Das schrumpfende Studio: Hat die Hardware ausgedient?


Die Basis – Rechner, Klaviertasten, ein Horn und der Sequencer

Ein schneller Rechner, ein gut ausgestatteter Host-Sequencer, zwei große Computermonitore, ein oder mehr gute Mikros, ein den Erfordernissen angepasstes Audio-Interface und eine gute Abhöranlage. Auch daran sollte man nicht sparen und schon gar nicht Hifi-Boxen aufstellen. Die passenden Monitore kann man sich nur beim Probehören wirklich treffsicher aussuchen. Testberichte bieten allenfalls eine Orientierung und technischen Hintergrund. In Tests werden Monitore, allgemein betrachtet nicht zu unrecht, hoch gelobt, die in Ihren Ohren möglicherweise völlig unbrauchbar klingen und mit denen Sie trotz des gepriesenen Markennamens keine Freude haben werden. Das gleiche gilt für Kopfhörer.

Wenn Sie von Haus aus Pianist sind, brauchen Sie eine wirklich gute Klaviatur. Ein unübertroffenes Preis-Leistungs-Verhältnis bietet meines Erachtens das Kawai VCP1 – leider kommt es abgesehen von dem Pedal-Trio ohne jegliche Controller. Deshalb benötigen Sie in diesem Fall zusätzlich noch ein Controller Keyboard. Alternativ ist auch das Lachnit Mk22 ein Traum – der allerdings ein größeres Loch im Klingelbeutel hinterlässt. Hier kann man sogar das Chassis mit eigenen Grafiken bedrucken lassen. Aufgrund ihres hohen Gewichts macht es bei beiden Klaviaturen wenig Freude, sie auf die Bühne zu schleppen.

Nicht-Pianisten brauchen keine Hammermechanik! Ein gutes Controller-Keyboard reicht. Empfehlenswert sind beispielsweise Modelle von Akai und Korg, bitte mit 88 Tasten, wenn Sie Sample-Libraries verwenden wollen, die über Keyswitches verfügen. Auch Arturia und M-Audio haben gute Modelle im Programm, nicht selten mit interessanten Klangerzeugern im Beipack. Die noch recht junge aber vielversprechende Native Instruments Kontrol – Serie wartet ebenfalls mit einem rekordverdächtigen Beipack von Soundlibraries auf. Addiert man die Einzelpreise der Software, kommt man (wenn ich mich nicht verrechnet habe) bei den Kontrol-Keyboards auf Beträge, die die tatsächlichen Anschaffungskosten der Software (als einzelne Libraries) übersteigen. Jeder, der ein bisschen Anspruch an ein pianistisches Feeling hat, sollte die Hände von der Superbillig-Liga lassen: Hier tummeln sich sowohl klapprige als auch gummimäßig zäh bespielbare Exemplare.

Apropos Gummi: Wer es mal ganz anders haben und ein völlig neues Spielgefühl unter den Fingerspitzen fühlen möchte, sollte das kürzlich erschienene Seaboard Rise antesten. Man taucht in die dicken Silikontasten förmlich ein, massiert diese und moduliert dabei den Sound auf mehreren Ebenen. Auch das kürzlich erschienene multisensitive Linnstrument definiert den Begriff „Keyboard“ neu.

Wenn Sie von Haus aus Bassist, Gitarrist oder Hornist sind, brauchen Sie natürlich einen Bass, eine Gitarre oder ein Horn. Keine Sample-Library kann Ihnen den Spielspaß und Ihre persönliche Ausdrucksweise auf dem Instrument ersetzen. Wenn Sie mit Trommelstöcken umgehen können und (zuhause im Wohnzimmer) kein akustisches Drum-Set aufbauen, geschweige denn abnehmen können, sollten Sie sich unbedingt die Korg Wavedrum näher ansehen. Diese ermöglicht eine einzigartig nuancierte Performance unter dem E-Drums.

Ansonsten Hände weg von weiterer Studio-Hardware für die Klangbearbeitung oder Klangerzeugung.

