Test: SPL Kultube Modell 2049
Verarbeitung
Der zwei Höheneinheiten eines 19-Zoll-Racks beanspruchende Kultube bringt ein respektables Gewicht von 4,3 Kg auf die Waage. Das Gerät ist in gewohnter einwandfreier SPL-Manier verarbeitet: Alle hintergrundbeleuchteten Taster rasten sauber ein, alle Potis laufen butterweich und dennoch mit ausreichendem Widerstand. Sie sind großzügig gebaut und so platziert, dass man kein Feinmotoriker sein, oder verkrampft vor dem Rack sitzten muss, um fligrane Einstelungen am Gerät vorzunehmen. Die leichte Gummierung der Potis macht sie angenehm griffig. Praktisch ist auch, dass der Netzschalter auf der Frontpartie platziert ist. Ein beinahe überdimensionales VU-Meter gibt wahlweise Auskunft über den Pegel oder die Pegelreduktion. Passend zur goldfarbenen Vintage-Optik ist die Röhre hinter einem Schutzgitter sichtbar.
Anschlüsse
Sämtliche Konnektivität des Kultube spielt sich auf der Rückseite des Geräts ab. Hier finden sich symmetrische XLR- und Klinkeneingänge für beide Kanäle (unsymmetrische Kabelverbindungen werden ebenfalls vom Gerät akzeptiert) und ein Sidechain-Weg (für ein gebräuchliches Stereoklinken-Y-Kabel). Daneben gibt es noch Digitalverbindungen (soweit optional implementiert) und den Multi-Channel-Port mit Master und Slave-Schnittstellen. Im Multichannel-Betrieb steuert ein Kultube alle über die Slave-Buchse in Serie angeschlossenen weiteren Geräte. Die Anzahl der auf diese Weise miteinander verbundenen Geräte ist prinzipiell unbegrenzt. Über den Master-Kultube werden die Einstellungen der Regler für Threshold, Ratio, Attack, Release und Make-Up Gain sowie die Taster für die Modi Soft-Knee, De-Compression und Attack/Release – Progressive Time-Control gesteuert. Einzig der Anteil der Tube-Harmonics muss für jedes Gerät separat eingestellt werden. (Im englischen Manual steht hierzu missverständlich: „All functions except for Tube Harmonics … are not controlled by the master“. In der deutschen Anleitung steht korrekt: „Alle Funktionen bis auf die TUBE HARMONICS-Ausgangsregelung werden nun vom Master gesteuert …“.
Der Kultube in der Praxis
Wie im Überblick schon dargestellt, verspricht der Kultube, ein Kompressor mit erheblichem Wirkungspotential und flexiblen Einsatzmöglichkeiten zu sein. Schon bei den ersten Experimenten zeigt sich, dass es kinderleicht ist, die passende Eistellung zu finden. Diese wirkt sich immer identisch auf beide Kanäle aus. Die einzelnen Bedienelemente und Funktionstaster erschließen sich am besten in der Praxis, daher steige ich hier direkt in den Erfahrungsteil ein, nicht ohne auf die technischen Details und die Parameterwerte hinzuweisen. Detaillierte Erläuterungen zur generellen Wirkungsweise eines Kompressors finden Sie im ReleaseTime-Glossar unter den Stichworten Kompressor, Soft Knee und Side Chain.
Für den Test habe ich den Kultube über mein Audio-Interface Motu 828 mkII als externes Effektgerät innerhalb von Cubase 6 in die betreffenden Kanäle als Insert-Effekt eingeschleift, also so, wie man das gewöhnlich mit Plug-in-Kompressoren macht. Als rhythmuslastiger Musiker habe ich den Kultube zuerst mit einem Beat konfrontiert, den ich aus drei Einzelinstrumenten in Stylus RMX zusammengestellt habe. Die drei Instrumente habe ich auf verschiedene Ausgangskanäle von Stylus gelegt, um den Kultube nacheinander auf Snare, Bassdrum und Hi-Hat (ja – etwas ungewöhnlich) loszulassen.
Hier zunächst der unveränderte Beat ohne Kultube:
Nun geht es zunächst an die Snare, die mir zu sehr nach undifferenziertem Rauschen klingt. Mein Ziel ist es, den Anschlag des Fells herauszuarbeiten. Dabei stelle ich fest, dass ich mit extremen Werten die Snare auf ein kurzes Klicken reduzieren kann. Hier liegt der Threshold bei -40dB, die Ratio bei unendlich (im Limiting-Bereich), die Attackzeit bei 24 und die Releasezeit bei 55 Millisekunden – folgt man den auf dem Frontpanel aufgedruckten Werten. Das komprimierte Signal habe ich per Makeup-Gain um 12 dB verstärkt und die Tube-Haronics voll aufgedreht, um dem Attack mehr Power zu geben:
OK, das ist sicherlich nicht das, was ich erreichen will, zeigt aber, wie weit der Regelbereich und damit das Wirkungspotential des Kultube geht.
- Der Threshold von -55 dB im Rechtsanschlag bis + 23dB im Linksanschlag sollte wirklich jedes Signal erwischen.
- Die Ratio, die das Kompressionsverhältnis bestimmt, reicht von ultrasoften 1:1,2 bis zum Limiting 1:unendlich.
- Die Attackzeit deckt laut Beschriftung des Panels ultraschnelle 0,1 Millisekunden bis zu 980 Millisekunden ab.
- Die Releasetime reicht von schnellen 30 Millisekunden bis zu sanften 2 Sekunden.
- Im Auto-Modus „Progressive Time Control“, der für die Attack- und Releasezeit separat geschaltet werden kann, wird die Attack- und Releasezeit automatisch an die Dynamik des Signals angepasst.
Die Regler dienen nun dazu, den Grad, in dem schnelle Dynamikspitzen komprimiert werden, zu bestimmen (Attack Regler) und die durchschnittliche Releasezeit festzulegen (Release-Regler). Der Makeup-Gain-Regler deckt eine Spanne von -22dB bis +22dB ab. Mit dem Tube-Regler stellt man ein, wie stark die Röhre angefahren wird. Mit zunehmender Drehung des Reglers nach rechts steigt der Effekt der Röhrensättigung und die Anreicherung des Signals mit den typischen harmonischen Verzerrungen, die den Sound wärmer, kraftvoller, durchsetzungsfähiger bis hin zu bissiger werden lassen.
Doch zurück zu unserer Snare. Hier das Original solo:
Und hier eine etwas moderatere Bearbeitung mit Kultube (Ratio: 3,5):
Der Anschlag kommt jetzt deutlich zur Geltung. Im Vergleich tendiert die Originalsnare zu einem gleichförmigen Rauschen, das sich so in einem vollen Arrangement nicht durchsetzen wird.
Wir wenden uns der Bassdrum zu: Auch hier erst einmal das Original:
Und hier nach der Bearbeitung mit Kultube (ohne Einsatz der Röhre) und einer etwas sanfteren Einstellung, als wir sie bei der Snare verwendet haben:
Fetter klingt die Bassdrum, wenn wir den Tube Harmonics – Regler auf 50 % hochfahren:
Und regelrecht brutal wird es, wenn wir die volle Röhrenleistung beanspruchen:
Die Hi-Hat zu unserem Beat ist eigentlich recht nett und traditionell kein Kandidat für einen Kompressor, hier im Original:
Es kann aber nicht schaden, sie ein wenig zu schärfen. Wenige Handgriffe am Kultube reichen aus, um das Attack der Hi-Hat zu betonen. Später wird das dem Groove des kleinen Beats zugute kommen. Da die Hi-Hat deutlich leiser als Bassdrum und Snare ist, senke ich den Threshold ein gutes Stück durch Rechtsdrehung des Reglers. Entscheidend für das Herausarbeiten der Dynamik ist ein sehr kurzes Release von 30 ms. Eine Ratio von 3,5 reicht aus. In der 70-Prozent-Einstellung steuern die Tube-Harmonics gerade die Portion Pfeffer bei, die nötig ist, um den metallischen Anschlag herauszuarbeiten.
Alle drei Spuren zusammen klingen jetzt so:
Durch die Betonung der Attacks und der Transienten rückt das Schlagzeug ein gutes Stück weiter nach vorne. Raumanteile in den Ausklingphasen treten zurück, der Sound ist kraftvoll und deutlich trockener; für sich alleine zu trocken, aber prädestiniert für die Arbeit mit Hallprogrammen. (Im nächsten Audiodemo kommt der Flux/Ircam-Tools Verb zum Einsatz. Bei der Snare habe ich vor allem die frühen Reflektionen und die nachfolgenden Cluster für eine Art Echo-Raum benutzt, für die Bassdrum einen kleinen Raum mit basslastiger Hallfahne gebastelt.)
Zurück zu Kultube: Hat man sich mit der Kompression etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt, gibt es den Dekompressionsmodus, der, wie der Name schon sagt, genau das Gegenteil eines Kompressors macht, nämlich die Dynamik erweitert, indem nun alle Signale oberhalb des Thresholds um den Faktor 1,2 aufwärts lauter gemacht werden. Die Kompression unseres kleinen Beats ist ohne die Zugabe von Hall etwas übertrieben, also ein geeigneter Kandidat, um das, was zu viel ist, wieder zurückzunehmen. Als besonderes Problem für die Dekompression gilt es hier, auf die überlauten Attacks zu achten, die ja nicht noch weiter verstärkt werden sollen. Dem kann man jedoch mit langen Attack- und Releasezeiten für die Dekompression entgegenwirken.
Hier das Ergebnis mit Ratio 3.0, einem Attack von etwa 180 ms und einer Releasezeit von 1,2 Sekunden:
Klingt wieder natürlicher und nach wie vor besser als das Original.
Als nächstes schauen wir, was der Kultube aus einer Gitarre machen kann. Zunächst das unbearbeitete Original:
Ziel ist es, der Gitarre mehr Schmutz und Biss zu verleihen. Den Kompressor verwenden wir dafür, das Attack zu schärfen und nehmen eine kurze Attackzeit von 16 ms und eine kurze Releasezeit von 35 ms. Der Anschlag der Gitarre soll knallen. Makeup Gain sitzt vor der Zuführung des Signals zur Röhre. Wir drehen also Makeup Gain weit auf und geben 100 % Tube Harmonics bei. Die rauscharme Technik des Kultube macht solche Extremeinstellungen möglich, ohne dass die Audioqualität leiden würde. Unsere Gitarre hört sich nun so an:
Wem das zu rockig ist, der stellt die Tube Harmonics ein wenig zurück und erhält einen sehr kernigen Klang, der nicht als angezerrt empfunden wird:
Fehlt noch der Bass:
Die Bearbeitung geschieht hier ähnlich wie bei der Gitarre, jedoch mit etwas längerer Releasetime des Kompressors, um dem Bass mehr Duck zu geben:
Bevor wir zum Masteringeinsatz kommen, hier noch die Kompression eines kompletten Beats, also einer Schlagzeug-Subgruppe. Zunächst das Original:
Und hier die Kultube-Bearbeitung. Obwohl die Kompression bis -10dB reicht und eine Ratio von 5 eingestellt ist, fällt sie nicht unangenehm als Pumpen auf (obwohl dieser Effekt mit entsprechenden Einstellungen zum Repertoire des Geräts gehört). Der Beat erhält mehr Druck, und durch die moderate Zugabe von harmonischen Anzerrungen durch die Röhre wirkt der Klang zugleich wärmer, organischer und offener.
Kultube bringt, wie wir gehört haben, sowohl bei Einzelinstrumenten als auch bei Gruppen Druck, Frische und Charakter in den Klang. Dies lässt sich auch auf das Mastering übertragen. Hier wiederum zunächst der Originalsound ohne Kultube:
Und so klingt es nach dem Einsatz unseres Testkandidaten:
Sollte der Einsatz des Kompressors als zu hart empfunden werden, die Attackzeit aber unverändert bleiben, so bietet die Soft-Knee-Schaltung, die als Option per Taster aktiviert wird, die Möglichkeit, für einen sanfteren Betrieb. Dabei wird das Signal bereits vor Erreichen des Thresholds leicht, das heißt mit geringerer Ratio komprimiert, bis es mit dem Anstieg der Lautstärke den Threshold erreicht und dann mit dem per Ratio eingestellten Verhältnis komprimiert wird.
Hier das vorige Demo mit Softknee-Schaltung:
Bevor wir zum Fazit kommen, sei der Vollständigkeit halber noch auf weitere Bedienelemente hingewiesen: Die bereits erwähnte Sidechain-Funktion (bei der die Kompression durch ein externes Signal gesteuert wird) verfügt nicht nur über einen An/Aus-Taster, sondern auch über einen zweiten Taster, mit dem eine Kontrollabhöre des Sidechain Signals möglich ist. Mit dem Taster „Digital Input“ werden die Digitaleingänge zugeschaltet (soweit implementiert) und mit „Slave“ versetzt man das Gerät im Mehrkanalbetrieb in den Empfangsstatus für die Parametereinstellungen, die am Master-Kultube vorgenommen werden.
Fehlt etwas?
Mit Soft-Knee, Sidechaining, Dekompression, Röhrenausstattung, Mehrkanal- und Digitaloption kann man dem Kultube nicht gerade einen Mangel an Features vorwerfen. Das Gegenteil ist der Fall. Dennoch gibt es zwei Dinge, die der Kultube nicht kann: Zum einen sind das getrennte Einstellungen für den linken und rechten Kanal. Wirklich vermissen wird man dies kaum, höchstens wenn man den Kultube in einem Stereo-Kanal einsetzt, bei dem die Dynamik zwischen Links und Rechts stark variiert, beispielsweise bei stark im Panorama aufgefächerten Toms. Zum anderen verfügt der Kultube nicht über ein Parallelprocessing, wie man es etwa bei dem Transpressor findet. Parallel Processing bedeutet, dass ein Mix aus komprimiertem und nicht komprimiertem Signal eingestellt werden kann.
Das gefällt mir nicht
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Das gefällt mir
Abgesehen von der soliden Verarbeitung und dem bequemen Handling bietet der Kultube eine herausragende Audioqualität. Probleme mit Rauschfahnen sind für dieses Gerät ein Fremdwort. Die passende Einstellung ist schnell gefunden, und es tut immer gut, mal wieder haptisch unterwegs zu sein und nicht mit der Maus verkrampft auf Miniaturreglern am Bildschirm herumzuklicken. In puncto Klangtreue und Auflösung ist der Kultube sowieso jedem Plug-in überlegen – was durch die stufenlos einstellbare Zugabe der Röhrensättigung noch getoppt wird. So etwas gibt es als überzeugende Emulation nicht.
Satter, warmer Vintage-Sound ist für den Kultube eine Kleinigkeit, ebenso wie präzise Eingriffe in die Dynamik. Diese werden durch die großzügig bemessene Bandbreite der Parameter möglich: Stufenlose Ratio von 1:1,2 bis unendlich (Limiting), ultraschnelles bis super-sanftes Attack und Release.
Die ausgeklügelte, halbautomatische „Progressive-Time-Control“ erlaubt jede Feinarbeit, die beim Mastering erforderlich ist. Eine Soft-Knee-Schaltung steht für sanftere Gangarten bereit, ein an der Frontseite schaltbarer Sidechain-Eingang erlaubt die Steuerung der Kompression durch externe Signale, beispielsweise um eine Fläche zu rhythmisieren, Bass und Bassdrum im Mix besser zu trennen oder den Gesang aus dem Hintergrund herauszuarbeiten.
Als Besonderheit wird sogar ein De-Kompressionsmodus angeboten, der es möglich macht, überkomprimierte Signale wieder zu beleben.
Die Zielgruppe ist breit gefächert: Mit dem Kultube lassen sich einzelne Instrumente, Gruppen und Summensignale gut bearbeiten. Auch genremäßig ist man nicht festgelegt. Der Kultube ist ein echtes Kraftpaket mit beinahe uneingeschränkten Möglichkeiten und – nicht zuletzt durch die Röhre – viel persönlichem Charme. Das Preis-Leistungsverhältnis ist ausgezeichnet.


Holger Obst
Ergänzende Links
Preis
- Straße ca. 1199 Euro
Hersteller

