Test: Native Instruments Symphony Series – Brass Collection

Ein 32-köpfiges Bläserensemble sinfonischer Prägung steht hier in Form von Sections sowie als Solisten zur Verfügung. Die Library zielt auf die Anwendungen Filmmusik, Spielevertonung und Multimedia.

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Einleitung

Symphony Series – Brass Collection wurde in Zusammenarbeit zwischen Soundiron und Native Instruments produziert und setzt den Startpunkt für eine neue Serie sinfonischer Instrumente aus dem Hause Native Instruments – inzwischen ist bereits das zweite Kapitel, welches sich den Streichern widmet, erschienen.

Der Produktionspartner, Soundiron, blickt auf eine langjährige Erfahrung in der Produktion von Sample-Libraries zurück. Neben extravaganten Drums und seltenen Instrumenten konnten nicht zuletzt die klassischen Chor- und Gesangslibraries des Herstellers überzeugen. Auf Releasetime haben wir bereits den Mercury Symphonic Boychoir, einen Bass und Sopran, sowie die Ethno-Pop-Gesangslibrary mit der Stimme von Francesca Genko, den „fragwürdigen Barbershop“ und jüngst die Traveler Organ getestet. Alle diese Produkte konnten in puncto Qualität und Anwendungsspektrum überzeugen. Man darf also gespannt sein, wie es sich mit den sinfonischen Bläsern verhält.

Soundiron ist nicht nur für einen exzellenten Sound bekannt, sondern auch für neue Ideen bis hin zu experimentellen Ansätzen. Gerade die oftmals ebenso schwergewichtigen wie in der Bedienung entweder eingeschränkten oder sperrigen, bisweilen komplizierten Libraries sinfonischer Instrumente könnte frischen Wind gebrauchen.

 

Überblick

Gleich vorweg: Von der klassischen Sitzordnung und Größe des Bläserensembles hebt man sich bei Soundiron/Native Instruments bewusst ab, mit dem Ziel einen breit angelegten, cineastischen Klang zu präsentieren.

Geboten werden Trompeten, Posaunen, Hörner sowie Tubas in zwei auch separat erhältlichen Paketen: Ensemble (mit vier Sektionen zu je acht Spielern, mehr als 100 Spielweisen und annähernd 60 Effektsounds) und Solisten (Trompete, Horn 1 und 2, Tuba mit insgesamt 94 Artikulationen).

Insgesamt umfasst der Sample-Content rund 70 GB. Der verlustfrei komprimierte Download wiegt rund 47 GB. Dessen Eckdaten: 55 Kontakt-Instrumente, rund 270 Artikulationen, vier Mikrofonpositionen.

In beiden Library-Teilen findet sich eine Auswahl von sechs (bei den Solo-Hörnern 12) Instrumenten pro Sektion, hier am Beispiel der Hörner (Solisten) und der Trompeten (Ensemble):

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Neben einem Master-Patch mit den gängigsten Artikulationen stehen Legato (mit echten Legato-Samples), Staccato, Sustain und Effects als spezialisierte Vorlagen zur Verfügung.

Zudem gibt es ein Brass Quartett-Instrument in der Solo-Library, in dem alle Beteiligten vereint sind – mit eingeschränktem Angebot an Artikulationen, aber besser geeignet für schnelle Entwürfe und mit geringerem Bedarf an Arbeitsspeicher.

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Die Tastaturzonen, Lautstärke und Panoramaposition für jede Sektion können im Brass Quartett – Instrument den individuellen Erfordernissen angepasst werden, was dessen Praxistauglichkeit deutlich aufwertet. Ein Feature, welches mir bei All-In-One-Instrumenten anderer Hersteller noch nicht begegnet ist.

Um den gesampelten Bläsern dynamische Lebendigkeit und Abwechslungsreichtum einzuhauchen, werden Velocity-Layer und Round Robins eingesetzt.

Daneben empfiehlt sich die Verwendung von MIDI-Controllern, um Klangparameter in Echtzeit zu steuern. Für die Komplete Kontrol Keyboards und Maschine 2 sind fertige Controllerzuweiseungen implementiert. Per Rechtsklick und MIDI-Lerndialog können auch andere Controllerkeyboards komfortabel eingebunden werden.

