Test: Chris Hein Chromatic Harmonica

Nachdem zuletzt die Chris Hein Horns ein Update erfahren haben, geht es in diesem Test um den aktuellen Neuzugang: Die über vier Oktaven spielbare Chris Hein Chromatic Harmonica ist als separates Einzelinstrument erhältlich.

Bereits auf den ersten Blick ist erkennbar, dass es sich dabei nicht einfach um eine weitere Mundharmonka handelt, von denen ja seit Beginn des Samplings einige Exemplare erschienen sind. Mehr als 7.000 Samples, 14 Artikulationen, eine detaillierte dynamische Auflösung mit bis zu 8-Velocity-Layern (bei den meisten Artikulationen sind es 6 Layer) sowie ein fortgeschrittenes Sample-Management und eine umfangreiche Ausstattung stellen beeindruckende Eckwerte dar, die die Mitbewerber bereits auf die Plätze verweisen. Fragt sich nur: Funktioniert diese aufwändige Sample-Technologie auch in der Praxis? Ist die Bedienung der Harmonica beherrschbar? Stimmt die Audioqualität? Wir kommen im Verlauf dieses Tests genau zu diesen Punkten.

Besonderheiten

Zu der aufwändigen Produktion der Harmonica gehört auch das phasengetreue Überblenden der dynamisch mit bis zu acht Layern gestaffelten Samples. Um klangverfärbende Phasenauslöschungen beim Crossfade zu umgehen wurden die in einem schalltoten Raum aufgenommenen Samples der Mundharmonika in tonale und geräuschhafte Anteile zerlegt. Dadurch wurden nicht nur saubere Überblendungen möglich: Über den Parameter Noise können nun beide Klanganteile gemischt werden.

Bevor man aber in das Editieren einsteigt, sind über die Steuertasten A-1 bis Ais1 fertige Konfigurationen diverser Spielweisen abrufbar, sodass man auch ohne eigenes Basteln einen umfangreichen Fundus an Ausdrucksmöglichkeiten vorfindet.

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Systemvoraussetzungen und Installation

Die Chromatic Harmonica benötigt die Vollversion von Kontakt 5.2 als Player und ist damit plattformübergreifend in den gängigen Plug-In-Formaten einsatzbereit. Gestartet wird sie allerdings nicht über ein schickes Icon im Library-Bowser von Kontakt (wie das bei den anderen Chris-Hein-Libraries der Fall ist), sondern etwas schlichter über den File-Browser.

Wer sich anstelle des Downloads für die Box-Version entscheidet, wird unter Umständen die Erfahrung machen, dass die Harmonica trotz Befolgen der (einfach verständlichen) Installationsanleitung nicht funktioniert. Grund ist nach Angabe von Best Service ein Fehler auf der DVD. Daher kommt man nicht um ein Herunterladen des rund 3,8 GB schweren Paketes herum – dann funktioniert es.

Erster Eindruck

Zur Wahl steht ein zentrales Kontakt-Instrument, die „Harmonica Full“. Welche Samples aus dem 3,8 GB Fundus abgerufen werden, entscheidet sich über die Konfiguration und Wahl der Artikulationen mittels Key-Switches.

Die Bedienung des Instruments geschieht über mehrere Fenster. Per default startet das Instrument in der Small View. Ein Klick auf den „open“-Button ermöglicht erste Eingriffe in das Spielverhalten.

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Hier wird zunächst die aktuelle Anschlagsstärke angezeigt und welcher der Layer getriggert wird. Die anschlagsdynamische Spanne, in der die Samples überblendet werden, kann mittels X-Fade eingestellt werden. Darunter befinden sich die wichtigsten Steuerregler für das Vibrato: Stärke und Geschwindigkeit. Sowohl X-Fade als auch die Vibratoregler können per Rechtsklick midifiziert (d. h.: per Lerndialog einem externen MIDI-Controller zugewiesen) werden.

