Test: Waves Andrew Scheps – Parallel Particles

Parallel Particles ist ein Multiprozessor-Plug-in, welches für Transparenz, Prägnanz und Druck im Mix und in Subgruppen sorgen soll. Auch einzelne Instrumente können damit bearbeitet werden.

 

Recording und Studiotechnik

Unter der grafisch spektakulär gestalteten Haube sind also diverse Tools gleichzeitig am Werk, die man über folgende Regler steuern kann:

  • Thick macht Druck im unteren Bereich (etwa wie eine Kombination aus EQ, Kompressor und Sättigung). Dabei werden zugleich die unteren Mitten leicht abgesenkt. Der Effekt ist laut Hersteller vergleichbar mit einem Mikrofon, dass man näher an die Schallquelle rückt.
  • Air hebt das Höhenspektrum an, erzeugt musikalisch sinnvolle Resonanzen und rückt den Klang psychoakustisch nach vorne. Dazu werden zusätzliche höhere Frequenzen durch tiefere Frequenzen synthetisiert. Waves verwendet hierfür den Begriff „Harmonic Generator“. Das Funktionsprinzip entspricht einem Exciter.
  • Bite macht den Sound knalliger, indem die Attackphase betont wird – und zwar speziell von den oberen Mitten an aufwärts. Auch auf das Sustain wirkt sich der Effekt aus, sodass der Klang insgesamt aggressiver wirkt. Bite ist damit mit einem Transientenwerkzeug vergleichbar, welches über eine Attack- und Sustain-Regelung verfügt.
  • Sub macht dem Subwoofer Arbeit, nennt sich ebenfalls „Harmonic Generator“, fügt Subbässe hinzu und kann in der Center-Frequenz zwischen 32 und 80 Hertz stufenlos eingestellt werden. Die Funktionsbeschreibung deutet auf einen Bass-Exciter bzw. Bass-Prozessor hin, wie er beispielsweise mit dem SPL Vitalizer Anfang der 90er Jahre realisiert wurde.
  • Unterm Strich geht es darum, den Klang vitaler zu machen. Da die Effekte aufgrund der teils parallelen, teils seriellen Schaltung (s. u.) miteinander interagieren, eröffnet sich eine vielseitige Klanggestaltung.

Soweit die Theorie und die (interpretierte bzw. ergänzte) Darstellung des Herstellers. Ob für das Plug-in neue Algorithmen entwickelt wurden oder auf bereits vorhandenes Material zurückgegriffen und dieses in eine neue Kombination und Form gebracht wurde, bleibt offen. Waves verfügt bekanntlicher Weise über ein ansehnliches Repertoire an Effekten aller Art, die sich in Wirkungsweise und Klangcharakter teils überschneiden – man denke beispielsweise an die Emulation des Aphex Aural Exciter, den Vitamin Sonic Enhancer oder Cobalt Saphira.

In der internen Effektkette folgen Thick und Bite parallel geschaltet dem Eingangssignal, dann geht es zu Air und Sub weiter, wobei dieses Duo ebenfalls parallel geschaltet ist. Das Eingangssignal von Air und Sub ist also bereits durch Thick und Bite verändert.

Die richtige Aussteuerung erkennt man an der mehrfarbigen Einpunkt-LED-Anzeige („Sensitivity“), die bei Pegelspitzen orange bis rot leuchten sollte. Das ist schick, eine hoch auflösende Pegelanzeige wäre ohne Zweifel professioneller. Ungeachtet dessen tut die LED ihren Dienst, und man hat ja auch noch Ohren.

Input- und Output-Regler sind invers verknüpft; höhere Eingangs-Lautstärken reduzieren zugleich den Ausgangspegel, was dazu beiträgt, dass harsche digitale Übersteuerungen kaum auftreten können. Ungeachtet dessen wird der Output lauter, wenn man die Regler der einzelnen Module aufdreht. Eine Pegelanzeige des Output gibt es nicht. Die Verknüpfung von Input- und Output-Regler kann man über einen Link-Schalter aufheben.

