Test: Celemony Melodyne 4 Studio

Der Sound-Editor

… wird im unteren Bereich der Bedienoberfläche eingeblendet.

Er bietet einen Equalizer mit Bändern für jeden Halbtonschritt …

M4_Bild23

… und eine Bearbeitung von Obertönen.

M4_Bild24

Während man mit dem Equalizer festgelegte Frequenzbereiche lauter oder leiser machen kann, folgt die Obertonbearbeitung dem harmonischen Verlauf des Klangs.

Der Equalizer erlaubt die Bearbeitung schmaler Frequenzbänder, einer Selektion und bietet darüber hinaus Makros mit bestimmten Kurvenverläufen über das gesamte Frequenzspektrum hinweg. Bewegliche Pünktchen übernehmen eine Analyserfunktion und veranschaulichen die dynamischen Veränderungen durch die vorgenommene Bearbeitung.

Anders als beim EQ signalisieren die Bänder im Harmonics-Modus Grund- und Obertöne. Hebt man nun einen oder mehrere Obertöne an, etwa den zweiten und fünften, so wird bei allen Noten des Tracks der zweite und fünfte Oberton verstärkt. Spielt das Instrument in höheren Lagen, wirkt sich diese Verstärkung folglich auf einen anderen Teil des Frequenzspektrums aus als beim Spiel in mittleren oder unteren Lagen. Hohe und tiefe Lagen können zudem getrennt bearbeitet werden, was vor allem bei Instrumenten mit breitem Obertonspektrum, etwa einer Kirchenorgel, noch differenziertere Gestaltungen erlaubt.

Über Makros können gerade und ungerade Obertöne getrennt beeinflusst und die Formantlage verschoben werden.

Übergeordnet stehen zwei weitere Parameter bereit: Emphasis und Dynamic, steuerbar über kleine horizontale Slider.

Emphasis hebt den Klangcharakter einer Note hervor oder nimmt die Präsenz der Note zurück. Damit kann das Instrument akzentuierter wirken (geeignet für Soli) – oder, im entgegengesetzten Wirkungsbereich des Empasis-Parameters, zurückhaltender (geeignet, um eine etwas zu dominante Begleitung unter Kontrolle zu bringen).

Dynamic beeinflusst Lautstärkeschwankungen im Verlauf einer Note. Im linken Wertebereich werden leise Stellen im Klang lauter, etwa Saitenresonanzern eines Klaviers. Der Klang gewinnt an Detailreichtum und Farbe. Im rechten Wertebereich werden diese leisen Details innerhalb des Klangs heruntergefahren. Das Instrument hört sich dann präsenter und akzentuierter an.

Der Effekt ist nicht mit dem eines Kompressors vergleichbar, mit dem man ebenfalls leise Stellen lauter machen kann – beim Kompressor allerdings zu Lasten der Dynamik. Mit Melodyne hebt man vielmehr Teileigenschaften des Klanges hervor, arbeitet also am Instrument und dessen besonderen Charakteristika – eine einzigartige und aufregende Sache, mit der man Stunden und Tage experimentieren kann.

Im den beiden folgenden Audiodemos hören Sie die bereits bekannten Bläser, zunächst im Original, dann mit dem Dynamics-Slider in der Linksstellung: Die leisen Anteile am Gesamtklang werden verstärkt.

 

 

Das Saxofon wirkt voller, die Klappen- und Anblasgeräusche treten hervor.

Hier habe ich die Werte für Kontur und Emphasis zusätzlich erhöht und zudem die geraden Obertöne verstärkt.

&nbsp,

Das Obertonspektrum sieht wie folgt aus:

M4_Bild25

EQ und Obertonbearbeitung können gleichzeitig eingesetzt werden und sich ergänzen.

Richtig abgefahren wird es im Synthesizer-Modus: Hier stehen drei Hüllkurven für die Note bereit:

  • für die Lautstärke,
  • die Formanten und
  • für die Intensität der mit EQ und den Harmonic-Modi eingestellten Veränderungen.

Ein Mix-Slider erlaubt das stufenlose Überblenden zwischen Originalsound und Resynthese. Die Hüllkurven werden durch die Notentrennung getriggert. Per Anfasser sind Attack-, Hold- und Sustainphase zeichenbar.

Um den Synth-Modus auszuprobieren, habe ich das Schlagzeug mit dem Algorithmus mehrstimmig abklingend analysiert:

M4_Bild26

Zunächst der Originalklang:

 

Nun einige Transformationen, zunächst noch ohne Nutzung des Synth-Modus:

Die Drums im Gewölbekeller des Nachbarhauses:

 

Als Herzklopf-Beat:

 

Ähnlich, aber etwas kratziger und zugleich raschelnd im Attack:

 

Als Alien Drums:

 

Synth-Modus, flappende Geräusche:

 

Synth-Modus, quietschendes, pfeifendes Metall:

 

Das war nur eine kleine Auswahl der Möglichkeiten, Drums zu verfremden. Sie können sich sicher vorstellen, welches Gestaltungspotenzial sich erschließt, wenn man den Soud Editor auf andere Instrumente loslässt und verfremdete Instrumente dann miteinander kombiniert. Melodyne 4 wird Komponisten und Sound-Designer noch manche schlaflose Nacht bereiten. Das einzige was fehlt, ist eine Automation der Parameter des Sound-Editors. Da sich dieser jedoch sehr lebhaft auf wechselnde Klangfarben des Audiosignals reagiert, ist dieses fehlende Feature gut zu verschmerzen.

Hier habe ich das Saxofon mit dem Synth-Modul verfremdet:

 

Und nun zusammen mit Gewölbedrums:

 

Zum Abschluss eine akustische Gitarre. Die Vorlage liefert NI Session Guitarist Strummed Acoustic. Wie immer zunächst das Original:

 

Melodyne benutzt für die Erkennung automatisch den Algorithmus mehrstimmig abklingend – perfekt.

Ich erhöhe den Wert für Kontur, verringere Emphasis und Dynamic:

 

Die Gitarre klingt nun detailreicher und zugleich voller, der Effekt ist dezent.

Mit den beiden Synth-Modulen für den Formanten- und Amplitudenverlauf kann ich den Anschlag herausarbeiten:

M4_Bild27

 

So gefällt mir die Gitarre schon viel besser.

Eine Betonung der geraden Obertöne verändert die Klangfarbe, indem sie der Gitarre feine Schwebungen hinzufügt.

 

So etwas kann kein Chorus. Und es zeigt sich, dass der Sound Editor auch dazu verwendet werden kann, den Charakter eines Instruments zu betonen – anstatt ihn zu verfremden. Das Experimentierfeld, welches sich hier auftut – von subtilen Änderungen der Klangfarbe bis zu extraterrestrischen Stimmen und Drums – ist beinahe unermesslich.