Test: PSP Audioware N2O

Der Kieferchirurg schwört darauf, in David Lynchs „Blue Velvet“ spielt es eine zentrale Rolle, und nun gibt es den Stoff auch als Plug-in. Die Rede ist von Lachgas, Distickstoffmonoxid, und ob die Software von PSP Audioware auch bei der Suche nach dem richtigen Sound eine schmerzstillende Wirkung entfaltet, ist das Thema dieses Tests.

Im Gegensatz zum chemischen Namensvetter gerät man mit dem Plug-in jedenfalls nicht in Konflikt mit dem Gesetzgeber, wenn man es verwendet.

Als Multieffekt ist N2O kein Unbekannter. Schon Mitte der Nuller-Jahre erschien PSP Nitro, ein halbmodularer Multieffekt, der damals ein eigenständiges Klangdesign bot, welches kaum mit anderen Plug-ins erreicht werden konnte.

Anno 2017 hat sich die Umgebung deutlich verändert: Effekte aller Art besiedeln jede erdenkliche Marktnische, aber N2O weiß sich auch heute noch von der bunten Schar der Mitbewerber abzusetzen.

 

N2O ist also die Fortsetzung von PSP Nitro und sieht von außen betrachtet dem Vorgänger auch sehr ähnlich, wenngleich die Grafik nun ein wenig großzügiger gestaltet ist. Doch unter der Haube hat sich eine Menge getan: Das Plug-in wurde von Grund auf neu programmiert: Der Multieffekt kann nun auf eine noch größere Anzahl von Modulen und Modulatoren zurückgreifen. Die Struktur des flexiblen Routings, welche an Schaltungen von FM-Operatoren erinnert (im Weiteren damit aber nichts zu tu hat) wurde beibehalten – was sehr begrüßenswert ist, denn hierin liegt eine der wesentlichen Unterscheidungen zu anderen Multieffekten.

Überblick

Der Multieffekt bietet unter anderem folgende Soundprozessoren:

  • morphfähige Resonanz- und Formant-Filter (morphfähig bedeutet, dass man Filterkurven fließend transformieren kann)
  • Equalizer
  • Echo
  • Hall
  • Pitch-Shifter
  • Kompressor/Expander
  • Bitcrusher
  • Verzerrer
  • Rectifier
  • Phaser
  • Panner

 

Eigenschaften

  • Mit N2O kann man bis zu vier Klangprozessoren (also Effekte) zeitgleich verwenden. Die Prozessoren heißen hier Operator 1 bis 4 (wieder eine Parallele zu FM-Synthesizern).
  • Ihnen gegenüber stehen vier simultan nutzbare interne Modulatoren: LFO, Hüllkurven-Verfolger („Envelope Detector“), Hüllkurve („Envelope Generator“), Step-Sequencer,
  • acht zuweisbare Regler, die wiederum per MIDI-Lerndialog über externe Controller gesteuert werden können
  • und externe Modulatoren: alle MIDI Controller inklusive Pitchbender, Aftertouch und Velocity. (Dazu legt man eine MIDI-Spur an, routet diese zum Plug-in und kann nun nicht nur mit den Controllern eines externen Keyboards, sondern auch über Noten der Tastatur Parameter steuern.)
  • Die Zuweisung von Modulatoren zu Modulationszielen, also Parametern der Operatoren, erfolgt über eine Matrix mit 16 Slots.
  • Wer auf die Schnelle fertige Effekte haben möchte, findet einen Library-Browser mit drei Bänken à 64 Presets. Eigene Bänke und Presets können gespeichert und geladen werden, im Gegensatz zu den Werksvorlagen allerdings über eine umständliche Navigation quer durch die Ordnerhierarchie des Rechners.
  • Zentral gibt es die Regler Input, Mix und Output.
  • Die Ein- und Ausgangspegel werden ausreichend aufgelöst angezeigt.
  • Da mancher Effekt hohe Pegelspitzen produzieren kann (etwa Filter mit hoher Resonanz bis zur Selbstoszillation oder durch exzessive Nutzung der Feedback-Wege im Routing-Menü), ist praktischerweise ein Limiter mit mehreren Betriebsmodi eingebaut. Dabei handelt es sich nicht um einen simplen Ein-Zeilen-Code, sondern um die elaborierten Algorithmen aus dem PSP Mastering Limiter.

 

 

Presets und eigene Effekt-Kreationen

Wir starten mit ersten Klangeindrücken unter Verwendung der Presets und fangen dabei schon an, eigene Wege zu gehen und Details kennenzulernen.

Ein Beat ist immer eine gute Vorlage für Effekte (fast) aller Art. Wie so häufig verwende ich dazu Toontracks EZdrummer, Disco Groove, Modern Drummer. Snare und Bassdrum habe ich auf Einzelausgänge gelegt. Das Original:

 

Mit unterschiedlichen Presets für die Bassdrum und die Snare:

 

Das Preset, welches ich zuvor für die Snare verwendet habe, hier für den gesamten Beat:

 

Als Operatoren kommen ein Kammfilter, zwei Pitch-Module (eines für eine dezente Verstimmung, das andere mit einer Abwärts-Transponierung von fünf Halbtonschritten) und ein Echo zum Einsatz.

Der interne LFO moduliert die Filterfrequenz, die Hüllkurve (im Modus Input und damit als Hüllkurvenverfolger, der auf das Eingangssignal reagiert) moduliert den Mix-Anteil des Echos und das Feedback.

Über die internen Regler kann man unter anderem die Tonhöhenveränderung der Pitch-Module, die Lautstärke im Routing zwischen diversen Operatoren, die LFO-Geschwindigkeit und die Stärke des Kammfiltereffektes steuern. Die Konfiguration des Presets ist durchdacht. Hier hat sich jemand richtig Mühe gegeben und Details ausgearbeitet.

Über MIDI-Learn steuere ich das Echo-Feedback und den Kammfiltereffekt. Der Kammfilter befindet sich im Feedback-Modus, fängt also bei höheren Resonanzen ordentlich an zu quietschen. Da meine Modulation solche Effekte mit sich bringt, stelle ich im Routing-Menü die Lautstärke des betreffenden Operators etwas zurück:

 

Ein weiteres Preset:

 

Die zuvor aufgenommenen Modulationen steuern hier die Hallzeit sowie den Filter-Cutoff.

Da häufig mit Temposynchronisation bei den Delays und Modulatoren gearbeitet wird, eignen sich viele Vorlagen für rhythmisches Material.

Hier das Preset „Made in China“ mit Kammfilter, Pitchshifter, Distortion und Notch-Filter:

 

Die Namensgebung der Presets ist eher phantasievoll und gibt selten Auskunft über die Wirkungsweise des Effektes oder dessen möglichen Verwendungszweck. Das ist aber nicht tragisch: Man klickt einfach auf den Namenszug und der Effekt ist sofort geladen. Nach einem Doppelklick kann man auch eigene Namen eintippen.

Hier eine Modifikation des letzten Presets: Das Verzerrermodul nutze ich für eine Sättigung, anstelle des Pitch-Shifters lade ich einen Kompressor und stelle diesen hart ein, sodass es ordentlich pumpt. Anschließend reguliere ich den Threshold des Kompressors über den Hüllkurvenverfolger und erreiche so, dass der Kompressor erst nach den Attacks richtig anspringt.

 

Für die letzten beiden Takte habe ich den Effekt auf Bypass gestellt.

Es ist schon ganz ordentlich, wie dieser Kompressor/Expander klingt. Die Richtung und Stärke der Modulation kann man übrigens in der Matrix einstellen, und der Hüllkurvenverfolger verfügt natürlich seinerseits über Anpassungsparameter, sodass man genau einstellen kann,

  • wie sensibel er auf die Dynamik reagiert,
  • wie stark die Modulation sein soll (quasi als Skalierung für den Wert in der Matrix),
  • ob linkes und rechtes Signal verlinkt oder getrennt analysiert werden sollen
  • und mit welcher Hüllkurve (Attack/Release) die Modulation stattfinden soll, nachdem sie über die Dynamik des Audiosignals ausgelöst wird.
  • Auch der Modulationsverlauf, die Eingangsdynamik und die Wirkungsstärke am Ausgang des Modulators wird angezeigt.

Da fehlt also wirklich nichts.

Mal sehen, was wir mit dieser Vorlage anstellen können: Toontrack EZX Pop und Basic Pop-Groove für den EZdrummer, ein Piano aus Toontrack EZkeys mit einem Pattern namens „Dream Pop“.

 

Das Preset Laryngitis liefert für das Piano eine schöne, extravagante Schwebung, die aus einer Kombination eines modulierten Formantfilters und einem dezent beigemischten Echo erzeugt wird.

Wieder stelle ich fest, dass das Preset komplett durchgearbeitet ist: Es sind Modulationen unter anderem für externe MIDI-Controller einschließlich Aftertouch vorgesehen. Hat man ein Preset angewählt, sollte man einen Blick in die Matrix werfen und sich einen Überblick über die Steuermöglichkeiten verschaffen.

Ich konnte es dennoch nicht lassen, selbst Hand anzulegen und habe zunächst das Echo etwas deutlicher beigemischt (im Routing-Menü). Außerdem habe ich das Formantfilter mittels LFO (Doppelsinuswelle mit getrennter Modulation für den rechten und linken Kanal) …

… moduliert, genauer gesagt, das Morphing zwischen zwei Formantfiltern, die hier in einem Modul vereint sind:

Die Geschwindigkeit (Rate) des LFOs wird wiederum durch den Hüllkurvenverfolger moduliert. Während des Notenanschlags werden nun die Vokale gewechselt.

Um dem Klang mehr Kontur zu verleihen, habe ich den Expander (die alternative Betriebsart des Kompressors) im Operator 3 eingesetzt.

Dieser verfügt übrigens über eine automatische Anpassung zwischen Eingangs- und Ausgangspegel.

Glanz in den Höhen bringt das Distortion Modul (Operator 4) mit dieser Einstellung: sym b ist ein Waveshaper, der sanft eingreift, kein Lo-Fi-Verzerrer. Sehr schön ist, dass man diesen auch noch über einen eingebauten Filter auf einen Teilbereich des Frequenzspektrums anwenden kann.

Der globale Mix-Regler steht auf 50%:

 

Nun nochmal zur Bassdrum und zur Snare, die wieder auf Einzelausgängen liegen. Ziemlich schnell finde ich eine Lösung für die Bassdrum, Energy Storm:

 

Das wäre ein schöner Maschinenbeat als Hintergrund für düstere Filmszenen:

 

Dafür habe ich eine zweite N2O-Instanz hinzugefügt, mit der ich eigentlich die Bassdrum knackiger machen wollte. Aber beim Stöbern in den Presets kommt man unweigerlich auf andere Ideen. „Abyss“ heißt das Preset.

Oder wie wäre es damit?

 

Da haben wir schon eine perfekte Maschine aus der Bassdrum gebastelt. Die leicht quietschenden Unregelmäßigkeiten beruhen auf einer Modulation der Lautstärkeverhältnisse, genauer: der Weitergabe des Signals am Audioausgang des Pitch-Shifters (Operator 1) zum Kompressor (Operator 2).

Eine weitere Variante; das Quietschen stammt von einer tonhöhenmodulierten Snare:

 

Klangdesigner, die frische Beats für ihre neuen Libraries brauchen, werde ihre wahre Freude an N2O haben.

Jetzt aber endlich zum Kompressor für die Bassdrum. Zunächst noch einmal die unbearbeitete Bassdrum, dann die Anwendung mit dem Kompressor. Verwendet habe ich diese Einstellung:

 

 

Der Kompressor bringt einen Vintage-Klang mit und verleiht der Bassdrum ohne Zweifel eine gute Portion Kraft. Was aber nicht möglich ist, ist eine Betonung der Transienten. Auch mit kurzen Attack- und Release-Zeiten gibt sich der Kompressor eher gemütlich und weist ein sanftes Regelverhalten auf. Was für eine bessere Kontrolle fehlt, ist ein Gain-Reduction-Meter.

Moduliert man allerdings den Threshold mit dem Hüllkurvenverfolger, kann man den Klang der Bassdrum differenzierter als mit den Parametern des Kompressors alleine herausarbeiten.

 

So kommen wir dem Ziel schon näher. Durch Variationen der Attack- und Releasezeit im Envelope-Modul und der Sensivity kann man sogar den Klang von etwas rau über neutral bis zu tendenziell weich verändern. Verwendet habe ich diese Einstellung:

Im nächsten Audiodemo habe ich das Distortion-Modul dem Kompressor vorangestellt. „Drive“ wird dabei ebenfalls vom Hüllkurvenverfolger gesteuert und fügt der Bassdrum einen regelrecht stampfenden Charakter hinzu:

 

 

Eine Lo-Fi-Bassdrum mit Tendenz zum Maschinengeräusch:

 

Samplerate und Frequenz des Lo-Fi-Moduls habe ich mit dem Hüllkurvenverfolger moduliert.

