Test: D16 Group Antresol
Antresol – M/S-Processing und mehr
Antresol der D16 Group ist ebenfalls ein außergewöhnlicher Kandidat. Schon die Oberfläche macht klar, dass es hier um mehr als nur eine Zeitmodulation mit Depth, Rate und Feedback geht.

Diese Parameter samt Temposynchronisation fehlen natürlich nicht, sind aber neben dem herkömmlichen Stereobetrieb auch im M/S-Processing verwendbar. (Dabei wird das Mittel- und Seitensignal getrennt bearbeitet). In beiden Betriebsmodi kann ein Crossfade zwischen den Kanälen eingerichtet werden, also einen Austausch der Signale bis zum vollständigen Wechsel zwischen links und rechts oder vom Mittel- zum Seitensignal.

Im M/S-Betrieb ist es damit möglich, einem reinen Monosignal ein Seitensignal hinzuzufügen, das nun einen breiten Panorama-Effekt beisteuert und anschließend mit externen MS-fähigen Plug-ins, etwa Equalizern, weiter aufgepeppt werden kann.

Die Signalbearbeitung
Ein Preamp eröffnet die Signalbearbeitung und fügt auf Wunsch Dampf, genauer: Sättigung und Verzerrung hinzu.
Hier ein Beat mit Toontracks EZdrummer Modern (gehört zum Standardausstattung von EZdrummer 2) und einem Groove aus dem Funk-Erweiterungspack, das Ganze bei 120 BPM:
Für ein erstes Kennenlernen habe ich die Default-Einstellungen von Antresol verwendet, den Preamp bis zu leichten Anzerrungen aufgedreht und in diesem zentralen Modul die LFO to Clock Voltage Curve auf 16 Samples eingestellt. True BBD eignet sich dafür, eine Lo-Fi-Charakteristik einzubringen.
Die Feedback-Regler habe ich automatisiert. Ich hätte sie auch per Rechtsklick einem externen MIDI-Controller zuweisen können. Ein dicker Pluspunkt, denn nach wie vor drücken sich die meisten Hersteller von Plug-ins darum, die Parameter mit MIDI Learn auszustatten. Gut ausgebaute Sequencer bieten zwar eine Alternative, bei Cubase sind es die Quick Controls, aber eine direkte Bedienung am Plug-in ist als Plus zu werten. Schon nach kurzem Antesten haben sich diese Pluspunkte angesammelt …
- M/S-Processing
- L/R- und M/S-Crossfades
- Preamp
- Midi-Learn
- True BBD-Modul
Dazu gefällt der zupackende, sehr direkt und plastisch wirkende Klang – keine Spur vom schmierigen Verwischen und dem subtilen Energieverlust, den manch anderer Flanger bewirkt.
Was steckt denn nun hinter Antresol und True BBD? Der Subtitel „Analog BBD Stereo Flanger“ dürfte nicht bei jedem User das „Aha-Erlebnis“ sondern eher die entgegengesetzte „Wie Bitte Was? – Variante“ auslösen.
BBD steht für Bucket Brigade Divice und bezieht sich auf eine diskrete Zeitverzögerungseinheit, wie sie in der Stomp Box Electric Mistress von Electro Harmonix eingesetzt wurde (und wird). Eine Kombination mit stimmbaren Notch-Filtern erlaubt auch scharfe, metallische Klänge. Durch eine Manipulation der Klangfarbe in Kombination mit Depth und Ratio sind auch weiche, wabernde Flanging-Effekte möglich. Die Hardware aus den 70er Jahren ist heute noch als Neuware erhältlich.
Antresol arbeitet im Grunde mit dem klassischen Delay-Feedback, wobei die globale Verzögerungszeit außerhalb der Time-Line durch einen LFO bestimmt wird.
Das Herz des Plug-ins ist jedoch das BBD-Modul.

Bucket Brigade Device beschreibt ein sogenanntes Eimerkettenprinzip, bei dem es sich um die Schaltung von Verzögerungsmodulen in analogen Effekten handelt. Die Verzögerungsmodule sind in einer Kette angeordnet und geben ihre Ladungen Station für Station weiter. Ein Taktgenerator synchronisiert die Weitergabe der Ladungen und sorgt für eine gleichmäßige Verzögerung. Das Problem der Eimerkettenschaltung ist ein Aufsummieren von Rauschen. (Quelle: Wikipedia) D16 hat es erfreulicher Weise geschafft, dieses Rauschen außen vor zu lassen.
Im True BBD – Modul stellt man die Puffergröße jeder Verzögerungseinheit innerhalb der Time-Line ein. Möglich sind 16, 32, 64, 128, 256 und 512 Samples. Kleine Puffergrößen führen zu einem harschen, Lo-Fi-mässigen Klang, wie er das erste Audiodemo kennzeichnet.
Es stehen drei Grundcharakteristika zur Verfügung: Mistress ist die exakte Abbildung des oben beschriebenen Originals: Bei kleineren Puffern reagiert das Modul mit einem stärkeren frequenzabhängigen dynamischen Verhalten der wechselnden Verzögerungszeiten. Das hört sich kompliziert an und wird durch diese Grafik aus dem Manual vielleicht verständlicher:

Im linearen Betrieb verläuft die oben gerundete grüne Kurve linear, also eckig, im Concave-Modus in der Mitte spitz einschneidend. Im Vergleich zwischen den drei Modi ist deren Auswirkung auf den Klang hörbar wenngleich nicht spektakulär: Die drei Charakteristika liefern jedoch definitiv unterschiedliche Klangfarben und ermöglichen ein differenziertes Klangdesign.
Die kleine Schraube mit der Bezeichnung Range ist von großer Bedeutung: Hier justiert man die Frequenz des Takt-Oszillators, der die Eimerkettenschaltung in Form bringt und modifiziert zugleich die Anzahl der Verzögerungsmodule, also die Länge der Eimerkette.
Das Frequenz-Display hat nichts mit einem Filter zu tun, sondern zeigt die aktuelle Frequenz der Verzögerung an, die sich Range, LFO, Clock-Voltage Kurve und Puffergröße ergibt.
Apropos LFO: Die Verzögerung wird bei Antresol durch einen quasi übergeordneten Low Frequency Oscillator und einen Offset-Regler moduliert. Schaltet man den LFO aus, so stellt der Offset eine gleichbleibende, statische Verzögerung bereit. Der LFO kann sowohl in Hertz als auch taktsynchron in Notenwerten agieren, einschließlich punktierter und triolischer Werte.

Die letzte Abbildung verdeutlicht die Wirkungsweise des LFOs: Dieser kann ähnlich wie ein Aufnahmetonkopf eines Bandechos das eingehende Audiosignal an unterschiedlichen Stellen abgreifen und gibt es dann entsprechend verzögert an die Time-Line weiter. Die Position dieses „Tonkopfes“ verschiebt sich dabei entsprechend der Sinuskurve des LFOs laufend. Depth bestimmt die Amplitude der Sinuskurve und damit die Bandbreite, in der der LFO hin- und herfährt.

Für den linken und rechten Kanal (bzw. für das Mittel- und das Seitensignal) stehen separate LFOs zu Verfügung. Deren Kurvenverläufe können mittels Phase-Shift gegeneinander verschoben werden. Unterschiedliche Einstellungen pro LFO können auch für Offset, Rate und Depth vorgenommen werden, sobald man den Link-Modus ausschaltet, er dabei hilft, für beide Kanäle exakt die gleichen Einstellungen zu erzielen.
In der Clone-Stellung des Channel X-Fade-Reglers wirken unterschiedlich eingestellte LFOs gleichermaßen auf das gesamte Signal beider Kanäle. Im Linksanschlag (None) bewirken unterschiedliche LFO-Einstellungen im Streo-Betrieb beispielsweise Links/Rechts-Effekte psychedelischer oder experimenteller Art.
Feedback kann ebenfalls für beide Kanäle gleich (im Link Modus) oder unterschiedlich eingestellt werden.

Der Feedback Loop verbindet den Ausgang der Time-Line mit dem Eingang. Hohe Feedback-Werte können zu scharfen Resonanzen oder einem metallischen Klang mit entsprechendem Nachschwingen (ähnlich wie bei einer Echo- oder Hallfahne) führen. Damit im unteren Frequenzbereich nicht zu viel Energie erzeugt wird, ist ein Low-Cut-Filter nachgeschaltet, welches im Low-Modus Frequenzen unterhalb von 50 Hertz, im Mistress-Modus (wie beim analogen Vorbild) unterhalb von 100 Hertz kappt.

Das Filter macht insbesondere dann Sinn, wenn man mit Antresol Signale mit deutlichem Bassanteil bearbeitet. Dieser kann je nach Einstellung und besonders bei dem Einsatz von Feedback ein Übergewicht erreichen, welches begrenzt werden muss.
Mischung von Effekt- und trockenem Signal:
Über die Gain-Regler beider Kanäle bestimmt man die Lautstärke des Effektsignals, über den Dry/Wet-Regler deren Anteil am Mix. Mit dem Taster „Mistress Auto Mix“ wird der Anteil des Effektsignals automatisch und in Abhängigkeit zu den jeweiligen Feeback-Loop-Parametern gewählt. Es handelt sich hier um einen sogenannten „intelligenten“ Modus, also einen Algorithmus, der möglichst optimale musikalische Ergebnisse erzielen soll. Dabei kommen auch interne Low-Cut-Filter am Eingang der Time-Line zum Einsatz, die nicht über die Oberfläche bedienbar sind. Der Auto-Mix-Modus ist eine Emulation der Schaltung, die auch beim Original hinter den Kulissen zum Einsatz kommt. Der Schalter erweist sich beim Klangdesign als sehr wichtig. In manchen Fällen wertet der Mistress-Modus den Klang wirklich auf, in anderen Fällen hingegen passt er überhaupt nicht. Gut, dass die Entwickler nicht puristisch bei der reinen Emulation des Originals geblieben sind.
In der Fußleiste finden sich weitere Funktionen, etwa die Vorgabe für die Berechnungsqualität, getrennt für den Echtzeitbetrieb (bei dem niedrige Latenzen und eine geringe CPU-belastung erforderlich sind):

Über MIDI lassen sich Controller-Maps laden, über GUI Size zwei Fenstergrößen einstellen.
Inhalt:
Rückblick und Gegenwart
Zusammenfassung
Antresol – M/S-Processing und mehr / Die Signalbearbeitung
Antresol in der Praxis – Anwendungsbeispiele und Audiodemos
Fazit
