Das schrumpfende Studio: Hat die Hardware ausgedient?
Als der DAT-Recorder noch Freudensprünge auslöste
Noch Mitte bis Ende der 90er Jahre brauchte man einen ausgewachsenen Mixer mit mindestens 24, besser 32 Kanälen, eine Mehrspur-Bandmaschine oder einen Mehrspur Dat-Recorder, eine große Anzahl von Hardware-Klangerzeugern von der Beatbox bis zum Analogsynthie, dazu ein damals immer noch angesagtes DX-Modell von Yamaha und einen ausgewachsenen Sampler. Mixer, Racks, Expander und Synthesizer beherrschten das Bild des Studios.
Wer authentische und lebendig klingende akustische Instrumente simulieren wollte, fand eigentlich nur in der Yamaha VP/VL-Serie Klangerzeuger, die diesem Anspruch gerecht wurden und auf Physical Modeling setzten. Diese Synthesizer boten tatsächlich damals schon ausdrucksstarke Rock-Gitarren, diverse Bläser und Streicher und waren auch über Breath-Controller steuerbar. Sie waren ein wirklicher Meilenstein, mindestens so hoch zu bewerten wie seinerzeit der DX7, wollten allerdings erst einmal spiel- und programmiertechnisch beherrscht werden. Es ist jammerschade, dass dieser erfolgversprechende Ansatz vom Techno-Trend überrollt wurde und Yamaha das Physical Modeling seitdem nur stiefmütterlich verfolgt.
An leistungsstarken und rauscharmen Multieffekten boten sich einige 1-Zoll-Sony-Multieffektprozessoren (Sony DPS M7, R7, D7) an, die leider unter zu starker Hitzeentwick litten, sodass das Flüssigkristall-Display kaum noch lesbar war.
Roland bot mit dem RSS 10 einen 3D-Raumsimulator im Preisbereich von rund 4000.- Mark, Lexikon stieß mit der MPX-Reihe in den Mittelklasse-Homerecording-Sektor vor und bot zu einem überraschend günstigen Kurs einen musikalisch klingenden, wenngleich etwas rauen und nicht gerade rauscharmen Hall. Inzwischen gibt es ein ganzes Sortiment von Lexicon Halls als Software und vom Hersteller selbst.
Die meisten Multi-Effektgeräte in der Klasse unter 2000.- DM waren zwar Mitte der 90er zu eierlegenden Wolfsmilchsäuen mutiert und beherrschten auch spektakuläre Verfremdungen, forderten jedoch in der Regel einen Kompromiss ein, indem sie dem Klang Transparenz nahmen und den Rauschpegel nicht unwesentlich erhöhten. Ein einigermaßen gut klingender Mix erforderte unter diesen Umständen ein wohldosiertes Einsetzen der Mittel.
Kompromisslos gute Effekte waren immer noch die Domäne der Oberliga: Eventide war hier die erste Wahl. Auf den H3000 folgte der Eventide Orville. Dieser bot neben den Standards eine ganze Reihe einzigartiger Effekte und Effektketten in erstklassiger Audioqualität. Jede Plug-in Sammlung sah alt neben ihm aus. Er kostete 2005 immer noch rund 9000.- Mark und war sein Geld wert. Sein Ruhm reichte bis weit in die aufkommende Plug-in Ära, und wer ihn (oder den Nachfolger H8000FW) hat, setzt ihn heute noch gerne ein. Gut ausgesuchte Plug-ins können ihn heute jedoch in weiten Bereichen ersetzen.
