Test: Audiowiesel Hammered Acoustic Guitar

Hammered Acoustic Guitar bietet eine mit Drumsticks und Besen gespielte akustische Gitarre. Die Sample-Library liefert neben Solo- und Begleitinstrumenten auch samplebasierte Effektpatches, die sich speziell für Filmmusik und artverwandte Genres eignen, sowie Percussion für klanglich außergewöhnliche Beats. Der Einsatz zahlreicher Velocity-Layer sowie Round-Robin-Samples und die Option, vier geschlagene Gitarren zu einem voll klingenden Ensemble zusammenzustellen könnte die Library auch gegenüber manchem Mitbewerber besonders interessant machen.

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Vorgeschichte

Trotz der Fülle an Sample-Libraries und Klangerzeuger, die der Markt bietet, gibt es nach wie vor zahlreiche Komponisten, die ihre Audio-Libraries in einem aufwändigen und langwierigen Prozess selbst erstellen. Dazu zählt nicht nur Hans Zimmer, der regelmäßig an der Fertigung virtueller Instrumente beteiligt ist, sondern auch das Komponisten-Duo Frank Herrlinger und Daniel Szwedek. Was liegt da näher, als die Früchte der Arbeit auch anderen zugänglich zu machen. So gründeten die beiden das in Wien ansässige Unternehmen Audiowiesel – mit dem Anspruch, keine Massenware am Fließband, sondern eine Auswahl klanglich hochwertiger Sample-Libraries zu erschaffen. Derer sind es derzeit zwei: Eine kostenlose E-Ukelele (die für eine Freeware ausgesprochen großzügig ausgestattet ist) sowie unser Testkandidat Hammered Acoustic Guitar (im Folgenden mit HAG abgekürzt).

Überblick

HAG wurde auf einer akustischen Ibanez AE Gitarre unter Verwendung von Drumsticks und Besen eingespielt. Dabei wurde die Gitarre mit zwei identisch gestimmten Saiten bespannt, die gleichzeitig angeschlagen wurden, um einen volleren, leicht modulierten Klang zu erzielen. HAG wird als Full Bundle einschließlich der Effektklänge und Percussion und alternativ in zwei separaten Paketen (Core und FX/Percussion) angeboten. HAG Core bietet die geschlagene Gitarre als Melodie bzw. Begleitinstrument. Hier kommen bis zu 7 Velocity Layer und bis zu 9 Round Robin – Samples zum Einsatz, die für ein dynamisch ausdrucksstarkes und abwechslungsreiches Spiel sorgen sollen. Bis zu vier Instrumente bzw. Anschlagsvarianten können individuell zusammengestellt und gleichzeitig gespielt werden. Auch welche Saiten den Ton angeben, ist einstellbar. Die Effektklänge verfügen über eine Morphing-Funktion zwischen reinem und verzerrtem Klang. Hall (auf Samplebasis) kann über das Modulationsrad eingeblendet werden.

Systemvoraussetzungen, Installation und Autorisierung

HAG läuft auf der Basis der Kontakt-Vollversion ab 5. 1 aufwärts und ist damit auf Mac und PC in den gängigen Plug-In-Formaten sowie Standalone zu Hause. Zu beachten ist, dass auf dem Mac mindestens OSX 10.7 und auf dem PC Windows 7 vorausgesetzt wird. Der kostenlose Kontakt-Player wird nicht unterstützt.

Nach dem Erwerb erhält man einen Download-Link. Man speichert HAG auf den Festplattenplatz der persönlichen Wahl. Eine weitere Autorisierung über das NI-Service-Center ist nicht erforderlich. HAG erscheint innerhalb von Kontakt nicht im Library-, sondern im File-Browser. Dort navigiert man zu dem zuvor eingegebenen HAG-Library Ordner.

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HAG Core

Unter HAG Core findet man zunächst das Instrument HAG Core Master mit einer Auswahl von Presets. Hier bestimmt man, ob mit Sticks oder Brushes oder beidem (Ensemble-Presets) angeschlagen werden soll. Grundsätzlich stehen vier Gitarren bereit, jeweils zwei mit Besen und zwei mit Sticks angeschlagene Varianten. Diese sind den internen Slots 1-4 fest zugeordnet und können einzeln ein- ausgeschaltet werden. Eigene Konfigurationen, beispielsweise mit unterschiedlicher Saitenbespannung, Transponierung, Klangfarbe, Lautstärke der Ausklingsamples, Panorama, ADR-Hüllkurve und 3-Band-Equalizer können unter User 1-4 angelegt werden.

Hier ein erster Höreindruck, bei dem alle vier Instrumente zum Einsatz kommen. Die „Drums“ im Hintergrund stammen übrigens ebenfalls von HAG.

 

Mit nur einem Instrument, nämlich Brushes 1 gespielt, erinnert der Klang an ein Banjo:

 

In den Edit-Modus gelang man über die vier kleinen roten LEDs unterhalb des Schriftzuges „Hammered Acoustic Guitar“. Wenn wir uns das verwendete Banjo näher ansehen, erkennen wir, dass die Buttons modern und mellow gelb leuchten.

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Modern steht für eine absolut akkurate Stimmung der Saiten. Schaltet man diese aus, sind die Saiten leicht verstimmt, was etwas mehr Flair und Romantik mit sich bringt. Mit Mellow reduziert man den Dynamikumfang. Der Effekt macht sich vor allem bei den mit Sticks gespielten Instrumenten bemerkbar: Mellow bewirkt, dass der Klang deutlich weicher und weniger obertonreich ist. Auch die Anschlagsphase tritt nicht mehr so deutlich hervor. Zum Vergleich zwei Audiodemos, zunächst mit aktivierter Mellow-Funktion, dann ohne:

 

 

Das ist aber noch nicht alles: Mit dem Release-Regler lässt sich pro Instrument die Lautstärke der Ausklingsamples anpassen. Der Parameter Magic zaubert ein schimmerndes, obertonreiches Klangbild, und mit Transpose können schließlich einzelne Instrumente um eine Oktave nach oben und unten transponiert werden. Schließlich gibt es noch die Wahl der Saite, die gespielt werden soll, einschließlich einer Random-Funktion. Der Klang lässt sich also über viele Funktionen anpassen, von sanft und zurückhaltend, geeignet für Balladen oder kleine melodische Ornamente, bis hin zu herzhaft und vital, mit außergewöhnlicher Klangfülle und schmatzenden Bässen, wie im folgenden Demo mit allen vier Instrumenten:

 

Die Drums im Hintergrund stammen übrigens von EZdrummer 2. Über die Mixer-Seite von HAG Core Master habe ich die Instrumente im Panorama verteilt:

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Für die individuelle Bearbeitung mit externen Effekten besteht die Möglichkeit, die vier Instrumente des HAG Core Master – Ensembles auf separate Audioausgänge zu legen – eine feine Sache: Selbst für Surroundabmischungen muss man nicht umständlich mehrere Instanzen anlegen.

Neben dem mit Gestaltungsoptionen am reichlichsten ausgestatteten Hauptinstrument HAG Core Master findet man im Core Pack des Weiteren die Dirty Slam Hits MW.

Ein Zusammenwirken von Drone-Pad und metallischem Anschlag der Saite kann gut für düstere bis elektrisierende Filmszenarien verwendet werden.

 

Unter Additional Patches finden sich zwei „Baroque Pads“: Hier kommen mit dem Besen gestrichene Saiten, kombiniert mit langsamem Attack sowie einem Flanger aus dem NI Kontakt Repertoire zum Einsatz.

 

Weiter geht es mit dem angezerrten Grunged Bass und drei Highlands-Ensembles, die für liebliche Momente einen zart schwingenden Girarrenklang mit prägnantem Attack bieten.

Im FX-Paket werden 31 Effektklänge …

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… sowie 13 Percussion-Presets geboten.

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Die Effektklänge eignen sich überwiegend für Film- und Spielevertonung. Monster in tiefen, dunklen Höhlenlabyrinten oder plötzlich vorbeischwirrende Flugobjekte aller Art tauchen vor dem geistigen Auge auf:

 

Es sind jedoch auch keyboardähnliche Klänge dabei, die sich für kleine Melodien eignen:

 

Grundsätzlich kann über das Modulationrad Hall hinzugefügt werden, was, wie in den beiden vorangegangenen Audiodemos dargestellt, dramaturgisch gut eingesetzt werden kann.

Das Instrument Ambience & Pads MW bietet eine ganze Reihe zusätzlicher Steuerfunktionen, die auf dem Masterkeyboard über Tasten außerhalb des Spielbereichs erreicht werden.

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Dazu zählt die Auswahl zwischen 16 verschiedenen Pad-Sounds, die globale Transponierung um +/- 1 Oktave, ein MIDI-Gate, mit dem Stotter-Effekte manuell eingespielt werden können, eine Reihe von Effekten sowie verschiedene Notenlängen für die Synchronisation eines LFOs. Mir persönlich ist das etwas zu viel des Guten an Tastatursteuerung. Zwar gibt ein Infofeld Rückmeldung über die aktuell gewählte Steuertaste und deren Funktion, dennoch verlangt dieses System etwas Einübung, wenn es – beispielsweise live – fehlerfrei eingesetzt werden soll. Vor allem für die LFO Synchronisation wäre mir ein entsprechender Regler, der per MIDI-Learn einem externen Controller zugewiesen werden kann, lieber gewesen. Eine gute Idee ist hingegen das MIDI-Gate, mit dem man intuitiv einen Padsound zerlegen kann.

 

Lieblich und reizend präsentieren sich die drei FX Tonal Patches, Bell Ambience, Plucked und Lost Pings …

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… die ich alle drei im folgenden Audiodemo übereinandergelegt habe. Sie bieten eine dosierbare Verstimmung, mit der man so etwas wie eine verstimmte Spieluhr, deren Klang teils hölzern, teils elektronisch ist, erzeugen kann.

 

Die dritte Abteilung des HAG Bundles besteht aus den perkussiven Instrumenten. Diese liegen sowohl als Master-Ensemble als auch in Form individueller Patches vor. Im Master-Ensemble sind alle percussiven Klänge zusammengefasst, die Audiowiesel der akustischen Gitarre entlocken konnte. Jedes Schlaginstrument ist auf je zwei Tasten präsent. So kann man ohne Fingerakrobatik auch schnelle Doppelschläge und Wirbel realisieren. Die Einzelpatches bieten die Möglichkeit, die Effekte und Klanggestaltungen separat für alle Instrumente vorzunehmen.

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Die Percussion lassen sich dank anschlagsdynamisch gestaffelter Samples (Velocity Layer) gut dynamisch spielen. Für die Klangestaltung bietet sich der Morphing-Slider an, der das unbearbeitete Signal stufenlos in ein mit Effekten versehenes Instrument wandelt. Per MIDI-Learn (Rechtsklick) lässt er sich beispielsweise über ein Expression-Pedal steuern. Das Modulationsrad ist bereits an die Einblendung des Hall-Effektes vergeben.

Eine ausgesprochene Bereicherung sind die Bassdrum-Mutationen, die ausgesprochen wuchtig ausgefallen sind und zusammen mit dem Hall auch als monströse, explosionsartige Effektklänge verwendet werden können, erst recht, wenn man den Morphing-Slider bedient.

 

Die anderen Percussion bieten Alternativen zu Snare, Holzblock, Hi-Hat, Shaker oder Rassel.

Hier ein einfacher Beat aus EZdrummer 2, gespielt über die HAG-Percussion. Im Hintergrund habe ich die bereits zuvor verwendete HAG-Effektkulisse verwendet und über das Modulationsrad auf bei den „Snare“-Schlägen Hall eingeblendet:

 

Audioqualität und Klang

HAG ist auf der Höhe der Zeit und von sehr guter Qualität: Unsauber aufgenommene Samples, Rauschen, unerwünschte Nebengeräusche gibt es hier nicht. Der Klang ist äußerst transparent und detailreich. Für ein abwechslungsreiches, lebendiges Klangerlebnis sorgt nicht zuletzt die gute Ausstattung mit Round-Robin-Samples (alternierende Samples mit unterschiedlicher Klangcharakteristig pro Note und Velocity Layer) und Velocity-Layern (anschlagsdynamisch gestaffelte Samples).

Fazit

Das Hammered Acoustic Guitar Bundle von der jungen Wiener Klangschmiede Audiowiesel bietet mit HAG Core eine sehr ausdrucksstark spielbare, mit Drumsticks und Besen angeschlagene Gitarre.

Die in erstklassiger Audioqualität aufgenommenen Samples, zahlreiche Velocity-Layer, ein großzügig bemessenes Round Robin sowie dosierbare Release-Samples ermöglichen ein ausdrucksstarkes, lebendiges Spiel, garniert mit vielen klanglichen Details einschließlich Nebengeräuschen wie Saitenschnarren. Die Spanne reicht von zarten, einem Banjo ähnlichen Klang, bis zu einer überdimensionalen, extrem voll klingenden akustischen Gitarre. Eine Reihe von individuellen Gestaltungsmöglichkeiten hilft dabei, persönliche Instrumente zu erschaffen; und die Bedienung ist schnell erlernt.

Setzt man HAG Core als Melodieinstrument ein, muss man allerdings auf einen monofonen Modus mit Legato verzichten. Dennoch gehört HAG Core ohne Zweifel zu den besten artfremd gespielten Gitarren-Libraries – und das zu einem äußerst fairen Preis.

Der zweite Teil des Bundles, HAG FX & Percussion eignet sich speziell für Filmmusik, Spielevertonung und Multimedia. Geboten wird eine gut sortierte Auswahl fertiger Effektklänge und Ambiences mit per Modulationsrad steuerbarem Hall sowie ein Set außergewöhnlicher Percussion-Instrumenten, welche per Morphing-Slider zu Effektklängen mutieren.

Plus

  • sehr gute Klangqualität
  • dynamisch ausdrucksstark spielbare Instrumente (HAG Core)
  • Ensembles aus vier Instrumenten mit individuellen Gestaltungsoptionen (HAG Core)
  • Einzelausgänge für vier interne Instrumente (HAG Core)
  • günstiger Preis

Minus

  • kein Legato bei Soloinstrumenten

Systemvoraussetzungen

  • Kontakt 5.1 Vollversion aufwärts (AAX, AU, VST, RTAS, Standalone)
  • Mac: ab OSX 10.7
  • PC: ab Windows 7

Preise

  • HAG Full Bundle: 109.- EUR (aktuell 79.- EUR)
  • HAG Core: 59.- EUR (aktuell 45.- EUR)
  • HAR FX & Percussion: 59.- EUR (aktuell 45.- EUR)

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