Test: Audified TNT Voice Executor

 

Beim Voice Executor geht es um eine einfach zu bedienende Optimierung von Sprach- und Gesangsaufnahmen. Welche Methode verwendet der TNT Voice Executor? Was steckt unter der Haube? Wie klingt das Plug-in? Ist es livetauglich?

Zunächst einmal gehen wir mit einer gewissen Erwartungshaltung an das neue Tool von Audified heran, denn

haben bei uns einen guten Eindruck hinterlassen und sind teilweise ausgesprochen günstig (inValve-Bundle für aktuell nur 49.- EUR) oder sogar gratis (wechselnde Auskopplungen aus den STA-Effects sowie andere Plug-ins des Herstellers).

 

Überblick

Tomas Trakal, Besitzer des TNT Recording and Postproduction Studios (Tschechien), hat den TNT Voice Executor für Anwender entworfen, die ohne Umwege, nämlich mit nur einem Mausklick, eine komplette Bearbeitung für die Stimme erhalten wollen. Dazu zählen Produzenten, die unter enormem Zeitdruck arbeiten und Anwender, die sich eigentlich nicht weiter in die Mixing-Materie einarbeiten wollen. Neben dem Preset-Menü, welches hier die Hauptrolle übernimmt, gibt es lediglich Regler für Input, Drive und Output – das war´s.

Recording und Studiotechnik

Intern sind Dynamics, Delay, EQ, ein Verzerrer, eine Stereoverbreiterung, ein Limiter und ein Vorverstärker (Drive) am Werk. Damit lässt sich schon eine Menge machen – aber längst nicht alles.

Ein ordentlicher Hall ist nicht an Bord, und wie wir noch sehen werden, sind auch die Dynamics begrenzt. Extras wie Chorus oder Verfremdungen mittels Pitch-Shifter gehören nicht zum bodenständigen Programm des TNT Voice-Executors, ganz zu schweigen von Vocoder- oder Roboterstimmen.

Alle Bedienelemente im rechten Drittel sind lediglich Displays. Ich muss zugeben, dass ich eine Weile erfolglos auf die Schalter für das Gate, das Low-Cut-Filter, den Kompressor und EQ sowie Distortion, Delay, Stereo und Limit geklickt habe, bevor ich auf der Herstellerseite nachgelesen habe, dass diese lediglich die aktuelle Konfiguration anzeigen. Es wäre schon angenehm, wenn man die einzelnen Module wenigstens zu- oder abschalten könnte. Was ebenfalls fehlt, ist ein Mix-Regler für Parallelprocessing. Ein Dosieren der Effekte ist mit Ausnahme der Sättigung daher nicht möglich. In der Praxis stellt sich heraus, dass einige Presets aufgewertet würden, wenn man das Originalsignal beimischen könnte.

Angesichts der kompromisslos spartanischen Parameter-Ausstattung bleibt uns nur, einen Blick auf die Presets zu werfen.

 

 

Die Presets

Neben einer Spezialabteilung für Rap finden sich Vorlagen für weibliche und männliche Stimmen in Form von Gesang und als Sprache. Unter Special gibt es noch ein paar Extra-Effekte.

Hier noch die Auswahl aus dem zweiten Menü, welches man über das Schlüsselsymbol erreicht:

Das hört sich bislang alles nicht sehr spannend an. Entscheidend ist also die Qualität, Effizienz und Vielseitigkeit der Presets.

Diese Passage stammt aus Zero G Vocal Foundry.

 

Nun mit einem Preset für weiblichen Gesang (Female Vocal Clear):

 

Als erstes fällt auf, das das bearbeitete Signal ein Stück weit lauter ist. Lauter klingt immer besser. Ein objektiver Vergleich fällt dann schwer. Gleicht man den Pegel an, stellt sich aber heraus, dass der TNT Voice Executor viele kleine Details aufdeckt und die Stimme auch voller macht. So weit – so gut. Wir werden später noch hören, dass das leider nicht auf alle Presets zutrifft.

Und auch wenn der erste Eindruck positiv ist: Es fehlt etwas Entscheidendes: Ich kann nicht erkennen, dass die etwas scharfen Zischlaute, die kleinen Plops und die Transienten ein wenig in ihre Schranken gewiesen werden. Für eine vollständige Vocal-Bearbeitung braucht man mindestens einen zusätzlichen De-Esser, für höhere Ansprüche auch einen dynamischen Equalizer und/oder schmalbandige Korrektur-EQs, um Unsauberkeiten in den Gesangs- oder Sprachaufnahmen gezielt herauszufiltern. Spezialwerkzeuge wie Ent-Haller für Sprachaufnahmen erwähne ich hier nur der Vollständigkeit halber – das wäre angesichts des moderaten Preises unseres Testkandidaten dann doch etwas zu viel verlangt.

