Test: SPL De-Esser Modell 9629

Wenn es um eine professionelle Sprach- oder Gesangsaufnahme geht, ist ein De-Esser ein unverzichtbares Werkzeug. Die einzige Aufgabe dieses Spezialisten ist die Eliminierung von überbetonten Zischlauten. Mit dem zweikanaligen Auto-Dynamic-De-Esser bietet der deutsche Hersteller SPL (Sound Performance Laboratory) ein Gerät, dass sich von der Vielzahl der Mitbewerber durch eine besondere Technik abhebt.

Äußere Merkmale

DeEsser_front

Der SPL De-Esser beansprucht eine Höheneinheit eines 19-Zoll-Racks. Die schwarzblau marmorierte Frontpartie bietet mit jeweils einem Regler, drei Tastern und einer Pegelanzeige ein übersichtliches Bild. Alle Taster rasten sauber ein; die Hintergrundbeleuchtung gibt auch bei schwachen Bühnen-Lichtverhältnissen Auskunft über den Betriebszustand. Die beiden Regler sind dank Gummierung angenehm griffig und verfügen über eine feine Rasterung zur genauen Einstellung. Auch der Power-Schalter ist praktischer weise frontseitig angebracht.

Die Rückseite bietet XLR- und alternative Klinke- Ein- und Ausgänge, die alle sowohl symmetrisch als auch unsymmetrisch betrieben werden können. (Mono-Klinkenkabel werden also ebenso wie Stereo-Kabel akzeptiert.)

DeEsser_R

Hardware-De-Esser sind in der Regel Mono-Geräte, was in den meisten Fällen ausreicht – aber nicht immer. Als zweikanaliges Gerät eignet sich unser Testkandidat für die Simultanbearbeitung zweier Sänger/innen sowohl live aus auch im Studio, für die Nacharbeit an einer gedoppelten Stimme (zwei Monokanäle) in einem Rutsch oder für Stereo-Spuren.

Funktionsweise – Die Besonderheiten des SPL-De-Essers

Das Problem, welches mit einem De-Esser behandelt werden soll, sind stark hervortretende Zischlaute (S- und Z-Konsonanten), wie sie auch bei Verwendung guter Mikrofone und Pop-Schutz auftreten, insbesondere, wenn der/die Sänger/in frontal in das Mikrofon singt. Während man dies im Studio noch durch ein diszipliniertes Einsingen und eine entsprechend erhöhte Position des Mikrofons einschränken kann, sind die Zischlaute live nicht wirklich kontrollierbar. Aber auch im Studio möchte man sicher einen gelungenen Take nicht nochmals aufnehmen müssen, bloß, weil es an einer Stelle unangenehm zischt. Ein De-Esser sorgt dafür, dass es gar nicht dazu kommt – oder bügelt die unerwünschten Stellen nachträglich aus.

Ein herkömmlicher De-Esser arbeitet wie ein Kompressor, der die Lautstärke des hohen Frequenzbereichs, in dem die Zischlaute auftreten, unterdrückt. Dabei kommt ein Filter mit Glockencharakteristik zum Einsatz, welches notgedrungen auch die Frequenzen unterhalb und oberhalb des kritischen Bereichs erwischt und ebenfalls unterdrückt. In der Folge kommt es – je nach Intensität des De-Essers – zu leichten bis deutlichen Verfärbungen der Stimme, die sich im Extremfall wie ein Nuscheln anhören können. Darüber hinaus leidet die Dynamik des gesamten Signals, wenn: Die Gesangspassagen mit Zischlauten verlieren an Strahlkraft und Präsenz im Mix. Daher sucht man in der Praxis nach Kompromisslösungen: So viel De-Essing wie nötig, so wenig wie möglich: Das Resultat sind oft Rest-Zischer zugunsten einer noch einigermaßen natürlich klingenden Stimme. Wer es nicht so genau nimmt, kann damit vielleicht leben, doch gerade die Stimme ist das „Instrument“, welches uns am nächsten steht, den größten Teil der Aufmerksamkeit des Hörers bindet und am kritischsten wahrgenommen wird. Auch kleine Unsauberkeiten fallen hier auf.

Um die Nebenwirkungen konventioneller Kompressortechnik zu umgehen, hat SPL die ausgetretenen Pfade verlassen und setzt mit dem De-Esser auf eine „intelligente“ Technik: Ein Detektor stellt sich automatisch und in Echtzeit auf die kritischen Frequenzen ein und greift diese schmalbandig heraus: Die Nachbarfrequenzen sollen nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Um die durch den internen Detektor erkannten Störfrequenzen zu eliminieren, wird nur in diesem Bereich ein in der Phase umgekehrtes Originalsignal beigemischt. (Legt man zwei um 180 Grad phasenverschobene Wellenformen übereinander, so löschen sie sich gegenseitig aus.) Es kommt also weder ein breitbandiges Filter noch ein Kompressor zum Einsatz – die oben beschriebenen Verfärbungen und Dynamik-Artefakte sollen ausbleiben. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass der Detektor das einkommende Signal permanent nach Zischfrequenzen untersucht und sich laufend den sich verändernden Störfrequenzen anpasst. Ein schwieriges manuelles Nachregulieren der Zielfrequenz des De-Essings ist also nicht erforderlich.