Ach, und wenn Sie nicht auf meinen Ratschlag hören wollen und dringend etwas für die Haptik brauchen: Die SPL-Kollektion liefert durchweg erstklassige Verarbeitung, eine hohe Audio-Qualität und ein faires Preis-Leistungs-Verhältnis. Einige SPL-Hardware gibt es inzwischen auch als Plug-ins, soundmäßig ohne Abstriche. Auf releasetime finden Sie eine ganze Reihe detaillierter Tests zu SPL Hardware (nur die angegebenen Preise sind möglicherweise nicht mehr aktuell). Einfach SPL in unser Suchfeld auf der Startseite oben rechts direkt unterhalb des Grafik-Blocks eingeben.

Wir rekapitulieren: Anno 2015 hat die Leistungsfähigkeit der Rechner ein Maß erreicht, das auch aufwändige und komplexe Berechnungen in kürzester Zeit, also mit minimaler Latenz, ermöglicht. Inzwischen sind Dual 18-Core-Rechner auf dem Markt: 36 Kerne führen im Hyperthreading 72 Rechenprozesse gleichzeitig durch. Während Grafiksoftware schon lange das Hyperthreading nutzt, gibt es nun auch erste Audio-Plug-ins, die im Settings-Menü die Berechnungen auf mehrere Kerne verteilen und vom Hyperthreading profitieren. Beispiele wären 2CAudio Kaleidoscope

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… oder die Flux IRCAM-Tools Verb und Trax in der Version 3.

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Solche Verteilungen der Arbeit auf Plug-in Ebene macht Sinn. Der Sequencer verteilt nämlich die Inserts eines Kanalzugs nicht, sondern leitet sie alle zu einem Kern weiter, was bei Verwendung mehrerer leistungsintensiver Plug-ins in Reihe zu einer hohen CPU-Last mit Audioaussetzern führen kann. Mehr dazu in unserem Beitrag „Multi-Prozessor-Systeme: Was nützen die vielen Kerne wirklich?

Zurück zu den Super-Rechnern: Deren Anschaffung ist teuer und im Extremfall nahe der 10.000.- EUR Grenze. Aber auch ein Dual Quadcore oder ein 6-Core mit mehr als 3 GHz pro Kern und genügend Arbeitsspeicher reicht in den meisten Fällen, um fließend und aufwändig arbeiten zu können.

  • Wenn man ein Projekt erst einmal
  • ohne die leistungshungrigen Lieblingseffekte einspielt und arrangiert,
  • leistungsintensive Sample Libraries auf mehrere Instanzen des Soft-Samplers verteilt,
  • Freeze und Bouncen einsetzt,
  • fertig eingespielte und gestaltete Instrumentenspuren in Audiotracks wandelt
  • und dann mit der Feinarbeit am Mix beginnt,

kann man in der Einspielphase zu Beginn mit niedrigen Latenzen arbeiten und später bequem bei höherer Puffergröße die Schwergewichte unter den Plug-ins ins Spiel bringen.
Zudem kann man, wenn man ganz auf Nummer sicher gehen will, non-destruktiv arbeiten, indem man Zwischenetappen sicherheitshalber als Projekt-Varianten abspeichert, bevor man aufwändig bearbeitete Instrumente wieder herausnimmt.

Für ein Budget zwischen 1500 und 2500 EUR bekommt man schon eine sehr passable Windows-Workstation und damit die Basis für weitere Investitionen. Für einen adäquaten Mac legt man ein gutes Stück mehr auf den Tisch.

Die Flaggschiffe unter den Sequencern sind zwar auch nicht gerade umsonst, bringen aber bereits eine Fülle von Instrumenten und Effekten mit, sodass man als Einsteiger hier erst einmal monatelang ausprobieren und lernen kann. Auch mit den On Board Mitteln dieser Hosts sind Kompositionen und Abmischungen mit anständigem, überzeugenden Klang möglich. Man braucht wirklich nicht sofort eine Batterie von Drittanbieter Plug-ins.

Um uns zu vergegenwärtigen, was passiert ist, gönnen wir uns einen Rückblick: