Weiterer Verfall der deutschen Musik-Kultur!

Was ist Musik? Ist alles Musik, was aus Tönen besteht? Wo liegen die Grenzen und insbesondere die, des so genannten guten Geschmacks? Gerade zu Beginn der Karnevalszeit stelle ich mir diese Frage fast jedes Jahr aufs Neue. Töröhh, Totalitäten, Narretei, Alaaf, Helau. Und nun der Oberhammer: “Ich hab ‘ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner, denn Döner macht schöner!” Solche Texte gehen ins Gehirn, graben sich dort fest und lassen die Menschen immer weiter verblöden. Als ich bei Katzenklo dachte: die Welt kann nicht mehr tiefer sinken, wurde ich seither mindestens tausend Mal eines Besseren belehrt.

Ja, ich bin für viele Späße zu haben, fühle mich im Herzen als Rheinländer und habe schon so manchen Karneval sprichwörtlich überlebt. “Eine Muh eine Mäh, eine Täterätätä!” So kling es dort aus allen Lautsprechern und die Gema-Kassen klingeln im Sekundentakt. Öffentlich Rechtliche und auch private Sender posaunen diesen Mist gemeinsam über die Kanäle in die Welt hinaus. Denn Spaß macht Kohle. Tiefgang fällt in den heutigen Zeit ganz schwer. Wer ernsthafte Musik, gar Jazz oder “experimenteels Zeuchs” konsumiert, ist eine Spaßbremse. Ein Spaßverderber!

Da stelle ich mir die Frage was ich sein möchte. Steht man zu weit im Abseits ist das ja auch nicht schön. Aber einfach alle Prinzipien über Bord schmeißen und rein in den Trubel ist auch nicht meine Welt. Spartenmusik hat´s schwer in diesen Zeiten. Keine Sau interessiert das. Und wenn schon Kultur, dann schon richtig. Vorrausgesetzt, Einschaltquoten sind nicht wichtig. Wenigstens ARTE hat die Zeichen der Zeit erkannt. Nicht alle Konsumenten erwarten Schwarzwald, Marienhof, Jimmy den Affen, Pfarrer Haumichblau oder die Jungfrau am Silbersee. Nein. es gibt sie wirklich noch: Menschen zwischen 30 und 50, die sich für interessante Musikprojekte und Kulturelles interessieren.

Als der normale 08/15 Konsument würde ich sagen: “Wen juckt´s? Ich mach mein Ding und der Rest der Welt kann mich einfach mal!”. Diese Einstellung ist eigentlich auch meine. Allerdings sehe ich dies aus der Sicht eines Musikers. Und deswegen bringen mich solche “Erfolge” der Schlager, Ballermann und Heimat-Pfutzis auf die Palme. Während man ein ganzes Jahr lang unentwegt nach neuen Sounds sucht, neue Melodien komponiert und damit Kämpft ein Konzept umzusetzen, produziert der Spaß/Schalger/Heimat-Komponist ein Album in einer Woche. Die Zutaten sind ganz einfach: Die gleichen Melodien, billigster Sound, hochpoliert mit Hallfahnen die in den 80ern mal modern waren. Sollte diesen Damen und Herren gerade mal überhaupt nichts einfallen, dann wird halt zum x-ten mal “Lapaloma Ohe” gecovert oder die Presets 1-10 des Arranger-Keyboards verwertet. Dabei bleiben die Texte natürlich auch immer auf dem gleichen schleimigen Niveau und künden nur von immer währender Liebe und dem Schmerz der Leidenschaft. Oder halt von der Zwiebel im Döner, die ja den Menschen, der sie auf dem Kopf trägt, schöner macht.

Ein paar kluge Köpfe haben mal geschrieben: Music for the Masses. Wenn das aber bedeutet in eine Spaßgesellschaft abzutauchen und zukünftig zwischen 00-Gang und Frühstück ein Album zu produzieren dass auch noch 1000sende Idioten kaufen, dann … Ja, was dann? Dann muss ich damit leben. Trotzdem bleibt: Ganz armes Deutschland!

