Test: Softube Transient Shaper

Transientenwerkzeuge gehören neben der Einzeltonbearbeitung von polyphonem Material meiner Meinung nach zu den letzten wirklichen Innovationen, die in den letzten Jahren technisch auf dem Gebiet der Audioproduktion stattgefunden haben.

Seit der ersten Hardware sind mittlerweile auch diverse Plug-ins und Softwares erschienen. Softube schickt dabei seine Variante ins Rennen: Den Transient Shaper. In diesem Artikel wollen wir uns dieses Produkt genauer anschauen und auch einige mögliche Anwendungsbeispiele für Transiententools aufzeigen.

 

 

Die Geschichte des Transientenformers

Ein geeigneter Überbegriff dieser noch vergleichsweise jungen Effektart wäre vermutlich „Transientenformer“. Vielfach auch pauschal als Transientendesigner bezeichnet, deutet letzterer Name jedoch eher auf die eigentlichen Urheber hin. So veröffentlichte SPL damals nämlich den ersten derartigen Dynamikprozessor unter dem legendären Namen Transient Designer und stellte damit den Produktionsalltag vieler Tontechniker ein klein wenig auf den Kopf. Obwohl er als Dynamikwerkzeug eingeordnet wird, bearbeitet er die Audiosignale anders als bisherige Ansätze. Grundlegend ist hierfür die sogenannte Differential Envelope Technology, die unabhängig vom Threshold die Anklang- und Ausklangphasen von Signalen (Attack und Sustain) getrennt voneinander editierbar macht. Für einen genaueren Einblick in die ungefähren Signaloperationen sei auf das Handbuch zu besagtem „Transient Designer Model 9946“ von SPL hingewiesen, welches auf der Firmenwebseite verfügbar ist. Darin erklären Hermann Gier und Ruben Tilgner die prinzipielle Funktionsweise der Technologie.

Nachdem die praktische Anwendung dieser Differential Envelope Technology die Audiowelt überzeugt hatte, haben andere Hersteller ihre eigenen Versuche gestartet, ähnliches Processing in Geräten anzubieten – anfangs mit wenig Erfolg. Auch heute noch ist der Transient Designer von SPL der Quasi-Benchmark. Auf digitaler Ebene sah die Sache anders aus. Digitales Modeling und Systemanalysen (Stichwort: Black Box) ließen schnell auf die Funktionseigenschaften rückschließen und mit geschicktem Reverse Engineering war auch die Parametrik der Geräte bald nachvollzogen. Somit warteten softwarebasierte Transientenformer vergleichsweise zügig mit passablen Ergebnissen auf. Maßgeblich blieb hier allerdings auch lange Zeit SPLs hauseigene Plug-in-Variante ihres Transient Designers.

Mittlerweile ist die Differential Envelope Technology von vielen Herstellern verstanden und implementiert worden. Die subjektive Qualität schwankt trotz des augenscheinlich simplen Funktionsprinzips jedoch von Produkt zu Produkt. Während die Signalverarbeitung heute kein Brief mit sieben Siegeln mehr ist, verleitet wohl die ordentliche Anpassung der Parameter auf die letztendlichen Bedienelemente (ergo Workflow) viele Anwender dazu, auch hier wieder in „gut“ und „schlecht“ zu unterscheiden.

Ich selbst habe bereits mit vielen Hard- und Softwareversionen gearbeitet und kenne die zugrunde liegende Technologie. Die drastische Kategorisierung der heutzutage verfügbaren Plug-ins würde ich zwar nicht so unterschreiben; es steht jedoch fest, dass eine einwandfreie Implementierung und eine darauf aufbauende intuitive Parametrik nach wie vor keine einfache Sache ist.

Daher nehmen wir in diesem Artikel Softubes Variante eines Plug-in-Transientenformers genauer unter die Lupe: Den Transient Shaper. Die fleißigen Schweden und deren Algorithmen und Implementierungen haben einen ausgezeichneten Ruf. Trotzdem muss sich zeigen, ob auch der Transient Shaper hält, was er verspricht.

