Test: Spectrasonics Keyscape Teil 3
In der Kategorie Vintage Digital Keyboards mag mancher User Old-School FM-Klänge es guten alten Yamaha DX7 oder von dessen Nachfolgern vermissen. Auch Boliden der frühen digitalen Ära, wie etwa der PPG sind nicht an Bord. Dazu muss man feststellen: Außerhalb von Keyscape gibt es virtuelle DX-Nachfolger haufenweise und in allen Schattierungen; teils Kopien, die sich dem ursprünglichen Klang des Originals puristisch verpflichtet fühlen, teils als ausgefuchste Hybrid-Synthesizer, bei denen FM-Oszillatoren mit Wavetables und anderen extravaganten Klanggeneratoren gemischt werden. Auch in Form von Hardware sind zahlreiche FM-Synthesizer nach dem DX7 (oder eigentlich dem nicht anschlagsdynamischen DX 9, der noch vor dem DX 7 auf den Markt kam) entstanden. Spectrasonics hätte mit einer ausführlicheren Dokumentation solcher Legenden ein Fass ohne Boden aufgemacht und den Blick auf die E-Pianos und die anderen Protagonisten völlig verstellt. Gut, dass man sich hier zurückgehalten hat und mit den Roland-Kandidaten andererseits dennoch für ein paar Farbtupfer aus dem Lager der Synthesizer sorgt. Wer davon mehr und mit ausgefallenen gestalterischen Optionen haben mochte, kann gleich bei Spectrasonics bleiben und findet in Omnisphere 2 ausgefallene Synthesizer-Klänge aller Art.
Unter Key Bass finden sich – na, was denken Sie?
Einen Kandidaten, nämlich Vintage Vibe, haben wir zuvor beim kleinen Exkurs zum Mini-Song „Mother“ schon kennengelernt; hier ist ein zweiter:

Die Bässe klingen durchweg sehr voll, angenehm brummig und rund, teils mit markantem Attack. Auch Amp-Simulationen sind dabei:

Die Rhodes-Basskeyboards entstanden Anfang der 60er Jahre und waren quasi Vorläufer der späteren Rhodes E-Pianos. Bei „Riders on the Storm“ und „Light My Fire“ von den Doors kommen sie zum Einsatz.
Dosierbare Geräusche der Mechanik fügen Patina und Akzente hinzu. Die Dynamik ist ausgezeichnet. Bei hartem Anschlag wird der Klang leicht angezerrt und wirkt markant.
Rockiger wird es, wenn man den eingebauten Verzerrer einschaltet, der gleich verschiedene Charakteristika, Drive und Tone mitbringt.

Das ist doch mal ein ausgefallenes Design:

Das Weltmeister Basset wurde zwischen 1963 und 1968 gebaut, war lebensgefährlich und stellt praktisch die erste „Keytar“ dar. Wie man in den folgenden Videos sieht, kann man es tatsächlich umhängen, ohne nach vorne zu kippen, definitiv ein Leichtgewicht unter den E-Pianos. Hier finden Sie eine ganz außergewöhnliche Performance mit diesem Instrument (Es kommt leider Werbung, bevor es losgeht):
Hier kann man einen Blick ins Innenleben werfen.
Weitere Klangeindrücke.
Warum nun lebensgefährlich? Die Musiker auf den Videos gehen ziemlich unbekümmert mit dem Instrument um. Der Grund: Es ist batteriebetrieben. Schließt man es (ohne Netzteil) ans Stromnetz an, so beginnt das Abenteuer. Ein Aufkleber aus Deutsch, Russisch und Englisch warnt vor solchen Experimenten.
Die Klangerzeugung entspricht dem Claviset. Die Variante aus Keyscape klingt deutlich voller, runder und mit dem Verzerrer auch bissiger als das Original in den Videos:
Die Nebengeräusche der Mechanik habe ich deutlich beigemischt. Neben der Key-Guitar entstand noch eine Pult-Version mit annähernd identischer Klangerzeugung. Ungeachtet dessen steuert dieses Modell eine weitere, neue Klangfarbe für das Keyscape-Repertoire bei.

Das hat doch etwas sehr Eigenes und lässt sich schön als ein Bass mit dem besonderen Extra einsetzen oder gegebenenfalls mit einem E-Bass doppeln. Nimmt man dazu beispielsweise nur die Geräusche der Mechanik, kann man einem E- oder Synth-Bass zu einem ganz eigenen Attack verleihen.
Die E-Piano Bässe sind übrigens monofon. Bei gebunden gespielten Noten entfällt das Attack der Folgenote (Legato). Ich habe keine Möglichkeit gefunden, das abzustellen. Es wäre ja prionzipiell auch eine monofone Version möglich, bei der trotz gebundenem Spiel das Attack der Folgenote nicht unterdrückt wird. Per default sind im Settings-Menü maximal 12 Stimmen reserviert, obwohl nur eine abgerufen wird. Letztlich ist die beschränkung auf die Legato-Spielweise kein großes Manko: Gebunden gespielte Noten wirken beim Bass auf diese Weise natürlicher.
Alle Bass-E-Pianos sind über die gesamte Tastatur transponiert (88er Klaviatur), überschreiten also wesentlich den Tonumfang der Originale. In den ganz tiefen Lagen wird der Klang mancher Modelle schön brummig und knurrig und ist prädestiniert für düstere Momente bei der Filmmusik. In den hohen Lagen fehlt es allerdings an Charakter. Hier klingen die Bass-E-Pianos eher nach mittelmäßigen Spielzeugklavieren. Doch aus dieser Kategorie hat Keyscape – wie wir aus Teil 2 des Tests bereits wissen, deutlich Besseres zu bieten:
