Das schrumpfende Studio: Hat die Hardware ausgedient?

Die Geschichte der Kompressor-Plug-ins

Vor etwa zehn Jahren brachte UAD die erste Fairchild-Emulation auf den Markt, die aufgeregt im damals lebhaft besuchten Keyboards Forum gefeiert wurde.

Gut, dieses Fairchild-Plug-in habe ich mir natürlich auch zugelegt und war schon recht angetan. Ein teurer Hardware Kompressor einer anderen Marke, den ich später erwarb, übertraf die Emulation allerdings, packte sauberer und kräftiger zu und lieferte auch einen deutlich runderen, transparenteren Sound. Später habe ich ihn dann wieder verkauft, denn inzwischen waren einige Software-Lösungen auf dem Markt, die schneller einzubinden waren und genauso gut klangen.

Bevor ich mich von solch edler Hardware getrennt habe, habe ich immer Stunden damit verbracht, diese mit diversen Plug-ins zu vergleichen. Unterm Strich hat sich herausgestellt, dass es in erster Linie auf die präzisen, an das Audiomaterial genau angepassten Einstellungen ankam, dann waren sowohl mit der Hardware als auch mit der Software die gewünschten Ergebnisse erzielbar.

Bereits vor dem virtuellen Fairchild erschien die LA2A-Emulation von Universal Audio. Auch diese wurde zu Recht bejubelt. Heute gibt es gleich mehrere gut klingende LA2A-Emulationen, etwa von Waves:

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Ebenso wie das Original sind auch die Emulationen vielseitig verwendbar und einfach zu bedienen.

Ein weiteres Highlight war der Abbey Road RS124, der im Punch Modus exzellente, extrem druckvolle Drums (im Bus eingesetzt) liefert. Leider ist er inzwischen nicht mehr erhältlich.

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In den Drum-Modus gelangt man durch Klicken auf die Sicherung, die dann rot aufleuchtet. Der Recovery-Regler ist dann außer Kraft gesetzt.

Im folgenden Audiodemo kommt der RS124 zum Einsatz. Sie hören erst das unbearbeitete Signal, dann das komprimierte. Im weiteren Verlauf habe ich die Eingangslautstärke am Kompressor hochgefahren, wodurch die Kompression deutlicher wird.

 

Die Drums stammen aus Toontracks Superior Drummer, Library „The Progressive Foundry

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Es ist schade, dass es den RS124 nicht mehr gibt, aber andere virtuelle Kompressoren liefern heute einen ähnlichen Sound. Hier hören Sie den Fabfilter Pro C2 bei der Arbeit. Er soll die Drums ordentlich zum Pumpen bringen:

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Den Sound kann man noch fetter machen, und zwar mit dem Vintage Tape Modul aus iZotope Ozone 7:

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Der exzellente Trident A Range Equalizer von Softube macht den Klang transparenter, offener, der inValve Preamp von Audified sorgt für den knackigen Attack der Bassdrum:

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Die Software-Variante des Chandler TG Limiters, den man auch im Kompressor-Modus betreiben konnte, war ein weiterer Durchbruch. Auch hier hieß es in der Fachpresse wieder „ganz nahe am Original“. Immerhin: Der Testautor hatte das Original tatsächlich neben sich stehen, was noch längst nicht immer der Fall ist, wenn solche Aussagen getroffen werden. Meist wird nämlich aus der Erinnerung heraus verglichen. Und besonders in der Erinnerung umgibt jede Hardware eine ganz besondere Aura, die der „guten alten Zeit“.

Nebenbei: Hat man sich für Hardware entschieden, muss diese im Laufe der Jahre auch einmal generalüberholt werden, sie bleibt aber bestehen. Bei Software ist das nicht immer so:

Den virtuellen Chandler wollte ich neulich auf meiner neuen Workstation installieren, es stellte sich aber heraus, dass nirgendwo mehr ein Download zu finden ist. Ich gehe davon aus, dass es auch bei Chandler in der Schublade keine 64-Bit-Version gibt, sodass ich mir die Anfrage beim Support schenke. Es ist aber trotzdem ärgerlich, wenn ein Hersteller es noch nicht einmal fertig bringt, eine Legacy-Version als Download anzubieten.

Eine für die Käufer unangenehme Wendung nahm auch die zunächst vielversprechende Geschichte der TC Powercore (PCI, später PCIe Steckkarte wie die UAD). Das teure und edle Mastering Tool MD3 und der algorithmische Hall VSS3 zählten einige Jahre zu meinen persönlichen Favoriten. Nun sind sie zusammen mit der Powercore-Plattform, die schon seit Jahren nicht mehr gepflegt wird, untergegangen. Zwar laufen sie theoretisch noch als 32 Bit-Versionen und mittels Workaround auch auf 64 Bit Systemen, in der Praxis hatte die Powercore aber bereits Anno 2013 auf meinem alten Mac Probleme mit der Stabilität und kam offenbar mit OSX 10.6.8 nicht zurecht.

Während TC es bislang nicht fertig gebracht hat, die hauseigenen Powercore-Plug-ins als native Komponenten herauszubringen, haben andere Hersteller, die zunächst ebenfalls auf die Powercore setzten, diesen Schritt getan. Dazu zählt Sonnox, Audified und Softube. Der Software Kompressor, der mich endgültig zum Verkauf meiner damaligen Hardware brachte, war der TubeTech CL1B. Diesen gibt es heute nativ, ergänzt durch einen EQ im Pultec Stil:

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Hier die Bearbeitung eines Grooves aus Toontracks EZdrummer 2 EZX Post Rock:

 

Ohne den Tube Tech Channel Strip:

 

Softube selbst erweist dem Hersteller der Hardware, Lydcraft, Dänemark, alle Ehre und meint, keine Software würde an das Original wirklich heranreichen. Alleine der Opto-Kompressor zum Anfassen kostet über 3000.- Euro (ohne EQs). Da sollte in der Tat noch ein Quäntchen mehr an Klangqualität drin sein. Ob dem tatsächlich so ist, sei dahingestellt, jedenfalls gehört die Softube Emulation zum Besten, was die Welt der virtuellen Single-Band-Kompressoren zu bieten hat.