 

Installation und Autorisierung

Wie bei Softube üblich erhält man nicht eine einzelne Software, sondern das gesamte Programmrepertoire, von dem dann letztlich nur die Teile freigeschaltet werden, zu der man die Lizenz erworben hat. Daraus resultiert der Umstand, dass man nach der Installation eben auch eine Menge Dinge auf der Festplatte hat, die man gar nicht braucht; eine Einzelinstallation ist nicht möglich. (Als Bonus ist allerdings die Freeware Saturation Knob mit dabei.) Ähnlich verhält es sich mit dem englischen PDF-Handbuch, welches alle Produkte von Softube abdeckt und dann eben auf 5 von 200 Seiten den Transient Shaper behandelt. Dafür geben sich die Entwickler hier viel Mühe und erklären kurz aber ausreichend präzise die Wirkungsweise aller Regler; auch ein grober Signalflussplan ist dabei – Lob!

Abgesehen von dem unnötigen Softwareballast geht die Installation ohne Probleme vonstatten. Der Transient Shaper liegt in 32 und 64 Bit für alle gängigen Schnittstellen VST, VST3, AudioUnit und AAX (Native und DSP) vor. Letztere ist jedoch vom eingesetzten System abhängig und es sollte vorher auf der Webseite geprüft werden, ob die Software mit der gewünschten Spezifikation lauffähig ist.

Die Autorisierung erfolgt via iLok. Dabei ist der Dongle nicht mehr zwingend notwendig. Über das maschinenbasierte Autorisierungsverfahren kann die Software auch in Verknüpfung mit einer Computer-ID aktiviert werden. Ein (kostenloser) iLok-Account ist aber auch hierfür notwendig.

 

Überblick und Funktion

Der Transient Shaper macht einen erwartungsgemäß schlanken Eindruck. Die grafische Nutzeroberfläche wird kompakt und funktional dargestellt; das Design ist unaufgeregt und für Softube typisch in analogem Hardwarestil gehalten. Hinter dem Setup-Tab verbirgt sich lediglich eine kleine Darstellungsoption. Alles ist angenehm von vornherein und direkt überschaubar.

Recording und Studiotechnik

Im Gegensatz zu anderen Softube-Produkten hat der Transient Shaper kein direktes analoges Vorbild, nach dem es gemodelt wurde. Vielmehr handelt es sich um eine Eigenentwicklung, die aber verständlicherweise auch in der Bedienung gängigen Konventionen folgt. So nehmen zwei Drehregler einen prominenten Platz ein, die für „Punch“ und „Sustain“ zuständig sind.

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Punch ist bei Softube das, was anderorts Attack oder Transiente heißt. Gemeint ist also der initiale Anstieg der anklingenden Wellenform. Dieser lässt sich hier großzügig über einen Bereich von 40 Dezibel verstärken oder dämpfen und es resultiert ein druckvolleres oder milderes Attack beim Signal. Sustain wirkt sich hingegen auf den Ausklang, also den Bereich nach den ersten Anstiegen der Wellenform aus. Die Regelgüte ist hier die gleiche.

Psychoakustisch verändert das die Wahrnehmung der Hüllkurve jedoch derart, dass man hier weniger von verstärktem oder gedämpftem Sustain, sondern vielmehr vom Verlängern oder Verkürzen desselbigen spricht. Es ist jedoch hervorzuheben, dass trotz dieser Begrifflichkeit nichts am ursächlichen Wellenformverlauf geändert wird; hier findet also keine zeitliche Streckung oder Stauchung statt! Das Sustain tritt nur mehr oder minder hervor, wodurch ein entsprechender Eindruck erweckt werden kann.