Insgesamt ist das Plug-in auf eine rasche Bedienung ausgelegt und wird niemanden vor tontechnische Herausforderungen stellen. Die überschaubare Auswahl an Presets sollte daher reichen.

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Parallel Particles kann man in eine ganze Reihe von Waves-Plug-ins einordnen, bei denen namhafte Toningenieure ihre Mitwirkung per Signatur bekunden (unter anderem die Signature Series). Andrew Scheps erläutert zu Parallel Particles (frei übersetzt), dass es ihm hier darum geht, den User zurück zur emotionalen Komponente der Arbeit am Klang zu führen. Anstatt an zahllosen Reglern von Equalizern, Kompressoren, Transienten-Werkzeugen und mehr zu drehen, soll ein direkter, intuitiver Zugang zur Klanggestaltung geschaffen werden. Dieses Ziel, das sei hier vorweggenommen, wird mit dem Plug-in ohne Zweifel erreicht, und die Klangqualität kann sich definitiv hören lassen.

Des Weiteren heißt es, die langjährige Erfahrung des prämierten Produzenten und Toningenieurs sei in das Plug-in eingeflossen – ob das den Schluss zulässt, dass nun jeder Besitzer von Andrew Scheps – Parallel Particles Abmischungen wie der große Meister realisieren kann, sei dahingestellt.

Der schnelle Weg zu einem guten Mix bei Verzicht auf eine umfassende Ausstattung mit Parametern hat auch Nachteile: Wer über ein Arsenal an Kompressoren, EQs, Excitern und mehr verfügt, wird auch zu schätzen wissen, dass er damit sehr genaue Einstellungen erzielen kann, die exakt auf die jeweilige Anwendung bzw. ein spezifisches Instrument zugeschnitten sind. Vielleicht hat man auch schon Plug-in Ketten als eigene Presets entworfen, für bestimmte Anwendungszwecke vorkonfiguriert und in Form von Channel-Strips abgespeichert. Bei Cubase 8.5 ist das eine empfehlenswerte Routine. Detaileinstellungen sind dann bei Bedarf immer noch möglich.

Was Parallel Particles nicht liefert, ist nämlich genau das: Das Fine-Tuning für ein ganz bestimmtes Audio-Material und ganz konkrete Klangvorstellungen. Während des Tests habe ich festgestellt, dass Parallel Particles für meinen Geschmack manchmal auf Anhieb genau das Richtige liefert, in anderen Fällen wiederum nicht meinen Vorstellungen gerecht wird, ganz egal, wie ich die interagierenden Module einstellt. Ein bisschen mehr Transienten im mittleren Bereich, einen etwas konkreteren Punch im Bass oder einen genau definierbaren Sättigungseffekt im Obertonspektrum mit unterschiedlichen Charakteristika von der Bandmaschine bis zur Röhrensimulation kann man nicht konkret einstellen. Beim Bite-Regler hätte ich mir einen Zusatzparameter gewünscht, mit dem man das Teilspektrum, in dem das Transienten-Tool greift, einstellen kann. Der Waves Trans-X kann das.

 

 

Installation, Autorisierung und Support

Bitte schauen Sie hierzu bei einem anderen unserer Tests zu Waves-Produkten nach, etwa zum Infected Mushroom Pusher (der übrigens ähnliche Ziele verfolgt wie Parallel Particles). Im Gegensatz zum IM Puher ist Parallel Particles jedoch Teil des Mercury Bundles, was dessen Besitzer zu schätzen wissen werden.

