Das schrumpfende Studio: Hat die Hardware ausgedient?

Der Kompressor im Ohr

Eigentlich ist es ja so: Wer richtig laut hören will, soll einfach seine Anlage entsprechend hoch aufdrehen. Falls Frau, Kind oder Nachbarn panisch reagieren, ist der Griff zum Kopfhörer eine Frieden stiftende Geste.

Das menschliche Ohr hat nämlich einen biologischen Kompressor eingebaut, und der wird als am natürlichsten klingend empfunden. Bei einem Konzert von Motörhead konnte man das ausprobieren.

Da fällt mir ein Konzert der Honeymoon-Killers in Köln im Luxor ein. Eine kleine Verwechslungskomodie. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie das interessiert, aber es passt zum Thema Kompression:
Also – damals, als ich noch auf der Suche nach non-konformer, genialischer Musik war, war ich recht angetan von den Honeymoon-Killers, einer belgisch-französischen Avanguarde Pop-Band mit viel unkonventionellen, humoristischen Ideen. Außerdem spielte bei denen ein Mitglied von Aqsak Maboul mit, meiner unangefochtenen Lieblingsband („Elf Tänze zum Bekämpfen der Migräne“, „Ein wenig vom Geist der Banditen“). Ich schaute mir das Plakat also gar nicht erst genau an, las nur begeistert „Honeymoon Killers“ und schleppte noch zwei Freunde mit nach Köln ins Luxor, denen ich ein unvergessliches musikalisches Erlebnis prophezeite – womit ich Recht behalten sollte. Ein Bekannter steckte mir noch ein paar Space-Cakes in die Tasche, mit der Empfehlung, diese mindestens eine Stunde vor Konzertbeginn zu konsumieren.

Im Luxor angekommen, machten sich drei wüst und extrem punkig aufgemachte, beängstigend angespannt wirkende aber immerhin noch als weibliche Mitmenschen erkennbare Personen daran, ihr Equipment auf die Bühne zu schleppen, teils ausgesprochen wuchtiges Gerät. Kräftig genug gebaut waren die Damen. Drums, Bass, Gitarre. Die Bassistin baute ein Mikrophon vor sich auf, welches sie später bei der Performance beinahe verschlucken würde, vermutlich um das Mikro gegen Feedback abzuschirmen.

Allein das Einstellen der Anlage war schon ein fiependes und kreischendes Martyrium. Vielleicht die Vorgruppe? Leider nein, es gab offenbar noch eine zweite Band mit dem Namen „Honeymoon Killers“, und diese wollten es allen Jungs und überhaupt dem Rest der Welt zeigen.

Die Mädels drehten ihre Anlage so weit auf, dass nicht nur das Zwerchfell, sondern sogar meine Schädeldecke vibrierte. Ich hätte es zuvor nicht für möglich gehalten, dass Schallwellen solch eine verheerende Wirkung entfalten können. Um mein Entsetzen komplett zu machen, begannen nun auch die Spaces Cakes zu wirken. Angstschweiß und dunkel aufsteigende Panik. Ich entschied mich für einen geordneten Rückzug, solang ich dazu noch in der Lage war.

Wir haben das Konzert dann draußen vor der Tür noch eine Weile weiter verfolgt. Die Killers haben es aber eigentlich richtig gemacht: Die verfügten nämlich, soweit ich das erkennen konnte, über keine Kompressoren, die ja in Anbetracht ihres Lautstärkepegels auch überflüssig gewesen wären.