Test: SPL Charisma 2 Modell 9733

Vintage Sound ist nach wie vor in – und das wird auch so bleiben, denn bei allen Vorteilen, die digitale Studiotechnik mit sich bringt, vermisst man auch im Jahre 2011 immer noch die Wärme und Musikalität der echten Analogen. Während die einen sündhaft teurem Vintage-Equipment hinterherjagen, welches auf dem Gebrauchtmarkt zu stolzen Preisen ersteigert werden kann, gibt es bezahlbare Geräte aus laufenden Serienproduktionen, die dem gleichen Zweck dienen und die Erfahrungswerte jahrzehntelanger Klangforschung mit moderner Technik kombinieren. Im Gegensatz zu den alten Schätzchen wird hier nicht nur der Geldbeutel geschont – man arbeitet bei guten Produkten auch mit einem zeitgemäß großen Rauschabstand. Mit dem SPL Charisma liegt uns einer dieser echt analogen Klangveredeler vor – und dieser Test soll zeigen, ob er den oben beschriebenen Idealen tatsächlich gerecht wird, hörbar besser als Plug-ins und technisch auf der Höhe ist.

Charisma2_front

Überblick

Unser Testmodell trägt die Bezeichnung SPL Charisma (2) Modell 9733 und stellt die zweite Stufe der Carisma-Reihe dar, ist also eine Weiterentwicklung des Vorgängers. Wie der Name bereits signalisiert, soll hier dem Signal mehr Ausstrahlungskraft verliehen werden. Dies geschieht über eine Röhrensättigung und eine simulierte Bandsättigung. Das Einsatzgebiet des Charisma ist nicht instrumentenspezifisch. Sowohl Gesang als auch Schlagzeug, Gitarre und Bässe können davon profitieren. Darüber hinaus besteht kein Grund, nicht auch E-Pianos oder synthetische Klangerzeuger mit dem Gerät zu bearbeiten. Das Klangsättigungsprinzip des Charisma bringt es mit sich, dass Pegelspitzen abgefangen werden, weshalb der Charisma gelegentlich auch mit dem Zusatz „Limiter“ versehen wird. Es geht hier jedoch nicht um die Kompression des Signals und schon gar nicht um Brickwall-Limiting, sondern um den einer Bandsättigung ähnlichen Effekt, der durch das Ausreizen der Röhrenverstärkung erreicht wird. Das Abfangen der Pegelspitzen erleichtert zudem die Arbeit in der Verbindung mit digitalem Aufnahmegerät, da einzelne Peaks nicht mehr so schnell zu unerwünschten kurzen Übersteuerungen führen.

Äußere Merkmale

Der zweikanalige Charisma beansprucht lediglich eine Höheneinheit und glänzt im goldfarbenen Vintage-Look. Die Bedienelemente sind sehr übersichtlich und versprechen eine einfache Handhabung. Frontseitig gibt es drei schwarz gummierte Regler pro Kanal: Drive, Charisma und Output. Die Drive- und Output-Regler sind gerastert, der Charisma-Regler nicht. Daneben befindet sich der Bypass-Schalter, den man vor allem zum Abgleich des Effektpegels mit dem Pegel des trockenen Signals benötigt. Eine automatische Pegelanpassung gibt es nicht; mit zunehmendem Drive wird das Signal lauter. Zwischen dem Drive und dem Charisma-Regler befinden sich zwei kleine LEDs, die die Ausschöpfung mit Limiting-Effekt (Max) und die Aktivität des Effektes (Process) anzeigen. Einen Link-Modus für die beiden Kanäle gibt es nicht. Will man also ein Stereo-Signal genau gleich bearbeiten, so muss man die Regler beider Seiten gleich einstellen – was keine bedientechnische Hürde darstellt. Die Regler sind durch die Gummierung sehr griffig und stehen etwa zwei Zentimeter aus dem Gehäuse hervor. Sie sind einwandfrei montiert und weisen keinerlei Fertigungstoleranzen auf. Praktischerweise befindet sich der Power-Schalter auf der Frontseite, sodass man beim Rack-Einbau das Gerät problemlos ein- und ausschalten kann, ohne Körperakrobatik zu betreiben oder über eine externe Steckerleiste mit Switches zu operieren. Anders als beim Vitalizer Mk2T oder dem Goldmike Mk2 aus dem selben Hause hat man beim Charisma auf ein vergittertes Sichtfenster für die Röhren verzichtet – die Optik ist also ein wenig schlichter, dem musikaischen Wert sollte dies keinen Abbruch tun – und Lagerfeuerromantik mit glühenden oder gar flackernden Röhren gibt es sowieso nicht im richtigen Leben, sondern nur bei einigen virtuellen Kandidaten.

Die rückwärtigen Ein- und Ausgänge liegen als symmetrische XLR- und Klinkenbuchsen vor. Eingangsseitig sollte man entweder die XLR- oder die Klinkenvariante verwenden. Liegen auf beiden Eingängen Signale an, werden diese gemischt (was nicht Sinn der Sache ist; einen Mischregler gibt es nicht). Ausgangsseitig liegt das Signal an den XLR- und Klinkeausgängen an, kann also simultan zu verschiedenen Zielen geschickt werden.

 

Drive und Charisma im Detail

Der Drive-Regler bestimmt den Pegel, mit dem die Röhre angesteuert wird und ist damit auch für die Stärke des Röhren-Klangeffektes verantwortlich. Der Regelbereich liegt zwischen Minus Unendlich und +24 dB. In der Position 0 (in etwa die 10-Uhr-Stellung des Reglers) fließt das Eingangssignal in seiner Originallautstärke durch die Röhre. Mit zunehmender Erhöhung des Wertes treten die für die Rohrenverzerrung spezifischen Obertöne hervor, und zugleich kommt es sukzessive zum typischen Limiting wie oben beschrieben.

Die Process-LED leuchtet auf, sobald ein bestimmer Anteil von harmonischen Obertönen durch das Röhrenprocessing erreicht wird. Die Max-LED signalisiert das Erreichen der Obergrenze der Röhrensättigung und das einsetzende Limiting.

Der Charisma-Regler steuert das Klangverhalten der Röhre stufenlos zwischen zwei Grundcharakteren „Soft“ und „Hard“. In der Soft-Einstellung (linker Anschlag) setzt die Röhrensättigung und das Limiting langsam ein. Diese Einstellung eignet sich für weniger transientenreiches Material, beispielsweise für soft gespielte Bässe oder Gesang. Beim Rechtsanschlag (Hard) setzt die harmonische Verzerrung verzögert, jedoch mit direkter Pegelbegrenzung ein. Diese Einstellung eignet sich, wenn dem Sound eine Portion Druck verliehen werden soll und ist für perkussives Material die erste Wahl.

Der Charisma in der Praxis

Zum Einpegeln stellt man zunächst den Drive Regler auf 0 und dreht ihn dann langsam nach rechts bis die Process-LED aufleuchtet. Dies geht einher mit einer deutlichen röhrentypisch-warmen Anzerrung des Klangbildes. Zugleich öffnet sich das Panorama, und die Raumanteile im Signal werden leicht betont. Verstärkt man den Effekt weiter, indem man den Drive-Regler so weit aufdreht, dass auch die Max-LED zu leuchten beginnt, werden die Verzerrungen deutlicher und der Raumanteil in der Aufnahme tritt durch das einsetzende Limiting deutlich hervor. Dazu hier einige Audiodemos. Zunächst ein Drum-Beat ohne Charisam-Bearbeitung. Der Loop ist werkseitig bereits durch eine hörbar beigemischte Raummikrofonierung bei der Schlagzeugabnahme gekennzeichnet:

 

Hier mit einer Charisma-Bearbeitung; der Charisma-Regler steht im Rechtsanschlag auf „hard“, die Max-LED leuchtet nicht auf:

 

Und jetzt mit mehr Drive, sodass die Max-LED bei den Schlägen von Bass- und Snaredrum aufleuchtet:

 

Insbesondere die Bass-Drum erhält nun eine deutliche Portion mehr Wumms, die Snare wird punchy.

Als Nächstes knöpfe ich mir eine Gitarre vor. Hier die trockene Version:

 

Schon mit mäßiger Einstellung des Drive-Reglers bekommt die Gitarre eine gute Portion mehr Biß:


 

Dreht man den Drive-Regler noch ein Stück weiter, treten sehr obertonreiche Verzerrungen auf, die die Gitarre ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellen:

 

Hier ein Anwendungsbeispiel für einen Bass: Dieser stammt vom virtuell-analogen Synthesizer Strobe (aus dem FXpansion DCAM-Synth-Squad-Bundle) und klingt von Haus aus schon einigermaßen fett:

 

Mit Charisma geht es aber noch eine Klasse fetter: Dieses Mal habe ich den Drive-Regler moderat betätigt und das Limiting vermieden. Charisma steht im Linksanschlag in der Position „soft“:

 

Und nun all drei Spuren zusammen, jeweils getrennt mit Charisma bearbeitet. Zunächst die trockene Version …

 

… dann alle Tracks mit Effekt:

 

Auch einer Stimme kann man mit Charisma auf die Sprünge helfen. Hier ein Beispiel, zunächst die Version ohne Charisma (lediglich der LA2A von der UAD kommt für eine leichte Kompression zum Einsatz):

 

… dann mit einem fein dosierten Charisma Effekt, der dem Kompressor nachgeschaltet ist.

 

Die Stimme setzt sich besser durch und wird wärmer.

Der Charisma 2 im Vergleich mit Plug-ins

Der SPL Charisma 2 liefert einen Effekt, den kein mir bekanntes Plug-in nachbilden kann. Hinzu kommt, dass gute analoge Hardware in puncto Transparenz, Auflösung und Musikalität den digitalen Nachbildungen immer noch hörbar überlegen ist.

Zwar gibt es inzwischen gute Plug-ins, die eine Röhrensättigung simulieren (Beispiel: Redline Preamp) oder eine Bandsättigung detailliert nachbilden (Beispiel: Waves MPX Master Tape), diese erreichen jedoch längst nicht den vollen und zugleich offenen Röhrensound des Charisma und reagieren bei Weitem nicht so dynamisch, wirken also nicht so lebendig.

Anwendungsgebiete

Mir persönlich hat der Charisma-Effekt vor allem in Verwendung mit akustischen und elektronischen Drums gefallen. Akustische Drums gewinnen an Räumlichkeit, Lebendigkeit und Druck; elektronische Drums kann man mittels Drive fett und durchschlagkräftig gestalten.

Des Weiteren eignet sich Charisma sehr gut, um unverzerrt eingespielte Gitarren und auch Solo-Synthies in den Vordergrund zu rücken. Auch Pop-Bläser gewinnen an Prägnanz. Im Soft-Modus lassen sich schlappe Bässe rund bis knurrig zeichnen und Gesang herausarbeiten.

Insgesamt eignet sich Charisma für einzelne Instrumente oder Sub-Gruppen, weniger für das Mastering.

Fazit

Der SPL Charisma 2 Modell 9733 liefert einen überzeugenden Röhren- und Bandsättigungseffekt und ist flexibel einsetzbar. Er öffnet das Panorama und macht den Klang warm, obertonreich und druckvoll. Ein Bass fängt an zu knurren, in der Schlagzeug-Subgruppe sorgt er für Druck und Durchsetzungskraft, eine Stimme klingt wärmer und deutlicher und eine Solo-Gitarre erhält reichlich Biss, je nachdem wie weit man es mit dem Drive-Regler treibt. Angenehm ist auch, dass der Charisma kaum Rauschen erzeugt. Er bringt eine gute Portion Vintage-Feeling mit sich. Die Bedienung geht sehr einfach von der Hand.

Ein alternativer, automatischer Pegelabgleich, der ein Nachjustieren des Output-Reglers bei zunehmendem Drive überflüssig macht, würde die Arbeit weiter erleichtern, ebenso ein Link-Modus, der die Einstellungen eines Kanals auf den anderen überträgt.

Das Preis-Leistungsverhältnis ist gut.

Top Product Award

Holger Obst

Preis (Stand: August 2011)

  • 620 Euro

Ergänzende Links

  • Hersteller: SPL
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