Test: Spectrasonics Keyscape Teil 3

Die Dolceola wurde von 1903 bis 1907 gebaut und für 25 Dollar verkauft. Sie stellt eine einzigartige Kombination aus Klaviatur, Hammermechanik und Zitherkorpus dar:

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Von rund 5000 gebauten Exemplaren sind heute vermutlich weniger als 50 noch in einem einigermaßen spielbaren Zustand erhalten. Die Dolceola war eine Art Miniaturausgabe eines Saloonpianos, wie man in diesem Video sehr schön sehen kann.

Die Dolceola – Antique:

 

Wie bei allen Instrumenten mangelt es auch bei der Dolceola nicht an unterschiedlichen Patches, jedes mit einer einzigartigen Variation des Instruments. Dieses Konzept zieht sich gleichmäßig durch die gesamte Library, die ja rund 500 Patches bietet – jedes davon eine neue Klangentdeckung. Ausrutscher im Sinne von Beiwerk, auf welches man auch hätte verzichten können, findet sich hier nicht.

Die Dolceola gibt es neben einer Reihe sanfter bis heller, alt bis modern klingender Versionen auch als dieses aus der Reihe fallende Exemplar, die Dolceola Reckoning:

 

Wir arbeiten uns langsam in die Moderne vor und treffen auf das Electric Harpsichord, welches Anfang der 1960er Jahre entstand und unter anderem auch von den Beatles eingesetzt wurde („Because“). Genau diese Klangvariante findet sich im Patch „Odd Couple“ wieder.

Neben Hall und Release Noise sind Phaser, Vibrato und Tremolo an Bord.

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Das Instrument ist mit zwei mischbaren Pickups plus Mikrofon abgenommen worden. Speziell die Mikrofonposition bringt reichlich brillante, um nicht zu sagen scharfe Obertöne mit sich. Weniger bissig gibt sich das Patch Electric Harpsichord – Warm, bei dem lediglich die Pickups in Betrieb sind. Phaser und Vibrato erzeugen angenehme Schwebungen:

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Die Akkordfolge stammt aus Toontracks EZkeys, Country.

Auch beim DUO Gold Star spielt das Instrument mit:

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Im Pan-Modus erzeugt das Tremolo Bewegungen im Panorama:

 

Die letzte Kategorie ist mit „Wind Keyboards“ betitelt. Einziger Protagonist ist das Koestler Harmochord, welches 1960 in Deutschland hergestellt wurde und eine elektrische Variante des Harmoniums darstellt. Ähnlich wie bei einem Akkordion (oder auch einer Mundharmonika) werden gestimmte Metallzungen durch Luftströme in Schwingungen versetzt.

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Das Instrument wurde laut Spectrasonics mit einem Nah- und einem Raummikrofon aufgenommen. Im Gegensatz zu allen anderen Keyscape-Instrumenten, bei denen man solche Mikrofonierungen mischen kann, besteht beim Harmochord diese Option nicht.

Das Patch Harmochord – Dry Slow bildet dem Höreindruck (und dem Namen nach) die Nahmikrofonierung ab und klingt absolut trocken, also ohne einen nachschwingenden Raumklang.

Der vollvolumige Klang des Instruments mit viel Körper, beinahe greifbarer physischer Präsenz, ist eine weitere Meisterleistung, von denen man so viele in Keyscape findet.

Randnotiz: Auch hier muss man sagen, dass alleine die Auswahl an verschiedenen Harmochords mit den unterschiedlich eingestellten Registern in dieser Qualität anderswo gut und gerne für 100.- Euro oder mehr angeboten werden würde. Multipliziert man diesen Schätzwert einmal mit den 36 Instrumenten aus Keyscape, so kommt man auf ein Vielfaches dessen, was die Library kostet.

Zurück zum Harmochord. Zu dessen Authentizität tragen nicht zuletzt die Nebengeräusche bei, insbesondere das Release-Geräusch, welches je nach Taste sehr unterschiedlich ausfällt. Hier sind also die vielen Eigenwilligkeiten des Originals wunderbar umgesetzt worden. Auch dem teils etwas schwerfälligen Attacks wurde Rechnung getragen. Spielt man auf dem Instrument, hat man wirklich das Gefühl, an einer echten Antiquität zu sitzen und mit deren Eigentümlichkeiten zu kämpfen.

 

Je nach Variante sprechen die virtuellen Klone des Harmochords unterschiedlich träge auf den Anschlag an. Nicht zuletzt hilft ein Attack-Regler dabei, diesen knackiger und präziser zu gestalten, wenn es die Komposition erfordert. Die Trägheit der Klangerzeugung des Originals hat jedoch durchaus ihren Reiz und macht einen Teil seiner persönlichen Note aus.

Je nach Lage variiert der Klang stark – von dezent röhrenden Bässen über Mitten, die nahe am Akkordion sind, bis hin zu etwas rauen Höhen mit angenehmer Patina. Alle Instrumente bei Keyscape sind, das hatte ich schon erwähnt, über den vollen Klaviaturbereich, also über 88 Tasten spielbar, auch wenn die Originale diese Spanne bei Weitem nicht abdecken. Die Transponierungen in Regionen außerhalb der echten Samples sind durchweg ausgezeichnet gelungen; hier wurde offenbar eine exzellente Time/Pitch-Software eingesetzt und im Rahmen eines geschickten Sample-Managements Nebengeräusche teils untransponiert hinzugemischt. Es fällt also kaum auf, dass die drei Oktaven des Originals nur in den Mitten vertreten sind.

 

Harmochord – Musette Octaves:

 

Damit wären wir am Ende unseres Rundgangs angekommen. In Kürze folgt der vierte und letzte Teil unseres Tests, in dem es

a) um die Integration von Keyscape in Omnisphere 2 geht und

b) unsere abschließende Bewertung zu lesen ist.

Bleibe Sie dran.

Testautor: Holger Obst

Formate: Mac/Pac; AU, VST 2,4, AAX (nur 64 Bit Support, innerhalb von Omnisphere 2 auch 32 Bit). Genaue Informationen zu den aktuellen Systemanforderungen finden Sie HIER.

Hersteller: Spectrasonics

Testsystem:

Win 8.1 PC, Intel 6-Core i7, 5930K, mit 3,5-3,8 GHz CPU unter Cubase 8.5, RME Fireface 802, Testprojekt mit 44,1 kHz Samplerate und 24 Bit Auflösung.

Links:

Test Spectrasonics Keyscape Teil 1

Test Spectrasonics Keyscape Teil 2

Test Spectrasonics Keyscape Teil 3

Test Spectrasonics Keyscape Teil 4

Test Spectrasonics Omnisphere 2

Test Spectrasonics Trilian