Bernd Scholl

0 Kommentare

  1. Ich lese diesen Beitrag und in diesem Moment beginnt auf RTL “Bauer sucht Frau”. Ja… ich erkenne einen traurigen Zusammenhang… ;)

  2. Tja, ich gebe dir völlig Recht, Jörn.
    Leider kann man nicht jeden Musikgeschmack erklären oder verstehen. Und man muss aufpassen, dass man nicht als intolerant oder konservativ abgetan wird, wenn man nicht jeden Schund hört.
    In diesem Sinne: “Finger im Po, Mexiko!”

  3. Es gibt auch ein Weihnachtslied “Was macht die Pflaume am Weihnachtsbaume?” Kunst und Kommerz zusammen treiben seltsame Blüten. Inspiration ist leider nicht massenkompatibel. Für mich ist Musik eine Parallelwelt. Karneval auch.
    Für mein Begräbnis wünsche ich mir den Nahallamarsch.

  4. Also ich muss dir ja Recht geben, was du über den Verfall deutscher Musik-Kultur sagtest.. das steht stark in Zusammenhang damit, dass das Bildungsniveau durchschnittlich stark gesunken ist, denke ich..

    Kein halbwegs denkfähiger Mensch kann sich sowas reinziehen, Döner aufm Kopp, rotes Pferd und wie sie nicht alle heissen ;) Das hat nichts mit Musik und erst recht nix mit Humor zu tun, wie ich meine.

    Aber gegen Helge Schneider kann man doch wirklich Nichts sagen, erst Recht nicht, wenn man auf niveauvolle Musik steht. Er ist eine Autorität auf dem Gebiet Jazz und genießt weltweites Ansehen, hat auch schon mit den ganz Großen gejamt.

    Also ich persönlich mag Helge Schneider’s Humor, er amcht sich über niemanden lustig, sondern veräppelt sich selbst ;)

  5. Eins vorweg, mein Geschmack ist auch selten massenkompatibel. Allerdings stört mich das nicht und Musik, Kultur, Kunst sind nun mal Geschmacksache.
    Was karneval angeht, die Loveparade ist doch mindestens genauso sinnfrei und “Hyper hyper” ist als Message auch nicht besser als “Ich hab ‘ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner, denn Döner macht schöner”.

    Tommi Stumpf sagte mal in einem Interview sinngemäß, das er sich daran gewöhnt habe, das er zu 90% von Idioten umgeben sei. Nun ich würde in meinem Umfeld die Prozentzahl nicht ganz so hoch ansetzen, aber prinzipiell würde ich da nicht wiedersprechen. Trotzdem, man muß sich ja nicht der Massenverblödung hingeben.

    Wenn man auf Geld aus ist, sollte man sowieso jeden künstlerischen Anspruch vergessen und wer Kunst oder “ernsthafte Musik” machen will, dem sollte klar sein, das er damit nicht unbedingt massenkompatibel ist.

    Genau da bekomme ich dann auch beim lesen Bauchschmerzen. Es liest sich für mich so, als bekäme man als unverstandener Künstler der doch “ernsthafte Musik” macht, nicht genug Anerkennung und Geld. Wo man sich aber doch so viele Mühe macht und Herr Lehrer der Dieter nebenan, der schreibt dauernd ab und ist auch sonst doof, der hat die eins auf dem Zeugnis garnicht verdient und die vielen Millionen schon garnicht.

    Mir ist es sowas von egal ob gewisse einfach gestrickte Produktionen erfolgreich sind oder nicht. Sich darüber zu ärgern, heißt neidisch sein.
    Ein Chef de cuisine, jammert auch nicht darüber, das MacDonalds mehr Essen verkauft als er.

    PS.: “ernsthafte Musik” Die Unterscheidung zwischen E und U Musik geht mir schon bei der Gema auf den Senkel.

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