und zum Antesten gibt es auch auf der eingangs zitierten Homepage freies Material).
Die FX Vol. 1 Library unterteilt sich in die Ordner Atmos, Backwards, Impacts, LFO Madness, OneShots, Percussive, Processed, Sweeps und Transmission. Auch hier gibt es (für den Samplerteil des Pakets) eine Orientierung durch die Namensgebung. Nicht so bei den (Rex-) Loops, die lediglich durchnumeriert sind.
Der Sound
Mit Kick Free Vol. 1 hat man in Windeseile einen komplexen Groove bis hin zu einem Arrangement zusammengebastelt, vor allem, wenn man innerhalb von Stylus arbeitet. GURU ist ein weiterer Kondidat, in den man die Loops prima laden und weiter verarbeiten kann – bei GURU gibt es – im Gegensatz zu Stylus – ein großes Arsenal an Manipulationsmöglichkeiten für jeden Slice, und soundmäßig passt GURU noch besser zu den Samples als Stylus.
Amtliche Club-Beats gehen sehr leicht von der Hand; fast ist diese Library zu gut, denn wer seine eigene Kreativität einmal schlummern lassen will, kann sich hier bestens bedienen. Der Sound ist frisch und prägnant. Das Bonus-Material sollte man nicht außen vor lassen, ganz im Gegenteil, die Bass-Drum Samples passen gut zu den Loops und liefern das benötigte Fundament. Warme Sounds wird man hier nicht finden, es geht eher sehr direkt, trocken, gelegentlich auch kratzig und harsch zu. Dabei hat der Sound etwas Puristisches, und wenn zuvor davon die Rede war, dass eigene Kreativität bei diesen bis ins Detail bestens vorgefertigten Loops nicht zwingend gefordert wird, so gilt dies nicht für die Klanggestaltung. Hier lohnt es sich, mit Kompressoren, EQs bzw. Filtern und auch mit Reverbs einzugreifen, was – wie eingangs dargestellt – ganz im Sinne des Erfinders ist.
Gleiches trifft auch auf die überwiegende Anzahl der Loops der FX Vol. 1 Library zu, die für Rhythmusanwendungen konzipiert und entsprechend “zerhackt” sind. Einen hübschen Kontrast hierzu bieten die Abteilungen Atmos, Backwards und Impacts, die man in einen Sampler lädt. Außergewöhnlich sind die Sounds der Abteilung LFO-Madness, die meiner Ansicht der Höhepunkt dieser Library sind. Ähnliches kenne ich nur von den Ueberschall “Analog FX”.
Da Klangmaterial jedoch mehr sagt als Worte, folgt hier ein Audiodemo, das ich in ca. 15 Minuten zusammengestellt habe – die Arbeit geht, wie bereits angedeutet, mit diesen Libraries leicht von der Hand. Die oben empfohlene Nachbearbeitung des Frequenzspektrums, Kompression oder Zugabe von Reverbs habe ich bewusst nicht vorgenommen, denn hier interessiert uns nur der Originalsound:
Das gefällt mir nicht
Im Gegensatz zu den dicken Plus-Punkten sind die beiden folgenden Minus-Punkte nicht schwerwiegend: Bei Kick Free Vol. 2 fehlen nicht nur die Kicks, sondern auch einige prägnante Snares. Diese gibt es auch nicht als Bonus, was ein wenig inkonsequent ist. Fertige Stylus-Ordner, die dem User die Arbeit des Konvertierens abnehmen, fehlen. Im Rahmen des gesamten Produktionsaufwands der Library wäre dies für den Hersteller nur ein kleiner Schritt gewesen.
Was neutral zu bewerten ist
Man sollte sich darüber klar sein, dass mit beiden Libraries soundmäßig ein ordentlich vorbereitetes und inspirierendes Basismaterial geliefert wird, das klanglich an das Arrangement angepasst werden will. Die Libraries sind auf Bedürfnisse von Produzenten zugeschnitten, die in der weiteren Bearbeitung flexibel bleiben wollen und keine fertig durchgestylten Beats benötigen.
Bei den One-Shot-Samples gibt es keine Velocity-Layer – zugegeben, speziell bei analogen Bass-Drums machen Velocity-Layer auch nur begrenzt Sinn. Wer den Machinegun-Effekt vermeiden oder einfach mehr Leben ins Spiel bringen will, findet abseits externer Plug-ins und deren Automationen innerhalb von Kontakt (oder dem betreffenden Sampler, in den er den Content lädt) ein Arsenal von MIDI-Learn-fähigen Tools.
Einige andere Produkte sind mit einem eigenen GUI ausgestattet, das zusätzliche Möglichkeiten bietet. Allerdings muss man fairerweise sagen, dass diese zum Teil in der nächsthöheren Preisklasse liegen.
Das gefällt mir
Mit beiden Libraries liefert Oliver Schmitt einen sehr guten Basis-Sound ab, der von hohem Engagement bei der Produktion zeugt und über einen eigenen Charakter verfügt: Hier werden keine fertig gestylten Sounds, sondern eher ein sehr direkt klingendes, mal knarziges, mal aggressives und häufig transientenreiches Material geliefert. Beim Arrangieren wird man zunächst Kicks und Snares hinzufügen und den beat damit definieren. Verwendet man mehrere Loops übereinander, wird es dem Gesamtsound gut tun, wenn man partiell die Höhen etwas beschneidet, mit einem Kompressor mehr Druck erzeugt und den sehr trockenen Sounds mittels Reverb etwas Räumlichkeit verleiht.
Im Gegensatz zu vielen anderen Libraries gibt es keine Ausrutscher: Alle Loops und Samples sind durchgängig sehr sorgfältig erstellt und das Ergebnis minutiöser Detailarbeit. Speziell Kick Free Vol. 2 deckt das mittlere bis hohe Frequenzspektrum ab. Die Bonus-Kicks ergänzen dieses Bild sehr gut. FX Vol. 1 ist ein breit angelegtes Kompendium an Effektsounds aller Art. Auch Vocal-Schnipsel, Geräuschhaftes, Percussives und eine Vielzahl von rhythmischen FX-Loops laden zu abendfüllenden Entdeckungsreisen ein. Die LFO-Variationen sind eine echte Bereicherung.
Die Preisgestaltung ist sehr fair und kundenfreundlich.
Vergleichskandidaten
Wer einen direkten, urwüchsigen Sound sucht und die Preisklasse von unter 50 Euro nicht verlassen will, liegt bei Kick Free Vol. 2 richtig. Wer bereits mit einem druckvollen, fertig abgemischten und in punkto Audioqualität spektakulären Sound starten will, und dafür auch mehr auszugeben bereit ist, sollte sich mit dem ILIO-Expander Bundle für Stylus RMX einen potenten Mitbewerber ansehen. Das Bundle, bestehend aus 4 Paketen, liegt derzeit bei 119 Euro; Kick Free Vol. 2 kostet aktuell unschlagbare 46,95 Euro.
Ähnlich sieht es bei FX Volume 1 aus: Mit 79,99 Euro ist dieses Paket ein Preisbrecher, ohne dass man soundmäßig Kompromisse eingehen müsste. Andere Mitbewerber mit teils exzellentem Klang und ausgewachsenem GUI mit Morphingfunktionen, sind einige Soundpacks aus der Library-Serie für den NI Kore-Player (ab 69 Euro). Um das Spektrum aus rhythmischen Loops und Ambiences / FX-Sounds abzudecken, benötigt man jedoch mehrere dieser Kore-Soundpacks.
In der vergleichsweise gehobenen Preisklasse finden sich außerdem die Ueberschall-Libraries Analog FX (79 Euro) und Astral Electro Flux (99 Euro) mit dem Loop-Eye-Player der Elastik Engine. Die Ueberschall-Libraries zeichnen sich durch eine erfreulich neutrale und dennoch hohe Klangqualität aus.
Holger Obst
