Test: Sonokinetic Sultan Strings

Wenn es um Geigen mit Motiven aus dem arabischen Raum geht, tut man sich auch mit guten Sample-Libraries schwer, die typische, ornamentenreiche Spielweise zu imitieren. Sultan Strings liefert zahlreiche temposynchrone Phrasen, die für Abhilfe sorgen und rasch zu einem Arrangement zusammengestellt sind.

Die Sultan Strings – Library ist Teil der World Series von Sonokinetic, zu der neben Percussion (Sultan Drums) auch eine ganze Reihe von Vocal-Libraries zählen. Güzin, Aliye und Voices of Israel haben wir Ihnen bereits auf releasetime vorgestellt.

Ähnlich wie die Vocal-Libraries zielt auch Sultan Strings auf die Verwendung im Bereich Filmmusik und Multimedia ab. Dokumentationen und Spielfilme, die sich im Nahen und Mittleren Osten abspielen, leben mit dem passenden Soundtrack erst richtig auf. Anstatt nun den Aufwand zu betreiben, ein stilsicher intonierendes Nah-Ost-String-Ensemble einfliegen zu lassen, gelingt der Griff zur fertigen Streicher-Library definitiv schneller und kostengünstiger.

Das gilt auch für Ethno-Pop-Projekte mit arabischer Note, für die sich die Sultan Strings ebenfalls eignen.

 

Die Eckdaten

Sultan Strings ist in erster Linie ein Kontakt-Instrument und benötigt die Vollversion von NI Kontakt 4.2 oder 5. Daneben gibt es fünf Halion-Patches und ebensoviele (zuzüglich Lite-Verionen) für Logic EXS24. Wir haben die Sultan Strings unter Kontakt 5 und Cubase Pro 9 auf einem PC mit Win 8.1 getestet. Alle folgenden Angaben beziehen sich daher auf das Angebot an Kontakt-Instrumenten.

Die Phrasen von Sultan Strings wurden von einem Streicherensemble eingespielt, welches sich aus drei Violinen, einer Viola und einem Cello zusammensetzt.

Insgesamt umfasst die Library annähernd 5 GB mit über 5500 Samples.

  • 50 temposynchrone, zweitaktige Phrasen werden geboten,
  • temposynchrone Runs (aufwärts, abwärts sowie alternierend),
  • Sustain-Artikulationen
  • Tremolos,
  • Triller und
  • Glissandi.

Die Aufnahmen liegen als Samples in 44,1 kHz und 16 Bit vor.

An Bord ist ein mischbarer Faltungshall mit drei Impulsantworten: Harem Room, Sultan Dome und Sultan Palace Hall. Die Raumgröße kann über den Parameter Room Size angepasst werden.

Unter Kontakt 5 bietet sich das Haupt-Instrument Sultan Strings TMP an. TMP steht für Time Machine Pro. Innerhalb des Instruments können dann sämtliche Phrasen geladen und auf Key-Switches verteilt werden. Die vorgegebenen Key-Switches können über eine Lernfunktion auch anders verteilt werden. Das macht vor allem dann Sinn, wenn man nicht mit einer 88er Klaviatur unterwegs ist und ein Transponieren des Keyboards vermeiden möchte.

Die Verwaltung des Arbeitsspeichers erfolgt dynamisch: Entfernt man Phrasen eines Themas oder einer Artikulation aus dem Instrument, so wird der belegte Arbeitsspeicher wieder frei. Lädt man alle Phrasen, werden stattliche 4,5 GB Arbeitsspeicher beansprucht.

Neben dem Haupt-Instrument gibt es noch reduzierte Presets, die per default nur ein Thema oder die nicht-thematischen Artikulation beinhalten:

Multi Only lädt alle Runs, Triller, Sustains, Tremolos und Glissandi. Es ist aber auch hier möglich, nachträglich Phrasen zu laden, und zwar auf die selbe Weise wie beim Hauptinstrument. Das Gleiche betrifft die Phrasen-Presets: Auch hier werden zwar zunächst nur die Phrasen des namensgebenden Themas geladen; die Architektur ist jedoch identisch mit dem Hauptinstrument.

