Test: Sonokinetic Güzin

Güzin ist eine Sample-Library mit teils nonverbalen Improvisationen, teils in türkischer Lyrik vorgetragenen, temposynchronen Phrasen. Für orientalischen Flair sorgt die Stimme der Sängerin Güzin Degismez. Primäre Zielgruppen sind die Filmvertonung und Ethno-Pop.

Recording und Stuidiotechnik

Auf releasetime haben wir bereits Aliye und Voices of Israel getestet, beide ebenfalls phrasenbasierte Gesangs-Libraries des niederländischen Herstellers. Wie alle kleineren Libraries von Sonokinetic setzt Güzin die Vollversion von Native Instruments Kontakt voraus. Der kostenlose Kontakt Player wird von diesem Produkt nicht unterstützt. Gleichwohl enthält Güzin Patches für Kontakt 4 und 5, kann also auch auf älteren Betriebssystemen mit Kontakt 4 verwendet werden.

 

Die Protagonistin

Die türkische Sängerin Güzin Degismez ist nicht nur in der Türkey eine vielgeschätzte Vokalistin, wo sie in zahlreichen TV- und Filmprojekten mitgewirkt hat, sondern war als Solistin des Istanbul Fasil Ensemble auch auf internationalen Bühnen unterwegs. Vor Jahren hat sie bereits der Sonokinetic Library „Tigris and Euphrates“ ihre Stimme geliehen. Inhaltliche Überschneidungen zu dem Vorläufer-Produkt gibt es jedoch nicht: Güzin beinhaltet komplett neue Aufnahmen.

 

Eckdaten der Library

Die Library wiegt knapp 1,4 GB und beinhaltet mehr als 3400 Samples, aufgenommen in 24 Bit, 44,1 kHz und AIFF Format. Neben den Phrasen trifft man auch auf Atemgeräusche, die als Round Robins eingespielt werden können. Die Library ist sehr geradlinig aufgebaut. Stimmeffekte, Effektsamples durch bearbeitete und verfremdete Aufnahmen oder technische Extravaganzen gibt es nicht.

Güzin wurde in Istanbul von Ceyda Pirali aufgenommen, Produzent und Perkussionist. Um die Ausdruckskraft und Lebendigkeit der Darbietung zu unterstützen, wurden die Gesangsphrasen live mit Percussion-Begleitung anstelle eines sturen Metronoms aufgenommen. Alle Phrasen gehen also auf Sessions zurück. Übersprechungen, etwa durch Kopfhörer-Playback, sind dennoch nicht zu hören.

Im Gegensatz zu Tigris und Euphrates sind die Phrasen von Güzin alle zum Tempo synchronisierbar. Um Artefakten bei drastischen Tempoveränderungen vorzubeugen, wurden die Phrasen in verschiedenen Tempi aufgenommen. Das Script sorgt dafür, dass je nach Host-Tempo die naheliegende Version automatisch ausgewählt wird. Um die Funktion einzuschalten, klickt man auf ITM (Intelligent Tempo Mapping). Tempi von 30 bis 300 BPM werden unterstützt. ITM sollte man immer eingeschaltet lassen, es sei denn, man arbeiten mit häufigen Tempowechseln innerhalb des Projekts.

Das Material wurde nach sechs Stimmungen sortiert: Remembrance, Peaceful und Joyful bietet nonverbale Improvisationen, während Lament, Strong und Wonder türkische Lyrik beinhalten. Anstatt nun sechs Patches anzubieten, die über Kontakts File-Browser geladen werden, erfolgt die Auswahl (wie schon bei Aliye) direkt im Kontakt-Interface von Güzin.

Dabei wird der Arbeitsspeicher dynamisch verwaltet: Es werden nur die Samples des gewählten Patches geladen, jeweils zwischen rund 170 und 280 MB.

 

Key-Switches und Modulationsrad

Wirft man einen Blick auf das virtuelle Keyboard, so entdeckt man rot, blau und grün eingefärbte Tasten.

Über die roten Tasten wechselt man den Grundton (A0 bis Gis1). Dabei wird die Stimme nicht transponiert, sondern es werden individuelle Samples angewählt. Bei den nonverbalen Improvisationen unterscheidet sich die Melodieführung bzw. die Ornamente je nach Grundton, bei den in türkischer Sprache vorgetragenen Phrasen bleibt die Lyrik und Melodie abgesehen von improvisatorischen Details gleich. Übrigens wechseln die nonverbalen Improvisationen auch, wenn ITM aktiviert ist und man einen Temposprung vollzieht. Je nach Tempo stehen also ganz unterschiedliche Melodien zur Verfügung.

Über die blauen Tasten ab C3 spielt man die Phrasen, mit C2 fügt man bei Bedarf Atemgeräusche ein. Hier kommen die oben erwähnten Round Robins, annähernd 70 an der Zahl, zum Einsatz.

Über die grünen Tasten fügt man Endings bei, die genauso wie die Phrasen bei einem Wechsel des Root-Keys (rote Tasten) automatisch ausgetauscht werden.

Die Belegung der Tastatur ist fest vorgegeben und nicht individuell transponierbar. Um alles im direkten Zugriff zu haben, benötigt man mindestens eine 73-Tasten-Klaviatur.

Weitergehende Raffinessen des Sample-Managements, etwa ein dynamischer Swell-Parameter oder Legato bei Phrasenwechseln, finden sich nicht. Zugegeben: Solche Ausstattungen trifft man in der Regel erst bei teureren Produkten an.

Recht interessant ist aber die Funktion des Modulationsrads, mit dem man den Sample-Start (Offset) verschiebt. Auf diese Weise lässt sich mit einer Phrase gleich eine ganze Abfolge scheinbar unterschiedlicher Passagen realisieren, wodurch man sehr schön eine Rhythmik ausarbeiten kann. Im letzten Audiodemo dieses Tests habe ich davon Gebrauch gemacht.

Der Einsatz gelingt unabhängig von der Position des Modulationsrades immer knackfrei. Ein kleines, kreisförmiges Display, das sogenannte Wave Orb, signalisiert, wo man im Sample einsetzt. Im Gegensatz zu Aliye wird bei Güzin jedoch nicht der Aufwand einer Wellenformdarstellung geboten.

 

Audioqualität, Effekte

Die Gesangsaufnahmen sind frei von Nebengeräuschen, liegen in zeitgemäß guter Audioqualität vor und sind vorbildlich trocken, sobald man den Faltungshall ausschaltet. Die Phrasen können daher gut mit externer Pitch/Time-Software wie etwa Celemony Melodyne bearbeitet werden. Auch externe Effekte aller Art können eingebunden werden, ohne dass dabei Raumanteile sich mit den Effekten mischen.

Für die Einspielphase bietet sich der interne Faltungshall an, der in der Größe und in der Dry/Wet-Balance eingestellt werden kann.

Wer mehr Hall-Presets und Hall-Parameter möchte, gelangt über das Schlüsselsymbol in den Edit-Modus der Vollversion von Kontakt. In der Effekt-Kette können hier auch andere Module eingesetzt werden, etwa Cabinets, wenn man Güzin über ein altes Radio singen lassen möchte.

Um Missverständnisse auszuschließen: Zusätzliche interne Effekte aus dem Kontakt-Repertoire und über den Faltungshall hinaus lassen sich dabei nur über die Edit-Seite anpassen und reagieren nicht etwa auf den Amount-Regler des Güzin-GUI.

 

Audiobeispiele

Die Phrasen von Joyful zeichnen sich durch beschwingte Lebendigkeit und eine gewisse Leichtigkeit aus. Hier zusammen mit Native Instruments India (100 BPM):

 

Eine Kostprobe aus der Abteilung „Peaceful“ bei 80 BPM. Hier trifft man auf getragenere, teils sehr ornamentreiche Passagen, die sich für langsamere Gangarten eignen. Den Begleitrhythmus liefert erneut NI India, der Bass stammt von IK Multimedia MODO Bass.

 

Auszüge aus „Strong“ im Duo mit Native Instruments India und dem MODO Bass bei 120 BPM:

 

Den Gesang habe ich mit den externen Effekten Black Box Analog Design HG-2 (für eine leichte Röhrensättigung und Rauheit im Obertonspektrum), u-he Presswerk (Kompressor) und FabFilter Pro R (der Reverb simuliert hier einen kleinen Raum) bearbeitet.

Im nächsten Audiodemo hören Sie ein Beispiel für Lament, bei dem ich lediglich zwei Phrasen teils mit, teils ohne Endings benutzt habe. Triggert man Endings über die grünen Key-Switches, so werden diese nahtlos eingefügt. Die eigentliche Phrase (blaue Tasten) wird mit dem Triggern des Endings beendet. Die Endings stammen sinnvollerweise aus den selben Aufnahmesessions wie die Phrasen und fügen sich daher gut ein. Offenbar arbeitet das Script hier mit einer raschen Überblendung. Kleine Lautstärkeunterschiede lassen sich nachträglich über eine Bearbeitung der Anschlagsdynamik ausgleichen.

 

Die Phrasen habe ich mit Melodyne bearbeitet um kleine zusätzliche Variationen zu erzeugen. Das Echo stammt von Eventide Fission. Außerdem kommen auch hier die oben bereits verwendeten Effekte zum Einsatz. Der Rhythmus stammt von EastWest / Quantum Leap  Stormdrum und NI India, der Bass wiederum von IK Multimedia MODO Bass, das Pad im Hintergrund aus Best Service / Eduardo Tarilontes Desert Winds.

Das letzte Audiodemo soll zeigen, dass Güzin sich auch für experimentelle Kompositionen eignet. Die Instrumentierung und die Effekte:

  • Beat A: Soniccouture electroAcoustic mit Wormhole als Effekt
  • Beat B: Rob Papen Punch mit dem Echo D16 Group Sigmund
  • Bass: u-he Diva mit u-he Presswerk und einem großen, in den Bässen dominanten Hall mittels FabFilter Pro-R
  • schräger Synthesizersound ab Takt 16: Arturia MatrixBrute mit D16 Group Decimort 2 als Klangdestrukteur
  • Die Phrasen stammen aus der Kategorie Wonder. Hier trifft man auf eine Mischung aus kleinen Melodien, Ornamenten und Sprechgesang. Die meisten Phrasen aus Wonder sind recht kurz. Mit dem Modulationsrad habe ich bei einigen mehrfach hintereinander gespielte Phrasen den Offset verschoben, sodass oftmals nur Fragmente bzw. Silben abgespielt werden. Damit der Gesang nicht nur punktuell erscheint, liefert Fission von Eventide zwei unterschiedlich lange Echos für die Transienten und das Sustain. Wie zuvor sorgt die Black Box Analog Design HG-2 für einen obertonreicheren, kräftigeren Charakter, während Presswerk das Ganze verdichtet. Den Gesangshall von FabFilter Pro R habe ich länger eingestellt und damit einen größeren Raum geschaffen.

 

Zwei Randbemerkungen:

Der Reglerweg zur Verschiebung des Offsets per Modulationsrad reicht nicht bis zum Ende des Samples. Regelrechte Stotter-Effekte, die nur die letzten 200 Millisekunden der Phrasen oder noch weniger abgreifen, lassen sich also nicht erzielen.

Güzin ist nicht anspruchslos. Ich habe die Library auf einer herkömmlichen Festplatte und nicht auf einer SSD installiert, was sich als suboptimal herausgestellt hat. Cubase zeigt CPU-Peaks an, offenbar, wenn Samples geladen werden. Zu Knacksern kommt es allerdings erst, wenn man bei niedriger Latenz mit einigen rechenintensiven Effekten oder anderen Sample-Libraries operiert. Man wird Güzin jedoch kaum live einsetzen und kann beim Arrangieren bequem die Puffergröße hochsetzen, um Knackser und Aussetzer zu vermeiden.

 

Fazit

Güzin steht ganz im Zeichen der Protagonistin Güzin Degismez, deren ausgereifter und facettenreicher Mezzosopran / Sopran stilsicher orientalischen Flair in die Kompositionen einbringt.

Die in puncto Bedienung schnörkellose, geradlinige Library für die Vollversion von Kontakt 4 und 5 eignet sich für die Vertonung von Spielfilmen und Dokumentationen vor orientalischer Kulisse.

Geboten werden nonverbale Improvisationen sowie lyrische Phrasen, temposynchron, artefaktfrei, in ausgezeichneter, sauberer Audioqualität. Eigene Gestaltungsmöglichkeiten ergeben sich über passende Endings, mit denen eine Phrase frühzeitig beendet werden kann, sowie über ein Verschieben des Sample-Offsets mittels Modulationsrad.

Schaltet man den internen Faltungshall aus, so liegen vorbildlich trockene Samples vor, die man sehr gut mit Pitch/Time-Spezialisten oder auch externen Effekten bearbeiten kann.

Sonokinetic ist bei Libraries mit orientalischem Gesang aus meiner Sicht derzeit marktführend. Güzin ergänzt dabei das Repertoire des Herstellers und kann ebenso überzeugen wie bereits Voices of Israel oder Aliye.

Der Preis für diese sauber aufgenommene, geschmackvolle und mit mehr als 3400 Samples üppige Kollektion orientalischer Phrasen ist fair.

Das Einzige, was ich vermisst habe, ist eine Legato-Funktion, mit der man bei gebundenem Spiel monophon von Phrase zu Phrase wechseln kann, so wie es mit den Endings möglich ist.

Testautor: Holger Obst

Plus:

  • geschmackvolle, stilsichere orientalische Gesangsphrasen
  • saubere Aufnahmen
  • facettenreiches, üppiges Angebot an Phrasen
  • artefaktfreie Temposynchronisation dank ITM
  • spezielle Endings
  • Sample-Offset per Modulationsrad steuerbar

Minus:

  • kein fließendes Verbinden von Phrasen mittels Legato-Funktion

Preis: 60,38 EUR (incl. 19% USt.)

Hersteller: Sonokinetic

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