Test: Spectrasonics Keyscape Teil 3

Mini Pianos

Das Butterfly Piano aus den 1930er Jahren stammt von Wurlitzer und wurde für kleinere Wohnungen konzipiert. Es gab Modelle mit 73, 88 und 44 Tasten. Der Name „Butterfly“ stammt daher, dass der Deckel mittig geteilt war und zu beiden Seiten geöffnet werden konnte. Heute sind nur noch wenige funktionstüchtige Exemplare erhalten. Das Instrument ist mit zwei mischbaren Mikrofonpositionen, Close und Room, versehen. Color Shift, Transient und Release Noise lassen Klangfarben von weich und sanft bis zu brillant und direkt zu. Die Anschlagsdynamik ist gut.

 

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Für nostalgische Atmosphären gibt es eine Vinyl- und eine Aged-Version; Letztere hören Sie hier:

 

Keyscape bietet auch das erste Piano, das Harold Rhodes erschuf: Das Rhodes Pre-Piano von 1942 hieß ursprünglich Xylette und verfügte über zweieinhalb Oktaven. Die Stimmgabeln wurden aus Aluminiumteilen abgestürzter B-17 Bomber hergestellt. Das Piano wurde im Rahmen der begleitenden psychologischen Behandlung verwundeter Soldaten eingesetzt. Es hat einen fragilen Klang, bei dem sich hölzerne und metallische Klangfarben mischen.

Nach dem Krieg wurden Musikschulen und Studenten auf das Instrument aufmerksam. Rhodes verkaufte hunderte der handgefertigten Exemplare alleine im Raum Los Angeles. Als einziges Rhodes-Piano verfügt es über einen eingebauten Röhren-Verstärker und Lautsprecher.

 

Die wichtigste Parameter für die Klanggestaltung sind das mischbaren Pickup-Direktsignal und die Mikrofonabnahme sowie Color Shift und Transient. Patina erreicht man über Flutter und Vinyl Noise.

 

Spiezeugklaviere von Albert Schönhut waren schon Kandidaten in Teil 2 des Tests. Dieses Modell aus dem Jahre 1930 haben wir dort jedoch noch nicht vorgestellt:

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Eine absolute Rarität ist das Muse Toy Grand Piano von 1930. Spectrasonics geht davon aus, dass nur noch ein Exemplar existiert. Die Besonderheit bei diesem Instrument sind die dicken Metallplatten, die anstelle von Saiten angeschlagen werden. Sein reiner und im Vergleich zu anderen Mini-Pianos lauterer Klang wurde mit drei Mikrofonen aufgenommen:

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Wir kommen zu den Plucked Keyboards:

Das Clavichord ist vom Klang her dem Cembalo verwandt und wurde erstmals um 1400 gebaut. Es ist ein Vorläufer des Klaviers, welches erst nach 1700 entstand. Ursprünglich wurde es als Heimmusik-Instrument verwendet.

Beim Clavichord werden Saiten mit feinen, schmalen Metallplättchen angeschlagen, in der Regel aus Messing, die wiederum über eine hölzerne Tastatur in Bewegung versetzt werden. Durch diese Mechanik war es im Gegensatz zum Cembalo möglich, dynamisch zu spielen. Beim Cembalo werden die Saiten ohne Anschlagsdynamik gezupft. Dadurch ließ es sich auch für weniger versierte Musiker ausgewogen spielen und übertrumpfte das Clavichord in seiner Blütezeit (15. bis 18. Jahrhundert).

Eine Besonderheit des Clavichord ist Aftertouch: Durch Pressen der Tasten lässt sich ein Vibrato erzeugen: Die Saiten werden dann durch die Metallplättchen gedehnt, ähnlich wie bei einer Gitarre, wenn man die Saiten auf dem Griffbrett zieht. Kein anderes akustisches Tasteninstrument verfügt über diese Option. Spectrasonics hat dieses Vibrato nicht vergessen, sondern als Velocity Vibrato integriert. Es wirkt sich allerdings eher subtil aus. Ein dynamisches Vibrato per Aftertouch oder einen zuweisbaren Regler wäre meiner Ansicht nach komfortabler und näher am Original gewesen – allerdings verfügen heutzutage viele Klaviaturen nicht mehr über Aftertouch.

Nach dem Loslassen wird die Schwingung der Saite durch ein Filzpolster abgedämpft. Obwohl das Original nicht über ein Sustain-Pedal verfügt, klingt die virtuelle Version nach dem Note-Off lange nach. Das führt zu wunderbar schwebenden Klängen und ist aus ästhetischer Sicht zu begrüßen, dürfte aber nach den Beschreibungen, die ich gefunden habe, über die Möglichkeiten des Originals hinausgehen. Über Release-Time und Release Noise erreicht man aber problemlos auch ein authentisch wirkendes, kurzes Abklingen.

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Zur Klanggestaltung bieten sich zwei mischbare Mikrofonierungen, Close und Room Mix, der bekannte und sehr effektive Color Shift sowie das Vibrato (on/off) an. Unter den Effekten finden sich Hall, Equalizer, Denoiser und ein Ein-Regler-Kompressor.

Soweit es sich bei der Abbildung um das Instrument handelt, was gesampelt wurde, darf man davon ausgehen, dass Spectrasonics hier eine rare Antiquität aufgespürt hat, die sicher einige Restaurationsarbeiten erforderlich machte. Genauere Angaben zu Alter und Herkunft finden sich in diesem Fall allerdings nicht.

Hier hören Sie die Variante Folk mit den EZdrummer Pop und einem Pattern aus EZkeys Dream Pop (66 BPM):

 

Es geht aber auch bombastisch mit dem Patch Clavichord – Epic Cinema: