Test: Celemony Melodyne 4 Studio

Grundlegende Eigenschaften von Melodyne 4

Vorweg sei gesagt, dass Sie auf der Herstellerseite eine lückenlose Dokumentation der Funktionen von Melodyne in Form von Tutorials und Videos in deutscher Sprache finden. Die Tutorials mit Stefan Lindlahr sind außerordentlich gut gemacht, und es ist wirklich wohltuend, mal auf Deutsch unterrichtet zu werden.

Auch werden wir hier nicht nocheinmal das wiederholen, was bereits in den vorangegangenen Kapiteln beschieben wurde (z.B. die Wandlung von Audio in MIDI).

Melodyne bietet sehr umfangreiche Gestaltungsmöglichkeiten mit vielen Details. Wir werden die Funktionen im Folgenden zwar ausführlich, aber nicht allumfassend darstellen.

Am Anfang steht die Analyse des Audiomaterials. Hierfür stehen fünf verschiedene Algorithmen zur Verfügung:

  • Universal (für Timestretching oder Pitchshifting kompletter Mixe oder polyfonen Materials ohne Bedarf an Einzelnotenbearbeitung)
  • Perkussiv (für atonales Material aller Art: Drums, Percussion, Geräusche)
  • Melodisch (für einstimmiges Material, etwa Sologesang)
  • Mehrstimmig abklingend (für polyfones, attackbetontes Material, wie etwa ein Xylophon oder eine Gitarre)
  • Mehrstimmig gehalten (für polyfones, sustainbetontes Material, wie etwa eine Orgel oder auch Gesang)

Melodyne sucht sich automatisch den passenden Algorithmus aus. Es besteht aber die Möglichkeit, das Material später mit einem anderen Algorithmus erneut analysieren zu lassen.

Schon bei der Darstellung geht Melodyne eigene Wege. Noten werden nicht als Wellenformen, sondern als sogenannte „Blobs“ dargestellt, horizontale Tropfen, deren kurvige Umrandung gleichzeitig den Lautstärkeverlauf andeutet.

Bevor man mit der Bearbeitung beginnt, ist es unter Umständen angebracht, das Ergebnis der Erkennung zu überprüfen.

Im Notenzuweisungsmodus, erreichbar über das Schraubenschlüsselsymbol …

M4_Bild7

… können gegebenenfalls falsch erkannte Noten auf die richtige Tonhöhe gezogen werden. Ein klassischer Fehler, der gelegentlich auftritt, ist, dass einzelne Noten eine Oktave zu hoch oder zu niedrig abgebildet werden. Dies lässt sich schnell erkennen und korrigieren. Melodyne schlägt mögliche alternative Tonhöhen vor, gekennzeichnet durch hohle Blobs:

M4_Bild8

Auch kann es passieren, dass Melodyne keinen Notenstartpunkt für eine Note erkannt hat, etwa bei einem Saxofon mit einem dem eigentlichen Ton vorangehenden Anblasgeräusch. Um zu erreichen, dass die Note nicht mit dem Beginn des Anblasgeräuschs, sondern mit dem Beginn des Tons quantisiert wird, setzt man hier einen Startpunkt. Mit dem Notentrennwerkzeug lassen sich zugleich Startpunkte setzen wie auch Notentrennungen hinzufügen oder herausnehmen.

M4_Bild9

In der oberen Abbildung hat Melodyne das Anblasgeräusch der ersten Note berücksichtigt und den Startpunkt dort gesetzt, wo der eigentliche Ton beginnt.

Der Startpunkt der zweiten Note könnte hingegen etwas nach vorne verschoben werden. Der Übergang zur dritten Note stimmt wieder. Man kann nun einfach das kleine Dreieck oben anfassen, den Startpunkt verschieben und mit dem Notentrennwerkzeug die Trennung aufheben und eine neue Notentrennung weiter vorne setzen.

Die Anzahl der Notenstartpunkte kann auch global per Schieberegler vermehrt oder verringert werden (in der Abbildung oben die beiden hellgrauen Klammern mit dem weißen Punkt dazwischen). Hat man beispielsweise eine sanft mit dem Besen gespielte Snare mit geringen dynamischen Höhepunkten, so kann es passieren, dass Melodyne insgesamt zu wenige Notenstartpunkte ausweist. Statt nun akribisch jeden einzelnen Startpunkt manuell zu setzen, kann man auch einfach für den gesamten Take die Empfindlichkeit der Startpunkterkennung erhöhen. Anschließend wechselt man in den Editiermodus. Hier beginnt die Sache richtig kreativ zu werden und Spaß zu machen.

Blobs (Noten) kann man anfassen und ziehen (um sie zu verschieben oder zu verlängern) bzw. nach unten oder oben schieben (um sie zu transponieren). Die Nachbarnoten bekommen solche Operationen mit und werden entsprechend gestaucht oder gedehnt (beim Ziehen, denn sonst würde es ja zu Überlagerungen von Noten oder zu unerwünschten Pausen kommen) oder erfahren eine Veränderung der Intonation bei vertikalem Transponieren, denn die fließenden Tonhöhenübergänge zwischen den Noten müssen ja nun ein anderes Intervall berücksichtigen und nehmen damit eine vertikal verlängerte oder gekürzte Kurve an.

Sollen die Nachbarnoten unbeeinflusst bleiben, so erreicht man dies mit dem Trennwerkzeug für einen harten Tonschnitt, welches die fließenden Übergänge zwischen den Noten kappt und die getrennten Segmente nun unabhängig vom dem, was sich vorher und nachher tut, gedehnt und gestaucht werden können. Beim Dehnen können nun auch Überlappungen erzeugt werden.

M4_Bild10

M4_Bild11

Die tatsächliche Tonhöhe wird durch eine Verlaufslinie dargestellt, die damit auch den Tonhöhenverlauf innerhalb einer Note zeigt. Das ist von Bedeutung, wenn man diesen begradigen oder ausbalancieren will.

Neben dem werksseitig voreingestellten einfachen Anfassen der Noten stehen nämlich (in der Werkzeugleiste im Kopfbereich des Fensters oder per Rechtsklick eingeblendet im Editorbereich) eine ganze Reihe von Werkzeugen sowie weitere Bearbeitungsoptionen wie Kopieren und Einfügen zur Verfügung.

M4_Bild12

Die Werkzeuge erlauben folgende Operationen:

Dynamikwerkzeug: Möglich sind Veränderungen der Lautstärke einschließlich der Lautstärkeübergänge zwischen zwei Noten. Noten können per Doppelklick mit dem Dynamikwerkzeug auch stumm geschaltet werden.

Formantenwerkzeuge: Transponieren von Formanten einschließlich Bearbeitung der Formantenübergänge.

Timingwerkzeuge: Mit den Timingwerkzeugen ist das Dehnen/Stauchen (wie oben beschrieben) aber auch das Quantisieren zum Zeitraster möglich. Die Quantisierung kann alternativ einen zeitlichen Versatz des Originals beibehalten oder auch (dosierbar) zum Raster erfolgen. Zusätzlich können Ankerpunkte innerhalb der Note gesetzt werden („Time Handles“), um den zeitlichen Verlauf innerhalb einer Note zu bearbeiten.

M4_Bild13

Der gelbe Punkt im hinteren Drittel der Note ist der durch das Time-Handle-Werkzeug gesetzte Ankerpunkt, der nun innerhalb der Note horizontal verschoben werden kann und damit den Klangverlauf verändert.

Der kleine orangefarbene Punkt am Notenbeginn bestimmt das Einschwingverhalten und wird mit dem Attack-Speed-Werkzeug bearbeitet. Zieht man den Punkt auf seiner vertikalen Linie nach unten, so verlangsamt sich das Einschwingen, zieht man ihn nach oben, so erreicht man ein hartes Einschwingen. Entsprechend beschreibt die Tonhöhenkurve einen sanften Anstieg oder einen fast senkrechten Verlauf.

M4_Bild14

Das Feine und die Besonderheit beim Time-Stretching von Melodyne ist, dass Transienten, Konsonanten oder Zischlaute nicht so stark gedehnt werden wie vokale Sustainphasen. So wird auch extremes Stretching möglich, ohne dass es unnatürlich klingt.

Tonhöhenwerkzeuge: Neben dem bereits erwähnten einfachen vertikalen Verschieben, wahlweise mit Skalen- oder Halbtonschrittquantisierung beim Transponieren, sind auch Tonhöhenbearbeitungen innerhalb einer Note möglich: Das Vibrato oder besser: die Elongation der Kurve kann verstärkt oder gedämpft werden. Der Tonhöhendrift kann ebenfalls verändert werden.

Ein gutes Beispiel dafür ist meine Bearbeitung eines Rap-Gesangs. (Mehr dazu im Artikel In der kalten Schachtel). Den ursprünglichen Tonhöhendrift des Rappers – langweilig und stereotyp am Wortende nach unten – habe ich abwechslungsreich und in verschiedenen Stärken nach unten und oben modelliert. Hier die Audiodemos (erst das Original, dann die Veränderung).

 

 

(Für die Transformation der männlichen in eine weibliche Stimme habe ich neben Melodyne Flux/IRCAM Tools TRAX verwendet, daher klingt es etwas artefaktbehaftet, was auf Trax und nicht auf Melodyne zurückzuführen ist).

Will man ohne Tonhöhen- oder Temporasterquantisierung arbeiten, führt man die Operationen mit gehaltener ALT-Taste aus.

Trennwerkzeuge: Neben der oben bereits erwähnten harten Trennung ist auch eine Segmentierung von Noten möglich. Per Doppelklick können Segmentierungen auch wieder entfernt werden.

Neben der Bearbeitung einzelner oder aller Noten (STG+A) kann ein Auswahl-Rechteck gezogen werden, eine manuelle Selektion durch Anklicken bei gehaltener STG-Taste erfolgen oder das Auswahl-Spezialmenü herangezogen werden.

M4_Bild15

Bearbeitungsschritte können Schritt für Schritt via Undo/Redo rückgängig gemacht werden, über das Submenü „Bearbeitungen zurücksetzen“ auch selektiv und auf die aktuelle Auswahl beschränkt (etwa nur Lautstärke-, Formanten- oder Tonhöhenbearbeitungen und innerhalb dieser Kategorien wiederum beispielsweise nur die Bearbeitungen von Übergängen).

M4_Bild16

Makros

Makros stehen für die Aufgaben „Tonhöhe quantisieren“ und „Timing korrigieren“ zur Verfügung und bieten eine Alternative für den Einsatz von Tonhöhen- und Timingwerkzeugen.

M4_Bild17

Makros beziehen sich immer auf die aktuelle Auswahl, also nicht notwendigerweise auf die gesamte Spur. Das Timing-Makro erlaubt bei Melodyne Studio 4 sogar eine Quantisierung nach einer Referenzspur.

M4_Bild18