Test: SPL Channel One MKII 2950 Premium
Nicht zuletzt gibt es noch ein Zehn-Segmente-Display, welches den Ausgangspegel und die Stärke der Kompression optisch darstellt. Rückwärtig findet sich neben den oben erwähnten Anschlüssen ein Slot für den Einbau einer optionalen A/D-Wandlerkarte, über die der Channel One beispielsweise direkt mit einem Digitalpult verdrahtet werden kann.
Praxis und Audioqualität
Zunächst schauen wir uns die Anwendung für Gesangsaufnahmen an: Die Vorverstärkung wird man kaum über die 2 Uhr-Position des Mikrofon-Gain-Reglers aufdrehen müssen. Selbst leistungssschwache dynamische Mikrofone sollten damit zurechtkommen. Ein hörbares Rauschen wird vom Vorverstärker nicht produziert. Erst ab der 3-Uhr-Position (und einer Verstärkung von etwa +40dB aufwärts) macht sich dies bemerkbar. Das Signal wird akzentuiert, warm und zugleich transparent übertragen. Die Röhre macht sich subtil bemerkbar, indem sie der Stimme etwas mehr Weichheit und Intimität verleiht. Der Trittschallfilter sorgt dafür, dass beim Live-Einsatz mit einem dynamischen Mikrofon, das in der Hand gehalten wird, unerwünschtes Rumpeln weitgehend ausgeblendet wird. Dies betrifft auch Trittschall. Wer in einem kleinen Projektstudio arbeitet und über keine professionelle Schallkabine für Gesangaufnahmen verfügt, wird das Noise-Gate als angenehme Hilfe schätzen. Es setzt schnell und sauber ein und bietet ein musikalisch sinnvolles Release. Dies wird intern durch eine Hysteresis-Schaltung erreicht, die eine Reaktion des Gates in Abhängigkeit von der spezifischen Dynamik des Audiosignals, also unabhängig von absoluten Lautstärkewerten ermöglicht. Die Ein-Regler-Einstellung erweist sich als unkompliziert und effektiv. Bei leisen Gesangspassagen kommt es nicht zu unerwünschtem „Flattern“, also unkontrollierbarem An- und Ausgehen des Gates in rascher Folge. Nebenbei wird in den Gesangspausen auch der Kopfhörer-Mix ausgeblendet. Durch das Gate erübrigt sich spätere Nacharbeit am Rechner (Herausschneiden von Pausen mit Nebengeräuschen).
Mit dem De-Esser werden Zischlaute beinahe unmerklich geglättet. Der De-Esser des Channel One arbeitet sehr schmalbandig und nimmt der Stimme nicht ihre luftigen Höhen – wenn man ihn nicht überstrapaziert. Ab der 2-Uhr-Position verliert der Klang zunehmend an Transparenz, was sich aber mit dem Air-Regler des nachgeschalteten Equalizers wieder auffangen lässt – wenn man den De-Esser in dieser Stärke überhaupt benötigt – die Sängerinn müsste schon zu einer Art aggressivem Lispeln neigen oder wie eine Schlange zischen, damit man den Regler so weit aufdrehen muss.
Die Kompression mit nur einem Regler erweist sich als sehr flexibel. Sie reicht von einem dezenten Abfangen unerwünschter Peaks bis zu einer Effekt-Kompression. Ein Pop-Schutz ist nicht teuer und sollte zur Ausstattung einer jeden Gesangs-Aufnahmetechnik gehören – wer keinen hat, kann mit diesem Kompressor sogar die Explosivlaute des Sängers gut abfangen – was kein Argument für die Einsparung des Pop-Schutzes sein soll, sondern eher verdeutlicht, wie weit gesteckt die Leistungsreserven dieses kleinen aber feinen Kompressors sind.
Neue Welten öffnen sich, wenn man mit dem Equalizer die oberen Mitten und Höhen langsam zugibt. Zusammen mit dem Röhren-Preamp lässt sich so auch einem mittelmäßigen Kondensatormikrofon in der Preisklasse unter 200 Euro zu ungeahntem Glanz verhelfen. Einfach phantastisch, wie plötzlich Details hervortreten und die Stimme klarer wird. Die einzige Gefahr besteht darin, dass man zuviel des Guten tut.
Die FET-Distortion erweist sich als bei Weitem nicht so aggressiv, wie zunächst vermutet. Bis zur 13-Uhr-Position kann man eine Stimme gut aufmischen und in den Vordergrund rücken, ohne dass der Hörer bewußt eine Verzerrung wahrnimmt. Die Stimme gewinnt an Präsenz und Deutlichkeit. Erst darüber hinaus wir die Verzerrung als Effekt wahrnehmbar.
Um die Qualitäten des Channel One auch audiomäßig darzustellen, habe ich für die folgenden Demos auf eine frühere, noch unbearbeitete Aufnahme zurückgegriffen und diese über den rückwärtigen Line-Eingang in das Gerät geschickt. Bei der Aufnahme wurde ein Pop-Schutz verwendet. Hier zunächst das Original:
Im nächsten Schritt habe ich die Eingangsverstärkung so angepasst, dass die Clip-LED an der lautesten Stelle gerade noch nicht aufleuchtet. Zudem kommt bereits das Noise-Gate zum Einsatz. Ich habe es so niedrig eingestellt, dass die Atemgeräusche noch durchgelassen werden.
Das Nutzsignal wird sauber von den Nebengeräuschen getrennt. Attack und Release stimmen. Dass das von der Sängerin mit Verzögerung angehängte „n“ von „Sand“ nun deutlich als alleinstehender Konsonant hervortritt, kann man dem Noise-Gate nicht zur Last legen.
Übermäßige Zischlaute gibt es bei unserem Demo nicht. Das „s“ von „smell“ ganz zu Beginn ist ein wenig scharf; der De-Esser hilft hier mit moderatem Einsatz weiter:
Deutlich mehr Druck und Durchsetzungskraft bekommt die Stimme, wenn man den Kompressor einsetzt, hier, um den Effekt deutlich zu machen, mit einer für Vocals unüblich starken Einstellung:
Klarer und näher wirkt die Stimme, wenn man die oberen Mitten ein wenig betont und den das „Air Band“ einsetzt:
Die FET-Distortion sorgt schließlich für einen Schuß finale Power:
Was der Channel One leisten kann, dürfte durch die Demonstration dieses übertriebenen Einsatzes klar werden, wenn Sie jetzt noch einmal das erste Audiodemo mit dem Ursprungssound anhören.
In der Praxis wird man es nicht ganz so weit treiben wie eben gezeigt, daher hier noch ein Demo mit weniger Kompression und FET-Distortion, auch auf die Gefahr hin, dass die mp3-Qulität nicht ausreicht, um die Wirkung ganz ‚rüberzubringen:
Wie oben gezeigt, kann man mit dem Channel One über den Line-Eingang auch bestehende, ältere Aufnahmen aufpolieren. Aber er taugt nicht nur für Gesang, sondern auch für Gitarren, Bässe und Bläser. Speziell bei Gitarren ist es wichtig, dass die Transienten gut übertragen werden. Im Folgenden hören Sie zunächst einen kurzen Ausschnitt aus einem Gitarrensolo, noch unbearbeitet:
Jetzt mit dem Channel One und einer starken Kompression von bis zu -10dB. Die Attackzeit wird so reguliert, dass die Transienten nicht glattgebügelt werden. In der komprimierten Bearbeitung mit entsprechendem Make-Up-Gain führt dies zu einem punchigen, nach vorne drängenden Klang. Eine geringfügige Anhebung der oberen Mitten und Höhen verleihen dem Sound zusätzliche Strahlkraft:
Richtig fetzig wird es, wenn die FET-Distortion hinzukommt, hier in zwei Schritten: Moderat und stark
Abschließend noch ein zweites Beispiel, wieder zunächst ein unbearbeitetes Demo, dann mit dem Channel One:
Fazit
Auch im Jahre 2011 erweist sich der Channel One als ein vielseitiges Werkzeug, auf das man ungerne verzichtet, wenn man es einmal kennengelernt hat. In einem Preissegment zwischen der Billigklasse und der für die meisten Anwender unbezahlbaren Luxusklasse trifft man hier auf einen Röhren-Vorverstärker-Kanalzug, dessen Audioqualität und Ausstattung profitauglich und praxisnah sind. Die intuitive Bedienung des De-Essers, Kompressors und Noise-Gates macht es möglich, ohne langes Experimentieren passende Einstellungen zu finden. Die Röhrenvorstufe bringt eine dezente Portion Wärme in den Klang, ohne ihn in eine bestimmte Richtung zu schieben und ihm einen Stempel aufzudrücken. Der Channel One geht mit dem Klangcharakter des Originals respektvoll und elegant um. Die FET-Distortion bringt bei Gesang mehr Power in müde Stimmen ohne diese zu verbiegen oder gar zu entstellen. Speziell für die Anwendung mit Gitarren geht es mit diesem Regler – wenn man es will – kräftig zur Sache.
Lobenswert sind auch die Direktkontrolle für den einspielenden Musiker über den Kopfhörerausgang und die Option, ein Playback einzuspeisen. Der Channel One ist zurecht in vielen gut ausgerüsteten Studios vertreten und wird von ungezählten Sängern und Instrumentalisten geschätzt. Wer es noch ein Quäntchen besser haben möchte, auf die Modulblöcke auch über separate Eingänge zugreifen will und bereit ist, etwa 500 Euro mehr auf den Tisch zu legen, sollte sich den Frontliner von SPL anschauen, der das Highlight der Vorverstärkerkanalzugpalette des deutschen Herstellers und quasi die Weiterentwicklung des Channel One darstellt.
Holger Obst
Preis (Stand: Juli 2011)
- 1210 Euro
Ergänzende Links
- Hersteller: SPL