Vibrato-Optionen

Schauen wir uns das Vibrato genauer an: Für dessen Feineinstellung gibt es ein eigenes Menü, welches man über den Button rechts unter dem Hauptfenster erreicht:

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Zur Wahl steht ein LFO-Vibrato, mit den Standard-Wellenformen Sinus, Dreieck, Sägezahn sowie zwei Rechteckwellen mit unterschiedlicher Pulsbreite, welche nicht nur auf die Lautstärke, sondern auch (dezent) auf die Tonhöhe und die Klangfarbe (mittels EQ) einwirken können. Auch hier sind alle Schieberegler midifizierbar. Mit dem LFO-Vibrato lässt sich so ein ausdrucksstarkes, differenziertes und nicht mechanisch wirkendes Spiel erreichen, wenn man etwa das LFO-Tempo und die LFO-Stärke über zwei Kontroller gleichzeitig, idealerweise über ein XY-Pad moduliert.

Neben dem LFO-Vibrato gibt es ein Auto-Vibrato, bei dem über hochauflösende, grafisch zeichenbare Steuerkurven ein bewechslungsreicher Verlauf vorgegeben werden kann, der in der Praxis das Spiel mit einem dezenten Facettenreichtum unterstützt und sehr natürlich klingen läßt. Hier ist eine zusätzliche Steuerung über Controller nicht vorgesehen und auch nicht notwendig.

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Eine weitere Vibtaro-Option funktioniert rein manuell über Hot-Keys. Dazu später mehr.

Klangeindrücke

 

Die Harmonica spielt hier ausschließlich in einer Sustain-Artikulation. Wie eingangs erwähnt bietet das Instrument jedoch eine große Anzahl weiterer Spielweisen, die von A0 bis Ais1 über Key-Switches und Hot-Keys angewählt werden können. Um alle Optionen im direkten Zugriff zu haben, empfiehlt sich die Verwendung einer 88er-Tastatur. Eine Übersicht und Einstellmöglichkeiten für Key-Switches und Hot-Keys findet sich auf der Basics-Menüseite:

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Artikulationswechsel und Modulationen über Key-Switches und Hot-Keys

Die Auswahl an Artikulationen und deren differenzierte Konfiguration ist ausgesprochen üppig. Es stehen mehrere fein differenzierte Sustain-Spielweisen, teils mit unterschiedlichen Vibrato-Einstellungen zur Verfügung, ergänzt durch Staccato, Falls und Runs. Während die klassischen Key-Switches einen kompletten Artikulationswechsel auslösen, dienen die zusätzlichen Hot-Keys der jeweils gespielten Note (bzw. Folgenote). Die Hot-Keys Blow und Attack modifizieren die Einschwingphase der anschließend gespielten Note, die Falls beziehen sich auf das Ending der aktuell gespielten Note. Das Dämpfen der Mundharmonika mit der Hand kann mittels Hot-Key eingespielt werden …

 

Allerdings traten hier vereinzelt kurze Klicks als unerwünschte Nebengeräusche auf.

Ausgesprochen trickreich ist das Key-Vibrato (up und down). Per Hot-Key lässt sich eine dezente Tonhöhenmodulation der aktuell gespielten Note aufprägen. Die Einstellmöglichkeiten haben es in sich: Lautstärke, Tonhöhe und Equalizing können genau dosiert werden.

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Die Stärke des Vibratos hängt von der Anschlagsdynamik ab, mit der der Hot-Key gespielt wird. Hier ein betont ungleichmäßig per Hot-Key eingespieltes Vibrato (ohne weiteren Artikulationswechsel, d. h. ausschließlich mit einer Standard-Sustain-Spielweise):

 

Um die Funktion dieses Hot-Keys ganz klar zu machen: Man spielt mit der rechten Hand ein Solo, mit der linken steuert man per Hot-Key das Vibrato. Das Anschlagen des Vibrato-Hot-Keys selbst löst keine Note aus, sondern dient der Modulation der mit der rechten Hand gespielten Noten.

Kommen wir zu den vorprogrammierten Key-Switches: Hier finden sich unter anderem auch fertige Spielweisen mit Vibrato, etwa das Mouth- und Handvibrato. Letzteres bewirkt durch den Einsatz der Hand einen gedämpften Klang; hier beide Artikulationen im Vergleich:

 

Die Artikulationen Sustain Expressive Medium und Short eignen sich, um Akzente zu setzen bzw. für einen etwas stärkeren Klang mit Betonung der Attack-Phase. Hier zusammen mit der Artikulation Bending:

 

Staccato und Expresso Short mit Bending beim Akkordwechsel:

 

Auch feinste Details bzw. Ungenauigkeiten beim Einspielen werden genau abgebildet. Das macht die Sache lebendig und authentisch.

Für weitere Colorierung sorgt die Artikulation Blow, die ebenso wie Harmonize über Hot-Keys der gewählten Spielweise hinzugefügt wird. Blow liefert dabei ein prägnantes Anblasgeräusch, Harmonize eine zusätzliche Oktavlage. Mit harmonize spielt also ein Mundharmonica Duo.

 

Über Blow, Air und Noise lasen sich abseits der Key-Switches und Hot-Keys per midifizierbaren Reglern zusätzliche Nebengeräusche einfügen. Das reicht bis zu Verfremdungen.

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Die Mundharmonika klingt nun wie eine scharf angeblasene, metallische Panflöte:

 

Weitere Verfremdungsmöglichkeiten bietet die einfache aber wirkungsvolle Transienten-Abteilung. Hier kann der Attack weiter herausgearbeitet werden:

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Eine Modulation dieser Effekte muß nicht unbedingt über MIDI-Controller erfolgen: Sehr schön ist, dass man den diversen Sustain-Artikulationen, die über Key-Switches separat abgerufen werden können, unterschiedliche Einstellungen und damit sehr unterschiedliche Klangfarben zuweisen und diese dann im Wechsel einsetzen kann.

Legato

Nicht zuletzt verfügt die Chromatic Harmonica auch über eine differenziert einstellbare Legato-Abteilung:

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Das gebundene Spiel und die Notenübergänge können hier bis ins Detail eingestellt werden: Einsatz und Übergangszeit für Ein- und Ausblenden sowie die Tonhöhenverstimmung der beim Legato beteiligten Noten. Die Einstellbereiche sind weit gefasst und können auch zur Verfremdung verwendet werden: Machen Sie aus der Mundharmonica ein Art Dudelsack.

Schaltet man den Glide-Mode ein, so wird zwischen gebunden gespielten Noten ein automatischer Lauf generiert, der wahlweise chromatisch oder in Dur, Moll bzw. pentatonisch gespielt wird. Die Dauer des Laufs und die Anzahl der gespielten Zwischennoten kann vorgegeben werden.

Nicht zuletzt bietet die Settings-Seite eine Anpassung der Anschlagsdynamik (von exponentiell bis logarithmisch), eine Anpassung der Lautstärke der Release-Samples, eine generelle Hüllkurve sowie eine Verbreiterung des Mundharmonika-Solisten bis zu einem Sextett. Die Verteilung der geklonten Spieler auf die Stereobreite sowie der Grad der Verstimmung kann eingestellt werde, sodass sich ein breiter, extrem druckvoller Klang aufbaut. Fünf Spieler fordern allerdings auch eine gehörige Portion Rechenleistung ein. Wer diese mit niedriger Latenz in Echtzeit spielen lassen will, braucht einen aktuellen, schnellen Rechner. In den meisten Fällen wird man die Mundharmonica jedoch als Solist auftreten lassen. Dann gibt sie sich genügsam und wird auch betagtere Rechner nicht aus der Puste bringen – und schließlich kann man die zusätzlichen Klone ja auch erst beim Abmischen hinzufügen und dann die Latenz entsprechend erhöhen.