 

Temposynchronisation und Loops

Die Phrasen können zum Tempo synchronisiert und in ihrem Tempo bei Bedarf auch halbiert oder doppelt so schnell sowie in den festen Tempi 60, 80, 100 und 120 BPM abgespielt werden, als One-Shots oder Loops. Loops können für 8, 12 oder 16 Viertelnoten gesetzt werden. Da die Phrasen selbst zweitaktig sind, entstehen bei 12/4 und 16/4 Pausen.

Ein Blick in den Sample-Ordner der Library zeigt, dass die Originalaufnahmen bei den oben angegebenen festen Tempi aufgenommen wurden. Das selbe Thema wurde also mehrfach gesampelt, was dazu führt, dass die Streicher in einem weiten Bereich von Tempi natürlich klingen. Würde man etwa von 50 bis 150 BPM alles nur mit einem Sample bei 100 BPM Originaltempo bestreiten, so würden besonders bei der ornamentenreichen arabischen Spielweise unnatürlich klingende Intonationen und Tonhöhenkurven entstehen. Auch spielt ein Geiger bei 60 BPM mit einem ganz anderen Gefühl als bei 120 BPM.

Hier eine Phrase aus Nihavend bei 60 und 120 BPM:

 

 

Das aufwändige Sampeln betrifft nicht nur die verschiedenen Tempi, sondern auch die Tonlage. Alle Phrasen sind in den Grundtönen C bis H spielbar und wurden Note für Note aufgezeichnet. Kontakts Pitch-Shifting kommt also nicht zum Einsatz, und wenn man nun die Tempi mit den verschiedenen Grundtönen multipliziert, erahnt man, wie es zu den mehr als 5500 Samples der Sultan Strings kommt und hat auch eine Vorstellung vom Aufwand, der beim Recording betrieben wurde.

Nebenbei haben die ersten beiden Audiodemos auch bereits einen Eindruck der Audioqualität vermittelt. Attack und der Bogenstrich wurden detailreich einschließlich vieler kleiner Nebengeräusche per Nah-Mikrofonierung eingefangen. Schaltet man den Faltungshall aus, so liegen angenehm trockene Aufnahmen vor, die sich dann gut mit externen Effekten bearbeiten lassen. Auch ein Einsatz von Pitch/Time-Spezialisten wie Celemony Melodyne ist denkbar und sollte bei en Unisono spielenden Streichern weitgehend artefaktfrei gelingen.

Auch ist festzuhalten, dass diese Streicher nicht nur charismatisch, sondern auch angenehm voll und kräftig klingen.

Eine ideale Begleitung für die Sultan Strings wären die Sultan Drums von Sonokinetic. Diese liegen mir leider nicht vor, weshalb ich auf NI India zurückgreife. Das indische Orchester sogt hier zwar für Ethno-Fusion, klingt aber gut. Aus Sultan Strings nehme ich nur drei Phrasen des Themas Hicaz. Die Themen werden in zwei Oktavlagen gespielt, was den typischen arabischen Arrangements entgegenkommt, bei denen Wechsel der Oktavlage gerne als Frage-Antwort-Spiel bzw. zur Steigerung eingesetzt werden.

 

Natürlich kann man auch beide Oktavlagen kombinieren, wenn man Höhepunkte setzen will. In der Fortsetzung der Mini-Komposition habe ich das ab Takt 9 getan:

 

Der Sound klingt auch ohne jegliche Abmischung schon mehr als brauchbar. Angesichts der 16 Bit – Samples bin ich zugegebenermaßen positiv überrascht.

Die folgenden Phrasen stammen aus „Kurdi“. Es trommelt Mickey Hard, Live Loops aus EastWest Stormdrum 3.

 

Wir bleiben bei Kurdi und unterlegen die Streicher mit Daf-Loops aus Best Service / Eduardo Tarilonte Ancient Era Persia (bei 120 BPM):

 

Im nächsten Audiodemo bestreiten Loops der Iranischen Bongos und er großen Handtrommel aus Ethno World 6 den Rhythmus. Die Streicher habe ich mit dem Sustain-Patch von Sultan Strings eingespielt, welches dynamisch gestaffelte Multisamples bietet. Die Dynamik lässt sich per Modulationsrad fließend steuern, auch die Stärke des künstlich erzeugten Vibratos, das man zusätzlich über Key-Switches ein- und ausschalten kann.

 

Die Streicher habe ich nicht quantisiert. Der Klang sollte für Hintergrund-Streicher mehr als ausreichend sein und ist auch für kleine solistische Einspielungen brauchbar. Das Halten von Akkorden sollte man hingegen nicht übertrapazieren. Für getragene polyphone Streicherpassagen sind die Sustains der Sultan Strings nicht gemacht und auch nicht gedacht. Hier geht es eher um ein paar Extra-Noten, die man, falls erforderlich, den Phrasen hinzufügen kann.

Ergänzungen liefern auch die überraschend kurzen Glissandi und die Triller, die teils mehrstimmig nach orientalischer Spielweise sind. Im Gegensatz zu diesen sind die Runs (aufwärts und abwärts) zum Tempo synchronisierbar. Im Sample-Ordner „Hizac Scale“ auf der Festplatte habe ich noch weitere Samples mit orientalischen Tonleiern gefunden. Man kann diese Samples direkt ein eine Spur des Sequencers ziehen und dann mit Melodyne bearbeiten.

 

Fazit

Sonokinetics Sultan Strings liefern stimmungsvolle und stilsicher arabische Motive, insbesondere für die Filmvertonung, aber auch für Ethno-Pop orientalischer Prägung. Was das kleine Ensemble aus drei Violinen, einer Viola und einem Cello hier abliefert, verdient Respekt. Die temposynchronen Phrasen sind ausgesprochen ausdrucksstark und akzentuiert eingespielt. Auch viele kleine Nebengeräusche wurden über die Nah-Mikrofonierung eingefangen und sorgen für eine detailreiche, naturgetreue Darbietung. Die Aufnahmequalität ist ausgezeichnet, die drei internen Faltungshalls bieten die passenden Räumlichkeiten.

Die Phrasen sind fünf verschiedenen orientalischen Stilrichtungen zugeordnet und wurden in 60, 80, 100 und 120 BPM und in Grundtönen von C bis H (einschließlich der Halbtonschritte) aufgenommen. Daher lassen sie sich praktisch artefaktfrei in einem sehr weiten Bereich verwenden, sowohl was das Tempo als auch was die Tonart betrifft. Über Key-Switches wechselt man Motive und Grundtöne. Der Arbeitsaufwand für ein derart breit aufgestelltes Repertoire an Samples ist nicht zu unterschätzen.

Als Dreingaben gibt es noch ein dynamisch und mit dosierbarem Vibrato spielbares Sustain-Instrument, mit dem man die Phrasen bei Bedarf ergänzen kann. Das gleiche gilt für Runs, Triller, Glissandi und Tremolos.

Die hohe musikalische Ausdruckskraft und die Vielzahl an Phrasen stellen den zentralen Wert dieser einzigartigen Sammlung orientalischer Streicher-Motive dar. Der Preis ist angemessen.

Testautor: Holger Obst

Plus:

  • stilsicher eingespielte orientalische Streicher-Motive
  • artefaktfreie Tempo- und Transponierung dank vieler individueller Samples
  • gute Audioqualität

Minus:

System:

Kontakt 4.2 oder 5 Vollversion

Halion, EXS24

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