Test: Shevannai – The Voice of Elves

„Aus gegebenem Anlass“ – so könnte man diesen Test gut und gerne beginnen, denn natürlich war die Blu-ray vom zweiten Hobbit mehr oder weniger dafür verantwortlich, dass der Fokus des Testers auf Eduardo Tarilontes Shevannai – The Voice of Elves Library fällt.

Tarilonte hat sich in der Vergangenheit eine ausgezeichneten Ruf für cineastische Sample-Libraries erarbeitet, Forest Kingdom, Epic World, Desert Winds und Era Medieval Legends belegen dies eindrucksvoll.

Mit Shevannai widmet sich Eduardo Tarilonte nun einem sehr speziellen Genre – und zwar der Stimme einer weiblichen Elfe. Den meisten dürften diese Fabelwesen am ehesten aus den Verfilmungen von J.R.R. Tolkiens Büchern geläufig sein, Peter Jackson sei’s gedankt. Ich selbst musste den Herrn der Ringe seinerzeit dreimal anfangen und wieder zur Seite legen, bevor ich Zugang zu den Büchern bekam. Da ist es im Kino oder mit DVD und Blu-ray doch um einiges einfacher, in Tolkiens Werk einzutauchen.

Shevennai1

Installation

3,6 GB umfasst die Shevannai-Library und läuft, im Gegensatz zu anderen Tarilonte-Produkten, nicht mit der Best Service Engine sondern mit Native Instruments Kontakt (Player). Die Installation bewerkstelligt man händisch, indem man die NKI’s an den gewünschten Platz auf der Festplatte kopiert und dann über die „Add Library“-Funktion in Kontakt hinzufügt. Das alles läuft flüssig und sauber und irgendwie nebenher. Wer bereits mit Kontakt 5 gearbeitet hat, kennt das Prozedere. Es stellt den Benutzer nicht vor unüberwindbare Hürden. Auch die Freischaltung und Autorisation funktioniert in bester Kontakt-Manier und so ist man sehr schnell startklar und kann mit der Library loslegen.

Die Library

Shevannai besteht aus 4.409 Mono-Samples im 44,1 kHz/24Bit-Format, verteilt auf 27 Pasches. Die Sopranistin Lara Außens lieh den Elfen ihre Stimme, und um eine möglichst große Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten zu gewährleisten hat Tarilonte bei den Aufnahmen darauf Wert gelegt, die Stimme ohne Vibrato zu sampeln. Wer also Vibrato in der Stimme haben möchte, der kann dies über die Regler Vibrato Speed und Vibrato Volume hinzufügen. Dass dies im Nachgang passiert, störte mich beim Testen nicht im geringsten, da ich Vibrato und andere Modulationen immer gerne im Gesamtkontext betrachten möchte. Insofern finde ich diesen „im Nachhinein auf digitalem Weg hinzufügen“-Ansatz recht gelungen. Störender empfinde ich da doch eher, dass die Shevannai-Presets teilweise mit Hall zugekleistert sind. Das sorgt zwar erst mal für die notwendige Stimmung, kann im Zusammenspiel oder im Mix aber auch schnell problematisch werden. Vielleicht wäre es eine Idee für zukünftige Upgrades, dass man die Sounds einmal trocken und einmal mit Effekt anbietet. Zwar lässt sich der Hall zurück- und rausregeln, es ist aber lästig, wenn man immer erst mal zum Hallregler greifen muss.

Die Klangbibliothek selbst unterteilt sich in die Kategorien …

  • The Voice
  • Phrases
  • Soundscapes

… wobei durch umfangreiches Key-Switching ausgefeilte Möglichkeiten gegeben sind.

The Voice besteht aus den drei Patches Shevannai Legato, Shevannai Staccato und Inhales and Releases.

Legato liefert fünf verschiedene, echte Legati für die Vokale a, e, i, o, u. Die Env-Attack und Env-Release-Regler beeinflussen das Ein- und Ausschwingverhaltens der Stimme. Vielleicht noch interessant: Shevannai ist mehrstimmig nutzbar. So lassen sich gleich ganze Chöre und Chorsätze bauen.

Der zentrale Controller ist das Vokal-Auswahlrad, mit dem zwischen den fünf Vokalen geswitcht werden kann. Dies lässt sich mit der Maus erledigen, über Key-Switches auf dem Keyboard oder über Midi-CC 3 (zum Beispiel mit einem MIDI-Floorboard). Aktiviert man einen Switch, werden die Samples sofort, aber sanft übergeblendet. So lassen sich mit den fünf Vokalen auch hybride Texturen generieren.

