Test: Zynaptiq WORMHOLE

Der neue Multieffekt aus dem Hause Zynaptiq setzt neuronale Netzwerke ein und verspricht bislang noch nicht dagewesene Klänge.

Das Zynaptiq-Team mit Sitz in Hannover hat unter anderem mit Adaptiverb und Morph schon Produkte veröffentlicht, die futuristische Klänge und Verfremdungen möglich machen. WORMHOLE (zu deutsch „Wurmloch“) soll diese Tradition fortsetzen.

Recording und Studiotechnik

WORMHOLE dürfte vor allem Klangdesigner und Filmmusikkomponisten ansprechen. Nicht zuletzt bietet WORMHOLE Stimmverfremdungen der Sorte Roboter und Alien und kann darüber hinaus aus harmlosen Sounds cineastische Klangpanoramen erzeugen. Der Effekt ist sehr vielseitig und auch dazu in der Lage, subtil akustische Instrumente auffrischen und zu neuem Ganz zu verhelfen. Presets gibt es für alle möglichen Anwendungszwecke, sodass WORMHOLE genreübergreifend Musikproduzenten und Toningenieure ansprechen dürfte. Im Praxisteil des Testberichts hören Sie entsprechende Audiodemos.

Zentral kommen drei Module zum Einsatz:

  • Warp krempelt das Frequenzspektrum um und verfügt mit Pole über einen Resonator, der auch metallische und hochfrequent schwirrende Klänge ermöglicht. Der zentrale, große Regler bestimmt, ob obertonreiche und flirrende oder eher düstere Effekte erzeugt werden – mit allen Klangnuancen dazwischen. Über Warp Depth und einen zusätzlichen Low-Pass-Filter stehen weitere Eingriffsmöglichkeiten bereit, mit denen man definiert, welcher spektrale Bereich bearbeitet werden soll.
  • Shift besteht aus einem Frequenzschieber und Pitch-Transpose. Alternative Modi bestimmen, in welchen Bereichen oder Parameterschritten mit den Fadern operiert wird. Die Spanne reicht von +/- 4 Oktaven beim Pitch-Shifter und +/- 4000 Hz beim Frequenzschieber. Das Pitch-Shifting kann in einem fein aufgelösten Bereich bis zu einem halben Halbtonschritt auch für leichte Verstimmungen und „schwebende“ Klänge verwendet werden. Der Frequency-Shifter benutzt einen eigenen Zynaptiq-Algorithmus, der mit den herkömmlichen Zeitverzögerungs- oder FFT-basierten Algorithmen nichts zu tun hat. Im Ergebnis entstehen aliasingfreie und reine Klänge, wie ich sie bei einem Tool dieser Art bislang noch nicht erlebt habe. Per Decay Time wird der Effekt des Shift-Moduls an die Hüllkurve des eingehenden Signals angepasst. So kann man beispielsweise sehr schön knackige Drums in völlig neue Trommeln verwandeln (mit kurzer Decay-Time) oder schwebende Pads erzeugen (mit langer Decay-Time).
  • Der DUAL Reverb stellt das dritte Modul dar und ist von den Reglern her eher spartanisch aufgestellt: Größe, Dämpfung und Dry/Wet-Regler, das war´s schon. Klanglich spielt er allerdings in der Oberliga mit, und tatsächlich kann man alleine durch die Kombination von Raumgröße und Dämpfung eine ganze Reihe unterschiedlicher Räume realisieren.

 

Dry/Wet-Morphing und Live-Performance

WORMHOLE hat aber noch mehr zu bieten: Beim globalen Dry/Wet-Regler handelt es sich nicht um einen herkömmlichen Mischer (diesen findet man sinnvollerweise bei den drei Modulen und kann somit deren Einflussstärke separat justieren), sondern um ein echtes Morphing zwischen dem trockenen und dem bearbeiteten Signal. Mir fällt kein anderes Plug-in ein, das so etwas anstelle des üblichen Parallel-Processings bietet. Man gewichtet hier also nicht nur den Effekt, sondern produziert beim Bedienen des Morph-Faders ganz unterschiedliche Effektklänge mit fließenden Übergängen. Ungeachtet dessen tritt in Richtung der Dry-Position das Originalsignal deutlicher hervor, sodass mit Hilfe des FX-Blend auch subtile Verfremdungen erzielt werden können. Spannend wird es, wenn man den Morph-Fader automatisiert oder nach MIDI-Lerndialog fernsteuert. Der MIDI-Lerndialog ist übrigens komfortabel und verfügt über ein Aufklapp-Menü, unter anderem mit Reglerweg (Min/Max) und verschiedenen Optionen für das Ansprechen des Reglers.

Zur Auflockerung ein Audiodemo: Hier habe ich mit dem Shift-Modul aus einem Tom eine Art Bechdose gemacht:

 

Über das Mix-Morphing (FX Blend) kann man dem Tom zunächst auch nur einen metallischen Charakter hinzufügen. Erst nahe der Wet-Position entsteht kontinuierlich die Blechdose.

Beim Pitch-Shifter und bei FX Blend kommen die neuronalen Netzwerke zum Einsatz. Der Frequenzschieber und das Warp Modul greifen auf andere Algorithmen zurück.

Vor den drei Modulen gibt es noch ein nicht temposynchrones Echo. Dieses dient dazu, das Signal breiter zu machen. Hier kann nämlich das trockene und das bearbeitete Signal invertiert über den Delaytime-Fader unterschiedlich verzögert werden, was in Kombination mit den verschiedenen FX Blend-Modi unterschiedliche Ergebnisse produziert. Die Modi sind X-Fade, Morph A und Morph B. Wer dazu mehr Details wissen möchte, sollte sich unseren Test zu Zynaptiq MORPH anschauen, da hier eine verwandte Morphing-Engine zum Einsatz kommt.

Beim oberen Beispiel mit dem Tom sind über die verschiedenen Morph-Modi zusammen mit dem Delay unterschiedliche Klangfarben und ein unterschiedlich prägnantes Einschwingverhalten erzielbar.

 

Bei den ersten Versuchen wird mit einem Blick auf die CPU-Leitungsanzeige von Cubase Pro 9 deutlich, dass WORMHOLE seinen Tribut einfordert: Außergewöhnliche Möglichkeiten mit exzellentem und aliasingfreiem Klang sind offenbar rechenintensiv. Bei einer livetauglichen Latenz von 7 ms und einer Puffergröße von 128 Samples wird es je nach Konfiguration des Multieffektes bisweilen eng: Wenn die Resonatoren im Warp-Modul eingesetzt werden reicht die CPU-Power meiner Haswell Workstation von DA-X (in Kombination mit einem RME Fireface 802) nicht aus. Ein Bühnenlaptop dürfte in der Regel schwächer ausgestattet sein. Pitch-Shifter, Frequency-Shifter und Reverb sind etwas genügsamer, aber für ein Projekt mit anderen anspruchsvollen Instrumenten und Effekten braucht man definitiv eine höhere Puffergröße und kommt dann je nach Audio-Interface und Rechner sicher auf eine Verzögerung oberhalb von 20 ms. WORMHOLE ist also in erster Linie ein Effekt für die Nachbearbeitung und Klangforschung im Studio, wo man mit höherer Latenz arbeiten, andere Instrumente und Effekte bouncen oder einfrieren kann.

 

Extras und Bedienung

Die Reihenfolge von Warp → Shift → Reverb lässt sich auch in Shift → Warp → Reverb umschalten. Der Dual-Reverb kann vor FX-Blend, dahinter oder an beiden Positionen eingesetzt werden. Das Low-Pass-Filter des Warp-Moduls kann vor oder hinter dem großen Tilt-Regler positioniert werden.

Obwohl die Bedienung trotz einer exotischen Parameter-Architektur bei laufendem Playback und Echtzeit-Kontrolle leicht von der Hand geht, stehen diverse Optionen bereit, wenn man seinen Erkenntnishorizont erweitern will.

Da wären zunächst die zu/abschaltbaren Tooltips, die unbedingt lesenswert sind und zu einem schnelleren, gezielteren Einstieg verhelfen – hier zu Warp Depth:

Zu Tilt:

Wer mehr wissen will, öffnet das englischsprachige PDF-Manual direkt vom Plug-in aus.

Wer sich erst einmal um gar nichts kümmern will, startet mit einem Preset. Passt es nicht ganz, so hilft eine Randomisierung der Parameter: Diese Zufallsfunktion ist wirklich musikalisch sinnvoll, denn die Parameter werden nicht wild re-konfiguriert, sondern gewichtet, sodass Neuschöpfungen per Würfel entstehen, die meist brauchbar bis inspirierend sind. Solche Zwischenergebnisse sollte man dann als Presets abspeichern. Das geht komfortabel. Sogar eine eigene Ordnerhierarchie kann man anlegen – und sie wird auch nach einem Neustart des Projekts wiedergefunden. Eine umständliche Navigation durch die Ordnerhierarchie des Rechners, wie man sie leider immer noch bei vielen Plug-ins und virtuellen Instrumenten antrifft, entfällt.

