Test: Spectrasonics Keyscape Teil 4
Fazit
Ausnahmeprodukte wie Stylus RMX, Trilian und Omnisphere 2 haben die Erwartungen an Keyscape hochgeschraubt. Auch anspruchsvolle Pianisten quer durch alle Genres werden nicht enttäuscht: Spectrasonics bleibt seiner Linie treu und liefert abermals ein virtuelles Instrument auf Referenzklasseniveau ab – mit 77 GB Samples, 26 Instrumenten und 500 Patches.
Bei Keyscape stimmt alles:
Die Audioqualität ist erlesen. Der Klangcharakter der Instrumente wird authentisch und detailreich abgebildet. Velocity-Layer und Round Robins ermöglichen ein nuanciertes, dynamisches Einspielen. Man vergisst schon beim ersten Anspielen, dass man mit einem Computer Musik macht.
Auch die Auswahl und Vielfalt lässt (fast, s.u.) nichts zu wünschen übrig: Die Unikate, die Spectrasonics hier präsentiert, haben alle ihr Eigenleben, ihren ganz individuellen Klang. Das betrifft auch den Yamaha-Flügel, der selten anmutig erscheint, erst recht aber die vielen Modelle, die bislang noch von keinem anderen Hersteller gesampelt wurden, darunter manche Antiquität und Rarität.
Die Ausstattung mit Parametern ist ebenfalls geglückt: Regler wie Color Shift oder Timbre holen aus einem Instrument eine beeindruckende Palette an Klangfarben heraus. Äußerst gelungen sind auch die zahlreichen auf alt getrimmten Varianten, die teils fast so klingen wie von einer Schelllackplatte oder aus einem Radio vergangener Zeiten. Die Lo-Fi- und Vintage-Abteilung von Keyscape bedient nostalgische Emotionen wie kaum ein anderes Instrument.
Die Bedienung ist übersichtlich. Keyscape ist klar aufgebaut, verzichtet auf überflüssigen Schickschnack. Angenehm fürs Auge ist die geschmackvolle Grafik mit liebevoll bebilderten Instrumenten, und auch die integrierte Kurzinformation zu den jeweiligen Keyboards verdient Lob.
Auf den ersten Blick erscheint Keyscape nicht gerade billig – doch teilt man den Preis durch 36 unterschiedliche Exemplare, die alle akribisch aufgenommen und zuvor teils aufwändig restauriert wurden, so relativiert sich der Anschaffungspreis erheblich. In der Tat ist es so, dass andere Hersteller guter und aufwändig gesampelter Keyboards zwischen 70 und 150 EUR, teils darüber hinaus, für ein Exemplar einfordern (und damit sicher nicht zu dick auftragen).
Fast könnte man sagen, dass Besitzer von Keyscape rundum glücklich und lückenlos versorgt sind, doch bei aller Begeisterung muss man feststellen, dass diese exquisite Sammlung nicht alles abdeckt: Mit dem Mellotron, den Orgeln und den Akkordions fehlen drei wichtige Vertreter unter den Tasteninstrumenten. Der Grund dafür dürfte sein, dass diese Instrumentengattungen sich teilweise in Omnisphere 2 wiederfinden; speziell Mellotron und Orgeln werden hier variantenreich angeboten. Sucht man nach klassischen Akkordions, wird man weniger fündig: Hier trifft man auf eine Melodica und natürlich das Harmochord aus Keyscape.
Die Integration von Keyscape-Instrumenten in Omnisphere beschert den Besitzern beider Produkte einzigartige Layer und Stacks aus bis zu acht Instrumenten, zwischen denen man unter anderem per Modulationsrad überblenden kann – was nicht zuletzt atemberaubende Klangmetamorphosen für die Filmmusik liefert. Das Einrichten der acht Instrumente als Velocity-Layer ermöglicht einzigartig dynamisch reagierende Instrumente.
Im Live-Modus (von Omnisphere) lassen sich Instrumente beider Libraries (zuzüglich Trilian, soweit vorhanden) auf vielfältige Weise zu Performance-Sets kombinieren. Dank hoher Stabilität darf man diese angstfrei auch auf die Bühne mitnehmen. Ein Laptop sollte allerdings von der allerneuesten und schnellsten Generation sein. Besser ist ein solider Rack-Rechner. Bei solch üppig mit Samples ausgestatteten Instrumenten samt gelungener Effekt-Emulationen kommt man um eine überdurchschnittliche Anforderung an das System nicht herum.
Wer nicht über Omnisphere 2 verfügt, findet in Keyscape eine Reihe von DUO-Patches, bei denen zwei Instrumente kombiniert und in der Lautstärke gemischt werden können.
Die Anwendungsgebiete für Keyscape sind vielfältig – das liegt schon alleine am breit aufgestellten Klangrepertoire. Klassik, Kammermusik, alte Musik, Retro-Balladen im 40er Jahre Sound sind ebenso möglich, wie bissige Funky-E-Pianos allererster Güte. Man muss jetzt wirklich kein 40-Kilo-Möbelstück mehr auf die Bühne schleppen, wenn man ein waschechtes E-Piano spielen möchte. Überzeugende Wurlitzer-, Rhodes- und Hohner-Klassiker sind nur einen Mausklick voneinander entfernt.
Pianisten dürfen sich über ein breites Angebot unterschiedlichster Klaviere freuen, vom „Spielzeugklavier“, welches seinerzeit als Übungsklavier für beengte Kammern von Musikstudenten gebaut wurde, bis zum Yamaha C7 mit einem für dieses Modell selten warmen und sanften Klang; vom Clavichord, welches erstmals um 1400 auftauchte, und bei dem keine Saiten, sondern Metallplättchen angeschlagen wurden, bis zum Saloon-Piano mit angemessener tonaler Schräglage.
Keyscape entführt auch den weniger versierten Piansten in authentische Klangwelten verschiedener Epochen, von den ersten Rhodes-, Hohner-, und Wurlitzer-Modellen über ostdeutsche Adaptationen aus der Zeit des Kalten Krieges (Weltmeister) bis zu edlen zeitgenössischen Nachfolgern von Vintage Vibe. Es spielt keine Rolle, welches Instrument man lädt, jedes überzeugt mit seinem ganz eigenen Charme, und es ist ein purer Genuss, diese Kollektion zu spielen. Um Freude an Keyscape zu haben, muss man kein Meister der Tasten sein. Eine kleine, gefühlvolle Melodie reicht schon aus, um Atmosphäre zu erzeugen. Tipp: Toontrack bietet für EZkeys eine reichhaltige Sammlung an MIDI-Pattern, die man (wie ich es im Test häufig getan habe) auch für Keyscape verwenden kann.
Keyscape ist eine klare Empfehlung, ohne jede Einschränkung und wird – wie Stylus RMX, Omnisphere 2 und Trilian, über viele Jahre ein attraktives Produkt bleiben – einfach, weil Spectrasonics mit viel Liebe zum Detail und Perfektion an die Sache herangegangen ist. Die zehnjährige Entwicklungsarbeit hat eine Library auf absolutem Top-Niveau hervorgebracht. Respekt!
Testautor: Holger Obst

Plus:
- einzigartige Sammlung von Raritäten und Legenden
- exzellente Audioqualität
- sehr lebendiger, ausdrucksstarker Klang
- Querschnitt durch alle Epochen, Tasteninstrumente ab Anno 1400
- einfache Bedienung
- effektive Gestaltung der Klangfarbe einzelner Instrumente
- viele Nostalgie-Instrumente mit unvergleichlichem Retro-Charme
- riesige Auswahl an E-Pianos mit bislang unerreichtem Echtheits-Feeling
- Integration in Omnisphere 2 (Splits & Stacks, Velocity-Layer, Modwheel-Crossfades, Effekte, Multi)
- faires Preis-Leistungs-Verhältnis
- kundenfreudlicher Umgang mit Autorisationen
Neutral:
- nicht unerhebliche Anforderungen an die Systemleistung (RAM, Prozessor, Harddisk)
Minus:
- kein VST3-Format
Preis: 399.- US Dollar (UVP)
Formate: Mac/Pac; AU, VST 2,4, AAX (nur 64 Bit Support, innerhalb von Omnisphere 2 auch 32 Bit). Genaue Informationen zu den aktuellen Systemanforderungen finden Sie HIER.
Hersteller: Spectrasonics
Testsystem:
Win 8.1 PC, Intel 6-Core i7, 5930K, mit 3,5-3,8 GHz CPU unter Cubase 8.5, RME Fireface 802, Testprojekt mit 44,1 kHz Samplerate und 24 Bit Auflösung.
Links:
Test Spectrasonics Keyscape Teil 1
Test Spectrasonics Keyscape Teil 2
Test Spectrasonics Keyscape Teil 3
Test Spectrasonics Keyscape Teil 4