Die Passage mit vier N2O-Instanzen (für Bassdrum, Snare, Drum-Gruppe und das Piano):

 

Detailansichten

Einige Module haben wir bereits kennengelernt, so z.B. den Kompressor, das Formant- und das Kammfilter, Distortion, Lo-Fi und Pitch unter den Operatoren und den Hüllkurvenverfolger unter den Modulatoren. Ohne hier alle Module in allen Einzelheiten besprechen zu wollen, will ich doch noch auf einige wesentliche weitere Operatoren, Modulatoren, die Matrix und das Routing eingehen.

Zu den Operatoren:

Unter den Filtern finden sich weitere Modelle: Biquad kombiniert zwei stimmbare und resonanzfähige Multimode-Filter (jeweils mit alternativer High-, Low- und Band-Pass sowie Notch-Charakteristik). Über Morph kann zwischen beiden Filtern überblendet werden. Moduliert man den Moprh-Parameter, etwa über den LFO, so ergeben sich Klangfahrten, die wahlweise auch temposynchron ablaufen können.

Das Gleiche gibt es dann noch einmal mit Kuhschwanz-Charakteristik (Shelving-Filter) …

… und wird durch ein Lowpass-Ladder-Filter moog´scher Prägung ergänzt …

… sowie durch den Operator „EQ“, der aus zwei Multimode-Filtern (High-Shelf/Low-Shelf/Peak) besteht, zwischen denen wiederum gemorpht werden kann.

Alle Filter klingen musikalisch, nie kühl oder technisch. Dort, wo es mit hohen Resonanzen zur Selbstoszillation der Filter kommt, kann es auch schon einmal schrill werden, nie jedoch dünn oder piepsig.

Für Lo-Fi steht (neben dem Verzerrer) der Recifier zur Verfügung, der lediglich den Status on/off kennt:

Eine Gitarre aus Ueberschall Guitar, zunächst ohne Bearbeitung:

 

Jetzt mit dem Rectifier:

 

Die Stärke der Verzerrung reguliert man über die Lautstärke, mit der der Rectifier angefahren wird – also über das Routing-Menü.

Das bereits bekannte Distortion-Modul bietet im Vergleich zum Recifier weitaus mehr Möglichkeiten, etwa um eine Gitarre zu schärfen – hinzu kommen die Modulationoptionen, die beim Rectifier mangels variabler Parameter fehlen.

 

Das ist, wie ich finde, eine Alternative zu Ampsimulationen der Marke „clean“.

Zur Gitarre passt auch sehr schön der Phaser (mit 1 bis zu 16 stages), der außergewöhnlich klar klingt und mit fein dosierbarem metallischen Klanganteil wunderbar moduliert werden kann, etwa über einen Hüllkurvenverfolger oder über den LFO.

 

Der LFO kann auch temposynchron und bei Bedarf ultralangsam, mit einem Durchlauf über viele Takte, betrieben werden und bietet neben Standards Sample & Hold als Wellenform. Das wäre soweit nicht besonders spektakulär, doch der LFO geht mit Zusatzparametern weit über das Übliche hinaus:

Per Offset L und R erhält man einen Dual-LFO mit zwei im Verlauf gegeneinander verschiebbaren Wellenformen, von denen eine auf den linlken, die andere auf den rechten Kanal wirkt. Vielleicht jhabe ich ja gerade einen Blackout, aber ich kann mich nicht erinnern, einen solchen Stereo-LFO irgendwo anders gesehen zu haben. Auch lässt sich die Kurve glätten, was bei Sample & Hold einen schönen unregelmäßigen Kurvenverlauf mit sich bringt.

Etwas schwer zu beschreiben ist die Tilt-Funktion. Über sie kann man die Wellenform zur Nulllinie hin asymetrisch absenken oder bis erhöhen. Dadurch wird die Verlaufsform beim Minimalwert abgeschnitten (man erhält also eine Linie am Boden ohne jede Auslenkung) oder bis zum linearen Maximalwert hochgezogen, wodurch in beiden Fällen quasi eine rechnerische Konstante ausgegeben wird. Alles klar? Entscheidend ist: Durch solche Parameter kann man aus den Standard-Wellenformen sehr exotische Varianten erstellen, und da die LFO-Parameter ihrerseits wiederum moduliert werden können, etwa durch einen zweiten LFO oder den Hüllkurvenverfolger, sind sehr abwechslungsreiche und azyklische Verläufe möglich.

Der Panner sieht zunächst nicht sehr aufregend aus: Hier werden einfach der linke und rechte Kanal getrennt einer Position im Stereopanorama zugewiesen. Moduliert man beide Positionen aber beispielsweise mit unterschiedlich eingestellten LFOs, so ergeben sich spektakuläre Fahrten durch das Panorama.

