Test: Spectrasonics Keyscape – Teil 2

Das Wing and Son Upright Piano ist mehr als 100 Jahre alt und wurde aufwändig restauriert. Es verfügt über vier Pedale, die dazu dienten, neben dem Klavierklang auch jenen einer Zither oder eines Banjos bzw. einer Mandoline, Gitarre oder Harfe zu imitieren. Spectrasonics hat das Klavier mit einer Stereo-Nahmikrofonierung abgenommen und die unterschiedlichen Klangfarben in die virtuelle Welt übertragen. Entstanden ist ein einzigartiges Klavier.

 

Wir kennen dieses Modell schon aus Teil 1 unseres Tests (Aged Piano, Vinyl Piano)

Hier einige weitere Beispiele:

Wing Tack Forsaken

 

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Dark Indie (Passage aus Toontracks EZkeys Gospel MIDI):

 

Aus Toontrack EZkeys Movie Scores MIDI; Wing Tack Piano Aged (mit Bandsimulation):

 

Unter Belltone Keyboards trifft man, wie der Name schon sagt, auf Exemplare mit glockigem Klang, wie etwa dem Celeste, ausgestattet mit zwei mischbaren Mikrofonen sowie Pickup:

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Die Nahmikrofonierung ist dabei nicht etwa körperlos und in einem schalltoten Raum aufgenommen; hier wieder mit einer Passage aus Toontracks Movie Scores:

 

Mit den Vintage Pickups klingt das Instrument erwartungsgemäß älter. Schaltet man unter Effects Tremolo hinzu, so erzielt man den Eindruck von Schwebungen, (obwohl hier ja nur Lautstärkevariationen eingebunden werden, also kein Chorus). Diesen Effekt kann man noch verstärken, wenn man die Room Mikros und eine Priese Hall hinzugibt.

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Das Celeste stammt aus den 1940er Jahren und aus der Manufaktuir der Simon Brothers, deren Instrumente sich mit einem besonders sanften Klang von zeitgenössischen Herstellern aus Europa unterschieden. Beim Celeste der Simon Brothers wurden die Stimmgabeln durch Metallplättchen ersetzt, sodass der Klang einem Glokenspiel ähnelt. Die anschlagenden Hämmerchen sind mit Filz versehen, um einen warmen Klang mit sanftem Attack zu erreichen. Jedes Plättchen ist in einem eigenen hölzernen Resonator aufgehängt, um dem Klang mehr Volumen zu geben. Abgesehen von zahlreichen Auftritten in der Filmmusik sind Celeste der Simon Brothers (unter anderem) auch von den Beatles, Art Tatum und Björk verwendet worden. Auch The Headroom Project wird das Celeste im nächsten Album verwenden (kleiner Scherz, stimmt aber).

Die Auswahl an Patches zeigt alle Klangfacetten des Instruments, ohne es zur Unkenntlichkeit zu verbiegen – soll heißen: Es wird kein extremes Klangprocessing eingesetzt, man bleibt bei der „Seele“ des Originals. Ungeachtet dessen gibt es Patches unter Beteiligung interner Effekte wie etwa Echo und Tremolo.

Eigentlich ist jedes Instrument der Library ein Highligth für sich. Besonders reizvoll finde ich persönlich die teils fragilen, gealterten und mit Tape- und Vinyleffekten versehen Versionen. Beim Celeste gibt es auch solche Exemplare, etwa das Patch Celeste – Stakkato Broken.

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Laut Info-Text wird hier die Mute-Funkion am Gerät selbst eingesetzt. Das Patch beschränkt sich auf eine Mischung der Nahmikros und Vintage Pickups. Unsere letzte Passage hört sich dann so an. Hinzu kommen Hall, Echo und Tremolo.

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Dieses Instrument habe ich direkt mal mit fünf Sternen markiert.

Offene, reine, cineastische Glocken finden sich beim Chimeatron – Chimes Big Bells. Ich war schon längere Zeit nicht mehr in London, würde aber spontan sagen: Big Ben lässt grüßen. Kaum zu glauben, dass aus dieser Kiste ein solch voller Klang kommt:

 

(Das stammte im Gegensatz zu den vorangegangenen Audiodemos nicht aus der Toontrack-Library Movie Scores.)

Der Vorgänger des Chimeatrons, das kleinere Carillion wurde 1930 von Chulmerich Bells erfunden. Die Klangerzeugung basierte auf hölzernen Hämmern, die Glockenstangen anschlugen. Das Instrument verfügte über einen Verstärker sowie einen eingebauten Lautsprecher. Es fand vor allem in Kirchen seinen Platz. Später wurde es als größeres Chimeatron mit Röhrenverstärker in Kombination mit den ersten elektronischen Orgeln verwendet. Nur wenige Chimeatrons haben dem Zahn der Zeit standgehalten. Eines davon, Modell Nr. 208, ist von Spectrasonics restauriert worden. Die Arbeit hat sich ausgezahlt: Das Instrument klingt rein und erstrahlt in einem regelrecht frischen Glanz.

Auch hier finden sich zarte Retro-Patches, wie etwa dieses, Chimeatron – Vibraharp Shakes mit Leslie-Effekt (Pattern wieder aus Toontrack Movie Scores):

 

Wieder ein Fall für fünf Sterne.

Richtig schön alt klingt das Dulcitone, vom Klang her vergleichbar mit einem Rhodes, nur viel viel älter. Der herzzerreißend brüchige, süße Klang (daher auch Dulcitone: dulce = süß) wird hier einem Instrument schottischer Fertigung von 1860 entlockt. Holzhämmer mit filzbezogenen Köpfen schlagen eine Reihe von Stimmgabeln an. Da es aufgrund der Stimmgaben nicht so leicht aus dem Tuning geriet, erreichte das Instrument auf dem Rücken von Missionaren selbst entlegene Dschungelregionen. Wer weiß, wo das Christentum heute stünde, hätte es dieses Instrument nicht gegeben. Rund 6000 Exemplare wurden gefertigt, aber nur wenige sind noch spielbar oder überhaupt vorhanden. Da es über keine Verstärkung verfügt, reichte der zarte Klang nicht für größeren Konzerthallen.

Spectrasonics hat das Instrument in Stereo und Mono mikrofoniert. Color Shift und Transient sind die wesentlichen Klangparameter.

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Einen vollen Klang liefert Dulcitone Octabell:

 

Eine Version als Spieluhr gibt es auch. Auch diese hat ihren Reiz.