Test: Soundiron Sonespheres 1 – Distance

Mit Distance startet Soundiron eine neue Library-Serie, die auf Atmosphärisches, Texturen, Klanglandschaften und Klangevolutionen, Drones und tonal spielbare Ambiences spezialisiert ist. Jedes Paket soll dabei die Handschrift eines bestimmten Künstlers tragen.

Die Klänge von Distance stammen aus dem Labor von Blake Ewing, der neben seiner Tätigkeit als Film- und TV-Musik-Komponist auch an zahlreichen Sample-Libraries mitgewirkt hat.

Damit dürfte auch schon klar sein, an wen sich die Library primär richtet: Hier werden Vorlagen für die Filmmusik und die Spielevertonung, Multimedia und die Werbebranche geboten. Ambient und Klangexperimente werden ebenfalls bedient, und nicht zuletzt trifft man sogar auf das ein oder andere Patch, welches als Soloinstrument eingesetzt werden kann und dann vom Legato-Glide-System profitiert.

Es bleibt jedoch nicht bei 25 produktionsfertigen Presets: Das Kontakt-Instrument bietet eine ganze Reihe von Gestaltungsmöglichkeiten, um auf eigene Klangreisen zu gehen. Auch diese werden wir uns im Detail ansehen. Grundlage für alle Patches ist ein System aus zwei Layern, zwischen denen überblendet werden kann.

 

Die Eckdaten

Sonespheres 1 – Distance beansprucht 1,2 GB Festplattenspeicher. Ins RAM geladen werden bei den meisten Patches rund 500 MB. Lädt man neue Samples in die Layer, so werden diese nicht von der Festplatte eingelesen, sondern stehen direkt im Arbeitsspeicher zur Verfügung. Die Library bietet 26 Kontakt-Instrumente, die auf 305 Samples zurückgreifen, aufgenommen in 24 Bit und 48 kHz als unkomprimierte PCM Wav-Dateien. Die Samples können neben der Verwendung im Kontakt-Instrument aus dem Library-Ordner heraus auch direkt in eine Spur des Host-Sequencers gezogen werden.

Die Vollversion von NI Kontakt 5.5 ist erforderlich, der kostenlose Kontakt 5 Player reicht nicht.

 

Die Presets

Auftragsarbeiten für Film und TV werden häufig mit knappen Deadlines vergeben. Wer unter Zeitdruck arbeitet, weiß es daher zu schätzen, wenn produktionsfertige Presets enthalten sind. Hier der Überblick über das Repertoire von Sonespheres 1 – Distance:

Beim ersten Patch, 1904, erwartet man etwas Nostalgisches:

 

In der Tat beinhaltet diese zyklische Klangevolution mehr als nur einen Hauch von Patina: Rauheit und färbende Resonanzen verleihen dem Klang seinen besonderen Charakter. Soweit man es nicht übertreibt und ganze Akkorde spielen will, lässt sich der Sound begrenzt auch tonal einsetzen.

 

Will man zusätzliche Bewegung in den Klang bringen, besteht die einfachste Methode darin, zwischen den beiden Layern zu überblenden. Hier habe ich diese Überblendung eingesetzt und die Balance zwischen den Layern per Modulationsrad verändert (nach Rechtsklick und MIDI-Lerndialog, wie bei Kontakt-Instrumenten allgemein üblich):

 

Wer genug von aufpolierten Kirchenorgeln hat und sich nach gediegener Unperfektion sehnt, sollte sich das Pad Aerials anhören, das sich tonal spielen lässt:

 

Another Life treibt es auf die Spitze: Der Klangverlauf ist brüchig, brutzelt und es raschelt deftig:

 

Beim Preset Broken Waves verändert sich das Tempo des Rhythmic-Layers mit der Geschwindigkeit des Host-Tempos.

 

Dafür verantwortlich ist die Tempo-Sync-Funktion, die bei den drei Bänken mit rhythmischen Layern ein- und ausgeschaltet werden kann.

Das Preset Other Words (nicht Worlds):

 

Die Zeiten, in denen man stolz darauf war, dass nichts mehr rauschte, sind endgültig vorbei. Heute tut es richtig gut, wenn jemand ein gepflegtes musikalisches Rauschen zustande bringt. Tiefe Gefühle brauchen Rauschen, Knistern, Brutzeln und brüchige Klänge. Genau das findet man in Distance: Die Klänge, die Blake Ewing hier präsentiert, sind meisterlich unperfekt und lassen Raum für Emotionen. Ich würde glatt alle 25 Presets anspielen, wenn das nicht einfach ein wenig übertrieben wäre. Hier noch das Preset Never Forgotten, bevor wir zur Architektur kommen:

 

Gestaltungsmöglichkeiten

Distance baut, wie bereits erwähnt, auf zwei Layern auf, die gemischt werden können und über eine einfache Bass- und Höhenregelung sowie Pitch (+/- 3 Oktaven in Halbtonschritten), Panorama, Lautstärke, Attack, Release und Offset (Samplestart) verfügen.

In die beiden Layer lädt man über ein Aufklappmenü die gewünschten Samples, die in Kategorien vorliegen:

Zur Verfügung stehen insgesamt 20 gestrichene Instrumente (Bowed), 57 Gitarren-Presets, 21 Piano-Adaptationen, 35 rhythmische Loops, 35 Texturen, 44 tonal spielbare Instrumente, 59 Stimmen und Chöre sowie 34 Vorlagen auf der Basis von Blasinstrumenten.

Will man tonal spielbare Instrumente mit deutlichem Attack konstruieren, findet man geeignete Samples in den Tonal-Bänken. Die Guitar Banks 1 & 2 liefern hingegen Akkorde oder Repetitionen. Beide sind im Gegensatz zu den rhythmischen Samples nicht zum Tempo synchronisierbar. Insbesondere bei den Repetitionen habe ich das vermisst.

Wer verfremdete Stimmen und Chöre sucht, findet reichlich Material. Dabei trifft man weniger auf die allgegenwärtigen Roboter, Aliens und Computerstimmen, sondern vielmehr auf Flächenklänge, orgelähnliche Pads, Stimmencluster und synthetisch-organische Klänge, wie beispielsweise diesen:

 

Wie wäre es mit einer Gratwanderung zwischen Engel- und Geisterstimmen?

 

Die Tonhöhenmodulation ist in den Samples enthalten. Man kann aber auch eigene Tonhöhenmodulationen erschaffen, indem man den LFO einsetzt und die Tonhöhe als Modulationsziel adressiert:

Jeder der beiden Layer hat einen solchen LFO, der neben Standardwellenformen auch zufällig modulieren kann, bei Bedarf per Attack langsam eingeblendet und temposynchron betrieben wird.

Der LFO kann auch die Eckfrequenz oder Resonanz des Multimodefilters modulieren, welches ebenfalls pro Layer zur Verfügung steht und über folgende Charakteristika verfügt:

Das Multimodefilter erweist sich als wichtiges Werkzeug, wenn man die im Frequenzgang meist breit angelegten Presets ausdünnen bzw. auf einen spektralen Bereich beschränken will. Bei hohen Resonanzwerten kommt es zur Selbstoszillation des Filters. Zusammen mit einem Verzerrer aus dem FX-Rack (dazu später mehr) kann man beispielsweise die Gitarren-Presets mit Feedback-Effekten garnieren. Einige Presets beinhalten in sich bereits dezente Resonanzen, die ein Bestandteil des vielschichtigen Lo-Fi-Sounds à la Blake Ewing darstellen. Mit dem Filter in der richtigen Eckfrequenz kann man diese Resonanzen gezielt hervorheben, auch mit fließenden Übergängen und durch externe Controller gesteuert.

Ein weiteres, sehr leistungsfähiges Multimode-Filter mit einer ellenlangen Liste verschiedener Charakteristika, darunter zahlreiche Exoten, findet sich im FX-Menü, zusätzlich ein halbparametrischer Dreiband-EQ.

Beide Layer werden auf Wunsch mit dem zentralen Arpeggiator in Bewegung gesetzt. Komfortabler wäre es, wenn man den Arpeggiator für jeden Layer zu- oder abschalten könnte. Diese kleine Einschränkung kann man jedoch leicht umgehen, indem man zwei Instanzen des Kontakt-Instruments lädt, eine mit, eine ohne Arpeggiator.

Der Arpeggiator verfügt über eine ganze Reihe alternativer Verläufe:

Neben Standards wie Swing und Länge pro Step kann der Lautstärkeverlauf über bis zu 32 Schritte eingezeichnet werden. Über Length lassen sich die einzelnen Samples verkürzen und als Stakkato-Folge abspielen. Neben dem herkömmlichen Betrieb und einer Hold-Funktion (Latch) gibt es mit Hold +/- die Option, Noten wieder aus dem Arpeggio herauszunehmen, indem man die betreffende Taste ein zweites Mal spielt. Über den Randomize-Regler fügt man dosierbare Ungenauigkeiten hinzu – eine kleine aber feine Funktion, die weg vom maschinenartigen, sturen Abspielen führt, und über die eigentlich jeder Arpeggiator verfügen sollte.

Das folgende Audiodemo kombiniert Stimmen und Rhythmik mit einem Arpeggio:

 

Das FX-Menü

Obwohl die Samples von Haus aus selbst schon intensiv, wenngleich gefühlvoll mit Effekten bearbeitet sind, gibt es noch ein komplettes Effekterack mit ganzen zehn Slots:

Dieses Rack ist der Klanggestaltung des Performance-Menüs nachgeschaltet, greift global ein und kann nicht über Send-Wege unterschiedlich stark für beide Layer eingesetzt werden.

Die einzelnen Effekte sind beliebig austauschbar. Es gibt sogar ein paar globale Presets für das Effekte-Rack. Eigene Bearbeitungen lassen sich benennen, abspeichern und später ohne umständliche Navigation durch die Ordnerhierarchie des Rechners wieder aufrufen.

Das FX-Rack wird mancher vielleicht links liegen lassen – zu Unrecht, denn hier kann man ohne große CPU-Beanspruchung vielseitig in den Klang eingreifen.

Speziell im Fall von Sonespheres-1 – Distance passen viele der gebotenen Effekte ins Programm: Mit dem Transient Master und dem Kompressor kann man rhythmische Anteile herausarbeiten, mit dem Filter nich weitreichender operieren als mit dem Pendant im Performance-Menü. Wer noch nicht genug Lo-Fi hat, findet mit dem Screamer, dem Distortion-Modul, dem Rotator und dem Tape-Saturator weitere Hilfsmittel. Der Faltungshall bietet eine Vielzahl von Räumen aller Art und darüber hinaus einige verfremdende Presets.

Die Kennzeichnung einzelner Parameter ist allerdings teilweise etwas undeutlich und klein geraten, etwa beim halbparametrischen Dreiband-EQ.

Etwas Schräges …

 

… und etwas Melancholisches zum Abschluss:

 

In beiden Fällen habe ich einen rhythmischen Layer mit einem tonalen Layer kombiniert und den Klang mit diversen Modulen des FX-Racks zusätzlich verfremdet. Es kommen also keine externen Instrumente und auch keine externen Effekte zum Einsatz.

 

Fazit:

Soundiron Sonespheres 1 – Distance bietet eine Sammlung sehr eigenständiger, gefühlvoll gestalteter Klänge mit reichlich Patina. Die grundlegenden Instrumente, Gitarren, Piano, Gesang und einiges mehr, sind mit viel Liebe zum Detail verfremdet worden und sprechen emotional stark an. Dabei sind es eher die leiseren Töne, die hier zum Tragen kommen. Spektakuläre, ins Gesicht springende Sounds, wie man sie bei vielen anderen Moviescore-Libraries findet, sind nicht vertreten. Die Klänge sind im Gegenteil oft fragil und auch tonal auf reizvolle Weise instabil.

Die Library eignet sich für Filmmusik und verwandte Genres, darüber hinaus für Ambience aber auch für Komponisten, die nach neuen Klängen und Klangfragmenten suchen. Es ist kein Problem, mit Sonespheres 1 – Distance eine Komposition oder die Musik zu einer Filmszene alleine zu gestalten. Will man andere externe Instrumente hinzuziehen, wird man diese in der Regel mit Spezialeffekten bearbeiten müssen, damit das Klangbild in sich stimmig bleibt. Lo-Fi-Effekte von der Stange werden es hier nicht nun. Passend wären etwa Decimort 2 von der D16 Group, Fault von Unfiltered Audio, Saturn von FabFilter, Ohmforce Ohmicide, iZotope Trash 2 oder die klangestruktiven Presets von Zynaptiq Wormhole.

Neben 25 produktionsfertigen Presets bieten sich einige Gestaltungsmöglichkeiten an. So kann man aus einem reichen Fundus an Layern zwei herausgreifen, miteinander mischen, mit Multimodefiltern, LFO-Modulationen und einem ausgewachsenen Effekterack bearbeiten.

Die Bedienung ist kaum erklärungsbedürftig, und so kann man ohne Umwege direkt in das Klangdesign einsteigen. Alleine das Surfen durch die Samples ist eine Entdeckungsreise, denn hier trifft man nicht auf Standardklänge, sondern durchweg auf inspirierendes Material.

So beeindruckend die Werkspresets auch sind – sie decken die Möglichkeiten bei Weitem nicht ab: Viele der Layer-Presets sind hier nicht enthalten. Besonders hervorzuheben sind die abwechslungsreichen Vocal-Layer und die rhythmischen Layer, die minimalistische Geräusch-Sequenzen liefern und bei Bedarf zum Tempo synchronisiert werden können. Zusammen mit dem Arpeggiator lässt sich eine interessante bis eigenwillige und experimentelle Rhytmik entfalten.

Ernsthaft zu bemängeln gibt es eigentlich nichts. Für ein Update würde ich es mir wünschen, dass der Arpeggiator für die beiden Layer separat und nicht nur global betrieben werden kann. Unter den Presets für die Layer finden sich zudem einige sehr unkonventionell verfremdete Gitarren-Repetitionen, die es auch verdient hätten, temposynchron abgespielt zu werden.

Der Preis ist ausgesprochen kundenfreundlich. Weitere Audiodemos finden Sie auf der Herstellerseite.

Testautor: Holger Obst

Plus:

  • eigenständiger Klang mit geschmackvoller Patina
  • zahlreiche Vorlagen an Layern für eigenes Klangdesign
  • große Auswahl an Filtern
  • temposynchrone Noise-Rhythmen
  • unkonventionelle Verfremdungen, besonders von Stimmen und Gitarren
  • fairer Preis

Minus:

  • Arpegiator nur global einsetzbar, nicht separat pro Layer schaltbar
  • Gitarren-Repetitionen nicht zum Tempo synchronisierbar

Preis: 59.- US Dollar

System:

Kontakt 5 Vollversion

Hersteller: Soundiron

Produktseite

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