Weiterhin werden in dieser Abteilung 33 Fantasiewörter geboten, die sich aus unterschiedlichen Silben zusammensetzen. Womöglich ist dies der beste Startpunkt, möchte man Shevannai im musikalischen Sektor einsetzen. Damit lassen sich ganz neue Zusammenstellungen kreieren, interessant ist hier auf jeden Fall die „Auto Vowel“-Funktion, die sich merkt, mit welchem Vokal ein Wort aufhört und diesen hält, bis man die Taste loslässt oder zu einem neuen Wort überblendet.

In der Staccato-Abteilung finden sich die Vokale in kurz gesungener Form. Das klingt beim ersten Hören stark abgehackt und unrund – so gar nicht nach Elfen und Fantasy. Trotzdem: Für das Zusammenspiel ist diese Abteilung unbedingt notwendig, gerade wenn man den fantasievollen Gesang in den Rhythmus und die Metrik eines Stückes einbetten möchte.

Inhales and Releases nennt sich das dritte Teil dieser Kategorie. Hier werden Atemgeräusche und weitere Konsonanten geboten, die der komplexen Ausgestaltung von Darbietungen dienen und der ganzen Library Leben einhauchen können.

Phrases

Shevannai bringt neben Legato- und Staccato-Patches auch eine stattliche Anzahl von fertigen Phrasen mit. Hier findet man melodische Phrasen in unterschiedlichen Tonhöhen sowie kurze gesprochene oder geflüsterte Passagen. Die Phrases eignen sich als fertige Satzfragmente zur Benutzung über Flächensounds, für Intros oder Outros. Kurz: immer dort, wo es eher um darum geht, ein Stimmungsbild zu bauen oder zu verstärken. Im rein musikalischen Kontext würde ich einer Mischung aus Legato, Staccato in Kombination mit Inhales und Releases den Vorzug geben.

Soundscapes

In diese Kategorie finden sich 20 atmosphärische Patches, die durch Layering von Atmos, Vocals und Pads komplexe Klanggebilde formen, bei denen sich die Layer unabhängig voneinander ein- und ausblenden lassen. Diese organischen Soundscapes eignen sich hervorragend für epische und atmosphärische Songs und zur Untermalung.

GUI

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Die grafische Benutzeroberfläche wurde übersichtlich gestaltet. Tarilonte beschränkt sich auf eine kleine Anzahl von Buttons und Reglern, mit denen sich Shevannai editieren lässt. Eigentlich alles recht intuitiv, ohne dass man das Manual all zu oft bemühen muss. Weiss man mal nicht weiter, kann man einfach mal mit der Maus über einen Button fahren, dann klappt ein Infofeld auf. Die jeweiligen Bedienelemente passen sich jeweils dem Teil der Library an, in dem man sich gerade befindet.

Wie bei anderen NI Kontaktlibraries gewohnt, gibt das virtuelle Keyboard im unteren Teil Aufschluss über die Belegung der einzelnen Tasten. Hier kann es sinnvoll sein, sich mit dem Mapping zu beschäftigen, gerade wenn man Shevannai übers Keyboard spontan spielen möchte. Hier gilt, dass größer gleich besser ist. Heißt: Je mehr Tasten am Keyboard man physisch zur Verfügung hat, umso flüssiger läuft es mit Shevannai.

Sound-Beispiele

Hier zunächst eine kurze Phrase, die sich aus Shevannai ergibt.

 

Geflüstert geht das auch.

 

Hier noch mal ein Beispiel aus der elbischen Phrasendreschmaschine.

 

Und noch mal geflüstert.

 

Kommen wir zu den Soundscapes, hier die Ancient Voices.

 

 

 

Hier die Soundscapes Arcane.

 

Und das elbische Königreich als Soundscape.

 

Und die geheime Passage nach Mordor.

 

Der „Wind of Omen“ klingt auch nicht sehr einladend 🙂

 

Fazit

Shevannai ist keine massenkompatible Library für den großen Markt, sie wird aber mit Sicherheit ihre Anwender und Freunde finden. Auch wenn die wenigsten von uns mal einen Film vom Schlag „Herr der Ringe“ oder „Der Hobbit“ vertonen dürfen, gibt es im Bereich Game Audio oder Sounddesign bestimmt genügend Anwendungsmöglichkeiten.

Die Sounds sind auf jeden Fall hochwertig, professionell aufgenommen und aufbereitet – und auch wenn 149 Euro zunächst kein Sonderangebot sind, kam man doch von einem guten Preis-/ Leistungsverhältnis sprechen, wenn man den das notwenige musikalische Potential von Shevannai zu nutzen weiß.

Heiko Wallauer

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