Die Bearbeitung bleibt gänzlich hüllkurvenselektiv, was eben die grundlegende Idee des Differential Envelopings darstellt. Und Softube wären nicht Softube, wenn sie nicht noch einige nützliche Features zusätzlich in ihrem Plug-in unterbringen würden. So kann man für beide Regler noch festlegen, ob sie auf das gesamte Spektrum („Wide“), oder nur auf hohe („Hi“) oder niedrige („Lo“) Frequenzen reagieren. Neu ist die Idee nicht, doch vorher war dazu ein umständlicher Signalweg über eine Bandtrennung notwendig, was hier geschickt über einen Wahlschalter realisiert wurde. Eine entsprechende Trennfrequenz kann über den Crossover-Regler ebenfalls feinjustiert werden.

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Über einen Level-Regler lässt sich der Output einstellen und mit der großzügig dimensionierten Metering-Einheit alle Pegel gut überwachen.

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Ein weiteres interessantes Feature, das die Entwickler dem Plug-in spendiert haben, ist ein Clipping-Wahlschalter. Ist dieser aktiviert, generiert das Plug-in ein Soft-Clipping bei 0 Dezibel (Full Scale).

Normalerweise ist es bei heutigen Sequencern durch die Fließkommaverarbeitung kein Problem, wenn innerhalb einer Effektinstanz höhere Pegel auftreten, solange man später in der Bearbeitungskette darauf angemessen reagiert. Der Transient Shaper bietet hier bereits eine Limitierung an, die man entweder zur Sicherheit als Quasi-Limiter benutzen kann, oder eben die Soft-Clip-Charakteristik kreativ ausnutzt, da so Pegelspitzen im Obertonspektrum nochmal angereichert werden können – ein nicht übliches aber im Kontext der Signalbearbeitung sehr schönes Feature!

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Clipping bedeutet in der digitalen Welt meist nie etwas Gutes: Da ab einer bestimmten Quantisierungsstufe keine größeren Werte für die Wellenformdarstellung mehr angeboten werden können, wird dort alles auf den Maximalwert gesetzt. Die Wellenform bekommt harten Rechteckcharakter, was unweigerlich und umgehend ein stark ausgeprägtes Obertongefüge (Verzerrungen) hervorruft. Das Störende daran ist die Unmittelbarkeit: Vor dem Clipping ist das Spektrum normal und sobald der Wertebereich überschritten ist setzten die Verzerrungen abrupt ein. Soft-Clipping, so wie es beim Transient Shaper verwendet wird, nutzt hingegen die Möglichkeit der größeren Dynamikbereiche von Sequencern (24 und 32 Bit oder mehr) und lässt die Verzerrungen sachter entstehen. Auch eine spektrale Formung der Verzerrungen ist so möglich, sodass die Verteilung der entstehenden Obertöne zugunsten eines angenehmeren (sättigungsartigen) Klangs ausgerichtet werden kann.

Nach diesem Überblick zur Software wollen wir den Transient Shaper nun in der Praxis überprüfen. Dafür habe ich vier Beispiele vorbereitet, die verschiedene Anwendungsszenarien abbilden sollen. Daran können wir nachvollziehen, zu was der Transient Shaper in der Lage ist und ob es irgendwo Grenzen gibt.

 

Anwendungsbeispiel 1: Klangformung

Zuerst wollen wir uns natürlich dem klassischem Fall annehmen, für den ein Transientenformer prädestiniert ist: Transienten- und Sustain-Bearbeitung eines perkussiven Signals. Zur Demonstration habe ich eine Schlagzeugaufnahme gewählt, anhand derer wir nun die Kick Drum mit dem Transient Shaper bearbeiten und verfeinern wollen. Das Ausgangsmaterial ist das Summensignal aus je einem Mikrofon der Vorder- (Attack) und Rückseite (Bass) der Kick Drum. Um den Eindruck nicht zu sehr zu verfälschen fand hier noch keine vorhergehende Bearbeitung mit Equalizer, Kompressor oder Gate statt. Daher tritt auch noch leichtes Übersprechen von Snare und Hi-Hat auf (im Fachjargon Bleeding genannt).

 

Die Aufnahme selbst ist bereits gelungen und bringt alles mit, um sie im Mix später nach vielerlei Wünschen und Notwendigkeiten anpassen zu können. Etwas zu markant ist bei solch einem rohen Mikrofonsignal oft noch der Basston, den man von dem äußeren Mikrofon erhält, was die tieffrequente große Schwingung des Kick-Drum-Fells erfasst. Denkbar wäre, diese Spur einfach leiser zu mischen, was allerdings gleichzeitig einen Verlust an wichtigen Bassfrequenzen bedeuten und den Gesamtklang ausdünnen würde. Ein passendes Verhältnis aus ausreichend Tiefton und unaufdringlichem Ausklang zu schaffen, gehört zum filigranen Handwerk eines Tontechnikers. Und eine Bassgitarre oder etwas Vergleichbares soll ja später meist auch noch im Mix platziert werden, ohne dass sich die Frequenzen in die Quere kommen …

Bei dieser wichtigen Aufgabe kann der Transient Shaper viel Hilfe leisten. Der erste Schritt wäre, das Sustain dahingehend zu bearbeiten, dass der Basston erhalten aber dessen Ausklang weniger präsent bleibt. Durch eine entsprechende Dämpfung des Sustains lässt sich dieses verkürzen, wobei man jedoch feinfühlig agieren sollte, damit der Tiefton je nach Anforderung der Produktion und des gesamten Klangensembles noch genügend Raum hat, um sich ausreichend zu entfalten.

Anschließend soll eine Anpassung der Transienten mittels der Punch-Optionen stattfinden. Die Schrittfolge kann auch umgekehrt gewählt werden – je nachdem, welche Signalcharakteristik vorrangig Editierungsbedarf besitzt. In jedem Fall sollte aber beides, also Sustain und Attack, aufeinander abgestimmt sein!

Der Attack bzw. Anschlag wird üblicherweise mit einem Mikrofon an der Seite der Kick Drum eingefangen, an deren Fell sich das Fußpedal des Drummers befindet (ob nun von innen oder außen abgenommen – das hängt von den Möglichkeiten und der Herangehensweise der Aufnahmetechnik ab). In jedem Fall erfasst das Mikrofon hier vor allem die breitfrequente (weil impulsartige) Resonanz des angeschlagenen Fells. Im Gegensatz zur anderen Seite der Kick Drum, bei der die Luftdruckschwankung sich innerhalb der Trommel ausprägen und eine bassfördernde Auslenkung des äußeres Fells hervorrufen konnte, wird hier also der Punch aufgenommen, der genauso essentiell für die Durchsetzungsfähigkeit der Kick Drum ist (und leider oft zu oberflächlich behandelt wird). Bei einer passenden Auswahl an Mikrofontechnik und geschickter Positionierung kann man sich bereits bei der Aufnahme eine Menge spätere Arbeit ersparen. Doch für alle anderen Fälle springt der Transient Shaper in die Kerbe und verspricht Abhilfe.

Hier wollen wir dem nun kurzen Sustain mit einer etwas markanteren Transiente Rechnung tragen und formen mittels Punch-Regler die Anschläge etwas aus. Ein gutes Mittel ist gefunden, wenn die beiden Komponenten aus Attack und Sustain in einem deutlichen Schlag mit tieftönigem Abgang verschmelzen; gemeint ist, dass sich keine von beiden zu stark abheben darf.

Hierbei soll auch auf einen gängigen Fehler in der Mischpraxis hingewiesen werden: Transientenformer verleiten vor allem bei guten Abhörmonitoren durch die verlockende Hervorhebung des Attacks dazu, diesen Effekt übermäßig auszunutzen. Dabei sollte jedoch beachtet werden, dass gute Studiomonitore meist viel bessere Klangeigenschaften haben als Hi-Fi-Anlagen oder andere Abspielsysteme, auf denen die Produktion später auch gut klingen soll. Ausschlaggebend hierbei ist die Impulstreue der Lautsprechermembranen. Denn nur wenn die Membranen eine genügend kurze Auslenkzeit gestatten klingen die etwaig überstrapazierten Transienten noch gut. Passt man hierbei nicht auf stellt sich später auf gängigen Abhören Ernüchterung ein, wenn diese nicht mehr in der Lage sind, die Transienten ordentlich abzubilden. Schlimmstenfalls sind sie sonst gänzlich verschwunden.

