Das schrumpfende Studio: Hat die Hardware ausgedient?
Das große Finale – ein Studio ohne Hardware oder trommeln in der Wüste?
Wenn wir einen Blick in die Zukunft der Studios und Instrumente werfen, so wird Software noch mehr dominieren als heute. Dafür gibt es mehrere Gründe:
Deutlich niedrigere Anschaffungskosten,
praktische Vorteile wie Arbeiten ohne Umstöpseln,
viele Instanzen des selben Plug-ins anstatt mehrerer Racks sündhaft teurer Hardware,
exakt reproduzierbare Mixing-Setups durch Presets und Abspeichern aller klangrelevanten Elemente,
keine Wartungskosten
und natürlich deutlich geringere Anschaffungskosten.
Das alles bei gleicher oder sogar besserer Audioqualität und mehr Funktionen.
Auch auf der Seite der Klangerzeuger mitsamt Sample-Libraries werden weiter verbesserte Techniken (etwa Sample-Modeling) Instrumente hervorbringen, die ihren natürlichen Vorbildern in puncto Sound in nichts nachstehen, seinen es Analogsynthesizer oder Geigen und Trompeten. Hybrid- und Experimentalinstrumente machen schon seit Jahren Klänge möglich, die mit keinem physikalischen Instrument realisierbar sind (etwa Spectrasonics Omnisphere). Gesampelt wurden inzwischen sowohl Steinzeit-Instrumente mit Round Robins und Velocity-Layern (Soundiron Petroglyph) als auch zeitgenössische Klanginstallationen (Best Service/Ferdinand Försch Klanghaus) und alles, was dazwischen liegt.
Die Gefahr besteht, dass beim Feiern der grandiosen Software einiges auf der Strecke bleibt: Die Beziehung zum physikalischen Instrument aber auch das schlichte Gefühl, an einem Hardware-Kompressor händisch Einstellungen vorzunehmen, ja selbst die körperliche Bewegung in eine analogen Studioumgebung, die ein ganz anderes Arbeitsgefühl entstehen lassen kann, als das Starren auf den Bildschirm und Klicken mit der Maus.
Eine weitere Gefahr der Software, die direkt an die Bewegungsarmut der Arbeit anschließt, ist die Förderung von Bequemlichkeit und die scheinbare Beliebigkeit: Findet man nicht sofort das richtige Plug-in oder den richtigen Klangerzeuger, wechselt man zum nächsten. Dabei vergisst man ganz, sich in die Möglichkeiten und den Klang der jeweiligen Alternative zu vertiefen, diese auszuloten. Hat man erst einmal viel Geld in teure Hardware investiert, wird man diese nicht schnell und leichtfertig bei Seite schieben, sondern sich mehr konzentrieren und im Endeffekt möglicherweise ergiebiger arbeiten.
Ähnlich wie der Plazebo-Effekt bei der Medizin kann auch bei der Musik allein der Glaube an die edle Hardware Berge versetzen und zu einem befriedigenderen Ergebnis führen, als wahllos ausgetauschte Software – erst recht wenn man sich diese kostenfrei „erworben“ hat und damit von vorneherein ein Gefühl der Wertigkeit erst gar nicht aufkommt.
Das Schöne an der Musik ist, dass hier viel Psychologie und Intuition mit hineinspielt – sehr menschliche, persönliche Dimensionen, die sich jenseits rationaler Erwägungen abspielen.
Auch hierzu ein Zitat unseres Experten Albrecht Würsig:
„Die Arbeit am Ton ist zum Großteil subjektiv. Hauptsache ist, dass das Ergebnis toll ist und man – mit welchen Mitteln auch immer – zum gewünschten Ziel kommt.“
Am Ende macht’s der richtige Mix aus Musikern, Toningenieuren, physikalischen und virtuellen Instrumenten und Plug-ins und der notwendigen, sinnvollen und guten Hardware. Der Weg, den man geht und die dabei getroffenen Entscheidungen dürfen gerne sehr persönlich und subjektiv sein, nur dann kann es gelingen.
Es soll Menschen geben, die sich in einsame Gegenden zurückziehen, um dort meditativ zu trommeln oder Flöte zu spielen. Ganz ohne Plug-ins.
Holger Obst
Nachtrag: Auf Seiten der Hersteller wird die Konkurrenz zwischen Hard- und Software nicht immer so kritisch gesehen, wie es in diesem Beitrag den Anschein erweckt. Aus Fachkreisen ist zu hören, dass gute Emulationen legendärer Hardware deren Verkaufszahlen regelrecht beflügelt. Man kauft sich das Plug-in, findet es toll, und wer es sich leisten kann, gönnt sich anschließend das Original, vielleicht weil es doch noch besser klingt, mehr Funktionen oder Algorithmen an Bord hat (z.B. bei Eventide oder Lexicon) und einen bleibenden Wert zum Anfassen darstellt.
