Test: Presonus Notion 5

Mit Notion 5 legt Presonus eine größere Überarbeitung der Notationssoftware unter dem Banner der Firma aus Baton Rouge vor. Das Update liefert neue Effekte aus Studio One, eine überarbeitete Akkordbibliothek, Scoring to Picture, eine große Library an Orchestersounds, Importfunktionen für diverse Videoformate und eine an Studio One angepasste Bedienoberfläche.

Presonus hat sich längst mit der Entwicklung und dem Vertrieb von Audio-Interfaces, digitalen Mischpulten, Outboardgear und Studiocontrollern am Markt etabliert und ist aus diesen Marktsegmenten nicht mehr wegzudenken.

2009 rüttelte man dann die DAW-Welt mit dem Release von Studio One kräftig durch, und brachte frischen Wind in dieses Genre. Die Anwendung war von Grund auf neu programmiert und musste sich nicht mit Dekaden von Altlasten und Abwärtskompatibilitäten plagen, was der Funktionalität entgegen kam und den Workflow beschleunigte.

Ein weiterer Meilenstein war die Integration von Melodyne in Studio One V2, was bis zu diesem Zeitpunkt kein Mitbewerber in der Form anbieten konnte.

Ein Credo bei Studio One ist immer, dass die DAW für Musikproduktion schlank gehalten werden soll, weshalb bewusst das ein oder andere Feature außen vor bleibt. So findet man bei Studio One z.B. derzeit keine Option für Mehrkanalton oder einen Notationseditor.

Bei Presonus in Louisiana verfolgt man das Ziel, solche Funktionen in separaten Programmen anzubieten, wie eben Notation in Notion. Notion 5 lässt sich, wie auch Progression, über Rewire mit Studio One (oder eben mit jeder anderen Rewire-fähigen DAW) verbinden, und kann somit den Umfang in die gewünschte Richtung erweitern. Dabei begegnet man den Ansprüchen der User mit dem bekannten Hands-on Ansatz von Presonus, und liefert eine gute Mischung zwischen Notensatz und einer opulent gesampelter Soundbibliothek.

Notion 5 ist die erste „presonusifizierte“ Version der Software, die in der Benutzeroberfläche an den Look von Presonus angepasst wurde, und darüber hinaus native Presonus-Effekte und einen DAW-Style Mixer enthält.

Installation und Autorisierung

Notion 5 wird entweder als „boxed“ Version angeboten oder direkt als Download von der Presonus-Webseite. Mir steht die zweite Variante zur Verfügung. Der Download besteht aus dem eigentlichen Installer und 5 gebündelten Soundlibraries, die jeweils unterschiedliche Instrumentengruppen beinhalten und einzeln installiert werden müssen.
Die Gesamtgröße der Library beträgt etwa 6 GB, so dass der Download doch einiges an Zeit für sich beansprucht.

Voraussetzung für den Download und die Installation ist ein User-Account bei Presonus. Zur Aktivierung reicht es dann, den Product Key und die dem Account zugehörige E-Mail-Adresse einzugeben, dann ist dass Programm freigeschaltet, und erst dann ist Drucken, Speichern und Exportieren möglich.

Verschweigen sollte man natürlich nicht, dass es von Notion 5 eine für iOS angepasste Version im App-Store von Apple als Download gibt.
Wir testen hier aber ausschließlich die Desktopversion unter OS X.

Überblick

Ähnlich wie bei Studio One, begrüßt uns Notion 5 nach dem Öffnen des Programms mit einer Startpage, die uns verschiedene Optionen anbietet.

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So lässt sich hier auf die zuletzt verwendeten Dokumente zugreifen, man kann aus einer Liste von Vorlagen auswählen oder Scores, die in anderen Programmen erstellt wurden, importieren.

Startet man mit einer leeren Partitur, so muss diese zunächst über ein Kontextmenü mit Instrumenten befüllt werden.

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Aber es lohnt sich auch ein Auge auf das Preset-Menu zu werfen.
Denn hier zeigt sich, dass sich Notion 5 nicht nur an klassische Musiker richtet, die Scores für Orchester erstellen möchten, es finden sich auch Presets für Rock-Besetzung, Jazz-Combo oder Big-Band.

Öffnet man etwa die Vorlage für die Jazz-Combo, dann erstellt Notion ein Dokument im „Real-Book-Style“, welches die Instrumente Tenor Saxofon, Trompete, Piano, Gitarre, ein Drumset und den Bass beinhaltet.

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Notationsprogramme erscheinen meist auf den ersten Blick wenig spannend, setzt man voraus, dass man durch sie eben die Möglichkeit erhält, Noten, Pausen oder Dynamikzeichen in ein Notensystem einzutragen. Idealerweise spielt das Programm dann noch den Score mit passender Instrumentierung ab und bringt ihn in ein druckbares Ausgabeformat. Das hat meist wenig mit Rock’n Roll zu tun, sondern ist reine Geduldsarbeit.

Das man Notation aber auch praxisgerecht und spannend gestalten kann, beweist Presonus mit Notion 5.
Notion 5 bietet unterschiedliche Möglichkeiten der Noteneingabe. So lassen sich Noten über Midieingabegeräte einspielen, mit dem Mauscursor direkt in die Partitur eintragen oder per Step-Funktion Note für Note eingeben. Natürlich stehen dem User auch alle üblichen Funktionen wie Copy & Paste, Duplicate oder Undo/Redo zur Verfügung.

Praxisgerecht finde ich, dass sich Notion 5 über eine Vielzahl von Keyboard-Shortcuts bedienen lässt, so dass man gar nicht so viel mit der Maus klicken muss, sondern mit der Tastatur und den Blick auf den Screen gerichtet arbeiten kann.

Auf dem Bildschirm befindet sich neben dem großzügigen Partiturbereich im oberen Bereich neben dem Transportfeld die Werkzeugleiste, mit der man auf grundlegende Funktionen von Notion zugreifen kann.

Für die Eingabe von Noten stehen unterschiedliche Tools zur Verfügung, je bnachdem, welches Instrument man orchestrieren möchte.

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Neben der virtuellen Tastatur finden sich hier Drum-Pads, die sich für Schlaginstrumente anbieten, genauso wie eine Akkordbibliothek, die eine reichhaltige Auswahl an Gitarrenakkorden mit möglichen Erweiterungen bietet.

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Gitarristen oder Bassisten haben darüber hinaus die Möglichkeit, Noten über ein Griffbrett einzugeben. Die Vorgehensweise ist hier bei Klaviatur und Griffbrett die gleiche: Zunächst wählt man aus, ob man Single Notes oder Akkorde eingeben möchte. Die Töne „aktiviert“ man dann auf Klaviatur oder Griffbrett, dann aktiviert man das Stiftsymbol, durch das gespielte Noten in die Partitur übertragen werden.

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Möchte man Transkriptionen für Gitarre oder Bass erstellen, dann bietet Notion 5 auch die Möglichkeit, diese in der Tabulatorschreibweise darzustellen. In einer Tab werden die Saiten z.B. einer Gitarre als Linien dargestellt, gegriffene Noten als Zahlen auf den jeweiligen Saiten. In Notion lassen sich beide Systeme, Tabulator und Notation, jeweils einzeln oder in Kombination nutzen. Gerade letzteres finde ich immer sehr charmant, denn bei Unklarheiten ist oft das ein oder das andere System aussagekräftiger.

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Ich persönlich finde Notationen meist rhythmisch eindeutiger und aufschlussreicher darin, wo sich ein Musikstück hin entwickelt und damit wo ich meine Finger hinbewegen muss. Auch finde ich richtige Noten besser, um vorausschauend zu lesen. Auf der anderen Seite lassen sich in einer Tabulatur natürlich viel mehr spezifische Spielweisen abbilden, und so bietet auch Notion 5 die Möglichkeit z.B. Slides, Palm Mutes, Let Ring, Bendings, Hammer-ons, Pull-offs, Tappings oder Slaps akkurat darzustellen. Vibrato oder Whammy Bar sind für das Programm auch keine Unbekannten.