Wenn man Drive auf 100 Prozent anhebt, wird der Klang weicher und wärmer, verliert aber gleichermaßen an Transparenz und Detailreichtum – kein Vergleich zu einer Röhrensimulation, die das Obertonspektrum belebt und die Tiefenwirkung dezent erhöht. Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass eine Röhrensimulation aus anderen Audified-Produkten eingebaut ist, etwa aus dem inValve Preamp oder aus den STA-Effects. Dort klingen sie für meinen Geschmack jedoch definitiv besser. Einen Vergleich zur (deutlich teureren) Back Box Analog Design HG-2 wollen wir fairerweise nicht weiter ausführen.

Im nächsten Versuch probieren wir das Preset „Female Vocal Huge“ aus, wieder zunächst das trockene Original (Zero G Velvet):

 

… und die bearbeitete Version:

 

Die Stimme gewinnt an Volumen und Durchsetzungskraft. Ideal ist die Bearbeitung jedoch nicht: In den Mitten drückt es etwas. Hier wäre ein simpler Regler zur Dosierung des EQs hilfreich gewesen. Der dezente Hall/Echo-Effekt, den Sie hören, stammt nicht vom Plug-in, sondern ist im Original enthalten und wird durch den Kompressor hevorgehoben.

Das Preset „Female Vocal Tight“:

 

Hier greift das Gate des Voice Executors unauffällig und schneidet sauber die Pausen mitsamt Rauschen und Hallfahnen heraus. Zugleich wird die Stimme schärfer und wird sich im Mix deutlich durchsetzen. Eigentlich eine gute Vorlage. Einen De-Esser wird man jedoch auch hier dringend benötigen, um die übertriebenen Spitzen in den Höhen wieder abzufangen.

Das Perset „Female Vocal Delay“:

 

Das hört sich zwar ganz nett an, doch als Delay-Effekt für Vocals ist das meiner Ansicht nach einfach zu wenig. Die Echos sind weder temposynchron, noch lässt sich die Verzögerungszeit einstellen. Das Preset mag zwar zu einigen Projekten passen, ist aber unterm Strich unflexibel.

Mit den Standard-Presets für die Bearbeitung weiblichen Gesangs wären wir damit auch schon durch. Zusätzlich gibt es Pendants für Männergesang und Extra-Presets für Rap. Da ich hier keine brauchbaren Samples habe und es Ihnen nicht zumuten wollte, selbst loszurappen, konnte ich diese Presets nur mit nicht-rappenden Stimmen testen. Dabei habe ich festgestellt, dass die Rap-Presets im Großen und Ganzen keine besonderen weiteren Effekte beinhalten, die wir nicht schon gehört hätten. Optimierungen, etwa durch ein schnelleres Ansprechen des internen Kompressors, will ich nicht ausschließen.

In der Rubrik Special findet man unter anderem einen weiteren Echo-Effekt mit dem Titel „What U Say?“

 

Dass es muffig klingt, ist wohl so gewollt. Ob das Preset eine Bereicherung darstellt, ist eine andere Frage. Mir persönlich sind die Mitten wieder zu drückend.

Ein kleiner Ausflug zu Alternativen: Unter dem Aspekt Lo-Fi oder Retro habe ich auf die Schnelle einen On-Board-EQ aus Cubase Pro 9 mit dem STA-Delay von Audified kombiniert:

 

Den EQ habe ich zur Dämpfung der oberen Mitten und der Höhen verwendet. Das STA-Delay ist temposynchron, schnell einstellbar und wesentlich leistungsfähiger als die Echo-Presets aus dem TNT Voice Executor. Es kostet allerdings auch mit 49.- US Dollar fast so viel wie unser Testkandidat.

Zurück zu unserem Testkandidaten:

Das Preset „Verbbb“ aus dem Voice Executor:

 

Wiederum kein schlechter Effekt, der aber nicht überall passen wird. Hier wäre eine optionale Dämpfung der Höhen bei den Echos wünschenswert und natürlich auch eine Anpassung der Verzögerungszeit.

Das Preset „Radio Man“:

 

Für sich alleine genommen gar nicht schlecht. Zum Vergleich dazu das Preset „Distorted Vox“ aus Toontracks EZmix, bei dem man immerhin den Grad der Verzerrung und den Höhenreichtum regeln kann:

 

Das klingt für mich authentischer nach alten Wiedergabegeräten. Ich komme später noch auf EZmix zurück.

 

Die Speech-Presets

Auch für die Sprachbearbeitung gibt es Presets. Hier zunächst das Original aus „Shhh- I am Speaking“ von Sound of Revolution bzw. Resonant Sound:

 

Mit dem Preset „Female Speech Natural“ …

 

… klingt es sogar eine Spur weniger transparent. Das Preset eignet sich für eine eher verhaltene, unaufdringliche Sprachgestaltung.

Female Speech Tight nimmt der Stimme Druck und Volumen:

 

Eigentlich sollte sie ja prägnant klingen. Auch die anderen Speech-Presets erweisen sich als eher subtil. Female Speech Huge macht die Stimme zwar etwas bauchiger, nimmt ihr aber gleichzeitig Transparenz. In allen Fällen kommt hinter den Kulissen ein Kompressor zum Einsatz, der jedoch keinen besonderen Druck entfaltet aber möglicherweise der Grund dafür ist, warum Transienten und Details bei einigen Presets etwas zu stark hervortreten, während sie in anderen Fällen unterdrückt werden. Wie schon an anderer Stelle erwähnt fehlt einfach ein Mix-Regler für Parallel-Processing oder beim Kompressor ein Regler für den Threshold.

 

Alternativen und Vergleichskandidaten

Wer eine einfach zu bedienende Gesangsbearbeitung sucht, braucht nicht zwingend ein Plug-in wie den TNT Voice Executor, das sich im Wesentlichen auf eine Auswahl an Presets beschränkt. Genauso gut kann man komplexere Plug-ins verwenden und hier die Beschränkung selbst übernehmen, indem man ausschließlich Presets lädt. Fairerweise muss man allerdings sagen, dass fast alle potenten Mitbewerber deutlich teurer sind.

Doch es geht auch ohne externe Spezialisten: Gut ausgerüstete Sequencer bringen bereits Kanalpresets mit fertig konfigurierten On-Board-Mitteln für die Gesangsbearbeitung mit. Ausgewachsene Vocal-Sample-Libraries für NI Kontakt oder andere Sampler und Sample-Player haben ebenfalls oft eigene Effekte und Klangformungs-Optionen an Bord, von den internen Mitteln der Vollversionen, etwa von Kontakt 5, ganz zu schweigen.

Wer nach einem einfach zu bedienenden Multieffekt sucht, findet in Toontracks EZmix-Konzept eine ganze Batterie von Presets für die unterschiedlichsten Instrumente und Anwendungen, Gesang inklusive. EZmix kostet zwar knapp das Doppelte unseres Testkandidaten, ist aber wesentlich umfangreicher und kann gezielt über Zusatzpakete erweitert werden. So gibt es beispielsweise eine Vocal Tool Box für 29.- EUR. Jedes EZmix-Preset hat zwei Regler an Bord, meist Makro-Anpassungen, die in die komplexen internen Algorithmen zielgerichtet eingreifen. Die Audioqualität und das Klangdesign der EZmix-Effekte für Vocals ist aus meiner Sicht unserem Testkandidaten überlegen.

Ebenfalls interessant ist das Everything Bundle von Slate Digital, welches man für ein monatliches Taschengeld abonnieren kann. Damit erhält man eine Sammlung teil außergewöhnlicher Effekte, exzellenter Emulationen und ein großes Angebot an Presets für alle möglichen Anwendungszwecke.

Zur Demonstration der Alternativen ein abschließendes Gesangsbeispiel aus Zero G Vocal Foundry, wie immer zunächst das trockene Original:

 

Mit dem TNT Voice Executor und dem Preset „Female Vocal Delay“:

 

Mit dem Cubase Compressor und Ping Pong Delay:

 

Das Preset 90th Vocals aus EZmix:

 

Aus dem Slate Digital Everything Bundle: Das Virtual Mix Rack mit dem Preset „Pop Vocals“ und Repeater (von der D16 Group, ebenfalls im Bundle enthalten) mit dem Preset „Wide Vocal Delay“:

 

Randnotiz – wegen der Extravaganz dieser Alternative: Ein echter Knaller für die Vocal-Bearbeitung (und Anderes) ist auch Eventide Fission:

 

Fission ist nicht nur deutlich teurer, sondern von einem Ein-Knopf-Effekt auch weit entfernt, dürfte eine ganz andere Zielgruppe ansprechen und ist daher auch kein wirklicher Vergleichskandidat. Weitere Beispiele für Vocal-Anwendungen finden Sie im Fission-Test.

 

Fazit

Der TNT Voice Executor liefert ausschließlich Presets für männlichen und weiblichen Gesang sowie Sprache. Hinzu kommt eine Extra-Abteilung für Rap und Spezialeffekte. Es kann lediglich die Ein- und Ausgangslautstärke sowie eine Sättigung geregelt werden.

Der TNT Voice Executor wendet sich an User, die sich nicht im Geringsten um die Feinheiten der Gesangsbearbeitung kümmern möchten, sondern auf Knopfdruck fertige Lösungen suchen. Diese bekommen sie – mit Einschränkungen – geboten.

Ebenso spricht das Plug-in Nutzer an, die unter hohem Zeitdruck arbeiten und weder über eine gut ausgestattete DAW mit fertigen Kanal-Presets noch über eigene vorkonfigurierte Insert-Ketten oder Gesangs-Bearbeitungs-Tools mit Presets verfügen.

Ich kann mir vorstellen, dass der TNT Voice Executor vor allem eine interessante Lösung für User ist, die nur am Rande im Bereich der Musikproduktion arbeiten, hier über keine tieferen Kenntnisse verfügen oder beispielsweise lediglich Kommentare zur Vertonung von Videos klanglich aufwerten wollen. Der Hersteller empfiehlt das Plug-in unter anderem für Youtubers, Videomakers und Broadcasters. Damit liegt er (auf Einsteiger-Niveau) sicher richtig.

Der TNT Voice Executor forderte auf unserem Testsystem keine erkennbare CPU-Leistung ein, auch nicht bei niedriger livetauglicher Latenz (128 Samples). Das erlebt man zugegebenermaßen selten.

Der Sättigungseffekt macht den Klang weicher und wärmer. Im Zusammenspiel mit dem Kompressor geht bei hoher Sättigung aber auch Transparenz verloren. Er ist daher nicht mit einer Röhrensimulation vergleichbar, die das Obertonspektrum belebt und eine dezente räumliche Tiefenwirkung beisteuert. Am besten gefallen haben mir eine Handvoll Presets, bei denen das Gate zum Einsatz kommt, welches elegant Nebengeräusche in Pausen oder auch Hallfahnen unterdrückt.

Die Audioqualität bewegt sich auf zeitgemäß hohen Standard, ist also durchweg gut ohne dabei besondere Akzente zu setzen. Nicht alle Presets sind gelungen; teilweise werden der Sprache oder dem Gesang ein wenig die Details und Konturen genommen. Bei anderen Presets werden diese hingegen betont, je nach Eingangssignal jedoch unter Umständen zu stark, sodass Zischlaute hervortreten.

Was man daher schmerzlich vermisst, ist ein De-Esser. Auch wäre ein Sub-Menü mit wenigen Reglern zur Anpassung eine sinnvolle Erweiterung, etwa um die Stärke der Kompression zu beeinflussen. Den wenigen Presets mit Echo fehlt eine Tempoanpassung oder ein Regler zur Verzögerungszeit.

Nun gut – der Hersteller wollte kompromisslos eine rein preset-basierte Lösung anbieten, was in der Tat ein Alleinstellungsmerkmal ist.

Schaut man sich unter den Alternativen um, so findet man mit Toontracks EZmix eine ebenfalls sehr einfach zu bedienende und weitaus umfangreichere Lösung, die allerdings – berechtigterweise – auch deutlich teurer ist. Bleibt man bei Audified, so muss man sagen, dass unser Testkandidat klanglich nicht das Niveau der STA Effects oder des inValve Bundles erreicht.

Für die oben beschriebenen Anwendergruppen geht der Preis in Ordnung. Bessere und flexiblere Alternativen sind deutlich teurer. Insgesamt betrachtet ist das Plug-in dennoch nicht wirklich preisgünstig. Alle Presets leiden mehr oder weniger unter fehlenden Anpassungsmöglichkeiten, und seien diese auch nur rudimentär wie etwa ein Makro-Parameter oder wenigstens ein Mix-Regler am Ausgang. Der Optimierung der Gesangs- und Sprachaufnahmen sind daher Grenzen gesetzt.

Interessenten können den TNT Voice Executor mit einer 30 Tage lauffähigen Demo-Version antesten.

Testautor: Holger Obst

Plus:

  • einfache Bedienung
  • extrem geringe CPU-Last

Minus:

  • kaum Flexibilität
  • einige Presets mit fraglichem Nutzen
  • Preis etwas hoch angesetzt

Preis: 69.- US Dollar

System:

  • Mac: OSX ab 10.9.5
  • PC: ab Win 7
  • Formate: AXAX, AU, VST2, VST3
  • 32 und 64 Bit

Hersteller: Audified

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