Kontrovers: Analoge Hardware oder genial emulierte Plug-ins? Wohin geht die Reise?

Auf releasetime haben wir uns in den letzten Jahren immer mehr auf Software spezialisiert. Und das hat einen guten Grund.

Die Software bekommen wir nämlich gratis als Testversion, die Hardware müssen wir nach dem Test wieder zurückschicken – und das fällt gelegentlich schwer.

Ich hoffe, Sie können mit diesem ehrlichen Statement umgehen – eigentlich ist es ja ein kleiner Fauxpas. Jedenfalls habe ich solch offene Worte noch auf keiner anderen Testseite gelesen.

Recording und Studiotechnik

Es gibt aber noch einen anderen Grund, denn wenn uns die Software keinen Spaß machen würde, würden wir unsere Zeit einfach mit etwas anderem verbringen und gar keine Tests schreiben.

Die Software klingt tatsächlich immer besser. Es macht Spaß, beim Testen tiefer in die Architektur einzudringen und Gestaltungsmöglichkeiten zu entdecken, die man sonst (wegen Lesefaulheit bei PDF-Manuals) übersehen würde. Egal ob es sich um Sample-Libraries mit modernem Sample-Management handelt oder gar um Sample-Modelling (wie jüngst bei dieser Viola HIER), um virtuell-analoge oder hybride Klangerzeuger – es wird viel geboten, was man in Form von Hardware-Synthesizer gar nicht erst findet. Auch bei den Plug-ins sind zunehmend leistungsstarke Kandidaten in allen Bereichen anzutreffen.

Da stellt sich die Frage: Wie viel Hardware braucht man überhaupt noch? Wie sieht es in den Studios weltweit aus? Packt man dort die altgediente, liebgewonnene aber leider auch wartungsintensive und stromfressende Konsole schon ein und stellt sie als Museumsstück im Foyer aus?

Macht es noch Sinn, in einen Kompressor zum Anfassen zu investieren – mit echten Röhren und Transistoren? Oder sind Edel-Emulationen wie der Tube Tech Channel von Softube oder frisch ausgepackte neue Software wie die Kompressoren von Positive Grid, bei denen man Bauteile per Mausklick austauschen kann, nicht ebenbürtig oder sogar überlegen?

Braucht man noch einen Aufnahmeraum für Gitarre und Bass mit Amp und Mikro, kompletter Verkabelung zum Regieraum oder ist es nicht viel einfacher und flexibler, die E-Saiter direkt in den Hi-Z-Eingang des Audiointerfaces einzustöpseln und mit der Amp/Speaker/FX-Simulation der persönlichen Wahl zu bearbeiten?

Puh – selbst die Surroundanlage, die sowieso im engen Homerecording-Studio kaum genügend Platz gehabt hätte, um sich soundmäßig zu entfalten, ist nicht mehr nötig: Ein guter Kopfhörer und eine 3D/Surroundsimulation von New Audio Technologies, IRCAM/Flux oder Waves öffnen virtuelle Räume, die besser klingen als eine mittelmäßige Home-Akustik.

Aber hoppla. Die Software wird zwar immer besser. Und ja, es gibt innovative Plug-ins wie etwa das Evolution Bundle von INA/Grm, Spaces, NI Molekular oder 2C Audio Kaleidoscope, für die man nie einen Hardware-Ersatz finden wird. Aber ist dieser Segen nicht zugleich ein schrecklicher Fluch? Bindet er den Musiker und Komponisten nicht an Maus und Bildschirm – in beinahe regungsloser Pose?

Trotz immer besserer Software kann man im Großen und Ganzen weltweit keine bahnbrechend neue Kreativitätswelle erkennen, wenn man im Netz auf der Suche nach inspirierender Musik ist – von Radio und TV ganz zu schweigen. Da gab es zu Zeiten technischen Notstands (aus heutiger Sicht) mehr Revolution. Ist der Abschied (nicht zuletzt aus Kostengründen) von der physischen Präsenz manch erprobter und hochwertiger Hardware nicht ein fataler Schritt in eine bunt schillernde digitale Wüste? Erweisen sich die Versprechungen genialer Software nicht leztztendlich als Fata-Morgana? Trocknet die Bewegungsarmut bei der Arbeit, die Bequemlichkeit des Presetwechsels und die Ablenkung durch eine hübsche Grafik auf Dauer nicht den Geist und die Kreativität aus?

Braucht der Mensch nicht doch zwischendurch etwas zum Anfassen, ja wäre es nicht vielleicht besser, wieder Strippen zu ziehen und um das Mischpult herum zu turnen? Soll man sich anstatt zehn guter Plug-ins nicht vielleicht doch lieber eine gute Hardware aus jeder Sparte zulegen – einen Kompressor, einen EQ, ein Effektgerät mit soliden Algorithmen und ein paar Synthies – Geräte, die nicht lizenziert werden müssen, keine Startprobeme haben, wenn der Dongle oder die Festplatte futsch ist und die auch garantiert jeden Betriebssystemwechsel des Rechners überstehen.

Es wird sehr, sehr spannend. Bleiben Sie dran. Und wenn es Sie reizt, können Sie vorweg schonmal den ein oder anderen Gedanken als Kommentar loswerden. Das bringt uns als Redaktion dann vielleicht noch mehr in Schwung und zu weiteren, neuen Ideen.

Holger Obst

(Grafik: Andreas Ecker, The Headroom Project)

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