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Außerdem bietet Notion die Möglichkeit, der virtuellen Gitarre ein Kapodaster zu verpassen oder ein alternatives Open Tuning zu verwenden. Open G mit Kapo am dritten Bund – kein Problem.

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Dies hört sich zunächst mal nach einer Menge Holz an, und leicht könnte man der Annahme verfallen, dass diese reichhaltigen Möglichkeiten den Anwender am Ende überfordern.

Doch dem ist nicht so, denn in der Praxis lassen sich verschiedene Eingabemöglichkeiten kombinieren. So kann man z.B. im gleichen Zug Noteneingaben mit verschiedenen Tools umsetzen, je nachdem, was dem Anwender gerade am besten gelegen ist. So lässt sich durchaus ein Takt im Step-Record-Modus ausgestalten, während man beim nächsten das virtuelle Griffbrett bemüht und im folgenden die Begleitung mit der Akkordbibliothek bestreitet.

Um die Übersicht zu behalten, lassen sich über die Eingabepalette die möglichen Optionen aus Noten, Pausen und Ausdruckszeichen gleich einem Karteikartensystem auf- und wegklappen. Das finde ich gut gelöst und es ist der Übersicht dienlich.

Neben Möglichkeiten, Noten einzugeben und zu quantisieren, verfügt Notion auch über sogenannte Accidentals, um Tracks zu „humanizen“, also um den Noten eine menschliche Komponente hinzuzufügen. Dabei handelt es sich dann um Mikroänderungen in der Tonhöhe, da ein Gitarrist z.B. eine Note niemals zweimal gleich greift, sondern durch Druck auf die Saiten und Vibrato immer leicht die Tonhöhe variiert.

Scores lassen sich dann ganz normal über das Print-Menü per Drucker ausgeben oder eben auch als PDF speichern.

Das Mischpult

Außergewöhnlich detailliert für eine Notationssoftware gestaltet sich das Mischpult in Notion 5. Presonus hat der Software hier richtiges DAW-Feeling verpasst, denn das Mischpult verfügt neben Pegelsteller über Insert, Sends, Solo, Mute und einen Busaufbau. Ausgefeilt sind auch die Panning-Möglichkeiten der Kanäle, denn mit dem Panner lässt sich nicht nur die Postion im Stereopanorama festlegen, zusätzlich lässt sich noch eine Stereobasisverbreiterung einstellen. Sinnvoll ist so eine Funktion bei komplexeren Arrangements, bei denn man zum Beispiel bestimmte Instrumente einer Gruppe enger zusammen oder weiter auseinander stellt, um mehr Platz zu bekommen und Maskierungseffekten vorzubeugen.

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Über die Insert-Slots lassen sich die Effekte aufrufen. Die Auswahl an Presonus-eigenen Effekten ist bei EQ, Kompressor und Reverb parameterseitig recht ausgefeilt, der Limiter hingegen ist nur ein „One Knob“-Effekt, der Amp Simulator arbeitet nur als rudimentärer Behelfsamp.

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Neben den hauseigenen Effekten lassen sich aber auch noch VST und Audio Unit-Plug-ins in Notion 5 einbinden. Diese stehen zunächst nicht per Default zur Verfügung, sondern müssen über ein Kontextmenü aktiviert werden. Dann können Sie über die Inserts aufgerufen werden.

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Über das gleiche Prinzip lassen sich VST-Instrumente in Notion 5 einbinden. Nur funktioniert dies nicht über den Mixer, sondern auf der Seite Partitur-Einstellungen. Benutzt man eine 32-Bit-Bridge, wie jBridgeM so lässt sich auch auf ältere 32-Bit Plug-ins zugreifen.

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Für alle diejenigen unter uns, die noch über Hardware-Klangerezuger verfügen: Auch diese lassen sich aus Notion 5 heraus via Midi ansprechen.

Rewire

Möchte man Notion 5 per Rewire mit einer DAW verbinden, so sollte man nicht erstaunt sein, wenn trotz richtiger Vorgehensweise (erst den Host starten, dann als Slave Notion) man zunächst keine Rewire-Verbindung angezeigt bekommt. Rewire muss in Notion 5 erst aktiviert werden, was in den Audio-Voreinstellungen passiert.

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Nun steht beim nächsten Start von Host und Slave Notion als Rewire-Instrument zur Verfügung.
Per Default routet Notion seine Signale über einen Summen-Stereobus in den Host, aber natürlich bietet Rewire hier auch die Möglichkeit, dass Routing ausgefeilter zu gestalten, je nach eigenem Anspruch.

Beim Mix finde ich es mitunter angenehmer, auf einer Oberfläche zu arbeiten, ohne dass man z.B. beim Ändern von Pegelverhältnissen ein Programm verlassen muss.

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Auch das Einbinden von Videos in Notion funktioniert problemlos, mit den Standardformaten kann die Software sehr gut umgehen. Über Partitur, Video-Einstellungen und Video einbinden bekommt man das entsprechende File in Notion. Dies öffnet sich dann in einem separaten Fenster und läuft synchron zum Score.

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Mit unterschiedlichen Framerates und Hitpoints, die bestimmte Stellen im Video markieren und die Navigation erleichtern ist man auch für anspruchsvollere Aufgaben gewappnet.

Soundbeispiele

Natürlich kann man bei der Größe der Library und den schier unendlichen Möglichkeiten der Kombinationen nicht jedes Instrument aus Notion 5 vorstellen.
Deshalb beschränken wir uns hier auf eine repräsentative Auswahl an Solo-Instrumenten und Gruppen. Natürlich kommen nur Werkssounds und keine Plug-ins zum Einsatz.

Celli

 

Bratschen

 

Violinen

 

Kontrabässe

 

Als Solo-Instrument kann man den Kontrabass natürlich auch in einem jazzigen Kontext nutzen.

Piano

 

Englischhorn

 

Oboe

 

Posaune

 

Trompete

 

Altsaxofon

 

Tenorsaxofon

 

Fazit

Notion 5 steht ganz in der Tradition von Presonus und setzt auf schnellen Workflow und intuitive Bedienung. Zwar sind die Platzhirsche in dem Segment mit mehr Features ausgestattet, dies geht aber immer mit einer komplexeren Bedienung einher. Insofern bricht Notion 5 den Umfang auf essentielle Elemente runter, was dem User in der Regel entgegen kommt.

Die Mischpultsektion ist in der Klasse ein dickes Plus, und die Möglichkeit VST-Plug-ins einzubinden erweitert den Praxiswert von Notion 5.

Die Möglichkeit, die Software via Rewire mit einer DAW zu verbinden, ist ebenfalls ein dickes Plus, vor allem in Verbindung mit Studio One ergibt sich so ein funktional einwandfreies App-Tandem.

Mit der Möglichkeit z.B. komplett gitarrenorientiert zu arbeiten spricht Notion 5 vor allem auch Gitarristen und Songwriter an, die ihre musikalischen Ideen und Arrangements in Notation und Leadsheets fassen wollen.

Bei dem Verkaufspreis von knapp €160 im Presonus-Store bietet Notion 5 ein sehr gutes Preis-/Leistungsverhältnis.

Testautor: Heiko Wallauer

Best Value Award

Plus
DAW-Mischpult
vielfältige Möglichkeiten der Noteneingabe
Score to picture-Feature mit Unterstützung
orientiert an Gitarristen und Songwritern
vielfältige Videoformate
große Soundlibrary
Support von VST- und Audio Unit (OS X) Plug-ins

Preis: €159,98 (im Presonus Web-Store)

Systemvorraussetzungen:

OS X:
Mac OS X 10.7 oder neuer
Intel Core Solo 1.8 GHz (empfohlen Core 2 Duo 2 GHz)
2 GB RAM (empfohlen 4 GB)
8 GB freier Festplattenspeicher

Windows
Windows 7 oder 8
Intel Pentium 4 2GHz (Intel Core 2 Duo 2 GHz empfohlen)
2 GB RAM (empfohlen 4 GB)
8 GB freier Festplattenspeicher

Formate: VST, AU

Testsystem:
Apple iMac i5 2,3 Ghz
Mac OS X 10.10.3
8 GB RAM

Hersteller
Presonus

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