Will man auf einen Blick sehen, wo es lang geht, öffnet man dieses Fenster:

 

WORMHOLE in der Praxis – Audiodemos

Wir beginnen mit der Elysium Harp von Soundiron, die nicht nur herrliche Glissandi, sondern am Rande auch einen sehr eigentümlichen Buzz-Sound hervorbringen kann.

Der Originalklang würde sich für orientalische oder asiatische Szenen eignen. Man beachte die Klangdetails im Ausschwingen.

 

Mit WORMHOLE wird es deutlich cineastischer …

 

… oder gespenstisch / bedrohlich:

 

Dazu ein Beat aus Drumasonic Luxury, auch mit WORMHOLE verfremdet …

 

… und das Ganze ohne die beiden WORMHOLE-Instanzen:

 

Das klingt im Vergleich regelrecht harmlos.

Als Ausgangsbasis habe ich WORMHOLE-Presets verwendet und diese dann modifiziert.

Die Werksvorlagen sind zahlreich und decken die unterschiedlichsten Aufgaben ab: Von Lo-Fi-Effekten, die fernab herkömmlicher Bit-Crusher und ähnlicher Tools agieren, über die Zerlegung von Drums bis zu Stimm- und Panorama-Effekten und zur Erzeugung schwebender Klänge. Hier stellt WORMHOLE eine ernsthafte Konkurrenz auch für die besten Chorus-Ensembles dar und geht über deren Repertoire um Lichtjahre hinaus.

Die Auswahl an Stimmeffekten ist nicht gerade knapp:

Und genau diese wollen wir nun unter die Lupe nehmen. Für die folgenden Audiodemos habe ich Samples aus SOR Shhh – I Am Speaking verwendet.

 

 

Das selbe Preset mit FX Blend bei etwa 40% Wet und damit näher am Original:

 

Auch eine klassische Geschlechtsumwandlung ist möglich:

 

Ein schriller Roboter:

 

Diese Reihe ließe sich beinahe beliebig fortsetzen: Gnome, Dämonen, Computer- und Roboterstimmen, Monster aller Größen sind möglich und gelingen mit einer überraschend hohen Sprachverständlichkeit.

WORMHOLE steht bei dieser Disziplin nicht alleine da. Der Mitbewerber Krotos Dehumaniser II klingt beispielsweise so:

 

In puncto Sprachverständlichkeit erreicht der Dehumaniser nicht das Level von WORMHOLE. Aufgrund des freien modularen Konzepts kann man das Krotos-Produkt jedoch auch als Effektlabor für andere extravagante Spielweisen des Klangdesigns verwenden. Wir haben den Krotos Dehumaniser II und die Simple Monsters ausführlich getestet.

Wenn es um Geschlechtsumwandlungen geht, ist Flux/IRCAM Tools Trax ein weiter Mitbewerber:

 

Trax, inzwischen in der Version 3 angekommen, ist zwar schon seit einigen Jahren auf dem Markt, liefert aber auch nach dem Maßstab von 2017 noch respektable Ergebnisse. Auch Stimmverfremdungen sind mit Trax möglich. Das Plug-in ist allerdings auf Stimmbearbeitungen beschränkt und kostet 359.- EUR (UVP), der Krotos Dehumaniser II im Handel übrigens stolze 599.- EUR (Stand April 2017). Damit liegen beide Produkte weit über dem Preis von WORMHOLE.

Das WORMHOLE-Preset „Silver Guitar“:

 

Das Original (Session Guitarist Strummed Acoustic 2):

 

Als Post-Production Lo-Fi-Effekt, Preset „Bad Connection“:

 

Die Athmo-Effekte aus der Preset-Library von WORMHOLE machen aus jedem Klang ein Ereignis mit Hinhöreffekt. Hier ein simpler Klopf-Beat aus Rob Papens SubBoomBass:

 

Per FX Blend und Erhöhung des Dry-Anteils habe ich den Rhythmus passagenweise mit einbezogen:

 

Speziell die Drones erweisen sich allerdings als sehr CPU-hungrig. Für das letzte Audiodemo musste ich die Puffergröße auf 1024 Samples hochsetzen.

Sehr beeindruckend sind auch die destruktiven Bad Connection – Presets, die sich hervorragend eignen, um etwa Übertragungsstörungen zum Raumgleiter zu simulieren. Hier habe ich anstelle von Sprache ein Bläserensemble verwendet (Native Instruments / Soundiron: Symphony Series Brass Ensemble):

 

Das Preset „Wide Detuner“:

 

Zum Vergleich das Original:

 

Man kann mit WORMHOLE also auch herrlich destruktive Eingriffe vornehmen, unter anderem übelste Verstimmungen. Das folgende Geigensolo habe ich unter Aufbietung meiner gesamten Virtuosität eingespielt und dafür die 8Dio Misfit Fiddle verwendet.

 

Das ist schlimm und hat übel im Ohr gekratzt und gequietscht. Aber mit WORMHOLE kommt es noch ganz anders:

 

So, wenn Sie neugierig geworden sind und mehr hören wollen, möchte ich Ihnen die 30 Tage lauffähige Demo-Version dringend ans Herz legen. Sie benötigen dafür einen iLok.com – Account.

 

Fazit

Was Zynaptiq hier mit einem geschickten Griff durch ein Wurmloch herbeigezaubert hat, ist ein Effekt, wie man ihn noch nicht gehört hat. Klangdesigner, experimentierfreudige Musiker, Filmmusikkomponisten und Spielevertoner dürfen sich die Hände reiben. Stimmverfremdungen, intergalaktische Drones und allerlei extravaganter Klangzauber stellt eine enorme Bereicherung des Kreativpotenzials dar.

Auch in puncto Audioqualität gibt sich WORMHOLE keine Blöße: Die Effekte sind aliasingfrei, transparent und glasklar in den Höhen, farbenprächtig, facettenreich und regelrecht warm in den Bässen.

Die Module Warp, Shift und Reverb lassen sich trotz teils ungewohnter Parameter, die stark miteinander interagieren können, bei Echtzeit-Klangformung gut in den Griff bekommen. Das Dry/Wet-Morphing mit seinen vielschichtigen Klangveränderungen ist eine Klasse für sich und hat mit dem üblichen Parallel-Processing nichts mehr zu tun.

Bearbeiten kann man eigentlich alles. Jedes Instrument und jede Klangquelle kann durch WORMHOLE magisch transformiert werden. Daneben sind auch subtile Aufwertungen und Polituren von akustischen Instrumenten möglich, ebenso klassische Geschlechtsumwandlungen bei Stimmen. Auch Trommeln und Percussion lassen sich mutieren; so kann man etwa aus einem Tom einen Blecheimer machen, wie im Test gezeigt.

Erstklassig und in dieser Form neu sind auch die Möglichkeiten der Klangdestruktion, die von der Simulation von Übertragungsstörungen bis zu verstimmten und arg zugerichteten Instrumenten reichen.

Der Extraklasse-Effekt mit umwerfender Audioqualität geht allerdings nicht gerade sparsam mit der Rechenleistung um und kann daher nur bei der Bearbeitung eines Mixes oder in der Post-Production in allen Tiefen ausgelotet werden. Will man die komfortable MIDI-Steuerung über externe Controller in einer Live-Performance mit geringer Latenz nutzen, muss man sich beschränken und rechenintensive Parameter wie etwa den Resonator des Warp-Moduls außen vor lassen.

Mit WORMHOLE auf Klangreise zu gehen, ist ein inspirierendes Erlebnis. Zahlreiche Presets bieten produktionsfertige Vorlagen, was speziell für die Filmvertonung und Post-Production, wenn man unter Zeitdruck arbeitet, ein wahrer Segen ist.

Der Preis ist zwar nicht niedrig aber dennoch günstig: Alleine die Stimmverfremdung in dieser Qualität wäre das Geld wert.

Testautor: Holger Obst

Plus

  • extravagante, neue Effekte
  • Dry/Wet-Morphing
  • Vielzahl inspirierender und produktionsfertiger Presets
  • exzellente Audioqualität
  • vergleichsweise einfache Bedienung

Minus

  • teils hohe CPU-Last

System:

  • Mac ab OSX 10.6.8
  • Windows ab 7
  • Formate: RTAS, AAX native einschl. AudioSuite, VST 2.4, VST 3, AU
  • iLok Account (iLok 2 nicht zwingend erforderlich)

Hersteller: Zynaptiq http://www.zynaptiq.com

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