Test: Sugar Bytes Factory

Fazit

Wer dachte, dass die Welt nach Omnisphere 2 kaum noch weitere virtuelle Klangerzeuger braucht, liegt falsch. Sugar Bytes beweist mit Factory, dass man mit Ideenreichtum und Detailarbeit nach wie vor einzigartige Instrumente mit großem Kreativpotenzial erschaffen kann.

Factory erweist sich als überaus vielseitig – bedingt durch die zehn unterschiedlichen Oszillator-Betriebsmodi, das Multimodefilter und die vielseitigen Modulationsmöglichkeiten per Matrix. An allen Ecken und Enden erweist sich Factory als tief editierbar und bis zu Ende gedacht. Dabei verirrt man sich erfreulicherweise nicht in einem unüberschaubaren Parameterdschungel.

Leistungsstarke LFOs, Sequencer und Hüllkurven machen es möglich, Sounds in alle denkbaren Richtungen zu verbiegen. So findet man neben gelungenen virtuell-analogen Klängen auch erfrischende Sequenzen und Arpeggien für Pop und Dance sowie ein großes Angebot an mutierenden Flächenklängen und Texturen für die Filmmusik, die Spielevertonung und Ambient. Außerdem ist Factory ein riesiges Klanglabor für ausschweifende Experimente.

Bei einem Klangchamäleon wie Factory ist es nicht leicht, den besonderen Charakter zu beschreiben. Fette virtuell-analoge Bässe, durchsetzungsfähige Leads gelingen ebenso wie sanfte Pads oder scharfe, destruktiv wirkende Sounds. Multi-Sägezahn- und Pulswellen-Oszillatoren plus verstimmbares Unisono lassen in puncto Klangbreite kaum Wünsche offen. Mittels Morphing kann man zwischen zwei völlig unterschiedlichen Konfigurationen stufenlos wechseln. Insgesamt sind die Klänge hoch auflösend und detailreich. Bei dem Filter haben mir besonders die Low-Pass-Varianten gefallen, die auch bei hoher Resonanz bis in die Selbstoszillation noch musikalische Klangfarben beisteuern und nie kalt und technisch wirken.

Im Transformer-Modus können eigene Samples in die Oszillatoren geladen werden, die daraus Wavetables und Grain-Wolken generieren. Mit ein wenig Geschick ist es auch möglich, Factory als Effekt zu verwenden, beispielsweise indem man einen Beat in den Transformer-Oszillator lädt, mit den Mitteln von Factory bearbeitet und synchron zum Originalbeat ablaufen lässt (wie anhand eines Audiodemos gezeigt).

Trotz der hohen Komplexität lässt sich Factory relativ leicht in den Griff bekommen. Hilfreich ist das sehr verständlich geschriebene Handbuch, das man auf keinen Fall links liegen lassen sollte, wenn man mit Factory abseits der vielen gelungenen Presets ernsthaft arbeiten möchte. Falls man sich mal in eine Sackgasse manövriert, gibt es Undo/Redo. Fällt man in ein Inspirationsloch, so würfelt man sich mit zahlreichen Zufallsfunktionen schnell wieder heraus. Einen reibungslosen und schnellen Zugang erreicht man über den Multifunktionsbrowser mit Attributewolke und alternativer Kategorisierung im klassischen Stil.

Gemessen am Leistungsspektrum ist der CPU-Hunger genügsam. Man kann Factory auch problemlos innerhalb einer Live-Performance verwenden.

Wo sind denn nun die Schwachstellen, die es doch fast überall gibt? In der Tat gibt sich Factory bis hin zu den internen Effekten, von denen man sich den ein oder anderen auch als separates Plug-in wünschen würde (Reverse-Delay, Pitch-Delay) kaum eine Blöße. Bei den Synchronisationseinstellungen nach Notenwerten fehlt mir eine exakte Werteangabe. So lässt sich das Tempo nur nach Gehör einstellen, was bei komplexen Klängen mit polyrhythmischen und gegenläufigen Sequenzen (die nämlich auch möglich sind) nicht immer ganz leicht ist.

Bei solchen Instrumenten wie Factory frage ich mich manchmal, wie es wohl wäre, wenn es sie als Hardware geben würde – mit direktem Zugriff auf alle Parameter, Leuchtdiodenkränze um die Regler herum zwecks aktueller Positionsanzeige (wie beim Clavia Nord Lead 3), mit Displays für die Aufklappmenüs. Und die Matrix als druckempfindliches Multipad, sodass man per Fingerdruck die Modulation aller Verknüpfungen steuern kann. Ein unbezahlbarer Traum.

Factory gehört zur neuen Generation von Software-Instrumenten, die sich auch vor teuren Hardware-Synthesizern in puncto Klangqualität nicht verstecken müssen. Der Preis ist fair. Vergleichbare virtuelle Synthesizer anderer Hersteller liegen rund 50.- bis 150.- EUR über dem Preis von Factory.

Zum Ausprobieren gibt es eine Demo-Version (Laufzeit: 30 Tage, Mute nach 30 Minuten, keine Save-Funktion, Total Recall erst nach Kauf der Vollversion möglich).

Testautor: Holger Obst

Plus

  • Klangchamäleon mit zehn Oszillator-Betriebsmodi
  • Import eigener Samples
  • musikalisch klingendes Multimodefilter
  • vielseitige Modulationsmöglichkeiten einschließlich umfassendem MIDI-Learn
  • übersichtliche, extrem variable Modulationsmatrix
  • exzellente Audioqualität
  • Morph-Funktion
  • vergleichsweise einfach zu bedienen
  • ausführliches deutschsprachiges Handbuch (PDF)
  • gemessen an der Leistung außergewöhnlich geringe CPU-Last
  • Standalone-Version
  • Unterstützung älterer Betriebssysteme
  • fairer Preis

Minus

  • keine exakte Werteangabe bei Temposynchronisation

Preis: 139.- EUR

System:

  • Windows (32/64 bit); XP oder neuer, 2GHz, 2GB RAM
  • Mac OS X (32/64 bit); 10.6.7 oder neuer, 2GHz, 2GB RAM
  • Formate:
    Mac OS X: VST / AU / AAX / Standalone
    Windows: VST / AAX / Standalone
  • AAX: ProTools ab 10.3.5

Hersteller: Sugar Bytes