Test: Eventide Tverb

Gates und Kompressor

Dass nichts vom Raum zu hören ist, ist, so paradox das klingen mag, eine tolle Sache: Wirklich beteiligt war nämlich nur das Nah-Mikrofon, und dieses steht unverrückbar ganz vorne an der Klangquelle. Es klingt ausgesprochen trocken und verfügt über drei Charakteristika: Cardioid (nur Direktsignal), Kugel und Acht. Die beiden Letzteren übertragen auch geringfügig Raumanteile. Die Raum-Mikrofone verfügen über ein zuschaltbares Gate. Bei dem verwendeten Preset sind beide Gates eingeschaltet. Francescas Gesang war aber zu leise, um die Gates zu öffnen, weshalb über die Raummikros auch kein Signal aufgenommen wurde.

Hier die Extrempositionen und -parameterwerte der beiden Gates, die über den Link-Schalter auch gleichgeschaltet werden können.

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Der Pre-Schalter bewirkt, dass das am Frontmikrofon anliegende Signal beide Gates steuert, während im Normalbetrieb der algorithmisch errechnete Raumschall(pegel) für das Öffnen der Gates verantwortlich ist. Ist Pre aktiv, schalten sich die Raummikros also bereits ein, bevor die ersten Reflexionen dort eintreffen. Des Weiteren kann eingestellt werden:

  • Threshold: der Schwellenwert (Amplitude), bei dessen Unterschreiten das Gate schließt, mit -80 bis 0 dB
  • Attack: die Geschwindigkeit, mit der das Gate sich öffnet (wenn der Threshold überschritten wird) mit 10 ms bis 3 sek.
  • Hold: Die minimale Zeit, die das Gate offen steht, nachdem der Threshold überschritten wurde und die Attackphase durchlaufen ist.
  • Release: die Geschwindigkeit, mit der das Gate schließt, wenn der Threshold unterschritten wird.
  • Attack und Release bewirken also eine Lautstärkeanhebung und -absenkung des Hallsignals (wie bei einer Hüllkurve).
  • Zwei virtuelle LED-Ketten sorgen dafür, dass man auch visuell verfolgen kann, was sich da innerhalb des Raumsimulators tut. Sie bilden die Lautstärke des Eingangssignals am Raummikro und den Regelweg des Gates (geschlossen, halboffen, offen) ab und helfen dabei, die Parameter passend einzustellen. Auch wenn eine etwas feinere Auflösung schöner gewesen wäre, lässt sich damit gut arbeiten.

Die Ausstattung der Gates geht deutlich über das hinaus, was andere Reverbs in diesem Punkt bieten, die, wenn überhaupt, meist nur über einen simplen Gateregler verfügen. Beim Tverb ging es darum, das damals von Visconti entwickelte Aufnahmesetting nachzubilden. Was es damals nicht gab und auch im Plug-in keine Berücksichtigung gefunden hat, sind alternative temposynchrone Werte für die Gates. Wir werden aber noch sehen, dass man mit ihnen dennoch sehr gut rhythmisch und groovig arbeiten kann.

Hier also noch Francesca Genko, dieses Mal mit angepassten Gates:

 

Auch den Kompressor für das Front-Mikrofon habe ich an die Lautstärke angepasst, und zwar so, dass der zweite Teil, in dem sie lauter singt, stark komprimiert wird, der erste gar nicht.

Es zeigt sich, dass dieses Preset sich ganz hervorragend für Lead-Vocals eignet und die Dramaturgie des Gesangs steigert: Durch das Zusammenspiel von Kompressor, Gates und Raummikros wirken leise Passagen (etwa Stophen) nah und intim, laute Passagen (Refrain) erobern den Raum und klingen dadurch etwas dramatischer. Der Pegel bleibt dabei angenehm stabil.

Zum Kompressor:

Hier handelt es sich um einen Standard Vintage-Kompressor mit Threshold, Ratio, Attack, Release und (Makeup-) Gain.

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Ob es sich bei diesem Kompressor um eine Emulation im Sinne der Nachbildung eines Klassikers handelt, bleibt offen. Die Parameter:

  • Der Threshold-Regler arbeitet von -80 bis 0 dB. Hier legt man fest, ab welchem Pegel das Eingangssignal in einem bestimmten Verhältnis komprimiert, also in der Lautstärke reduziert wird.
  • Dieses Verhältnis stellt man mit Ratio ein. Der Reglerbereich bis 20:1 erlaubt auch ein Limiting.
  • Der Attackregler erlaubt ein ultraschnelles Eingreifen mit nur einer Millisekunde (womit man auch die Transienten von Drums abfangen kann) bis zu einem gemächlichen Arbeiten bei 300 ms.
  • Release bietet einen Wertebereich von 10 bis 300 ms.
  • Gain arbeitet von -24 dB bis + 24 dB; hier geht es vor allem darum, das durch die Kompression in der Lautstärke reduzierte Signal wieder hochzufahren. („Makeup Gain“)
  • Zwei LED Ketten, wie bei den Gates mit je fünf Segmenten, zeigt den Eingangspegel und das Eingreifen des Kompressors, also die Pegelreduktion an.

Der Kompressor betrifft nur das Direktsignal des Frontmikrofons, wirkt sich also nicht auf die beiden Raummikrofone aus. Er kann daher nicht gleichwertig durch einen vorgeschalteten externen Kompressor ersetzt werden.