Test: Eventide Anthology X
Die Harmonizer-Familie: H910 und H949 Single- und Dual-Engine
Was wäre ein Anthology-Bundle ohne die legendären Eventide-Harmonizer, die in puncto digitaler Tonhöhenveränderung Meilensteine auf dem Weg zur Befreiung von der vorgegebenen Tonhöhe/Tonart waren. Man bedenke, dass zuvor Tonhöhenveränderungen nur durch Geschwindigkeitsmanipulationen von Bandmaschinen möglich waren und unweigerlich eine Verdopplung oder Halbierung der Wiedergabezeit mit sich brachten (bei Oktavtransponierung), ganz zu schweigen vom Micky-Maus-Effekt.
Der Eventide Clockworks H910 war das erste in Serie gebaute, professionell nutzbare Tonhöhenmanipulations-Werkzeug und zugleich der Startschuss für das Unternehmen. Den Namen „Eventide“ verbindet man heute, mehr als 40 Jahre später, noch mit „Harmonizer“, obwohl der Hersteller inzwischen eine ganze Reihe anderer Effekte hervorgebracht hat (die ebenfalls zur Oberklasse zählen, wie etwa die Eventide Hall-Algorithmen).
Die Algorithmen des H910 ermöglichten eine Transponierung um bis zu +/- einer Oktave ohne Zeitdehnung oder Stauchung, ergänzt durch eine Zeitverzögerung um maximal 112,5 ms inklusive Feedback. Apropos Feedback: Das Gerät verfügte zudem über einen Anti-Feedback-Modus, um Mikrofonrückkopplungen auf der Bühne zu unterdrücken.
Die Tonhöhentransponierung war noch weit davon entfernt, perfekt zu sein, und produzierte Glitching-Artefakte. Diese sind auch im Plug-in mit voller Absicht erhalten geblieben, sodass ein authentischer Harmonizer-Sound der Mitte 70er wiederbelebt werden kann.
Beim Original war es möglich, die Tonhöhe durch ein Keyboard zu steuern, das Modell HK940. Im Plug-in wird dies durch eine Steuerung via MIDI-Track reproduziert. Der virtuelle H910 reagiert auch auf den Pitchbender.
Der Eventide H910 erschien 1975 und kostete 1.600.- US Dollar. Jon Anderson (Yes) und Frank Zappa zählten zu den ersten prominenten Musikern, die das Gerät einsetzten.

Der H910 DUAL machte Doubling und Chorus-ähnliche Effekte durch minimale Abweichungen zwischen der Transponierung beider Kanäle möglich.

Mit dem H949 verfeinerte Eventide die Audioqualität durch De-Glitching und die Funktionalität durch ein Reverse-Pitch-Shift (Rückwärtsauslesen des Buffers) mit randomisierter Modulation.

Auch dieses Gerät ist als Single- und Dual-Variante im Anthology X – Bundle vertreten.
Der Einsatz eines MIDI-Keyboards zur Gernerierung einer Zweitstimme mit dem H910 Single zeigt …
… das Terzen und sogar Quinten noch recht akzeptabel sind. Gegen Ende des Demos habe ich den Pitchbender eingesetzt.
Voice-Doubling mit dem Eventide H949 DUAL (im zweiten Durchgang):
Reverse Pitch-Shifting mit dem H949 für Drums:
Die ersten psychedelischen Effekte.
Hier sind die Drums kaum noch wiederzuerkennen:
Ich habe die Transponierung für beide Seiten im Invers-Modus entgegengesetzt moduliert.
Der H949 bietet ein ausgesprochen reichhaltiges Angebot an experimentell verwendbaren Parametern, zwei Algorithmen, einen Zufallsgenerator für die Zeitverzögerung, einen Flanger-Modus, und das alles separat für den linken und rechten Kanal. Außerdem sind noch kräftig zupackende High-/Low-Boost/Cut-Filter an Bord.
Der H949 klingt ungeachtet seines hohen Alters exzellent, angenehm warm, musikalisch, nach edler Vintage-Gear. Fast wäre man versucht, auf Ebay nach einem gut erhaltenen Exemplar Ausschau zu halten – aber das ist ja nun glücklicherweise nicht mehr notwendig. (An dieser Stelle ein Querverweis auf unseren Artikel „Das schrumpfende Studio“, in dem es um die Frage geht, ob analoge Hardware angesichts der hohen Qualität der Plug-ins inzwischen ausgedient hat.)
Äußerst Effektive Filter gibt es nicht nur im H949 oder im UltraChannel, sondern auch in Form zwei separater Plug-ins. Wir kommen zum