An erster Stelle wäre der nicht umsonst üppig dimensionierte Dynamics-Regler zu nennen. Per default ist er dem Modulationsrad zugewiesen. Hiermit steuert man die Lautstärke und kann so Crescendi und Decrescendi mit den klassischen Sustain-Samples realisieren.

 

Neben der Attack- und Releasezeit stehen Tightness und Motion als weitere Parameter bereit. Tightness (Offset) verschiebt den Samplestart und ermöglicht es, die natürlichen Transienten außen vor zu lassen, etwa wenn ein Instrument etwas weniger präsent aber dennoch mit schnellem Attack erklingen soll. Motion fügt ein Vibrato bei gleichzeitiger dynamischer Bewegung hinzu. Dem Höreindruck nach kommt hier ein LFO mit Zufallswellenform zum Einsatz. Das Vibrato klingt dadurch nicht maschinenhaft und gleichförmig leiernd, sondern kann, sorgsam dosiert eingesetzt, durchaus eine Bereicherung des Ausdrucks darstellen.

 

Als Besonderheit gibt es ein Repetition-Modul, welches die Einschwingphase der gespielten Note zwei oder viermal wiederholt, bevor der Klang in das Sustain übergeht. Die Repetition kann temposynchron in Achteln oder Sechzehnteln (auch triolisch) erfolgen.

Die Bläser wurden mit einer umfangreichen Mikrofonierung aufgenommen, die zu drei mischbaren Mikrofonpositionen (Close, Mid und Far) sowie einer produktionsfertigen Stereo-Variante zusammengefügt wurden.

Die Close-Mikrofonierung:

 

Die Close-Mikrofonierung mit minimaler Releasezeit:

 

Horn 1, Legato, Close Mikrofonierung mit minimaler Releasezeit, Hofa IQ Reverb als externer Effekt, Preset „Huge Schizophrenia“:

 

Wie oben bereits zu hören war, klingen die Close-Samples zwar direkt, beinhalten jedoch – anders als bei vielen Mitbewerbern – einen deutlichen räumlichen Ausklang. Angenehm trockene Samples erreicht man, indem man die Releasezeit per Sider auf ein Minimum begrenzt. Jetzt klingen die Instrumente nah und intim, ohne dabei trocken oder blass zu wirken. Externe Raumsimulatoren oder andere Effekte können eingesetzt werden, ohne dass es zur Überlagerung von Rauminformationen verschiedener Umgebungen kommt bzw. ohne dass die Rauminformationen ebenfalls durch den Effekt (beispielsweise einen Kompressor) beeinflusst werden.

An internen Effekten steht neben Equalizer, Kompressor und Filter auch ein Faltungshall mit Umgebungen von der Kirche bis zum Wald bereit, als Besonderheit jeweils mit verschiedenen Raumpositionen (Close, Far). Nutzt man die Einzelausgänge von Kontakt, so kann man mit Duplikaten eines Instruments einen breit angelegten Surroundklang alleine mit internen Mitteln bestreiten, sowohl unter Verwendung der Raummikrofonierungen als auch unter Verwendung von Faltungshalls und unterschiedlichen Positionierungen in mehreren Instrumenten.

 

Installation

Wer sich für den Download entscheidet, sollte bei der Installation dafür Sorge tragen, dass der Inhalt direkt an die richtige Stelle gelangt. Nach dem Download kann die Library automatisch auf einen frei wählbaren Speicherplatz entpackt werden. Man gibt also zunächst diesen Speicherort an …

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… und anschließend den Ort für den Download.

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Grundsätzlich lässt sich die Library auch später noch verschieben, nur muss der neue Pfad dann über das Service-Center oder von Kontakt aus manuell adressiert werden.

Wer nicht über eine ultraschnelle Internetverbindung verfügt, darf für den Download ruhig viele Stunden bis mehrere Tage einplanen. Da ist es beruhigend zu wissen, dass dieser Prozess auch beliebig unterbrochen und wieder fortgesetzt werden kann. Der Download Manager scannt dann den bereits heruntergeladenen Teilinhalt und setzt seine Arbeit an der richtigen Stelle fort (und das funktioniert auch in der Praxis: Ich habe den Inhalt in mehreren Etappen heruntergeladen. Mitten in der Nacht gab es dabei einen Download Error, der das Programm aber nicht davon abhalten konnte, am nächsten Tag den Inhalt lückenlos weiter herunterzuladen).