Sobald man über die Matrix einen Modulator für die Zuweisung aktiviert, werden alle möglichen Zielparameter (wie oben abgebildet) rot markiert. Man muss dann nur noch darauf klicken.

 

Der Hall bietet die Basis-Algorithmen Raum, Kathedrale, Plattenhall und Konzerthalle. Die Parameter Predelay (auch als Notenwert), Halldauer und Dämpfung sowie Mix sind üblicher Standard. Die Dämpfung bewirkt hier, dass mit fortschreitendem Verlauf die Reflexionen zunehmend höhenärmer werden; das Low-Pass-Filter liegt also im Feedback-Weg des Hallalgorithmus und nicht etwa als EQ hinter dem Hall.

So lassen sich Materialeigenschaften und damit hell oder dumpf klingende Räume gut simulieren. Die Klangqualität und Halldichte ist gut, der Hall bietet bei größeren Räumen angenehme Schwebungen und klint musikalisch – wie sich das für einen gut aufgelösten algorithmischen Hal Anno 2017 auch gehört. N2O kann man also auch ohne Probleme als reinen Hall für die üblichen Standards einsetzen.

Im Zusammenhang mit den Modulatoren wird es aber erst richtig spannend. Die Parameter time, damping und amount können moduliert werden – rhythmisch per temposynchronem LFO ergibt sich etwa ein Gate-Reverb in Kombination mit einer Rechteckwelle, die man auch noch in der Pulsbreite modulieren kann. Knackfreie Modulationen der Halldauer gibt es auch nicht überall – bei N2O sogar mit geringer CPU-Last.

Moduliert man etwa die Halldauer und den Anteil am Mix über einen Hüllkurvenverfolger, kann man bewirken, dass Pegelspitzen weniger Reflexionen produzieren und das Instrument dann näher wirkt. Der Hall wird damit dynamisch. Setzt man diese Modulation stark ein, so erhält man eine Art Slap-Back-Hall:

 

Der Stereo-Verbreiterungs-Operator sieht ähnlich unaufregend aus wie der Panner …

… und auch hier gilt: Sobald man ihn moduliert, erweist er sich als spannendes Tool zur Klanggestaltung. Hier habe ich die Parameter Center und Stereobreite mittels Hüllkurvenverfolger und LFO moduliert:

 

Das mag etwas hektisch klingen, ließe sich aber ja auch mit einem ultralangsamen LFO deutlich gemächlicher oder genau dosiert von Hand bewerkstelligen, und schließlich gibt es noch die acht frei zuweisbaren Parameterregler, die man dann über externe Controller (nach MIDI-Learn) oder einfach mit der Maus und per Automation bewegen kann. Nicht zu vergessen, die Liste der MIDI-Controller, die über die Matrix direkt geladen werden können:

Inzwischen haben wir die Gitarre mit Verzerrer, Phaser, Panner und Stereo ausgestattet. Hier der Blick auf die Modulationsmatrix:

Als Modulatoren sind zwei LFOs und ein Hüllkurvenverfolger beteiligt. Was wir bislang noch nicht verwendet haben, ist der Step-Sequencer und die Hüllkurve, die hier Envelope Generator heißt:

Dabei handelt es sich um eine AHDSR-Hüllkurve mit Vorverzögerung (Delay). Die einzelnen Abschnitte können entweder in Zeitwerten (Millisekunden) oder temposynchron in Notenwerten eingestellt werden.

Diese Hüllkurve wird über die Eingangslautstärke getriggert, was mir jedoch zunächst nicht gelungen ist. Mit Trigger-ON und Trigger-Off sowie Sensitivity muss man gegebenenfalls etwas experimentieren, bis sich bei laufendem Playback die schmalen Balken oberhalb und unterhalb der Hüllkurve in Bewegung setzen.

Da die Positionen Trigger On und Trigger Off je nach Pegel angefahren werden, kann es dazu kommen, dass der Cursor hin- und herspringt und damit auch die Modulationswerte sich abrupt verändern. Es geht hier also nicht unbedingt um ein nahtloses Durchfahren der Kurve. Allerdings kann man ein solches über externe MIDI-Controller überlagernd hinzufügen, etwa indem man mit dem Pitchbender den Trigger On hin- und herbewegt.

Der Modulatior wird auch vom Hersteller selbst als ziemlich verrückt und eigenwillig beschrieben – was definitiv keine Abwertung sondern im Gegenteil als Aufforderung zu seltenen Klangexperimenten zu verstehen ist. Er ist eben reichlich tricky und sollte im Try-And-Error-Verfahren erkundet werden, zumal sich die Tutorials auf der Herstellerseite zu diesem Modulator ausschweigen. Ein PDF Manual konnte ich auch nicht finden.