Ein mögliches Endergebnis mit korrekten Einstellungen könnte so klingen:

 

Der ursprüngliche Klang und Körper der Kick Drum ist erhalten geblieben. Der Ausklang wurde etwas eingedämmt ohne dass der initiale Basston zu stark ins Hintertreffen gerät. Gleichzeit konnte das Attack der Kick Drum dahingehend herausgearbeitet werden, dass der Gesamteindruck prägnant und schubkräftig wirkt. In ähnlicher Weise kann im Übrigen auch bei den Toms verfahren werden. Bei der Snare hingegen muss man aufgrund des umfangreicheren Spektrums und der ohnehin schon hohen Impulshaftigkeit vorsichtiger an die Sache herangehen. Eine Möglichkeit, wie man den Transient Shaper hier für Klangkorrekturen einsetzen kann folgt im übernächsten Beispiel.

Abschließen lässt sich hier noch eine interessante (wenn auch dezente) Wirkung des Punch-Type-Schalters aufzeigen: Dieser sollte für perkussive Signale meist auf „Fast“ stehen, damit auf schnelle Wellenformanstiege angemessen reagiert werden kann. Verfügt das Signal jedoch schon über ein gut aufgenommenes Transientenverhalten lässt sich mit der Stellung „Slow“ unter Umständen mit noch filigranerem Material in der Aufnahme experimentieren. Achten Sie dazu vor allem auf die zwei kurzen und leiseren Kick-Drum-Schläge am Ende des Klangbeispiels. Hier erlaubt sich der Drummer mehr Dynamik um das Spiel lebhafter zu gestalten. Stellen wir den Schalter auf „Slow“, verleiht das diesen dünneren Kicks etwas mehr Körper und könnte sie so nochmal betonen; die anderen Transienten leiden darunter nicht. Dies lässt sich jedoch nicht pauschalisieren und kann nicht immer wie hier dargestellt funktionieren – es lädt aber zum Experimentieren ein!

 

Anwendungsbeispiel 2: Sound Design

Ein gegenteiliges Verfahren zu dem oben dargestellten kann man oft bei Kick Drums jüngerer Metal- und Rockproduktionen hören. Hier werden im Refrain wichtige Schläge gern mit zusätzlichen Bassanteilen „angedickt“, um so Akzenten oder dominanten Zählzeiten nochmals besonderen Druck zu verleihen. Als mögliche Referenz wäre beispielsweise der Song „Points of Authority“ von Linkin Park zu nennen.

Eine Methodik für diesen Effekt bestünde darin, mittels Sinusgenerator den Tiefton zu erzeugen und diesen dann über die Kick Drum und ein Gate kurzzeitig bei Anschlägen zu triggern. Das kann je nach Sequencer und Workflow einiges an Arbeit bereiten. Außerdem muss auf eine stimmige Frequenz des Sinus geachtet werden. Mit dem Transient Shaper ist man da zügiger unterwegs.

Wir erzeugen uns eine Parallelspur zum eigentlichen Kick-Drum-Signal und insertieren hier den Transient Shaper. Um den wuchtigen Bass zu erzeugen, überhöhen wir den Sustain der Kick Drum deutlich, sodass das Frequenzfundament länger bestehen bleibt. Gleichzeitig reduzieren wir den Punch, da die Attackinformationen später von der originalen Kick-Drum-Spur kommen und so keine Überlagerungen entstehen sollen. Wer dem Ganzen noch etwas mehr Tiefgang verleihen möchte (und den Aufwand nicht scheut), kann ein Pitch Shifter nachschalten, der beim Schlag getriggert wird und nach kurzer Zeit den Basston zusätzlichen kontinuierlich beim Ausklang „nach unten zieht“. Das kommt dem Effekt aus dem oben genannten Song schon ziemlich nahe und klingt pur dann wie folgt:

 

Im Zusammenspiel mit der normalen Kick Drum lassen sich so zusätzlich Akzente setzen. Im nächsten Audiobeispiel ist dazu ein Rohmix eines Schlagzeugsets mit eben diesem Effekt auf je der ersten Zählzeit beider Takte zu hören:

 

Anwendungsbeispiel 3: Klangkorrektur

Bei dem nächsten Beispiel soll der Transient Shaper nicht zum Klangdesign, sondern für Korrekturen eingesetzt werden. Dafür wurde diesmal eine handwerklich zwar gute Schlagzeugaufnahme ausgewählt, bei der jedoch der Kesselklang der Snare beim Mischen einige Probleme bereitet. Ein durchaus gängiger Umstand in der Studiopraxis: Je nach Bauart der Snare kann diese einen blechernen bzw. „metallischen“ Ausklang ausprägen, der für die eigentliche Produktion eher ungewollt ist.

Mit Dämpfern oder ähnlichen Applikationen kann man dem zwar entgegenwirken, verändert dabei aber immer auch den Sound und die gerade für das Durchsetzungsvermögen der Snare wichtige Obertonstruktur. Also ist es üblich, lieber eine saubere Aufnahme zu erstellen und die ungewollten Klangkomponenten später im Mix zu bearbeiten. Das stellt für geübte Tontechniker zwar keine große Hürde dar, ist aber mit relativ viel (Zeit-)Aufwand verbunden. Mit dem Aufkommen der Transientenwerkzeuge ließ sich der Workflow dabei entscheidend entschlacken und es soll hier geprüft werden, wie gut der Transient Shaper dabei dem Nutzer zur Hand geht.

Beim ersten Audiobeispiel ist wieder das Summensignal zu hören, welches aus dem oberen und unteren Snare-Mikrofon gebildet wurde. Eine leichte Anpassung mittels Equalizer und Kompressor hat bereits stattgefunden; ein pauschales Gate kommt nicht zu Einsatz, da die Spielweise des Drummers sehr dynamisch ist und die Ghost Notes (leise, nicht akzentuierte Zwischenanschläge auf der Snare) gänzlich erhalten bleiben sollen. Daher ist ein Übersprechen von Kick Drum und Hi-Hat zu hören, was in diesem Fall aber bei entsprechendem Phasing der Mikrofonspuren nicht hinderlich ist. (Als Phasing bezeichnet man die Korrektur von Mikrofonpositionen oder aufgenommenem Tonmaterial im Sequencer, wenn bei der Aufnahme eines Instruments mehrere Mikrofone genutzt werden/wurden. Dabei kann es passieren, dass der Schall unterschiedlich lange zu den einzelnen Klangwandlern braucht; ergo kann es bei der späteren Wiedergabe durch entsprechende Verschiebungen der Wellenformen zu ungewollten Interferenzen kommen. Wird die etwaige zeitliche Differenz korrigiert, sind alle Signale „in Phase“ und das Problem wird dadurch vermieden.)

 

Der Kesselklang ist nach den Hauptschlägen deutlich zu hören und versieht die Snare so mit einem speziellen harmonischen Nachklang. Mit dem Transient Shaper kann man sich dieses Sustains nun annehmen und entsprechend gegensteuern: Wir verkürzen das Sustain so lange, bis die markante harmonische Klangstruktur nach den Anschlägen verschwunden ist. Dabei ist es wichtig, es an dieser Stelle nicht zu übertreiben, damit das ansonsten schöne Snare-Attack oder die Ghost Notes nicht negativ beeinflusst werden. Das „bereinigte“ Signal ist nachfolgend zu hören:

 

Das Ergebnis ist zwar schon recht beeindruckend, jedoch gehört noch etwas mehr Feintuning zu diesem Arbeitsprozess. Der Kesselklang ist nämlich nach wie vor noch auf den Overhead-Mikrofonen und (falls genutzt) auch auf weiteren Raum- und Stützmikrofonen vorhanden. Beim weiteren Mischen müssen dort ebenfalls Anpassungen stattfinden! Und hierbei ist der Transient Shaper ein weiteres Mal behilflich: Diesmal wird der Sustain-Regler testweise auf Maximum gestellt, sodass der Ausklang extrem hervorgehoben wird. Das soll freilich nicht weiterverwendet werden; doch dadurch lassen sich die störenden Frequenzen mittels Spektrum-Analyzer (oder geschultem Gehör) ermitteln, sodass diese Information gezielt zur Bearbeitung der anderen Mikrofone verwendet werden kann. Im vorliegenden Fall klingt das wie folgt:

 

Weiß man nun, worauf frequenziell zu achten ist, kann der Klang der Overheads mittels Equalizer (in Notch- oder Bell-Charakteristik) an das bearbeitete Snare-Signal angeglichen werden. Das Endergebnis aus Snare und Overheads (mono; ohne weitere Präsenzanpassungen und Stützmikrofone von Kick Drum, Hi-Hat, usw.) klingt bei unserem Beispiel dann so:

 

Der eigentliche Snare-Sound bleibt nahezu in Gänze erhalten und der auffällige Ausklang wurde entfernt. Das Resultat wirkt natürlich, spektral stimmig und im Kontext der anderen Mikrofonsignale homogen. Ohne den Transient Shaper wären weitaus mehr Schritte nötig gewesen, um mit konventionelleren Mitteln ein ähnliches Ergebnis zu erzielen. Das Plug-in nimmt dem Anwender hier also eine Menge Arbeit ab, spart Zeit und überzeugt dabei abermals auf ganzer Linie.

 

Anwendungsbeispiel 4: Kompressoralternative

Als eine von vielen möglichen Verwendungsarten, die nicht auf perkussive Signale ausgerichtet sind, schauen wir uns zum Schluss den Transient Shaper als eine Alternative für Kompressoren an, denn schlussendlich ist ein Transientenformer auch eine Art Dynamikwerkzeug: Durch Absenken der Transienten und Anhebung des Sustains erreicht man bezüglich der Hüllkurvencharakteristik ein recht ähnliches Ergebnis, wie man es von einem Kompressor erwarten würde. Und wo liegt dann der Unterschied?

Das Besondere am Transient Shaper ist, dass er im Gegensatz zu einem Kompressor nicht mit einem statischen Threshold und weiteren Parametern arbeitet, die diesem untergeordnet sind. Transientenformer reagieren vielmehr initial auf den ursächlichen Hüllkurvenverlauf. Anstatt also die Dynamik mittels Kompressor ab einer gewissen Amplitude zu affektieren, kann man mit dem Transient Shaper generelle Hüllkurveneffekte hervorrufen! (In die Nische zwischen klassischem Kompressor und einem Transiententool würde eventuell mancher dynamischer Kompressor passen.)

Zur Demonstration nehmen wir eine Gitarrenaufnahme, die eine Harmonik in einem Song im Hintergrund auffüllen und das Ensemble bzw. Spektrum durch ihren Klang anreichern soll. In der späteren Produktion soll der Fokus dann auf anderen Instrumenten liegen und diese Gitarre daher nur subtil gemischt werden. In der Rohfassung klingt die Gitarre so:

 

Mit dem Transient Shaper können wir nun das Sustain erhöhen und so nach den Anschlägen die Dynamik etwas verringern. Gleichzeitig dämpfen wir die Transienten, um beide Signalkomponenten weiter aufeinander anzugleichen. Mit dem Fast-Slow-Slider reagieren wir auf unweigerlich entstehendes Pumpen und sorgen dafür, dass das Zeitverhältnis korrigiert und dieser ungewollte Effekt eliminiert wird – ein sehr zügige und elegante Möglichkeit, die der Transient Shaper hier anbietet! Es wäre auch noch möglich über die Clip-Option und einer entsprechenden Anhebung des Output-Gains die Dynamik weiter zu glätten, was aber wieder einem üblichen Kompressionseffekt ähneln würde, den wir hier momentan nicht wollen. Das Resultat ist folgendes:

 

Die Lautheit des Signals wurde spürbar erhöht ohne die Amplitude in großem Ausmaß zu verändern. Ein Make-Up-Gain war hier sogar nicht notwendig. Der Anschlag wurde gedrosselt, was einzeln jetzt unnatürlich klingt, aber genau das Richtige ist, wenn die Gitarre später in der Tiefenstaffelung des Mixes in den hinteren Reihen eingebettet werden muss. Durch Angleichen des Sustains wird die Dynamik hier konsistenter (weil pegelunabhängig) geglättet, als bei einem üblichen Kompressor. Dadurch ist der eigentlich Kompressionseffekt, der hier nachgeahmt wurde, signaltreuer und je nach Art des Instruments berechenbarer: Die Tonspur muss nicht überkomprimiert werden, um Gleichmäßigkeit zu erzeugen. So wird die Gitarre hier für den Mix gut vorbereitet und lässt sich beispielsweise auch mit ähnlichen Instrumenten oder Sounds in Gruppen zusammenfassen, bei der man dann mit einem nun dezenteren „richtigen“ Kompressor alles miteinander verschmelzen lassen kann oder sich den Sound hinzuholt, den man vielleicht an seinem Lieblingskompressor mag etc.

 

Fazit

Wie oben gezeigt sind die Möglichkeiten dieses augenscheinlich recht einfachen Plug-ins vielfältig. Gleichzeitig ist der eigentliche Nutzen sehr praxisnah und tauglich. Softube geben sich abermals keine Blöße und setzten genau das um, was man von einem digitalen Transientenformer erwartet und legen einige kleine aber sehr nützliche Funktionen oben drauf.

Ob man es nun zur Klangformung, -korrektur, Sound Design oder als Kompressoralternative einsetzt: Der Transient Shaper macht stets eine gute Figur. Und dabei haben wir in diesem Artikel bei Weitem nicht alles aufgezeigt, wozu sich die Transientenformer noch eignen würden (Expansion/Expander, adaptive Hüllkurvenformung, Verfremdungseffekte, …). Die Entwickler haben auch sinnvolle Ergänzungen eingefügt: Wahlschalter für bandselektives Bearbeiten samt Crossover-Regler, Fast-Slow-Slider für die Detektionsschnelligkeit bzw. Trennschärfe zwischen Attack und Sustain sowie die funktionale Dreingabe der Softclipping-Option runden das Plug-in-Paket sehr sinnvoll ab. Die Präsentation ist stimmig und ermöglicht eine direkte und übersichtliche Bedienung.

Die Klangqualität ist über alle Zweifel erhaben. Wenn man sich an die Parametrik gewöhnt hat, kommt man schnell und effektiv ans gewünschte Ziel. Die Performance ist vorbildlich und stabil. Alles in allem ist der Transient Shaper ein ausgezeichnetes Plug-in, welches den Staffelstab der Transientenformer gekonnt aufnimmt, brauchbar mit neuen Funktionen abrundet und somit ein empfehlenswertes Plug-in bildet. Der Effekt scheint simpel, doch der Mehrwert durch Nutzen und Möglichkeiten des Plug-ins ergeben außerdem ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Wer noch kein vergleichbares Tool in seinem Repertoire hat, dem sei die Demo-Version von Softubes Transient Shaper sehr ans Herz gelegt.

Top Product Award

Testautor: Baldwin Freising

Plus:

  • Exzellente Qualität
  • Sinnvolle Ergänzungen zum bekannten Effektprinzip
  • Nachvollziehbares und anwendernahes Design
  • Verlässliche Performance
  • Schlankes, aber mit allen wichtigen Punkten ausgestattetes Handbuch
  • Kein Dongle-Zwang mehr (Dennoch Einschränkungen durch alternative Autorisierungsmethode beachten)

Minus:

  • Unnötig überladenes Installationspaket

Preis: 99 US Dollar

Hersteller: Softube

Produktseite mit Informationen über die Systemvoraussetzungen

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