Installiert werden schließlich zwei Ordner (wenn man sich für beide Produkte entschieden hat): Die Symphony Series Brass Ensemble Library (27 GB) und die Symphony Series Brass Solo Library (17,5 GB).

Hat man das automatische Installieren vor dem Download aktiviert, so startet danach auch automatisch das NI Service Center, wo man seine Seriennummer eingibt. Damit ist auch die Autorisierung schon erledigt (vorausgesetzt, man verfügt bereits über einen Account bei NI; andernfalls muss dieser zuvor angelegt werden).

Über das Service Center sind per Challenge-Response auch Offline-Aktivierungen mit Hin- und Hersenden eines Activation Request/Answer – Files problemlos und ohne Wartezeit möglich.

 

Symphony Series – Brass Collection im Detail

Zusammenstellung von Artikulationen

Die fertigen Instrumente bieten bereits sinnvolle und gebräuchliche Zusammenstellungen von Artikulationen. Es ist jedoch auch möglich, diese individuell zu konfigurieren.

Der Wechsel zwischen Artikulationen kann sowohl über Key-Switches als auch über einen (per Lerndialog zuweisbaren) MIDI-Controller erfolgen. Im Articulation Edit Menü können (am Beispiel der Solo Posaune) Sustain-Artikulationen (piano, mezzoforte, forte), Staccato-Artikulationen (piano, mezzoforte, forte, fortissimo, triple tongue, tongue stop) sowie eine Reihe von sogenannten Expressions acht Steuertasten (C0 bis G0) und zudem einem definierten Velocity-Bereich zugewiesen werden. Letztere Option erlaubt sogar das Erstellen von anschlagsdynamischen Layern, indem man mehrere Artikulationen mit unterschiedlichen anschlagsdynamischen Bereichen der selben Steuertaste zuweist. (Im Manual wird das nicht lückenlos erklärt, daher der Tipp: Man stellt dazu einfach für zwei oder mehr Articulation Slots die selbe Steuertaste ein. Die Mehrfachzuweisung von Artikulationen zu einer Steuertaste reduziert damit die Anzahl der insgesamt zur Verfügung stehenden Steuertasten.)

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Zur besseren Übersicht werden die betreffenden Tasten des virtuellen Keyboards farblich markiert: Rot für Sustain, Grün für Staccato, Blau für Expression und Lila für Effekte.

Analog zur Zuweisung von Key-Switches werden bei der Steuerung via Midi-Controller acht Artikulationen bestimmten Wertebereichen des Controllers zugewiesen. Dafür steht ebenfalls die komplette Auswahl an Spielweisen zur Verfügung. Die jeweiligen Wertebereiche können verändert werden.

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Beide Optionen, Key-Switches und Controller-Steuerung, stehen allerdings nicht gleichzeitig zur Verfügung. Man muss sich also für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden.

Spielt man Expressions, so wird der Verlauf der Tonhöhe oder Lautstärke (unter Progress) anschaulich dargestellt:

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Bei Staccato-Artikulationen sind es die Round Robins, die visualisiert werden, stattliche acht an der Zahl. Sie sorgen dafür, dass auch bei raschen Repetitionen kein Gefühl maschineller Gleichförmigkeit aufkommt.

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Bei Sustain-Artikulationen erscheint an der selben Stelle das kleine aber feine Legato-Menü:

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Response kontrolliert die Geschwindigkeit des Übergangs bei gebunden gespielten Noten. Neben dem klassischen einstimmigen Legato steht mit Duett die Option für ein zweistimmiges Legato bereit: Ab einem Intervall von sechs Halbtonschritten können zwei voneinander unabhängige Legato-Linien mit einem Instrument realisiert werden, was in der Praxis so lange gut funktioniert, wie man die Logik des Sechs-Halbtonschritt-Abstands strikt einhält. (Nähern sich die Melodielinien im Verlauf einander an und unterschreiten diesen Abstand, so kann das vom Script logischerweise nicht erkannt werden, und es kommt zu einem Bruch des Duett-Spiels.)

