Das schrumpfende Studio: Hat die Hardware ausgedient?
Das gediegene Knacken, Rauschen und Brummen – kein Privileg alter Hardware
Oder gelüstet es Sie immer noch nach einem Fairchild-Veteranen für satte 20.000.- Euro oder mehr? So gesehen auf Ebay. Bei dem Preis muss das Teil einfach unübertroffen nach Vintage klingen. 14 Transformatoren und 20 Röhren stecken in diesem Kompressor-Monstrum. Aber das ist noch nicht alles: Man bedenke, dass der Sound, der im Laufe von Jahrzehnten durch das Gerät geschleust wurde, die Elektronik möglicherweise derart in Schwingung versetzt hat, dass die Schaltkreise den Geist mehrerer Stilepochen, vielleicht gar einer Rocklegende in sich aufgenommen hat. Ein wenig Rauschen und gelegentliches Knacken ist vielleicht genau die Patina, die man sich heute wünscht. Egal, wenn´s zwischendurch auch mal bedenklich bruzzelt: Alleine die physische Präsenz der Legende, die man nun richtig anfassen darf, ist für manch einen unbezahlbar. Vielleicht ist das Chassis sogar mit Fingerabdrücken von Stars garniert, die aufgrund von Drogenexzessen längst nicht mehr unter uns weilt – Spuren in eine ruhmreiche Vergangenheit …
Geht es Ihnen aber nur um den Fairchild-Sound, so tut es auch eine gute Emulation.
Der PuigChild 670 Stereo von Waves
IK Multimedia TrackS Vintage Compressor Model 670
Ein Beat aus Toontracks EZdrummer 2 Post Rock Kit, mal ohne, mal mit dem PuigChild 670:
Vintage-Kompressoren waren auch zu ihren Lebzeiten schon teuer, nicht nur der Fairchild, auch der Telefunken U73 in seinen diversen Bauformen. Als U73b war der röhrenbetriebene, programmabhängige Variable-Mu-Kompressor das Tool schlechthin, wenn es um Mastering ging. Zwischen 1960 und 1980 ist er Sound fast aller Pop/Rock-Alben, die in namhaften Studios gemastert wurden, durch dieses Gerät gelaufen. (Variable Mu bedeutet, dass die für die Kompression eingesetzte Röhre programmabhängig mit einer variablen Spannung gesteuert wird).
Gut erhaltene, mehrfach restaurierte Originale dürften kaum noch bezahlbar sein. Bei dem Emulations-Hype, den Modelle wie Fairchild 670, Urei 1176 und LA2A seit nunmehr gut zehn Jahren ausgelöst haben, wundert es ein wenig, dass der U73b bislang unbeachtet blieb. Das hat sich Mitte 2015 geändert, als ein tschechisches Unternehmen sich endlich der Sache annahm: Die Emulation U73b von Audified ist mit 149.- Dollar vergleichsweise niedrig angesetzt, klingt definitiv nach Vintage und bringt eine schöne, eigene Klangfärbung ins Spiel:
Hier ein Superior-Drummer-Beat erst ohne, dann mit dem U73b von Audified:
Zum Vergleich der CLA 76, eine Urei 1176-Emulation von Waves (regulärer Preis: 249.- US-Dollar):
Auch recht bemerkenswert, wie ich finde. Lässt man die Preisdifferenz von immerhin rund 100.- Euro zwischen den beiden Mitbewerbern außer Acht, fällt die Wahl nicht leicht. Der U73b klingt für mein Empfinden etwas kantiger, knackiger. Er lässt mehr Transienten zu und erlaubt auch bei hoher Kompression daher ein etwas akzentuierteres Klangbild, dafür wirkt die Kompression nicht ganz so voluminös und kohärent.
Weil´s einfach Spaß macht, hier noch einmal der Beat, zusammen mit einem Bass, zunächst ohne Audified-Plug-ins.
Jetzt mit U73b Kompressoren für die Drums und den Bass, also zwei Instanzen. Den Bass habe ich zudem mit diesen, ebenfalls sehr günstigen Effekten von Audified aufgepeppt …
… und den Brainworx Bassdude als Amp/Speaker-Simulation hinzugenommen:
Der Urei ist kein Variable MU – Kompressor, aber der Manley, emuliert von Universal Audio für die UAD, ist so einer:
Der Manley liefert einen modernen Analogsound: Sehr edel, transparent, voluminös und rund. So knackig und ein wenig derb wie der Audified U73b ist er nicht, das ist auch nicht sein Anliegen.
Hier zum Vergleich das selbe Arrangement mit zwei UAD-Manley-Instanzen (anstatt dem U73b):
Man braucht also eigentlich mehrere Vintage-Analog-Emulationen, will man das Spektrum der klanglichen Nuancen abdecken. Jetzt rechnen Sie sich mal aus, was es kosten würde, wenn man diesen Anspruch durch Hardware befriedigen will.
Apropos knackig: Alte Hardware will gepflegt und gewartet werden, es sei denn, man mag Knacken und Knistern. Wenn Sie es knacken und richtig alt klingen lassen wollen, probieren Sie es doch mal mit Audioease Speakerphone …
… oder, sogar gratis, mit iZotope Vinyl, jetzt sogar in 64 Bit.
Abseits vom Fairchild gibt es übrigens noch eine Reihe anderer emulierter Legenden, denen der Hersteller einen Knopf für´s Rauschen oder Brummen mit auf den Weg gegeben hat. Zum Beispiel den Aphex Aural Exciter von Waves.
Ohmforce hat mit Ohmicide ein Filter-Plug-in im Programm, das man richtig zum Übersteuern, Fiepen und zur Nachahmung hoffnungslos überforderter und arg traktierter Filter-Hardware verwenden kann. Exzellent-brachiale Lo-Fi Kost wird geboten. Keine physikalische Filterbank bietet das in diesem Umfang. (Um dem Plug-in gerecht zu werden: Auch subtile und schönfärbende Anwendungen sind damit realisierbar.)