Der SPL De-Esser in der Praxis

Von der Theorie her klingt die SPL-Methode plausibel, und man fragt sich, warum nicht alle De-Esser so arbeiten. Aber wie sieht es in der Praxis aus?
Die Bedienung ist denkbar einfach: Über den Taster „Activate“ schaltet man die De-Esser-Funktion ein und aus. Hierdurch hat man einen guten Vergleich zwischen bearbeitetem und unbearbeitetem Signal. Über den Taster „Male/Female“ wählt man die Voreinstellung für weibliche oder männliche Stimmen. Mit „S-Reduction“ bestimmt man die Stärke der Unterdrückung der Zischlaute von 0 bis zu -20 dB in einer Auflösung von 2 dB. Der Regler ist entsprechend gerastert. Mit dem Taster „Auto Threshold“ wird die Stärke des De-Essings auch bei schwankender Lautstärke des Gesangs automatisch beibehalten – vor allem im Live-Einsatz eine feine Sache, wenn der/die Sänger/in im Eifer des Gefechts in unterschiedlichen Abständen zum Mikrofon einsingt. Nicht zuletzt gibt die Pegelanzeige aus einer 10-Segment-LED-Kette eine optische Rückmeldung zur Stärke des De-Essings (Pegelreduzierung).

Bei unseren Audiodemos geht es um die Bearbeitung einer Gesangspassage „Now, I´m sittin´ here chained at this chair“. Neben dem scharfen S zu Beginn von Sittin´ ist auch „chained“ und „chair “ etwas stark betont – wenngleich es sich hier nicht um klassische Zischlaute handelt. Zunächst das Original:

 

Und nun mit einer moderaten Bearbeitung durch den SPL-Deesser:

 

Das sollte ausreichen. Der natürliche Charakter der Stimme bleibt erhalten, und es tritt erwartungsgemäß kein Kompressionseffekt auf. Zugleich werden auch die kritischen Stellen bei „Chained“ und „Chair“ subtil entschärft. Die Reduktionsanzeige bestätigt, dass der De-Esser auch hier eingreift.

Um zu Testen, ob auch bei Extremeinstellungen keine der oben beschriebenen Nebenwirkungen konventioneller De-Esser auftreten, hier ein Versuch mit maximaler S-Reduction:

 

Jeder herkömmliche De-Esser hätte spätestens jetzt unbrauchbare Ergebnisse mit unerwünschten Stimmverfremdungen produziert. Beim SPL-De-Esser bleiben diese aus.

Um den Unterschied zwischen konventioneller und SPL-Technik herauszuarbeiten, hier im Vergleich ein Soft-De-Esser:

 

Zwar kommt es nicht zum Nuscheln oder Lispeln, doch sobald der De-Esser greift, verliert die Stimme an Transparenz. „Chained“ und „Chair“ werden im Gegensatz zum SPL-De-Esser genauso stark unterdrückt wie das S bei „Sittin´“ – zuviel des Guten.

Im Normalfall wird man hinter dem De-Esser einen Kompressor einsetzen, um der Stimme mehr Durchsetzungskraft zu verleihen. Der Kompressor verstärkt dabei die Kompressionseffekte konventioneller De-Esser. Zur Verdeutlichung hier unser Testkandidat …

 

… und anschließend der Soft-De-Esser, jeweils mit nachgeschalteter Stimmenbearbeitung durch einen Kompressor (in unserem Fall dem LA2A für die UAD):

 

Beim Einsatz des SPL De-Essers bleibt die Stimme natürlich, während der Soft-De-Esser mit virtueller Kompressionstechnik zusammen eine unerwünschte Wellenbewegung in die Dynamik bringt und nicht zuletzt muffiger klingt.

Fazit

Der SPL De-Esser ist ein einwandfrei verarbeitetes, robustes und damit auch für den langjährigen Live-Gebrauch ausgelegtes Stück Hardware. Die von SPL entwickelte Alternative zur konventionellen Kompressortechnik liefert deutlich bessere, natürlich klingende Ergebnisse: Die Idee, schmalbandig die störenden Zischfrequenzen durch Phaseninvertierung herunter zu regeln ist genial und funktioniert bestens. Kein anderer mir bekannter De-Esser arbeitet derart unauffällig und gleichermaßen effektiv wie musikalisch. Im Zweikanal-Doppelpack ist man für alle Anwendungszwecke gewappnet. Der Preis ist angemessen. Wer Wert auf eine hohe Qualität bei der Gesangsbearbeitung legt, sollte sich dieses Gerät näher ansehen.

Hinweis: Die beschriebene De-Esser Technik kommt auch in den SPL Channel-Strips Frontliner, Channel One und Track One zum Einsatz. Zudem gibt es alternativ noch einen einkanaligen Dual-Band-De-Esser, der über zwei unabhängige De-Essing-Bänder (Low und High) verfügt.

Top Product Award

Holger Obst

Preis

  • ca. 550 Euro Straßenpreis

Hersteller

One Comment

Add a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *