Tutorial: Vir2 Instruments Electri6ity

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Electri6ity ist von unserem Testautor, Markus Cremer, mit dem Redaktionstipp ausgezeichnet worden. Wer den Testbericht gelesen hat, weiß bereits viel über die zahlreichen Funktionen, die dieses Virtuelle Instrument bietet. Unser Tutorial soll zusätzliche Tipps geben, wie man das Beste aus dem Programm herausholt.

Electri6ity zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass man auch ohne einen tieferen Einstieg in die Architektur des Programms die Gitarren gut spielen kann. Nur wenige Key-Switches benötigt man, um mehr als brauchbare Ergebnisse für eine Begleitung oder ein Solo einzuspielen. Das Script auf Basis der Kontakt 4.1-Engine erledigt die wechselnde Anwahl von Samples, das Einfügen von Release-Varianten oder subtile Modifikationen des Legato-Spiels automatisch. Wer jedoch über diese Automatik hinaus insbesondere bei der Nacharbeit der eingespielten MIDI-Pattern ins Detail gehen will, trifft auf eine wahre Flut von einstellbaren und per MIDI-Controller modulierbaren Parameter, insbesondere im Settings-Menü. In diesem Tutorial, das sich in erster Linie an Einsteiger richtet, soll es nicht darum gehen, Stück für Stück ein Gitarrensolo à la Zappa (oder anderer Matadoren auf den elektrischen Sechs-Saitern) zu kreieren, hier geht es vielmehr um einen Überblick über die wichtigsten der Hintergrund-Funktionen und deren Bedienung im Detail.

Kapitel

  1. Installation
  2. Update
  3. Die Performance-Seite
  4. Key Switches
  5. Das Settings-Fenster
  6. CPU Last verringern
  7. Weitere Settings-Seiten
  8. Vibrato
  9. Verstärkte Gitarren: Einfaches Einsatzbeispiel für Repeat-Tasten
  10. Humanisierung und Timing
  11. Legato
  12. Eigene Keyswitch-Belegungen
  13. Memory Settings
  14. Schlußbemerkungen

1. Installation

Electri6ity benötigt die Kontakt 4.1 Engine; soweit diese noch nicht als Kontakt-Player oder als Vollversion des NI-Samplers auf Ihrem Rechner läuft, muss sie von der beiliegenden CD-ROM oder von der Vir2-Webpage heruntergeladen und installiert werden.

2. Update

Um in den vollen Genuß des Instruments zu kommen, empfiehlt sich dringend ein Update. Bei Veröffentlichung dieses Tutorials lag die Version 1.1. vor, die (zumindest auf unserem System) nicht über das NI-Service-Center angezeigt wird (der Update-Dialog des Service-Centers soll eigentlich alle verfügbaren neuen Versionen auflisten).

Hier findet man das Update als Download. Das Update wird manuell vorgenommen, indem man den Instruments-Ordner innerhalb des Library-Ordners von Electri6ity durch die neue Version ersetzt, ebenso den Multis-Ordner und die Dateien “Electri6ity_info.nkx” sowie “electri6ity_info.nkc.”. Auch wenn hier kaum etwas schieflaufen kann, ist es kein Fehler, sicherheitshalber die alten Dateien an einem anderen Ort zu archivieren anstatt dort, wo sie sind, durch die neuen zu überschreiben. Das Update bringt einige neue Funktionen (wie bereits im Test beschrieben), Verbesserungen (u. a. eine niedrigere CPU-Last) und Bug-Fixes.

3. Die Performance-Seite

Bevor wir uns mit der Amp-Emulation beschäftigen, laden wir das erste Modell aus der DI Abteilung, die ES 335. Sie beansprucht in der Vollversion ganze 680 MB Speicher. (Die anderen Gitarren liegen ebenfalls in diesem Größenbereich.) Das Startfenster sieht folgendermaßen aus:

Dazu gehört noch die virtuelle, bunte Tastatur am unteren Rand des Interfaces:

Wir kümmern uns erst einmal nicht um die Key-Switches, sondern spielen ein wenig auf der Tastatur. Sofort kommt Bewegung in die rätselhaften weißen Balken im Zentrum des Displays, und zwar speziell bei Morph AMT und bei Vibrato Strength. Nach den ersten Tastenanschlägen stellt man fest, dass durch die Velocity, synchron zur Bewegung des Morph-AMT-Balkens zwischen der abgedämpften Mute-Spielweise und einer offenen Saite überblendet wird. Mehr Power erhält der Sound, wenn man den zweiten Parameter, Morph VMT mit dem Modulationsrad steuert und dort auch den weißen Balken in die Höhe schiebt. Bei hohem Morph-VMT-Wert bleibt es bei dem velocityabhängigen Überblenden zwischen Mute und offen angeschlagenen Seiten, die “Zupfintensität” des Gitarristen nimmt jedoch zu, die Saiten werden härter angeschlagen und der Klang damit aggressiver. Da wir beim Spielen beide Hände (im Moment jedenfalls noch) frei haben wollen, passt es uns nicht, dass der wichtige Klangdesigner “Morph VMT” über das Modulationsrad gesteuert wird. Ein Fußpedal wäre für uns die bessere Wahl. Dazu klicken wir auf den schwarzen “Setup”-Button, sorgen dafür, dass der zweite Balken von links weiß ist (durch Anklicken desselben) und stellen den MIDI-Controller direkt darunter von CC1 (Modulation-Wheel) auf CC11 (Expression-Pedal).

Das war eine leichte Übung, die sich schnell vornehmen lässt. Trotzdem sei bereits hier darauf hingewiesen, dass eigene Gitarren-Konfigurationen abgespeichert werden sollten, wenn man später darauf zugreifen will, ohne mit der persönlichen Konfiguration der Parameter und Spielhilfen wieder von vorne beginnen zu müssen. Dazu klickt man oben in der Toolbar von Kontakt auf das Diskettensymbol und wählt anschließend “Save as” aus.

Anschließend gibt man den Namen ein, klickt auf “Patch only” und wählt einen passenden Speicherort. Das muss nicht unbedingt der Instrumentenordner von Electri6ity sein, obwohl sich dieser als erster anbietet. Kommt es aber später einmal zu einem weiteren manuell durchzuführenden Update (wie oben beschrieben), läuft man Gefahr, versehentlich die eigenen Instrumentenvarianten zu überschreiben.

4. Key-Switches

In der Zeile unterhalb der balkenförmigen Regleranzeige wird im Performance-Window per defaut die Belegung des Morph-AMT-Parameters angezeigt. Diese hängt von der gewählten Artikulation ab, womit wir bei den rot eingefärbten Tasten des virtuellen Keyboards wären. Um sich des gesamten Umfangs der Belegung mit Spiel- und Funktionstasten gewahr zu werden, muss man den Oktaven-Switch links neben der Tastaturdarstellung, bemühen. Funktionstasten gibt es nämlich nicht nur unterhalb des spielbaren Bereichs, sondern auch darüber. Einige Key-Switch-Tasten unterhalb von E1 sind doppelt belegt. Bei leichtem Anschlag erhält man Funktion 1, bei starkem Anschlag Funktion 2. B0, die erste rot eingefärbte Funktonstaste führt, soft eingespielt, dazu, dass Half-Muted-Samples wiedergegeben werden, bei hoher Velocity hingegen Sustain-Noten. Entsprechend ändert sich auch die Info-Zeile unterhalb der Block-Parameterregler. Ab G#0 schaltet man vom Poly- in den Mono-Modus; Legato-Spielweisen aktiviert man mit A#0. (Dazu am Ende des Tutorials mehr.) Hat man einmal G#0 gedrückt, werden auch die Artikulationen unterhalb, also ab B0 im Mono- bzw. Solo-Modus wiedergegeben. Will man zurück in den Poly-Modus, um Akkorde einzuspielen, so muss man vorher zurück in den Poly-Modus und beispielsweise F#0 drücken.

Spielt man im Poly-Modus mehrere Tasten gleichzeitig, wird ein Akkord erkannt. Ein echter Gitarrist spielt eine Akkordbegleitung mit Auf- und Abschlag (Up- & Downstroke), was zu unterschiedlichen Klangverläufen innerhalb des Akkords führt (die Reihenfolge, in der die Saiten angeschlagen werden, kehrt sich um). Mit den roten Key-Switches oberhalb des Spielbereichs der Tastatur kann man nun den Auf- und Abschlag eines Akkords, den man mit der linken Hand gegriffen hat, mit der rechten einspielen. F5 und F#5 spielen eine Sustain-Strum-Artikulation, G5 und G#5 das selbe half-muted, A5 und A#5 muted. Im folgenden Audiodemo hören Sie dieses Trio:

Oberhalb dieses Trios gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Key-Switches bis hin zu Akkordauflösungen, also Einzeltasten, mit denen die Noten des mit der linken Hand gegriffenen Akkordes aufgelöst gespielt werden können (alle weißen Tasten von E6 bis C7). Hiermit ist auch ein manuelles Strumming einspielbar.

Gehen wir noch einmal zurück zu den Key-Switches links zw. unterhalb des spielbaren Bereichs. Die grün eingefärbte Taste A-1 aktiviert den Release-Modus. Damit das Spielen mit den Key-Switches nicht zu einer zweiten Akrobatik der linken Hand wird, empfiehlt es sich, diesen Modus erst nach dem Setzen der Key-Switches für die Mute- bzw. Sustain-Samples zu aktivieren. Nicht selten wird man die Arbeit an den Releases erst nach dem Einspielen vornehmen. Live erledigt das Kontakt-Script die Auswahl an Release-Saples, um den Sound lebendig zu halten. Also: Im zweiten Aufnahmeduchgang nimmt man zu der zuvor eingspielten Passage einige Release-Befehle auf, indem man A-1 und anschließend eine (oder mehrere hintereinander) der Tasten von A#1 bis B0 drückt. Fingergeräusche, Schnarren der Saite am Bundstäbchen oder kurze Sides stehen in verschiedenen Varianten zur Auswahl. D0 “Release Hand Mute” ist (bei der ES 335) der deutlichste Release-Effekt. Um alles an die richtige Stelle zu bringen, geht man schließlich in den MIDI-Editor des Sequencers.

Neben roten, blauen und einer grünen Taste, deren Bedeutung wir inzwischen geklärt haben, gibt es von D-1 bis G#-1 noch gelbe Funktionstasten. Diese fügen Fret-Noises (Griffbrettquietschen) hinzu oder wiederholen die letzten im blauen Bereich gegriffenen Noten (als Mute-Artikulation).

5. Das Settings-Fenster

Hier kann Feinarbeit am eingespielten Riff oder Pattern geleistet werden, am besten nach der Basisaufnahme, denn es finden sich einige Parameter, deren Echtzeitberechnung sehr CPU-lastig ist.

Die Seite zeigt fünf Parameter, es sind aber einige mehr. Anstatt durch verschiedene Fenster zu steppen, hat sich Vir2 Instruments etwas anderes einfallen lassen: einen Regler links neben den Informationszeilen, mit dem man weiterblättert oder besser gesagt durch die Liste scrollt.

Die Parameter des String-Untermenüs

  • “Dynamic String Resonance” (hier wird das Mitschwingen nicht angeschlagener Saiten simuliert)
  • “Guitar Body Simulation” (die Klangeigenschaften des Gitarrenkorpus werden betont) und
  • “Dynamic Attack -> Pitch Drift” (womit man leichte Verstimmungen in das Klaggeschehen einbauen kann), wirken sich subtil aber realitätssteigernd auf den Sound aus.

Zu den einzelnen Settings-Parametern kann man mit dem Regler rechts neben dem Textfeld einen festen Wert zuweisen oder ihn über einen MIDI-Cotroller steuern (durch Klick auf das kleine scharze CC-Feld und Auswahl der Controllernummer). Hier ein Beispiel für den Pitch-Drift-Effekt, der sich, so CPU-lastig er auch zu Buche schlägt, als sehr dezente Modulation auszeichnet. In der Abbildung sehen Sie die Controller-Spur (CC1 habe ich zugewiesen):

6. CPU-Last verringern

Apropos CPU-Last: Für Live-Anwendungen, das Recording eingechlossen, empfiehlt es sich, die Buffer-Size so gering wie möglich zu halten, um Latenzen, also Zeitverzögerungen bei der Aufnahme und Wedergabe auf ein Minimum zu begrenzen. Spielt die Gitarre rein technisch bereits zwangsweise im Laid-Back-Stil, ist es kaum noch möglich, den Groove des Stückes beim Einspielen nachzuempfinden und umzusetzen. Für die, die mit der Buffer-Size noch nicht gearbeitet haben, sei daher hier kurz erläutert:

Die betreffenden Einstelungen finden sich im Audio-Setup-Bereich des Sequencers. Unter Cubase im Menü Geräte ->Geräte konfigurieren.

Anschliessend klickt man links in der Spalte unter VST-Audiosystem auf den Namen des Interfaces (in meinem Fall ein Motu 838mk2), zentral oben auf “Einstellungen” und wählt im sich öffnenden Dialog die passende Buffer-Size in Samples. Diese legt letztlich die Zeit (durch Eingabe eines Wertes in Samples) fest, die man dem Computer gewährt, um Audioprozesse zu berechnen. Je kleiner das Zeitfenster (je weniger Samples), desto mehr kommt die CPU ins Schwitzen.

Auch ein aktueller, leistungsstarker Rechner kann bei entsprechender Beanspruchung durch Instrumente und Effekte, die einen hohen Rechenaufwand einfordern, schnell an seine Grenzen stoßen. Für die Arbeit nach dem Einspielen ist eine höhere Latenz jedoch unproblematisch. Die Verzögerung in Millisekunden wird von Cubase ebenfalls angezeigt: Oben rechts neben dem Button “Einstellungen”. Allerdings berechnet Cubase diese Zeit nicht selbst, sondern verlässt sich auf die Vorgaben, die der Treiber des Interfaces liefert – und diese sind nicht immer ganz ehrlich. So trifft man gelegentlich auf Interfaces, die eine höhere Leistungsstärke und damit eine geringere Verzögerungszeit melden, als dies tatsächlich der Fall ist. Zum Glück sind dies Ausnahmen, und die Abweichungen bewegen sich in der Regel in einem Bereich bis zu 5 ms.

Nach Fertigstellung der Gitarrenspur kann man mit der Freeze-Funktion den Track “einfrieren” und CPU-Leistung freimachen.

7. Weitere Settings-Seiten

Zurück zur Settings-Seite, die noch mehr zu bieten hat: Bleiben wir noch kurz beim ersten, dem Strings-Menü: Dreht man den Wahlregler nach rechts, gelangt man zu Parametern, die es ermöglichen, die Grundlautstärke jeder Saite einstellen, luxuriöserweise sogar in Abhängigkeit von Velocity-Werten. Soll heißen: Die Anschlagsempfindlichkeit kann hier justiert werden. Gelegentlich kommt es vor, dass – je nach Akkord – eine Saite etwas dominant hervortritt. Bei der ES 335 ist das bei einigen Artikulationen die E-Seite. Im Settings-Menü bietet sich nun die Gelegenheit, diese Dominanz einzuschränken.

Bislang haben wir uns ausschließlich im “String”-Modus der Settings-Seite aufgehalten. Oben rechts neben “Settings” finden Sie ein Pulldown-Menü für weitere Parameterseiten:

Die Lage, in der auf dem Griffbrett gespielt wird, sucht Electri6ity automatisch. Über das Fretboard-Untermenü der Settings-Seite kann man hier jedoch eingreifen. Selbst wenn man es beim Auto-Modus belässt, kann man für diesen Preferenzen setzen: Bitte eher in tieferen oder in der tatsächlich eingespielten Lage wiedergeben. Die Engine denkt bei dieser halbautomatischen Lösung immer noch mit. Wie stark sie Ihren Wunsch berücksichtigt, lässt sich ebenfalls eingeben: Die Parameterpresets, die mit einem Plus- oder Doppelpluszeichen versehen sind, verleihen Ihren eigenen Vorstellungen stufenweise mehr Nachdruck. Fretboard-Positionen sind neben der Sustain-Spielweise auch für bestimmte Artikulationen separat einstellbar: Chucka-Chucka-Notes, Harmonics und Hand-Mutes.

Im Folgenden hören Sie eine C-Dur-Tonleiter in der Artikulation “Harmonics”. (Für Nicht-Gitarristen: Bei der “Harmonics-Spielweise” produzert der Gitarrist Obertöne, indem er die Saiten, ohne sie auf das Grifbrett herunterzudrücken durch leichtes Auflagen der Fingerkuppe genau oberhalb der Bundstäbchen “teilt”. Grundsätzlich kann die Saite auf diese Weise über jedem Bund (und darüber hinaus an jeder beliebigen Stelle) geteilt werden, doch musikalisch verwertbar sind bei dieser Technik nur die Bünde 2, 3, 4, 5, 7, 9 und 12 – zumindest beschränken sich die virtuellen Fret-Positionen von Electri6ity auf diese Bünde. Die Samples werden in diesem Fall intern nicht transponiert, daher können mit dieser Technik nicht alle Noten der C-Dur-Tonleiter reproduziert werden.)

Nun setzen wir den “Fret/Position/Artificial Harmonics”-Regler in Bewegung und erhalten folgendes Ergebnis:

Etwas weniger experimentell klingt es, wenn man sich auf eine Fret-Position beschränkt:

In welcher Lage unsere virtuelle Gitarre spielt, wird im Fretboard-Fenster, erreichbar über den gleichnamigen Reiter am unteren Rand des GUI, angezeigt.

Im Tone-Menü geht es mit der Feinarbeit am Sound weiter: Die Betonung der Sustain-Phase kann für die Spielweisen Poly, Solo, Legato und Muted eingestellt werden. Höhere Werte führen zu einem längeren Ausklingen des Sounds.

Bei Picking- und Strumming Sounds variiert der Gitarrist die Klangfarbe (speziell im Attack) mit der Haltung des Plectrums. Ob das Plektrum horizontal, mehr vertikal oder wechselnd gehalten wird, stellt man mit den Parametern “Tone/Strumming” und “Tone Picking” ein, die sich auf Strumming- bzw. Picking-Artikulationen beziehen.

Im folgenden Audiodemo hören Sie die Rhythmus-Gitare zunächst mit vertikalem Strumming (was einen härteren Saitenanschlag produziert), dann mit horizontalem Strumming (bei dem das Plectrum über die Saiten gleitet):

Wo wir gerade beim Strumming sind: dafür gibt es ein eigenes Submenü, und hier kann man wunderbar die Anschlagsweise der Saiten variieren. Wir gehen also ins Menü “Strumming”:

Dort beschäftigen wir uns zunächst mit den ersten beiden Parametern: den Strummings für Auf- und Abschläge. Per Rechtsklick auf den Regler weisen wir nacheinander beiden den selben MIDI-Controller zu. Doppeltbelegungen sind möglich.

Für unsere Akkordbegleitung stellen wir den nächsten Parameter “Strumming Speed Mode” auf “Abolute Time (per chord)”.

Nun spielen wir unsere Gitarre (unser MIDI-File) ab und regulieren das Strumming über den Hardware-MIDI-Controller. Das Ergebnis könnte sich beispielsweise so anhören:

Das Strumming von Up- und Downstrokes lässt sich bis ins Detail spezifizieren: Die Strumming-Energy-Parameter für den Up- und sollten standardmäßig auf Werte zwischen 50 und 75 % eingestellt werden. Die Parameter erscheinen am Ende der Strumming-Abteilung jenseits der 12-Uhr-Position des großen Wahlreglers:

Das Strumming lässt sich weiter spezifizieren: Mit Variationen der “Struming Angle” lässt sich der Anschlagswinkel während des Spiels verändern. Beim “echten” Strumming gleitet die Hand es Gitarristen nicht exakt horizontal über alle sechs Saiten, sodass die einzelnen Strings vom Plectrum in einem leicht abweichenden Winkel erwischt werden.

“Strum Range” begrenzt das Strumming auf eine Anzahl von Saiten. Über “Strumming/Strum Range/Auto-Variation” definiert man eine Abwechslung in der Anzahl der angeschlagenen Saiten. Mal sind es alle sechs, mal nur zwei, für den Upstroke oder für Up- und Downstroke. Settings mit einem Plus- oder Doppelpluszeichen erhöhen den Variantenreichtum bzw. führen zu häufigeren Wechseln bei der Anzahl der Saiten. Dieser Parameter eignet sich weniger für Balladen, eher für schnelle, härtere Gangarten und bringt dann eine punkmässige Wildheit in den Sound (die Punks hauten in ihren Gründerjahren ja bekanntlich ziemlich unbekümmert in die Saiten, da war es schick, wenn man nicht immer alle Drähte erwischte und ab und zu gingen auch mal ein oder zwei kaputt. Mit Electri6ity kann man das lebensnah nachbilden).

Auch die Anschlagsstärke darf als Bezugswert nicht fehlen, wenn es um das Stumming geht. Schließlich ist es bei den meisten Gitarristen so, dass sie im Eifer des Gefechts nicht nur lauter werden, sondern dabei auch schneller auf die Saiten einschlagen. Regulierbar ist das unter “Strumming/Velicity/Strum Speed” und gleich darunter auch für die Mutes:

Zur Abwechslung probieren wir im Folgenden die Stratocaster DI aus.

8. Vibrato

Was wäre ein Saiteninstrument ohne den Vibrato-Effekt? Auch für diesen gibt es bei Electri6ity eine ganze Reihe von Einstellungen. Auf der Performance-Seite finden sich gleich drei davon: Vibrato Type, Vibrato Strengh und Vibrato Speed (Modus, Stärke, Geschwindigkeit). Schiebt man den Vibtato-Type-Regler nach oben, werden die verschiedenen Modi der Reihe nach im Display angezeigt. Dabei handelt es sich um Fade-In-Varianten, bei denen das Vibrato eingeblendet wird, und um Instant-Versionen, bei denen das Vibrato sofort einsetzt.

Im Moment entscheiden wir uns für Typ 6: default/Instant. Um den Einsatz des Vibratos zu steuern, eignet sich Aftertouch. Die entsprechende Zuweisung erfolgt über die Settings Seite, Untermenü Vibrato: Den ersten Parameter “Vibrato/Control-Mode” setzen wir auf Aftertouch.

Zurück im Performance-Menü legen wir noch den Vibrato-Speed-Regler auf einen Hardware-Controller: Wir klicken auf “Setup”, dann auf den Vibrato-Speed-Balken und wählen im schwarz hinterlegten Feld neben CC den entsprechenden Controller. Anschließend klicken wir noch auf das Feld “Control Articulation Morphing by CC if an AMT Artculation is selected”, damit die Sache auch greift, wenn wir AMT-modulierte Artikulationen per Key-Switch auswählen.

Wir spielen probeweise einen Akkord und lösen das Vibrato per Aftertouch aus (hier mit dem Keyswitch D1):

Nun setzen wir den Controller ein und variieren die Geschwindigkeit des Vibratos.

9. Verstärkte Gitarren: Einfaches Einsatzbeispiel für Repeat-Tasten

Für den Rest des Tutorials wechseln wir zur Amped-Section: Dazu nehmen wir die Les Paul P90 aus dem AMPED-Odner:

Das folgende Audiodemo demonstriert ein 16-taktiges Gitarrenriff (bei 140 BPM), das auf sehr einfache Weise eingespielt wurde. Für die ersten 8 Takte habe ich die (AMT-) Artikulation Muted Hammer On genommen und den Keyswitch E0 an den Anfang des MIDI-Files gesetzt. Zu Beginn von Takt 9 wechselt die Artikulation zu Sustain-> Harmonics, Keyswitch D0. Da die meisten Noten einen hohen Velocity-Wert haben, werden fast ausschließlich die obertonreichen Harmonics getriggert, die der Gitarre mehr Biß verleihen.

Mit der rechten Hand habe ich die einfache Melodielinie gespielt, mit der linken (außerhalb der kurzen Läufe) die Repeat-Noten mit G#-1 getriggert. Eine Note dient als Auftakt bevor der Beat einsetzt. Hier die beiden Abschnitte des Cubase Key-Editors (in meinem Tutorial-Projekt läuft das Pattern von Takt 30 bis 47, was aber nicht weiter irritieren sollte):

Electri6ity bringt auch ein nicht zu unterschätzendes Effekt-Rack mit, erreichbar über den Karteireiter “Effekte” am unteren and des GUI. Neben dem Screamer und dem Amp/Speaker-Simulator gibt es (links in blau) einen Multi-Effekt. Aus dem Pulldown-Menü habe ich mir den Reverb ausgesucht, um der Gitarre etwas mehr Räumlichkeit zu verleihen.

Das Ergebnis hören Sie im folgenden Audiodemo:

10. Humanisierung und Timing

Die Gitarre hängt etwas durch und könnte ein wenig Humanisierung gebrauchen. Zu Letzterem gibt es im Settings-Menü eine Humanize-Abteilung. Mit den Parametern “Humanize/Velocity” und “Humanize/Timing/Sequencer only” bringt man ein wenig mehr Leben ins Spiel. Durch das Hinzufügen von Timing-Schwankungen rückt die gesamte Gitarrenspur jedoch noch weiter nach hinten, und zwar genau um den eingestellten Wert, der die Bandbreite der Schwankungen bzw. die maximale “Verspätung” einer Note beschreibt. Da ich hier 17 ms eingestellt habe, die Gitarre aber auch zuvor etwas hinter dem Beat zurücklag, setze ich zum Ausgleich für die Gitarrenspur im Inspector des MIDI-Tracks in Cubase einen Verschiebgung nach vorne um 25 ms ein.

Das Ganze hört sich jetzt so an:

Im vorliegenden Fall spiet die Gitarre nicht in verschiedenen Modi. Hat man aber eine komplexere Gitarrenspur mit Wechseln zwischen Solo, Poly und Legato-Mode angelegt, sollte man im Sequencer-Mixing-Betrieb im Menü Settings, Untermenü Calibration den zweiten Parameter in die Position “Sequencer (POY, SOLO, LEGATO) bewegen. Auch der darüber befindliche Wert, die Akkorderkennungszeit (Chord Detection Time) führt zu einer verzögerten Wiedergabe der Gitarrenspur, die man, wie oben beschrieben, um den entsprechenden Wert im Sequencer vorziehen muss.

Mehrere Operationen der beschriebenen Art summieren sich in ihrer Wirkung auf das Timing der Gitarre. Auf der Peformance-Seite wird der Wert, um den man die Spur vorziehen muss, angezeigt, wenn man dort in den Setup-Mode wechselt. Rechts neben dem Parameter-Blockdiagramm erscheint ein Textfeld, im vorliegenden Fall mit dem Hinweis: “Suggested Delay Compensation: -43 ms”. Diesen errechneten Wert muss man nicht genau einhalten. etwa +/- 15 ms um den Wert herum wird jedoch die optimale Lösung liegen, die schließlich nicht allein von der Zeit abhängt, die das virtuelle Instrument zusätzlich für die Berechnung benötigt, sondern in erster Linie vom Groove des Stückes, der durch ein minimales Abweichen der Gitarre vom rechnerisch exakten Timing eine zusätzliche subtile Unterstützung erhalten kann.

11. Legato

Um ein authentisch klingendes, fließendes Solo einzuspielen, ist der Legato-Mode eine große Hilfe. Bei überlappenden Noten wird die Attackphase der Folgenote unterdrückt. Den Legato-Mode erreicht man über den Keyswitch A#0.

Hier ein kurzes Beispiel für ein Solo, einmal mit, einmal ohne Legato-Mode:

Im Legato Mode berechnet im Hintergrund die Legato-Engine ein realitätsnahes Spiel mit Ghost-Notes, Releae Noises und anderen kleinen Variationen, so dass man sich eigentlich um nichts mehr kümmern braucht. Auf der Settings-Seite gibt es jedoch ein tief greifendes Legato-Menü für eine eigene Klanggestaltung:

Stellt man den ersten Regler im Rechtsanschlag auf “Tapping”, wird unser Legato-Spiel etwas obertonreicher. Der Parameter “Glue/Slides” sorgt dafür, dass auch bei überlappenden Noten etwas mehr von der Attackphase der zweiten und der Folgenoten übrig bleibt. Kurze Slides von einem Halbtonschritt bzw. von einem Bund zum nächsten können mit den Parametern “Legato/One-Fret-Slides” in Abhängigkeit von der Anschlagsstärke oder der Zeitspanne, die zwischen zwei Noten liegt oder einer Kombination aus beidem eingerichtet werden. Die Zeitspanne legt man einen Regler weiter unten fest mit “Legato/One Fret-Slides/Time Threshold”.

12. Eigene Keyswitch-Belegungen

Unter Settings, Submenü Keyswitches, können die Befehlstasten, von denen es eine Menge gibt, individuell angepasst werden. Über den Learn-Button sind Neuzuweisungen per Tastendruck schnell eingerichtet.

13. Memory-Settings

Wie zu Beginn des Tutorials vermerkt, ist der RAM-Bedarf der Vollversionen der jeweiligen Gitarren enorm hoch. Neben der Option, von vorne herein reduzierte Versionen aus der Library zu laden (nur Sustain- oder nur Sustain+Muted – Artikulationen) gibt es unter Settings, Submenü Memory weitere Möglichkeiten, nicht benutztes Samplematerial auszusortieren, indem man sich beispielsweise nur auf horizontales oder nur auf vertikales Picking beschränkt oder Hammer-On- und Pull-On- Artikulationen, Slide-Noises oder die Harmonics außen vor lässt. In der unten abgebildeten Kombination (ohne Hammer-Ons, Pull-Offs und Slides, nur mit horizontalem Picking aber mit Harmonics reduziert sich die Vollversion auf weniger als die Hälfte. Bei der Les Paul werden aus 690 MB vergleichsweise bescheidene 322 MB (bescheiden nur im internen Vergleich dieser Library). Die Freude über den Zugewinn an RAM währt aber nur kurz, denn Solo oder gar Legato-Spielweisen sind nun nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr realisierbar.

14. Schlußbemerkungen

Abschließend sei vermerkt, dass ein tiefer Einsteig in die Architektur von Electri6ity, begleitet von entsprechenden Eingriffen (Modulationszuweisungen bis zu Änderungen von Key-Switch-Tasten) auch zu unerwünschten Fehlfunktionen führen kann, die nicht unbedingt reproduzierbar sind – daher bleibt offen, ob es sich um Bedienfehler oder um Bugs handelt. Es kann daher nicht schaden, eine im Bau befindliche Eigenkonstruktion ab und zu abzuspeichern.

Damit bei der Wiedergabe die richtige(n) Artikulatione(n) getriggert werden, sollte man darauf achten, die Key-Switch-Befehle mit aufzunehmen. Den Key-Switch für die ersten Noten des Pattern setzt man ggfls. vor Beginn des Taktes.

Setzt man CPU-lastige Prozesse ein, wie beispielsweise die Berechnung von Saitenresonanzen oder den Pitch-Drift-Effekt, ist es für die weitere Arbeit am Arrangement unter Umständen hilfreich, wenn man die Gitarre nach deren Fertigstellung per Freeze-Funktion einfriert und damit CPU-Leistung freigibt.

Holger Obst

Systemvoraussetzungen Mac OS X

  • OSX 10.5 / 10.6
  • Intel Core Duo 1.66 GHz
  • Min. 4 GB RAM
  • 1GB freier Festplattenspeicher für die Player installation
  • zusätzlich 28GB Festplattenspeicher entsprechend der Library Grösse
  • Internet Verbindung zur Produktaktivierung (auf beliebigem Computer möglich)
  • DVD Laufwerk

Systemvoraussetzungen Windows

  • Windows XP (SP2) / Vista / Win7 (32/64 Bit)
  • Pentium oder Athlon XP 1.4 GHz
  • Min. 4 GB RAM
  • 1GB freier Festplattenspeicher für die Player installation
  • zusätzlich 28GB Festplattenspeicher entsprechend der Library Grösse
  • Internet Verbindung zur Produktaktivierung (auf beliebigem Computer möglich)
  • DVD Laufwerk

Preis

  • 349 EUR

Vertrieb

Hersteller

Mehr von

Autor: Holger Obst

Erste Studioerfahrung zu Zeiten von Atari und Steinberg Twenty-Four. Experimenteller Pop mit Ethno-Einflüssen. Veröffentlichungen bei Magnatune unter dem Namen The Headroom Project. Testautor seit 2006.

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