Wissenswert ist auch, dass man beim Kauf eines Waves-Produktes den WUP (Waves Update Plan) nicht außer Acht lassen sollte: Benötigt man Support, etwa eine Neuinstallation auf einem neuen Betriebssystem nach mehr als 12 Monaten, so muss zunächst der WUP wieder kostenpflichtig aktiviert werden. Das Gleiche betrifft den Fall, dass man sich in ferner Zukunft von Waves-Produkten trennen möchte: Für einen Verkauf ist ein aktiver WUP Voraussetzung. Für die Übertragung der Eigentumsrechte auf den neuen Besitzer zahlt man noch eine zusätzliche Gebühr, deren Höhe vom regulären Preis des Produktes abhängt. Mehr zum WUP erfahren Sie auch in unserem „Raubkopierer“-Artikel.

 

Klangbeispiele

Zunächst lassen wir Scheps Parallel Paricles auf den Toontracks EZdrummer (Modern Drummer, Disco Grooves) los:

Dry:

 

Mit Parallel Particles:

 

Kein Zweifel, das klingt richtig gut, aber auch lauter (und lauter klingt immer auch besser). Mein Limiter am Ausgang muss ein paar Pegelspitzen abfangen.

Zum Vergleich setze ich den Channel-Strip aus Cubase 8.5 mit dem Preset „Big Rock“ ein und hebe im EQ die Bässe noch ein wenig zusätzlich an:

 

Das klingt ganz anders aber nicht wirklich schlechter. Interessant ist, wie unterschiedlich sich die beiden Alternativen auf die Raumakustik des EZdrummers auswirken. Parallel Particles zeichnet die Bassdrum sehr schön, der Cubase Strip bringt etwas mehr die Transienten zur Geltung.

Für die nächsten Audiodemos verwende ich Loops aus den Vocal Dance Hits 2 von Ueberschall. Bassline, Drums und Gesang habe ich auf drei separate Ausgänge des Ueberschall Elastik-Players gelegt und setze dort drei Instanzen von Parallel Particles ein.

Zunächst dry:

 

Die Spuren sind im Prinzip schon produktionsfertig gemischt, deshalb verwende ich Parallel Particles zunächst als Master-Effekt mit dem Preset „Whole Mix“:

 

Parallel Particles bewirkt hier eine angenehme Aufwertung des Mixes ohne dabei besonders spektakulär aufzutreten. Für ein differenziertes Mastering ist Parallel Particles sicher nicht gedacht, für einen kleinen Schub am Klang vor dem eigentlichen Mastern jedoch ein geeignetes Mittel.

Nun geht es an die drei Instanzen in den Gruppen; die Instanz im Masterkanal habe ich wieder ausgeschaltet.

 

Tja, was soll man sagen: Das Ergebnis ist beeindruckend. Die Effekte habe ich bewusst recht stark eingesetzt, es geht also problemlos auch etwas weniger „crispy“ im Gesang und etwas weniger fett in den Bässen, wenn man das will. Zum Gesang: Doppeln oder gar Slap-Back-Echos gehören nicht zum Aufgabenbereich von Parallel Particles, hier geht es nur um die Arbeit an der Dynamik und am Frequenzgang.

Und weil das vorhin so schön geklappt hat, versuche ich es alternativ auch hier wieder mit Cubase 8.5 Pro On-Board-Mitteln, nämlich Channel-Strip-Presets – ohne weitere Eingriffe in die Details der Parametereinstellungen:

 

Wiederum erstaunlich, wie nahe dieses Ergebnis an jenes der Parallel Particles – Instanzen kommt. Diese klingen eine Spur knackiger im Attack der Bassdrum und einen Tick transparenter bei der Stimme. Der Cubase-Strip liefert dafür mehr Dampf und wirkt runder.

Ich will jetzt nicht anfangen, einen groß angelegten Vergleichstest zu starten. Parallel Particles gibt es als Demo-Version – es ist immer eine gute Idee, solche Angebote zu nutzen, bevor man zuschlägt. Doch eine Alternativabmischung kann ich mir nicht verkneifen: Wie eingangs erwähnt zielt Waves IM Pusher in die selbe Richtung: Ein Multi-Werkzeug mit übersichtlicher Bedienung für intuitives, schnelles Arbeiten. Im letzten Audiodemo habe ich daher drei IM Pusher – Instanzen mit passenden Presets geladen:

 

Auch nicht schlecht, nicht so ausgewogen wie Parallel Particles. Möglicherweise fokussiert der IM- Pusher mehr auf Electro/Club-Genres, wo es gerne etwas plakativer und ein wenig schneidender oder schriller in den Höhen sein darf.

Nachdem ich mir die drei letzten Ergebnisse (mit Parallel Particles, Cubase 8.5 Pro On-Boad-Mittel und IM Pusher) mehrfach angehört habe, würde ich persönlich mich bei diesem Anwendungsbeispiel für die Cubase-Variante entscheiden. Dennoch will ich nicht verschweigen, dass mich Parallel Particles reizt; das Plug-in ist mindestens eine gute Alternative und schnell in den Song eingebaut.

 

Fazit

Auch wenn man sich einmal von der opulenten Grafik löst und die Signatur „Andrew Scheps“ außen vor lässt: Scheps Parallel Particles liefert auf Knopfdruck einen überzeugenden Sound für einzelne Instrumente, Gruppen und macht selbst in der Mastering-Kette eine gute Figur.

Die Bedienung könnte kaum einfacher sein. Chirurgische Eingriffe sind mit dem Multitalent nicht möglich, und ein hundertprozentig auf ein Instrument eingestelltes Klangdesign ist auch nicht Sinn der Sache: Vielmehr geht es darum, schnell und ohne große Kompromisse einen Sound herbeizuzaubern, der Spaß macht. Und das gelingt ohne Einschränkungen.

Parallel Particles eignet sich für Anfänger, die sich nicht durch einen Parameterdschungel kämpfen wollen, und für Profis, die ohne Zeitaufwand einen beeindruckenden Sound erzielen wollen. Durch die geringe CPU-Last macht das Plug-in auch live und in mehreren Instanzen eine gute Figur.

Im Rahmen dieses Tests habe ich – ohne das ursprünglich zu beabsichtigen – allerdings festgestellt, dass auch Cubase 8.5 Pro On-Board-Mittel nahe an das Klangergebnis unseres Testkandidaten kommen, und zwar alleine mit den mitgelieferten Presets, also ohne tieferes Editieren.

Unterm Strich stellt Parallel Particles ohne Zweifel eine Bereicherung des Angebots an virtuellen Werkzeugen für die Abmischung dar. Als zusätzliche Alternative ist das Plug-in sicher eine gute Wahl.

Generell ist bei Waves-Produkten zu beachten, dass der Support durch den WUP auf ein Jahr begrenzt ist und danach bei Bedarf kostenpflichtig verlängert werden muss (s. a. Abschnitt „Installation“).

Der (reguläre) Preis ist angemessen, der (aktuelle) Sonderpreis von 59.- US-Dollar ausgesprochen günstig. (Waves bietet seit einiger Zeit nach dem Rotationsprinzip alle (oder fast alle) Plug-ins und Bundles zu deutlich vergünstigten Konditionen an.)

Testautor: Holger Obst

Preis: 129.- US-Dollar (regulär)

Plus:

  • sehr gute Klangqualität
  • Universal-Bearbeitungstool für das Abmischen
  • extrem einfache Bedienung
  • musikalischer, organischer Sound

Minus:

  • Support auf ein Jahr begrenzt (WUP)

Hersteller: Waves

Systemanforderungen:

Bitte informieren Sie sich auf der Seite des Herstellers. Die meisten Waves-Produkte weisen relativ hohe Anforderungen auf, etwa die Version des Sequences betreffend (zu finden unter „Supported Hosts“). Sollten Probleme unter Host-Versionen auftreten, die nicht im Rahmen der Systemanforderungen liegen (z.B. Cubase 7.0), so greift der Support nicht. (Ich merke das hier an, weil ich es selbst so erlebt habe.)

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