 

Der Step-Sequencer

Der Step-Sequencer verfügt über zwei Linien mit je 16 Steps, eine für den linken, eine für den rechten Audiokanal. Er kann also wie der LFO als Stereo-Modulator betrieben werden. (Das gilt sogar für den Hüllkurvenverfolger, wenn entsprechend unterschiedliche dynamische Verläufe im linken und rechten Kanal auftreten.) Die Modulationsstärke pro Step stellt man ein, indem man in jedes einzelne Kästchen klickt und den Balken hochzieht. Eine rasche Kurvengestaltung durch Ziehen der Maus über die Grafik hinweg ist nicht möglich. Die Parameter stellen den üblichen Standard dar: Tempo bzw. Länge der Steps (grid), globale Stärke (depth). Smooth glättet die Übergänge. Das ist zwar nicht grafisch zu sehen aber deutlich zu hören. Smooth und depth können auch durch andere Modulatoren oder von Hand via Controller moduliert werden, was weitere Abwechslung ins Spiel bringt.

 

Das Routing

Per default wird das serielle Routing geladen. Anscghließend kann für jeden Operator der Anteil, der zu jedem der folgenden Operatoren sowie zum Ausgang geschickt werden soll, getrennt eingestellt werden. Zudem lassen sich auch Feedback-Wege genau dosieren, so kann beispielsweise das Ausgangssignal von Operator 3 zurück zu Operator 1 geleitet werden. Auch innerhalb eines Operators ist Feedback möglich.

Durch die Lautstärkeregelung an allen Verbindungsstellen lässt sich eine Vielzahl von Routings erstellen. Allerdings ist hier ein wenig logisches Denken und auch Feinmotorik zum Einstellen der Zahlen (per Klicken und Ziehen – wie bei allen Parameterfeldern) gefragt. Wer es einfacher haben möchte, findet auch vorgefertigte Routings mit den jeweiligen Lautstärkeeinstellungen:

 

Zwei weitere Anwendungen

Zum Anschluss noch zwei Anwendungen: Wir kombinieren ein Moog Filter mit einer Synth-Linie und bearbeiten einen Vocal-Track.

Hier eine Basslinie aus Tone2 Icarus, die ich bewusst einfach gehalten habe:

 

Will man mit dem N2O von Grund auf neu beginnen, findet sich in der Library ein neutrales Preset.

Das Moog Ladder-Filter macht den Bass fleischiger, der Verzerrer fügt raue Obertöne hinzu, er Kompressor verdichte den Klang, der Pitch-Shifter mit Feedback zum Kompressor sorgt für zusätzliche Schwebungen.

 

Kompressor, Equalizer, Stereo-Modulation (Center und Breite) über zwei LFOS und zum Schluss ein Echo mit LFO-moduliertem Feedback zurück zum Stereo-Operator und über diesen weiter zum Equalizer. Dadurch kommt es zu den unregelmäßigen Flatter-Echos.

Audio 31

Der Gesang stammt übrigens aus Soundiron Voices of Rage (Mixie). Hier noch einmal zum Vergleich Bass und Mixie ohne N2O-Instanzen:

Audio 32

 

Bedienung

Ich muss ehrlich zugeben: Als ich den neuen N2O „auspackte“, Jahre nachdem ich Nitro zuletzt benutzt habe, dachte ich zunächst: Naja, diese Old-School-Oberfläche, bei der man an Zahlenfeldern klickt und zieht, ist nun wirklich nicht mehr meine Sache. Doch das stellte sich schnell als Fehleinschätzung dar. Im Gegenteil: Die etwas nüchterne Gestaltung führt dazu, dass man konzentrierter und genauer arbeitet, als man das mit einer verspielt gestalteten, bunten Spielwiese mit grafisch aufgemotzten Reglern tun würde. Dazu kommt, dass schon der Basisklang aller Operatoren Freude bereitet. Wenn man diese erst einmal kombiniert, über das Routing gemischt und dazu die diversen Modulationsoptionen ausprobiert hat, wird die Grafik zur Nebensache. Man taucht schnell in den facettenreichen Klangkosmos von N2O ein und erlebt eine ganze Serie angenehmer Überraschungen. Das Klangdesign nimmt Fahrt auf, die Bedienung geht flüssig von der Hand. Wichtig ist, dass weitgehend alles angezeigt wird, was notwendig ist. Ein paar Dinge fehlen allerdings noch:

 

Wünsche für ein Update

Keine Frage, N2O ist ein interessanter Effekt und hat nicht nur ein eigenständiges, einzigartiges Konzept, sondern auch eine sehr durchdachte, feine Detaileinstellungen zu bieten, etwa das ausgeklügelte Routing-Menü oder Feedback-Wege innerhalb von Filtern, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Andererseits fehlen ein paar zeitgemäße Standards, die ich mir für ein Update wünschen würde: Undo/Redo, eine Skalierung des Interfaces, eine direkte, automatische Navigation zu eigenen Presets. Das war es auch schon. Regelrechte Mängel (mit Ausnahme des Rätsels um den Envelope-Generator) sind nicht anzumelden.

 

CPU-Last

Nitro war seinerzeit ein extravaganter Effekt, der allerdings auch eineiges an CPU-Leistung einforderte. Wenn alle vier Operatoren in Betrieb waren, konnte die Leistungsanzeige auch schon mal die 30% – Marke überspringen.

Das ist bei N2O nicht mehr so. Mag sein, dass PSP bei der kompletten Überarbeitung auch den Leistungshunger einschränken konnte. Entscheidender dürfte allerdings die Entwicklung der Rechner sein, die in den letzten zehn Jahren ein gutes Stück schneller geworden sind. Mit einem zeitgemäßen System kommt man auch bei geringer Latenz auf kaum mehr als 5 % Rechenlast – bei aufwändigen Presets mit moduliertem Pitch-Shifter. Schade nur, dass es keine VST 3 – Version gibt.

Abstürze oder Instabilitäten gab es während der recht intensiven Testphase mit Copy & Paste von Instanzen innerhalb der Cubase-Kanäle und allen möglichen Operationen bei laufendem Playback nicht.

 

Vergleich mit Mitbewerbern – oder besser: weitere Tipps für Klangbastler

N2O nimmt unter den Multieffekten eine eigenständige Position ein. Es gibt aus meiner Sicht kein Multieffekt-Plug-in, welches unseren Testkandidaten ersetzen würde. Wo gibt es sonst beispielsweise Stereo-LFOs, die (u. a.) das Routing inkl. Feedback-Schleifen zwischen den Effekten modulieren können? Die Old-School-Oberfläche ist vielleicht nicht auf Anhieb jedermanns Sache, stellt sich aber als klar strukturierte Architektur heraus, die man schnell im Griff hat.

Genau das trifft auf einen potenten Mitbewerber, Native Instruments Molekular, nicht zu. Dieser abgedrehte und höchst experimentelle Multieffekt auf Reaktor-Basis kann zwar noch tiefer editiert werden und bietet neben Feedback-Routing sogar ausgefuchste übergeordnete Parameterfahrten, fordert jedoch eine gewisse Bereitschaft zur Einarbeitung ein. Bei genauerer Betrachtung ist er kein Entweder-Oder-Konkurrent zu N2O, sondern ein anderes, interessantes Plug-in, welches preislich in etwa auf Augenhöhe liegt.

Das betrifft auch das Uhbik-Bundle von u-he, welches auch mit sowohl in der Wirkung als auch in der Audioqualität außergewöhnliche Effekte bereitstellt, aber überwiegend andere als N2O und nicht als Multieffekt.

 

Fazit

Eine breite Palette von Filtern, ein leistungsstarker Kompressor/Expander mit Vintage-Sound, ein hervorragend klingender Verzerrer, ein vielseitiges Echo und ein Pitch-Shifter sind die Highlights dieses Plug-ins.

Der Clou an der Sache ist aber das Routing einer Kombination von vier Effekten einschließlich frei konfigurierbaren Feedback-Wegen und die umfangreiche Modulation – beim LFO, Step-Sequencer und Hüllkurvenverfolger in Stereo!

N2O bedient damit grundlegend die meisten klassischen Anforderungen an ein fortgeschrittenes Effekt-Equipment ganz alleine und eignet sich darüber hinaus als unerschöpfliche Fundgrube extravaganter Effekte für alle Genres von Pop bis zu Avantgarde.

Auch Klang-Designer werden hier ein Labor finden, das sie so schnell nicht wieder verlassen werden. Ich wollte beispielsweise immer schon aus einer puren Bassdrum, die ja in puncto Klangverlauf wirklich nicht viel zu bieten hat, einen Maschinensound mit Tendenz zur rhythmischen Textur machen. Mit N2O ist mir das erstmals zufriedenstellend gelungen.