Eine umfangreiche Zugabe bilden auch die nachgeschalteten DSP-Effekte …

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… die vor allem nützlich sein können, wenn man die Harmonica live im Standalone-Betrieb von Kontakt einsetzt. Ebenso wie die Settings-Parameter wirken auch die DSP-Effekte global, d. h. im Gegensatz zu den Einstellungen für Legato, Vibrato oder Glide nicht Key-Switch-bezogen.

Audioqualität und Spielbarkeit

Die Qualität der Samples ist exzellent. Nicht zuletzt dürfte auch die penible Vermeidung von Phasenauslöschungen zu diesem unter den gesampelten Mundharmonicas einzigartigen Klang beitragen . Die trocken aufgenommene Mundharmonica klingt lupenrein und – obwohl sie ohne Raumanteile auskommt – niemals dünn, sondern sehr nah, intim, dynamisch und forte bis fortissimo sehr durchsetzungsfähig – wichtig etwa, wenn sie zusammen mit einer verzerrten Gitarre rocken soll.

Die Samples können problemlos mit externem Hall, Echo oder anderen Effekten bearbeitet werden, ohne dass sich unnatürlich verschiedene Raumanteile mischen. Die eingebauten IR-Raumoptionen sind übrigens gut auf das Instrument zugeschnitten und sollten nicht einfach links liegen gelassen werden.

Diese Harmonica zu spielen macht wahre Freude. Dafür sorgt nicht nur der naturnahe, authentische Klang, sondern auch die umfangreiche Ausstattung mit Spielweisen und Modulationsmöglichkeiten (auf Samplebasis).

Die Bedienung geht leicht von der Hand. Auch wenn eigenes Editieren nicht unbedingt erforderlich ist – es gibt eine Menge von fertigen Spielweisen – es lohnt sich, noch tiefer in die Welt der Chromatic Harmonica einzusteigen. Es eröffnet sich samplebasiertes Kangdesign bis hin zu Verfremdungen und Harmonica-Mutationen.

Fazit

Die Chris Hein Chromatic Harmonica schließt in puncto Qualität und Austattung lückenlos an die Vorgängerprodukte an und verdient rundum nur Bestnoten. Die Audioqualität und die Präsenz dieser über vier Oktaven spielbaren, chromatischen Mundharmonica ist allen mir bekannten Mitbewerbern deutlich überlegen. Die Vielfalt an Spielweisen, die ausgefeilten Legato- und Vibrato-Optionen, die Gestaltungsoptionen der charakteristischen Einschwingphase durch Blow- und Attack-Spielweisen setzen neue Maßstäbe.

Trotz umfassenden Editiermöglichkeiten bleibt die Bedienung übersichtlich und leicht erlernbar. Wenn überhaupt nötig, hilft hier das deutschsprachige PDF-Handbuch. Obwohl es eine Reihe von voreingestellten Konfigurationen gibt, die über Key-Switches anwählbar sind, lohnt sich der Einstieg ins Editieren – hier geht es bis hin zum Klangdesign und experimentellen Verfremdungen. Diese Mundharmonica kann sowohl lieblich-bluesig gespielt werden als auch zu einem druckvollen, Blechbläsern ähnlichen Ensemble mutieren. Ein Instrument der Sonderklasse zu einem ausgesprochen günstigen Preis.

Top Product Award Best Value Award

 

 

Holger Obst

Plus

  • Exzellente Audio-Qualität
  • Natürlicher, ausdrucksstarker Klang
  • Einzigartiger Reichtum an Spielweisen
  • Differenzierte Einstellungen für Vibrato und Legato
  • Dank übersichtlicher Architektur vergleichsweise einfache Bedienung
  • Preis

Minus

  • Ohne jeden Tadel

Preis

  • 129 Euro
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