Test: Softube Tube Tech Classic Channel

Hier geht es um einen Klassiker unter den Plug-ins: Der von Softube emulierte Tube Tech Channel Strip vereint zwei Equalizer und einen Kompressor. Emuliert wurden hochpreisige lebende Legenden. Was die virtuellen Nachbildungen leisten und für wen sie interessant ist, erfahren Sie bei uns.

Überblick

Beim Tube Tech Classic Channel handelt es sich um eine Kombination der beiden Equalizer PE 1C, Spezialist für Bässe und Höhen, sowie dem ME 1B, der sich den Mitten widmet. Der CL 1B, ein schneller Opto-Kompressor mit Röhre, macht das Trio komplett. Insgesamt geht es bei diesem Channel Strip um einen warmen, musikalischen Sound mit analogem Flair und Vintage-Charakter höchster Güte, nicht um technisch-chirurgische Werkzeuge. Die Plug-ins sollen also Klangfarben ins Spiel bringen und damit den Mix aufwerten. Sie eignen sich primär für die Bearbeitung von Einzelinstrumenten und Gruppenspuren.

Die beiden Equalizer im Pultec-Stil sowie der Opto-Kompressor sind auch als Hardware des dänischen Nobel-Herstellers Lydcraft erhältlich und kosten in der Summe rund 8000.- Euro. Die edlen Hardware-Komponenten aus dem Hause Lydcraft sind echte Leckerbissen für Toningenieure mit höchsten Ansprüchen. Wenn sich Softube dieser Sache annimmt, bekannt für akribische, liebevoll ausgearbeitete und (so weit das eben möglich ist) originalgetreue Emulationen, darf man also gespannt sein.

Softube erklärt, dass die einzelnen Komponenten der Geräte systematisch und mit Unterstützung der Spezialisten von Lyncraft modelliert wurden. Auch die grafische Gestaltung gibt das Design der großen Vorbilder wieder.

Recording und Studiotechnik

Die Emulation (des CL 1B) gibt es schon seit 2009, damals zunächst für die TC-Powercore. Auch ich habe mir das Plug-in damals zugelegt und war auf Anhieb sehr angetan. Eine Weile setze ich in fast jedem Projekt mindestens eine Instanz des CL 1B ein. Mit dem Verlust der Powercore (nach Betriebssystemwechseln und dem Einfrieren des Supports durch TC) habe ich mich dann vorübergehend vom CL 1B verabschieden müssen und ihn nun wieder entdeckt, etwas spät, aber besser spät als nie. Als Channel Strip im Trio mit den beiden Pultec-Kompressoren ist er zweifellos noch spannender als er es für sich alleine schon war.

Der Tube Tech Classic Channel besteht aus einem Bundle mit vier Komponenten: Zum einen gibt es den kompletten Channel-Strip, dann die drei Einzelkomponenten. Daraus ergibt sich der Vorteil der Platzeinsparung auf dem Monitor, wenn man nicht alle drei Bestandteile des Pakets gleichzeitig braucht, und auch die CPU-Leistungseinforderung ist bei den Einzelkomponenten natürlich etwas geringer als beim kompletten Strip.

Allerdings ist die CPU-Last sowieso erfreulich gering, sodass auch bei Live-Projekten bzw. beim Einspielen mit niedriger Puffergröße und kurzen Latenzen problemlos mehrere Instanzen geladen werden können. Wer im VST-Format unterwegs ist, darf sich über VST 3 freuen: Liegt kein Signal an und der Channel Strip pausiert, so fordert er auch keine Rechenleistung ein, außerdem ist der Kompressor Sidechain-fähig.



Installation

Die Installation von Softube Plug-ins hat unser Autor Baldwin Freising bereits ausführlich beschrieben, wie etwa beim Test zum Summit Audio Grand Channel und zum Transient Shaper. Wer den Classic Channel selbst testen möchte, findet auf der Herstellerseite (s. Anhang) eine 20 Tage lauffähige Demo-Version. Zur Freischaltung benötigt man einen iLok-Account, nicht zwingend einen physikalischen iLok.

 

Der PE 1C Equalizer

Der Pultec PE 1C ist ein passiver, röhrenbasierter Equalizer. Die Besonderheit des PE 1C Pultec-EQs ist, dass Bässe durch zwei Shelving-Filter gleichzeitig angehoben (Boost, mit Frequenzschalter) wie auch abgesenkt werden können.

Für die Höhen kommt ein Peak und ein parallel wirkender Shelving-Filter zum Einsatz. Zusammen mit dem Regler für die Bandbreite ergeben sich interessante Kurvenverläufe, etwa eine Absenkung des Low End bei gleichzeitiger Betonung charakteristischer Frequenzen. Der Pultec EQ ist für seinen in den Bässen runden, in den Höhen seidigen und offenen Klang bekannt.

Im folgenden Audiodemo hören Sie ein Pattern aus Native Instruments India (Discovery Serie). Nach vier Takten setzt der PE1C ein.

 

Die Bässe habe ich etwas zurückgefahren und bei 100 Hertz betont, die Höhen bei 4 kHz angehoben und bei 10 kHz abgesenkt. Man hört sehr schön, wie der Equalizer der Dynamik des Audiomaterials folgt. So etwas nennt man zurecht ein „musikalisches Werkzeug“. Damit keine Missverständnisse auftreten: Der PE1C ist kein dynamischer EQ, er reagiert jedoch auf Dynamikspitzen mit einer deutlicheren Klangfärbung. Das macht den Sound insgesamt lebendiger.

 

Intermezzo: Wie das Trio gemeinsam wirkt

Weil es gerade passt, habe ich die beiden anderen Komponenten hinzugenommen:

Hier habe ich noch die Mitten mit dem ME 1B bearbeitet und zusätzlich den Kompressor CL 1B eingesetzt, und zwar mit folgenden Einstellungen:

TubeTech_ClassicChannel_Bild2

 

Der Kompressor arbeitet ultraschnell. Die Attackzeit habe ich nicht zu kurz gewählt, um die Transienten durchzulassen, die Releasezeit jedoch sehr kurz eingestellt, um zu vermeiden, dass Raumanteile durch die Kompression hervortreten.

Wie sich Veränderungen der Releasezeit auswirken, hören Sie im nächsten Audiodemo: Hier habe ich die Releasezeit bis Takt 5 langsam hochgefahren (denn die Regler kann man auch automatisieren und unter Cubase via Quick-Controls externen Controllern zuweisen). Zudem habe ich einen kontinuierlichen Lautstärkeausgleich vorgenommen, da der Kompressor mit zunehmender Releasezeit das Signal stärker heruntergeregelt und damit am Ausgang leiser wird. Durch die Erhöhung der Releasezeit tritt der Raumanteil deutlicher hervor. Ab Takt 5 habe ich zudem die Attackzeit heruntergeregelt, sodass gegen Ende des Audiodemos die Transienten zunehmend komprimiert werden. Das Kompressionsverhältnis liegt bei knapp 1:5 recht hoch (Ratio-Regler).

 

Der Tube Tech Classic Channel eignet sich natürlich nicht nur für Percussion, sondern grundsätzlich für alle Art von Instrumenten. Im Folgenden wende ich ihn auf eine Gesangsspur an. Hier zunächst der unbearbeitete Track, wieder mit Native Instruments India für die Percussion; die Vocals stammen aus Voice of Israel von Sonokinetic:

 

Dazu habe ich ein leicht angepasstes Preset verwendet:

TubeTech_ClassicChannel_Bild3

Nun bearbeite ich noch die Percussion:

 

Nebenbei: Auf unserem Testystem, Windows 7, Cubae 7, wurden die Presets nur bei den VST2, nicht bei den VST3-Komponenten angezeigt. Ein kleiner Bug?

 

Der Mitten-Spezialist ME1B

Dieser Equalizer sieht als Einzelkomponente so aus:

TubeTech_ClassicChannel_Bild4

Die unteren Mitten können bei 200, 300, 500, 700 Hertz und 1 kHz um 10dB mittels Peak-Filter angehoben werden. Auch für die oberen Mitten ist ein Peak-Filter zuständig, der bei 1,5, 2, 3, 4 und 5 kHz greift und eine Anhebung um bis zu 8 dB ermöglicht. Dazwischen ist mit DIP eine um bis zu -10 dB regulierbare Mittenabsenkung mit 11 Positionen platziert. Alle Filter verfügen über eine feste, vorgegebene Flankensteilheit.

Auch der TubeTech ME 1B ist ein röhrenbasierter passiver EQ und stellt eine moderne Variante des Pultec MEQ-5 dar. Er wurde ursprünglich als Ergänzung zum PE 1C entwickelt und dient der Bearbeitung von Bändern, die mit diesem nicht erreichbar sind. Für sich alleine genommen, stellt er eine potente Option zur Bearbeitung der Mitten dar, in Kombination mit dem PE 1C hat man einen alles umfassenden EQ.

Im folgenden Audiodemo habe ich den MEQ-5 verwendet, um eine Gitarre deutlicher herauszuarbeiten. Der Equalizer setzt mit Takt 5 ein (alle Loops aus Ueberschall The Ressource):

 

Der Tube Tech CL 1B Kompressor

Den schnelle Opto-Kompressor mit Röhrensound haben wir bereits im Einsatz gehört. Grundsätzlich reagiert er programmabhängig, d.h.: in Relation zum eingehenden Audiosignal, nicht nur auf dessen Dynamik, sondern auch auf sein Frequenzspektrum.

Seine Besonderheit ist die (durch die optische Schaltung bedingte) kurze Releasezeit. Dadurch eignet sich der CL 1B hervorragend, um kürzere Dynamikspitzen in einem Mix differenziert zu bearbeiten. Durch seine breit aufgestellten Regelmöglichkeiten kann er sowohl dafür benutzt werden, eine Gruppe (etwa Drums) zu einem stimmigen, kohärenten Gesamtbild zusammenzufügen, als auch zum Pumpen zu bringen. Man kann mit ihm die Transienten herausarbeiten und Instrumente, wie etwa eine akustische Gitarre oder Percussion, nach vorne holen, ebenso einen Bass im tiefen Bereich zähmen, während die obertonreiche Anschlagsphase erhalten bleibt.

Obwohl der CL 1B nicht als klassischer Mastering-Prozessor konzipiert ist, kann man mit ihm auch einen kompletten Mix dezent zusammenführen und gleichzeitig räumliche Tiefe herausarbeiten.

TubeTech_ClassicChannel_Bild5

Geregelt werden kann

  • die Eingangsverstärkung (off/-64 bis +30 dB)
  • das Kompressionsverältnis (2:1 bis 10:1)
  • der Threshold (Schwellenwert in dB ab dem der Kompressor in das Signal eingreift, 2 bis -41 dB)
  • die Attack- und Releasezeit (Werte: 0 bis 10 entsprechen Attackzeiten von 0,5 bis 300 ms und Releasezeiten von 0,05 bis 10 Sekunden)

Das virtuelle VU Meter bildet den Ein- oder Ausgangspegen bzw. die Gain-Reduction ab.

  • Für das Attack/Releaseverhalten stehen drei Grundmodi bereit:
  • Fixed: Attackzeit 1 ms, Releasezeit 50 ms
  • Fixed/Manual: regelbare Relesezeit mit einer Art Verzögerung: Die Attackzeit bestimmt in diesem Modus, welche Zeit verstreicht, bis das Release einsetzt. Der Release-Regler reguliert klassisch die Releasezeit.
  • Manual: Beide Werte werden manuell eingestellt.

Zudem ist der CL 1B sidechainfähig: in der Position intern reagiert der Kompressor per Feedback-Schleife auf das komprimierte Audiosignal. Diese Feedback-Schleife unterstützt sein programmabhängiges Verhalten. In der Position extern wird die Kompression durch ein externes Signal ausgelöst. Damit das funktioniert, muss im Host-Sequencer ein entsprechendes Routing eingerichtet werden (Näheres dazu in unserem Glossar). Klassische Sidechain-Anwendungen sind: Sprache/Gesang unterdrückt Hintergrund/Begleitmusik; Bassdrum unterdrückt Bass.

 

Zurück zur Praxis

Im Folgenden hören Sie den Channel Strip in verschiedenen Anwendungen.

Zunächst eine Saxofon-Passage (ohne Classic Channel):

 

Jetzt mit dem Tube Tech Channel Strip:

 

Ein Bass: Tubetech PE 1C und CL 1B werden im fünften Takt eingeschaltet.

 

Ebenso die Gitarre mit Tube Tech ME 1B und CL 1B

 

Mit Schlagzeug:

 

Der Tube Tech Channel Strip eignet sich auch für modernen Dance. Hier zunächst ein unbearbeiteter Mix:

 

Und nun mit drei Instanzen für Drummachine, Bass und FX-Synth:

 

Fazit

Der Softube Tube Tech Channel Strip liefert eine exzellente Klangqualität ab. Die Signale werden hoch auflösend abgebildet, das Audiomaterial gewinnt an Transparent, Tiefe und Plastizität. Die EQs sind vom Feinsten, was die virtuelle Welt zu bieten hat: Warme, runde Bässe, knurrige untere Mitten, prägnante obere Mitten, transparente, seidige Höhen.

Man muss schon viel falsch machen, damit dieser Channel Strip schlecht klingt. Der Markt hat inzwischen viele Pultec-Emulationen zu bieten. Diese hier kann man ohne Übertreibung als Referenz bezeichnen.

Der Kompressor erlaubt vielseitige Einsätze, vom Formen der Transienten bei Einzelsignale bis zur Gestaltung eines stimmigen, homogenen und zugleich detailreichen Klanges bei Gruppen.

Ich hätte zu gerne das Original zum direkten Vergleich im Studio gehabt, doch für sich alleine genommen kann der Tube Tech Channel Strip rundum überzeugen. Er klingt edel und ist für beinahe jede Anwendung eine Bereicherung. Aufgrund der Nähe der Entwickler zum Hersteller der Hardware wage ich die Behauptung, dass diese Emulation nicht weit vom Original entfernt ist. Im Umkehrschluss bedeutet die Nähe zum Vorbild auch, dass erweiterte Funktionen wie Mid-Side- oder Parallel-Processing nicht an Bord sind. Solche Erweiterungen würden zusätzliche Optionen erschließen, aufgrund der hohen Qualität des Gebotenen wird man dennoch mit dem Strip glücklich sein – so wie er ist.

Die Bedienung gelingt intuitiv: Der Strip erschließt sich beim Formen des Klanges praktisch von selbst. Wer ganz auf Nummer sicher gehen will, bedient sich der Presets, die in reichlicher Zahl vorhanden sind und eine gute Ausgangsbasis für diverse Anwendungen liefern.

Die Ausstattung mit Funktionen ist gut. Auch Sidechaining ist an Bord. Wer will, kann die Parameter animieren (und in Cubase sogar Quick-Controls zuweisen und dann per Controllerkeyboard steuern).

In Zeiten fallender Preise und pausenloser Sonderaktionen ist unser Testkandidat nicht gerade billig. Doch er bietet auch eine Qualität, an der sich zahlreiche Mitbewerber messen lassen müssen und ist ohne Zweifel jeden Cent wert – ganz zu schweigen vom Vergleich mit den Preisen der Hardware.

Wer den Softube Tube Tech Classic Channel hat, braucht erst einmal keine weiteren Vintage EQs oder Kompressoren und für chirurgische Eingriffe in den Mix oder für das Mastering nur noch einen vollparametrischen EQ mit vielen Bändern und Filtercharakteristika sowie einen Mehrband-Kompressor.

Top Product Award

Plus:

    • Pultec-Emulation auf Referenzklasseniveau
    • vielseitig nutzbarer Channel Strip
    • Sidechain-Funktion beim Kompressorseinfach zu bedienen
    • exzellente Audioqualität mit edlem Vintage-Sound

Minus:

Preis: 395.- EUR (deutscher Fachhandel, Stand: Februar 2016)

Hersteller: Softube

Produktseite mit Informationen zu den Systemanforderungen, Demoversion

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