N2O gehört zweifellos zu den interessantesten Multieffekten, die derzeit auf dem Markt sind. Während andere Hersteller teils auf verspielte bis opulente Gestaltungen der Oberfläche setzen, gibt man sich beim PSP N2O eher nüchtern und technisch. Das hat seine Vorzüge, lenkt nämlich vom Wesentlichen weniger ab. Allerdings würde ich mit eine Skalierung wünschen. Die Zuweisung von Modulatoren zu Klangparametern vollzieht sich auch nicht einfach per Drag & Drop mit Regelkränzen um die Parameter, sondern klassisch über Einträge in der Matrix.

N2O hat eine Auswahl von 19 verschiedenen Effekte zu bieten, die als sogenannte Operatoren in vier Slots geladen werden können. Die Audioqualität und die musikalische Effizienz dieser Effekte ist exzellent. Dem stehen vier Modulator-Slots gegenüber. Pro Modulator hat man die Auswahl aus einem LFO, Hüllkurvenverfolger, Step-Sequencer oder einem D-ADHSR-Hüllkurvengenerator. Die Modulatoren haben es in sich und bieten ausgeklügelte Funktionen, sodass auf bei anspruchsvollen Klangbastlern kein Wunsch offen bleiben dürfte. Hinzu kommen acht frei zuweisbare Regler und eine umfangreiche Einbindung externer Controller via Matrix und MIDI/Key-Sidechain.

Zu einem fairen Preis bekommt man zunächst einmal ein ausgewachsenes Bundel von Effekten, die man zu extravaganten Kombinationen verschalten und dank geringer CPU-Last auch live performen kann. Auf unserem Testsystem (Cubase 9 Pro, Win 8.1, 6-Core i7) machte sich auch bei 128 Samples Puffergröße und einer Latenz von weniger als 7 ms das Ein- und Ausschalten in der Cubase-Leistungsanzeige nicht bemerkbar, sodass die Leistungseinforderung im niedrigen einstelligen Bereich liegen wird.

Laut Herstellerangabe läuft N2O nur bis Windows 7. Vermutlich hat der Hersteller seine Angaben nicht aktualisiert. Jedenfalls gab es beim Test unter Win 8.1 keine Probleme (von der o. g. Hüllkurve abgesehen).

In der letzten Zeit habe ich mehrfach unseren Top Product Award vergeben. Die Produkte haben es auch alle verdient, denn sie stellen auch in Zeiten der Überversorgung wirkliche Bereicherungen dar. N2O ebenso – trotz der Bedienung, die nicht dem Mainstream folgt und ein paar anderen Kleinigkeiten, die ich im Test erwähnt und teilweise unten als Minus-Punkte aufgezeigt habe. N2O ist einfach ein außergewöhnliches Kreativwerkzeug und da, wo es darauf ankommt, mit voller Punktzahl.

Testautor: Holger Obst

Einfach weil´s so schön ist, als Zugabe noch ein Audiodemo mit Native Instruments Session Guitarist Strummed Acoustic 2, zunächst ohne N2O:

 

Und jetzt mit den Operatoren Delay, Pitch, Reverb und nochmal Pitch. N2O verwandelt bei 30% Mix-Balance die akustische Gitarre in eine Art mechanisch betriebene Gitarre mit Sabilitätsproblemen bei der Tonhöhe, ein seltsames, archaisches Instrument.

 

Plus:

  • Vielzahl musikalisch klingender Filter
  • großes Angebot an kombinierbaren Effekten
  • differenziertes Routing mit Feedback-Optionen
  • umfangreiche Modulationsmöglichkeiten
  • Stereo LFOs und Step-Sequencer
  • sehr gute Audioqualität
  • inspirierender Multieffekt für ausgefallenes Sound-Design
  • MIDI-Steuerung von Parametern
  • Unterstützung älterer Betriebssysteme
  • fairer Preis

Minus:

  • kein PDF-Manual
  • kein skalierbares Interfaces
  • kein Undo/Redo

Preis: 149.- US Dollar

System:

  • Windows: ab XP SP2 (Windows 10 mit Demo-Version testen)
  • Mac: ab OSX 10.5
  • Formate: VST 2.4, RTAS, AAX, AU
  • 32 und 64 Bit
  • Für ältere Betriebssysteme vor Win XP SP2 und Mac OSX 10.5 hält der Hersteller die Vorgängerversion bereit.

Hersteller: PSP Audioware

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