Test: Ueberschall Shred Guitar und Guitar Feedback

Beide Libraries bieten Gitarrenloops, die in Tempo und Tonhöhe angepasst werden können. Shred Guitar ist der Spezialist für virtuose, rasante Läufe, Guitar Feedback für die schrillen Töne, knarrende und krachende Geräuscheinlagen und diverse Spielweisen zwischen diesen beiden Extremen.

Beide Libraries ergänzen das Repertoire von Nicht-Gitarristen und solchen, die sich noch auf dem Weg zur Perfektion befinden, um Ausdrucksformen, die man mit keinem klassischen Sample-Instrument realisieren kann.

 

Gitarren aller Art, akustische und elektrische, sind in vielfacher Form als Bestandteile der Instrument-Serie im Ueberschall Repertoire zu finden. Auf releasetime haben wir bereits den Upright Bass und die Jazz Guitar vorgestellt.

In beiden Tests finden Sie nähere Beschreibungen zur Installation und Autorisierung sowie zur Funktionsweise der Elastik 2 – Engine, weshalb wir auf Beides hier nicht noch einmal ausführlich eingehen.

(Geändert hat sich der Resample-Effekt: Dieser befindet sich nun im Edit-Menü unter Time. Der obere Regler dort regelt das Tempo des Loops, der untere das Resampling. Mit Hilfe des Sync Buttons ist es nun sogar möglich, völlig freie Resample-Werte zu setzen oder zum Beispiel stufenlose Verläufe zu gestalten. Das ging mit der alten Resample Version nicht.)

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Shred Guitar umfasst 635 MB und beinhaltet (laut Herstellerangabe) 252 Loops der Genres Rock und Metal.
Guitar Feedback wiegt 918 MB und beinhaltet 140 thematisch kategorisierte Loops.

Shred Guitar bietet zumeist Loops von vier bis acht Takten Länge in 4/4. Guitar Feedback beinhaltet teils sehr lange Improvisationen über 16 Takte hinaus. Nicht alles ist im klassischen 4/4 Takt eingespielt, auch ungerade Taktarten sind dabei – leider ohne Kennzeichnung. Anhand des Positionszeigers im Loop-Eye findet man sich aber schnell zurecht und kann durch Begrenzung und Segmentierung auch Ausschnitte aus den Loops herausgreifen, die dann zur 4/4 oder 3/4-Metrik passen.

 

Überblick

Die Loops von Shred Guitar sind in drei Blöcke unterteilt, weniger, weil es zwischen diesen Blöcken grundlegende Unterschiede, etwa im Stil, geben würde, als vielmehr, um das Scrollen in Grenzen zu halten. Innerhalb der Blöcke finden sich insgesamt 83 verschiedene Läufe, allesamt atemberaubend schnell und virtuos eingespielt, mit Angabe des Originaltempos und der Tonart.

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Die Läufe können im Browser vorgehört werden, bevor man sie auf die Tasten des virtuellen Keyboards zieht. An das Originaltempo muss man sich nicht halten: Der Timestretch-Algorithmus der Elastik-Engine (von zplane) liefert in sehr weiten Bereichen gute und artefaktfreie Ergebnisse.

Auch die Tonart lässt sich über das Pitchshifting transponieren, also E-Moll in F-Moll umwandeln, indem man einfach den gesamten Loop um einen Halbtonschritt nach oben transponiert. Man kann hingegen nicht aus E-Dur E-Moll machen oder den Lauf um ein Intervall skalengetreu transponieren. Für solche Operationen benötigt man derzeit noch externe Software (wie etwa Celemony Melodyne). Es ist jedoch noch für dieses Jahr ein großes Update des Players angekündigt: Elastik 3 soll dann unter anderem genau diese erweiterten Pitch-Shifting-Funktionen erhalten.

Angenehm ist, dass die Läufe nicht nur in der produktionsfertigen Version mit deftiger Verzerrung, sondern auch clean und zudem mit Preamp und EQ-Bearbeitung vorliegen. (So kommt man auf 3 x 83 = 246 Loops.) Wer also seinen eigenen Sound gestalten will, nimmt die Clean-Version, wer eine Speakeremulation, einen eigenen Overdrive oer andere Effekte verwenden will, bedient sich bei den Preamp-Varianten, wer schnell zur Sache kommen will, findet in den Loops mit komplettem Sounddesign eine gute Lösung.

Um das auch akustisch zu verdeutlichen, hier ein und derselbe Loop in den drei Varianten:

 

Bei Guitar Feedback sieht es etwas anders aus: Hier trifft man naturgemäß und unweigerlich auf fertig produzierte Sounds in allerlei Facetten – ein „cleanes“ Feedback ohne Übersteuerung ist kaum möglich. Dennoch finden sich hier viele Loops, die man durchaus mit externen Effekten weiter verfremden kann. Anders als bei Shred Guitar ist das Ziel hier nicht unbedingt eine authentische, „naturbelassene“ Gitarre.

Ein großer Bedarf an weiteren Verfremdungen kommt allerdings zunächst nicht auf: Das Angebot an Feedback-Klangfarben ist außerordentlich breit aufgestellt. Mir ist keine andere Sample-Library bekannt, die sich diesem Thema derart umfassend, kreativ und, wie wir noch hören werden, geschmackvoll und ausdrucksstark widmet. Das Sortiment an Loops geht über das schrille Standard-Fiepen weit hinaus (was auch das ein oder andere Sample-Instrument als Alternativartikulation bietet): Guitar Feedback offeriert vielmehr ein Archiv an Rock-Ornamenten, das es in sich hat.

Damit man sich schneller zurechtfindet, gibt es eine informative Kategorisierung:

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Es finden sich auch manche extravagante Perlen, hier eine E-Bow-Improvisation mit schrägem Taktmaß:

 

Das erinnert ein wenig an das Intro zu King Crimson „Satori in Tanger“, Album „Beat“.

Wie weit der Begriff Feedback bei dieser Library interpretiert wird, zeigt auch das nächste Demo mit einem Loop aus der Kategorie Layer. Die Drums stammen aus Toontrack EZdrummer, EZX Jazz, der Bass aus Ueberschall Upright Bass.

 

Hier die selbe Drums/Bass-Begleitung mit einem Flageolet-Loop. Im zweiten Durchgang habe ich den Loop segmentiert und das Panorama einzelner Abschnitte verändert.

 

Auch bei Guitar Feedback sind die Loops mit dem Originaltempo und der Originaltonart gekennzeichnet – und auch hier hat man dank zplane-Algorithmus freie Hand, was das Timestretching und Transponieren betrifft. Beim letzten Audiodemo habe ich 90 BPM verwendet – bei einem Originaltempo von 120 BPM.

Sowohl Shred Guitar als auch Guitar Feedback verzichten dankenswerterweise weitgehend auf Halleffekte. Das macht es möglich, den Sound mit einem zum Projekt passenden, individuellen Hall auszustatten.

 

Klangangebot und Anwendungsbeispiele

Shred Guitar

Shred Guitar ist unerhört schnell. Die Fingerfertigkeit und die fließenden Artikulationwechsel lassen sich auch von ausgebufften Keyboardern nicht mit einem herkömmlichen Sample-Instrument imitieren. Das nimmt diesen Libraries nicht die Existenzberechtigung, denn sie haben andere Vorteile: Dort kann man Note für Note genau das einspielen, was man will. Bei den Shred Guitar – Loops sind die Motive hingegen vorgegeben und können nicht beliebig angepasst und verbogen werden.

Zwei Shred Guitar – Loops bei 100 BPM (und EZdrummer EZX Progressive).

 

Es ist schon beeindruckend, was der Gitarrist hier macht. Es fällt auf, dass der Sound beider Loops nicht ganz gleich ist. Loop 1 ist etwas weniger höhenreich, Loop 2 wirkt etwas schärfer und akzentuierter. Anstatt nun mit einem EQ oder anderen Tools (Transientenwerkzeug, Exciter) zu experimentieren, kann man auch zu den unbearbeiteten Versionen wechseln und eigene Amp/Speaker-Simulationen, Verzerrer und anderes Gerät einbringen.

So hört es sich clean an …

 

… und so mit Bias FX Professional:

 

(Die Drums habe ich mit Zynaptiq Unmix:Drums und dem U73b Compressor von Audified bearbeitet.)

Native Instruments Guitar Rig 5, Preset „Big Monster“:

 

Zwei weitere Loops im Originaltempo bei 100 BPM:

 

Die cleanen Versionen mit Guitar Rig 5, Preset British Ultra:

 

Da die cleanen Versionen absolut trocken sind, eignen sie sich hervorragend, um mit Melodyne bearbeitet werden zu können. Melodyne erkennt auch prompt richtig C-Moll. Mit wenigen Handgriffen kann man nun eigene rasante Läufe entwerfen. Ich begnüge mich damit, die jeweils zweiten Durchgänge der Loops zu transponieren. Am Ende baue ich eine etwas schrille Steigerung in die höchsten Lagen ein.

 

Hier noch zwei achttaktige Loops bei 160 BPM (ohne externe Effekte). Da kommt der Drummer ganz schön ins Schwitzen.

 

In Guitar Feedback wollen wir natürlich auch hineinhören.

 

Das war ein Beispiel aus der Kategorie Amp, ein Loop mit 16 Takten Länge im Originaltempo von 80 BPM. Da kracht und knarzt es schon gewaltig. So hört es sich bei 120 BPM an:

 

Die Drums stammten von Toontracks EZdrummer, Postrock EZX.

Hier zwei Loops aus der Kategorie Wah Wah, zusammen mit einem Dubstep-Beat aus dem kostenlosen Elastik 2 – Repertoire sowie einem monotonen Bass aus Ueberschall Astral Electro Flux:

 

Zwei Loops aus der Kategorie Chords und Slide Chords:

 

In der Kategorie Single Notes finden sich ausgedehnte Loops über 24 Takte, hier ein Loop mit 150 BPM. Teilweise eignen sich die Loops auch für einen zusätzlichen Einsatz externer Effekte, wie im folgenden Audiodemo (Positive Grid Bias FX Pro), Drums von Toontrack Post Rock EZX.

 

Hier habe ich einen Loop aus Guitar Feedback (für das Intro, Flageolets in Cis-Moll) mit einigen Riffs aus Shred Guitar kombiniert. Die Wiederholungen der Riffs habe ich mit Melodyne bearbeitet.

 

Für die Flageolets habe ich Positive Grid FX Professional als externen Effekt eingesetzt, für die Shred Guitar Riffs ein Presets aus Native Instruments Guitar Rig 5.

 

Fazit

Die beiden Ueberschall Libraries Shred Guitar und Guitar Feedback erweitern die Kompositionsmöglichkeiten für Rock/Metal-orientierte Projekte um Spielweisen, wie man sie auch mit fortgeschrittenen Sample-Gitarren nicht realisieren kann.

Shred Guitar bietet virtuos eingespielte, extrem schnelle Läufe – sowohl produktionsfertig als verzerrte, verstärkte Sounds, alternativ nur mit Preamp und Equalizer oder vollkommen unbearbeitet. Besonders die unbearbeiteten Versionen eignen sich für den Einsatz externer Effekte oder auch Pitchshifting/Timestretching-Spezialisten, die über die Möglichkeiten des internen Algorithmus hinausgehen. Falls Sie sich jemals einen richtigen Guitar-Hero gewünscht haben, der für 49.- EUR auf Abruf zur Verfügung steht – hier ist er.

Das interne Pitchshifting und Timestretching liefert gute Ergebnisse; insbesondere die Tempoanpassung gelingt in einem sehr weiten Bereich artefaktfrei. Die tempounabhängige Transponierung erlaubt die Anpassung der Loops an die Projekttonart. Es ist kein Problem, etwa aus Cis-Moll F-Moll zu machen. Zudem kann man die Formanten unabhängig transponieren und damit den Klangcharakter ändern.

Das alles gilt auch für Guitar Feedback. Diese Library bietet eine außergewöhnlich umfassende Sammlung an Feedback-Passagen, die nicht nur als extravagante, rockige Effektsounds dienen, sondern auch für ausgedehnte Soli verwendet werden können. Die Loops sind teilweise sehr lang, sodass man gut mit Kopien und unterschiedlich bearbeiteten Segmenten ein und desselben Loops arbeiten kann, um ein homogen klingendes Solo zu erstellen. (Wie das geht, habe ich in den Tests zum Ueberschall Upright Bass und zur Jazz Guitar beschrieben.)

Im Gegensatz zur klanglich weitgehend homogenen Shred Guitar liefert Guitar Feedback sehr unterschiedliche Klangfarben und auch eine Reihe von Effektbearbeitungen. Das eröffnet ein weites Experimentierfeld und lässt die unterschiedlichsten Anwendungszwecke zu.

Klanglich ist an den Loops beider Produkte nichts auszusetzen. Die Audioqualität spielt sich auf zeitgemäß hohem Niveau ab.

Zusammen mit einem temperamentvollen Drummer (etwa Toontrack EZdrummer oder Superior Drummer, EastWest Pro Drumer, FXpansion BFD, Steinberg Groove Agent 4) und kräftigen externen Gitarren-Effekten macht das Arrangieren und Experimentieren mit Shred Guitar und Guitar Feedback richtig Spaß. Im Gegensatz zu den Gitarristen, die die Loops eingespielt haben, ist der Anspruch an die Fingerfertigkeit des Keyboarders minimal. Hier geht es eher darum, die passenden Loops zusammenzustellen, einen geeigneten Beat zu entwerfen und einen packenden Sound zu gestalten.

Der Preis für beide Testkandidaten ist ausgesprochen fair.

Plus:
außergewöhnliche Sounds
virtuos, lebendig und kreativ eingespielt
alternative, trockene Sounds für den Einsatz externer Effekte oder Pitch/Time-Spezialsoftware (Shred Guitar)
artefaktfreie Tempoanpassung in weiten Bereichen
geringe CPU-Last
einfach zu bedienen

Minus:
Pitch-Time-Algorithmus erlaubt kein Transponieren mit Skalenkorrektur

Preis: je 49.- EUR

Systemanforderungen und Formate

Mac ab OSX 10.9 (empfohlen)
Windows ab Win 7 (empfohlen)
32 und 64 Bit
VST, AU, RTAS, AAX, Standalone

Hersteller: Ueberschall

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