Noten mit rhythmischer Struktur, wie etwa Triller oder Flutter-Tongue Spielweisen werden zudem per Natural Speed abhängig vom Songtempo gedehnt oder gestaucht. Im Vari Speed – Modus kann ihre Geschwindigkeit auch mittels MIDI-Controller gesteuert werden.

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Das betrifft auch die atmosphärischen Effektsounds:

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Klangbearbeitung

Maßgeblich ist hier vor allem die Auswahl und Mischung (Panorama, Lautstärke) von Mikrofonpositionen:

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Die Mixereinstellung lässt sich via „Transfer Settings“ praktischerweise auf ein zweites Instrument übertragen. Hier ist mir ein kleiner Bug aufgefallen: Gelegentlich kommt es nach der Übertragung von Mixer-Settings zum Verstummen des Instruments. Schaltet man im Mixer aber die Stereo-Position ein und aus, so werden die Einstellungen wieder aktiv und alles funktioniert einwandfrei.

Der Faltungshall ist eigentlich zu gut, um ihn einfach links liegen zu lassen. Wie oben bereits beschrieben, sollte man bei dessen Verwendung die Releasezeit im Performance-Menü auf 0 stellen. Mittels Lo/High-Cut-Filter nimmt man Einfluss auf die Klangfarbe (= Materialeigenschaften) des Raumes; auch die Größe lässt sich verändern.

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Damit können auf die Schnelle Räume skizziert werden, die durchaus produktionstauglich sind. Will man dennoch externe Spezialisten ins Boot holen, kann man dies immer noch später machen und sich dann am intern entworfenen Raum orientieren.

Besitzer der Vollversion von Kontakt können übrigens über das Schlüsselsymbol der Kopfleiste zum Edit-Modus umschalten und hier unter Insert Effects auf eine noch weitaus reichhaltigere Bibliothek an Impulsantworten zugreifen.

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Hier kann es dann sogar richtig experimentell werden, wenn man beispielsweise dem Instrument den Klangcharakter eines Grammophons oder eines Weinglases zuweist und dann noch weitere Effekte wie Filter oder eine Amp/Speaker-Simulation folgen lässt. Das nächste Audiodemo ist das Ergebnis eines kleinen Ausflugs in diese Abteilung:

 

Zugegeben: Außer den internen Kontakt-Effekten ist noch das kostenlose Plug-in iZotope Vinyl dabei:

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Klangangebot, Klangbeispiele und Audioqualität

Die Palette an Artikulationen ist breit aufgestellt, und abseits des Hauptinstruments bieten die Spezialisten einige Extras, hier am Beispiel der „Trumpet Expressions“:

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Die Auswahl an Artikulationen ist größer. Bei der Trompete (und nicht nur bei ihr) kommen sogar noch Spielweisen mit Dämpfer (Mute) hinzu, denen man sonst eigentlich eher bei Pop/Rock/Jazz-Libraries begegnet. Auch sind nun sogar die Sforzandi und Swells per Playback-Modul in der Geschwindigkeit regulierbar, auch temposynchron, versteht sich. Dafür gebührt Soundiron/Native Instruments großes Lob. Dieses Feature habe ich bislang bei vielen Klassik- aber auch bei Pop-Bläser-Libraries vermisst.

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Sforzandi und Swells beinhalten bereits einen natürlichen Lautstärkeverlauf. Es ist aber kein Fehler, diesen noch – fein dosiert – mit einer Steuerung des Dynamikreglers zu ergänzen. So werden die Verläufe der einzelnen Noten oder Akkorde nicht so gleichmäßig. Eine Abwechslung kräftigerer und etwas weicher gespielter Sforzandi oder Swells eröffnet differnzierte dramaturgische Gestaltungsmöglichkeiten. Auch eine Prise Vibrato (oder Motion) oder eine Variation der Tightness (Sample Offset) sorgt für Lebendigkeit. Hier sollte man allerdings bei allen temposynchronen Spielweisen bedenken, dass eine Verschiebung des Sample-Offsets dazu führt, dass die Endings etwas zu früh kommen. Will man dies ausschließen, so bietet sich alternativ der Attack-Regler an.

Die Trumpet Expression, Artikulation Sforzando Mute (temposynchron):

 

Zusammen mit Trombones, Artikulation Sforzando (temposynchron):

 

Bei den Posaunen habe ich das Sample-Offset per Controller verändert, wodurch die Endings mit jenen der Trompeten nicht immer übereinstimmen. Ohne diese Manipulation würden sie perfekt simultan spielen.

Nun habe ich noch Native Instruments Action Strikes hinzugenommen und zwei Gesangsphrasen von Soundiron Voice of Gaia: Francesca Genco:

 

Die Trompeten und Posaunen können klanglich voll und ganz überzeugen: Sie strotzen nur so vor Kraft. Die Ensemble-Instrumente schaffen eine regelrechte Klangwand, wenn man das will – und dafür ist ja die Dynamikkontrolle da. Mit dieser reguliert man den Ausdruck der virtuellen Musiker von sanft bis zu majestätisch. Velocity-Layer werden nahtlos überblendet – eine echte Meisterleistung.

Auch fehlt es den Instrumenten nicht an Detailreichtum. Trotz der großen Auswahl an Artikulationen sind keine Schwachstellen zu finden: Hier wurde konsequent auf hohem Niveau gearbeitet. Gratulation.

Die Posaunen reichen bis tief in den Keller, nämlich bis zu A0. Besonders bei den Staccato-Artikulationen wird es in den tiefen Lagen schön knarzig:

 

Ebenso wie bei den Expression-Instrumenten steht hier ein Speed-Regler zur Verfügung, allerdings ohne Tempo-Sync (was bei Staccatos ja auch kaum Sinn machen würde). Im obrigen Audiodemo habe ich davon Gebrauch gemacht und nicht nur den Speed-Regler, sondern auch Tightness (Sample Start) und natürlich die Dynamics moduliert. Die Ausgestaltung der einzelnen Töne macht richtig Spaß! Die Instrumente klingen schon extrem lebendig: Wie im richtigen Leben gleicht kein Ton dem anderen, und wer die Bläser etwas weniger virtuos, dafür aber um so herzhafter klingen lassen möchte, findet hier genügend Spielraum.

(Eine noch extremere Individualisierung würde ich dann anschließend mit dem Melodyne Editor vornehmen, der es erlaubt, die Einschwingphase einzelner Töne zu verändern oder die Formanten zu manipulieren. Erfahrungsgemäß gelingen solche Operationen besonders gut, wenn die Samples trocken und detailreich sind, wie im vorliegenden Fall.)

Zum Vergleich hier noch einmal die Passage ohne Modulationen:

 

Dabei wird klar, dass die Musiker, die diese Töne eingespielt haben, von sich aus schon Variationen von Note zu Note haben einfließen lassen, dezente Kolorierungen, die bereits ein solides Fundament in puncto Abwechslungsreichtum und Authentizität legen. Dennoch: Ohne jegliche Modulation klingt es etwas zu diszipliniert.

Kommen wir zu den Hörnern, die den Trompeten und Posaunen in nichts nachstehen. Ich kann mich noch gut an Zeiten erinnern, in denen speziell diese Instrumentengattung immer schlapp, müde und verhalten klang. Die Hörner von Soundirons/Native Instruments sinfonischen Bläsern sind hingegen einfach Spitze. Episch. Hier das Ensemble in der Legato-Spielweise und mit Dynamiksteuerung per Modulationsrad:

 

Solche einfachen Passagen, die auch Anfänger einspielen können, sind rein soundmäßig so beeindruckend, dass man sie bequem für sich stehen lassen kann. Da fehlt eigentlich nichts mehr. Mit diesen Hörnen lassen sich ideale Intros für cineastische Kompositionen im Nu realisieren.

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Zum Legato-Spezialinstrument: Auch hier trifft man auf die Duett-Funktion, die jedoch „hinter“ dem Solo-Taster versteckt ist. Also einfach drauf klicken, und schon spielt man zweistimmig ab sechs Halbtonschritten Abstand. Als Extra stehen zwei Legato-Alternativen bereit: Flip bietet einen gleichmäßigen, weichen Übergang, Slur einen kleinen Tonhöhenschlenker.

 

Weitere Artikulationen finden sich im Sustain-Instrument:

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Horns Sustain All, Steuerung: Dynamic- und Attack-Regler

 

Es stellt sich heraus, dass der Attack-Regler wirklich nur die Einschwingphase betrifft. Er ist also nicht dafür geeignet, ewig lange Fades zu realisieren. Setzt man den Dynamikregler ein, um einen übergreifenden Lautstärkeverlauf zu zeichnen (was man unbedingt tun sollte), so eignet sich der Attack-Regler bestens, um die Einsätze noch einmal für sich zu modifizieren. Die klanglichen Auswirkungen sind im Vergleich zu den Möglichkeiten der Dynamiksteuerung eher subtil, aber ästhetisch und wirksam.

Horn Effects liefert Material für unheilverkündende Szenen, beispielsweise die Artikulation Bend Down:

 

Hier treffe ich erstmals auf deutlich hörbare Nebengeräusche in der Ausklingphase. Diese finden sich übrigens in allen Mikrofonierungen dieser Artikulation wieder. Dennoch ist das Bending so schön eingespielt, dass man darüber gerne hinwegsieht und notfalls beim Mischen ein Repair-Plug-in hinzuzieht.

Valve Cleaning: So hört es sich an, wenn Hörner geputzt werden.

 

Cluster Swells der Tubas:

 

Der Cluster-Loop der Tubas reicht völllig aus, wenn sich auf der Leinwand Bedrohliches ankündigt:

 

Die Tubas klingen sehr voluminös und bauchig. Im Gegensatz zu den anderen Sektionen verfügen sie nicht über eine detaillierte, akzentuierte Attackphase. Hier ein paar Noten mit der klassischen Sustain-Artikulation, wie immer ein Mix aus Close-, Mid- und Far-Mikrofonierung:

 

Die Höhen habe ich mit dem Dreiband-EQ bei 2,5 kHz ein wenig angehoben.

Spätestens wenn man zwei Sektionen Unisono in den tiefen Lagen spielen lässt, erweist sich der Mangel an Prägnanz bei den Tubas als hilfreich, um einen breiten Klang zu erzielen, bei dem die Instrumente nicht um die Aufmerksamkeit des Hörers konkurrieren. Im nächsten Audiodemo habe ich die Hörner hinzugezogen, die bis auf den ersten Ton (C1) in der selben Lage wie die Tubas spielen. Für die Hörner habe ich die Close- und Mid-, für die Tubas die Mid- und Far-Mikrofonierung verwendet sowie die Panoramaregler benutzt, um die Instrumente im Raum zu verteilen.

 

So in Szene gesetzt, fehlt es den Tubas an nichts.

Ich muss gestehen, dass mich diese Sample-Library mehr und mehr in ihren Bann zieht und ich nicht übel Lust hätte, jede einzelne Artikulation zu präsentieren. Aber Sie haben heute vielleicht noch etwas anderes vor, als diesen Testbericht zu lesen …

Tubas, Crescendo Slow (mit Dynamiksteuerung):

 

Die Tubas liefern einen angenehm weichen Klang von A0 bis E5.

 

Solisten

Zur Erinnerung hier noch einmal die Ausstattung mit Instrumenten pro Sektion am Beispiel der Tubas:

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Unter Effekte findet sich mit Ping High ein recht witziges, unvermutet hohes und beinahe quiekendes atonales Halbgeräusch. Die Expressions beschränken sich auf Sforzando, Crescendo und Swell – nicht zu vergessen: Mit Sync und Varispeed.

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Fast Swell und Dynamikmodulation:

 

Tuba Legato im Duett-Modus (zweistimmiges Legato) mit Dynamiksteuerung und dezenter Variation des Vibrato-Reglers:

 

Bei dem Versuch, die Repetition zuzuschalten (zweifaches oder vierfaches temposynchrones Spielen der Einschwingphase, Sie erinnern sich) stellt sich heraus, dass sich diese Funktion mit dem Duett-Legato nicht verträgt. Es kommt zum Spielen von gehaltener Noten, die eigentlich nach dem Notenwechsel nicht mehr erklingen sollten. Ein kleiner Bug, der aber in der Praxis kaum von Bedeutung ist. Wann braucht man schon einmal Duett-Legato mit Auto-Repetition?

Bei den Solisten gibt’s gleich zwei Hörner – mit kompletter Ausstattung an Artikulationen, versteht sich.

Horn 1, Artikulation Sustain piano, Legato mit Attack- und Tightness-Steuerung, Stereo-Mikrofonierung:

 

Horn 2 mit identischen Einstellungen:

 

Beide zusammen und im Panorama verteilt:

 

Jetzt nehme ich bei Beiden noch die Close-Mikrofonierung hinzu:

 

Wem die achtköpfigen Ensembles zu dominant klingen, kann auf diese Weise eine Alternative schaffen.

Das Staccato-Solo-Instrument bietet, hier am Beispiel des Horn 1, vier Artikulationen. Die Repetition-Funktion wird um den Parameter Accent ergänzt, mit dem man festlegt, ob der erste oder letzte Attack betont werden soll. Neben der zwei- und vierfachen Repetition gibt es noch die Funktion „run“, bei der die Repetition pausenlos durchläuft – bis zum Note Off. Um hier vom Maschinellen wegzukommen, ist eine Dynamik-, Attack-, Speed- und Tightness-Modulation angesagt – wobei es nicht gleich alle sein müssen.

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Das lädt zu Spielereien ein, die vom klassischen Bläsersound wegführen.

Die Hörner habe ich mit einer Röhrenverzerrung, Bandsättigung und einem Effekt-Faltungshall aus Kontakt 5 verfremdet und einen Electro-Beat aus Toontracks EZdrummer 2 hinzugefügt, der wiederum per Entropy-Modul aus Sonible frei:raum (Test folgt in Kürze) bearbeitet ist:

 

Das Effects-Instrument der Posaunen ist nicht gerade sparsam bestückt – hier findet sich manch Ungewöhnliches, welches sich gut zum Setzen kleiner Akzente verwenden lässt …

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… und durch die Atmo-Sammlung ergänzt wird.

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Noise- und Atmo-Artikulationen können kombiniert auf Key-Switches gelegt oder CC-Controller-Wertebereichen zugewiesen werden.

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Im Trombone Expression – Instrument finden sich wiederum zum Tempo synchronisierbare Sforzandi und Swells. Tonge Stop verfügt über Repetition, im Gegensatz zu den Hörnern jedoch nicht mit Run-Option.

 

Auch hier gewinnen die Instrumente an Ausstrahlung, wenn man den Dynamics-Regler in Bewegung setzt. Will man dies übrigens mit der Maus erledigen, so muss man ihn (zumindest auf unserem Testsystem verhielt es sich so) zunächst über das Auto-Menü, Reiter Host-Automation zuweisen. Dazu zieht man einfach einen leeren Eintrag („not assigned“) auf den Regler – fertig.

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Trombone Legato (Solo-Mode) mit Dynamics- und Vibrato-Modulation:

 

Das Instrument Trumpert Legato (Solo-Mode) mit Dynamics- und Vibrato-Modulation:

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Die Solo-Trompete, beginnend mit Effekten, gefolgt von Szorzandi und Swell (Trumpet Expression – Instrument), final Legato mit modulierter Dynamik, Tightness, ein wenig Vibrato und modulierter Response (Übergangsgeschwindigkeit zwischen gebunden gespielten Noten):

 

Fazit

Mit der Symphony Series Brass Collection ist Soundiron und Native Instruments ein großer Wurf gelungen. Das 32-köpfige Ensemble, ergänzt durch eine Solisten-Library, weiß durch Ausdruckskraft und Vielseitigkeit zu überzeugen. Kaum eine andere Library klassischer Blechbläser klingt so kraftvoll, präsent, frisch und modern. Ihre Power schöpft diese Library nicht zuletzt durch die beeindruckende Ensemblegröße mit 32 Spielern, darunter je acht Tubas, Hörner, Posaunen und Trompeten.

Eine erstklassige Audioqualität, ein charaktervolles Spiel der beteiligten Musiker und ein intelligentes, einfallsreiches Script, das es dem Benutzer erlaubt, ohne Studium des Handbuchs authentisch klingende, lebendige Variationen einzuflechten, gehen hier Hand in Hand und schaffen ein Werk der Spitzenklasse.

Das echte Legato ist ohne Ausnahme gelungen. Die nahtlos ineinandergreifenden Velocity-Layer, dynamisch via Modulationsrad steuerbar, machen das Einspielen zum reinen Vergnügen. Bis zu acht Round Robin Samples sorgen zusätzlich für Abwechslung.

Ein Feature mit Seltenheitswert unter den Bläser-Libraries ist die Möglichkeit, auf die Geschwindigkeit der Phrasierung, etwa bei Sforzandi und Swells, aber auch bei ausgefallenen Artikulationen wie Flutter, Einfluss zu nehmen. Diese können sogar temposynchron ablaufen, was es ermöglicht, solche Spielweisen für ein synchron zusammenspielendes Duett, Trio oder Quartett zu verwenden.

Vier Mikrofonpositionen können bei Bedarf separaten Ausgängen zugewiesen werden. Damit lässt sich ein raumfüllender Surroundklang realisieren. Wer trockene Samples für eine externe Effektbearbeitung haben möchte, wählt die Close-Mikrofonierung und stellt ein kurzes Release ein.

Die Aufnahmen fanden im großen Chorraum der Saint Paul’s Church in San Francisco statt. Der dort eingefangene und vor allem in den Mid- und Far-Samples enthaltene Hall harmoniert sehr gut mit dem Klang. Externe Raumsimulatoren oder auch der inbegriffene Faltungshall wird in vielen Fällen nicht nötig sein.

Strahlende Trompeten, epische Posaunen und Hörner mit einer Präsenz, wie sie mir bislang noch nicht bei klassischen Sample-Libraries begegnet ist, setzen Maßstäbe. Die Tubas wirken für sich genommen etwas zu bauchig und im Attack leicht undifferenziert. Zusammen mit den Hörnern oder Posaunen, die ebenfalls weit in die tiefen Lagen hinabreichen, ergibt sich jedoch ein Bläser-Fundament der Superlative.

Als weiteres Extra gibt es sogar eine ganze Reihe von Spielweisen mit Dämpfer, vor allem (aber nicht nur) bei der Trompete.

Der mächtige, cineastische Klang der Brass Collection zielt in erster Linie auf Anwendungen in den Bereichen Filmmusik, Spielevertonung und Multimedia, eignet sich aber auch für Pop-Produktionen aller Genres, bei denen Blechbläser eine Rolle spielen.

Um das Klangpanorama eines klassischen Orchesters nachzubilden, muss man die einzelnen Instrumente per Panoramaregler zunächst in die richtige Position bringen, dann gelingen auch Wagner´sche Auftritte par Excellence.

Sollte nun der Eindruck entstanden sind, dass die Symphony Series Brass Collection keine leisen, verhaltenen Töne hervorbringen kann, so sei versichert, dass mit Piano-Artikulationen und einer behutsamen Steuerung des Dynamic-Reglers auch das möglich ist. Zu prägnante Einschwingphasen blendet man durch eine Modulation des Attack- oder Tightness-Reglers aus.

Der Preis ist angemessen.

Testautor: Holger Obst

Top Product Award

Plus:

  • kraftvoller, raumfüllender Klang
  • charaktervolle Samples mit persönlicher Note
  • erstklassige Audioqualität
  • große Anzahl von Spielweisen
  • authentisches, lebendiges Spiel durch Dynamikkontrolle, Round Robins sowie Steuermöglichkeiten
  • variables Tempo von Phrasierungen, auch temposynchron
  • vier mischbare Mikrofonpositionen

Minus:

  • kein Minuspunkt

Preis (UVP):

  • Symphony Series, Brass Ensemble: 299.- EUR
  • Symphony Series, Brass Solo: 299.- EUR
  • Symphony Series, Brass Collection: 499.- EUR

Hersteller: Native Instruments in Kooperation mit Soundiron

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