Test: Eventide Fission

Fission zerlegt das Audiomaterial in Transienten und tonale Bestandteile, bearbeitet beide separat mit Effekten und fügt das Signal wieder zusammen.

Auch beim amerikanischen Nobel-Hersteller Eventide steht die Zeit nicht still. Nachdem mit dem UltraChannel, UltraReverb, Omnipressor, H3000 Factory und dem Bundle Anthology X einige der Algorithmen legendärer Eventide-Hardware den Weg in zeitgenössische Rechner gefunden haben, erschien zuletzt mit Tverb ein neuer Raumsimulator mit drei Mikrofonpositionen und nun Fission.

Fission ist das erste Plug-in, das mit Eventides neu entwickelter Structual Effects Technology arbeitet, einer Methode, die es erlaubt, Audiosignale zu analysieren, in Bestandteile zu zerlegen und anschließend zu bearbeiten.

Bei der Bearbeitung kommen dann wieder klassische Eventide-Effekte zum Einsatz, Algorithmen, die, das darf man ohne Übertreibung sagen, Musikgeschichte geschrieben haben.

Recording und Studiotechnik

Vorweg

Fission hat mich in seinen Bann gezogen, daher ist dieser Test wieder einmal lang und detailliert geworden.

Tipp für Schnellleser: Zappen Sie nach dem Überblick und der Zusammenfassung von Audiodemo zu Audiodemo und lesen Sie die betreffenden Abschnitte, falls Sie wissen wollen, welche Fission-Effekte bei den Demos verwendet wurden und wie die einzelnen Effekte ausgestattet sind.

 

Hinweis: Die Beschriftungen und alle grafischen Elemente sind im Original klar abgebildet und gut erkennbar. Unsere Screenshots sind extrem stark komprimiert, damit sie auf mobilen Endgeräten auch bei schlechter Verbindung schnell geladen werden können.

 

Überblick

Wie bereits erwähnt, wird das Signal in Transienten und tonale Bestandteile zerlegt, die dann separat bearbeitet werden.

  • Wie genau die Trennung erfolgt, stellt man über vier sogenannte Structural Split Controls ein.
  • Transienten und tonale Bestandteile können nun getrennt mit Effekten geformt werden.
  • Sechs Transient-Effekte stehen zur Verfügung: Echo, Tap-Delay, Dynamics, Phaser, Hall, Gate + EQ.
  • Sieben Effekte werden für die tonalen Signale angeboten: Echo, Kompressor, Pitch-Shifter, Chorus, Hall, Tremolo, Equalizer.
  • Ein Wellenformdisplay zeigt den Verlauf und die Trennung des Audiosignals in Echtzeit an.
  • Eine Reihe bekannter Künstler hat zahlreiche Presets beigesteuert.

Fission eignet sich grundsätzlich für die Bearbeitung und Verfremdung aller Audiosignale, speziell für solche, die über ein deutliches Attack verfügen und sich dadurch für die Trennung in Transienten und tonale Bestandteile eignen. Dazu zählen Drums & Percussion, alle Zupfinstrumente und Keyboards sowie markante synthetische Klänge. Es können sowohl Einzelinstrumente als auch Gruppen bearbeitet werden.

Unter den Presets finden sich auch Vorlagen für Streicher, Synthesizer und Bläser sowie Equalizing und Dynamikbearbeitung für komplette Abmischungen, etwa um einen Klang zu schärfen bzw. konturenreicher zu gestalten.

Konkrete Einsatzgebiete sind beispielsweise:

  • Sound Design,
  • Transientenbearbeitung,
  • das nachträgliche Tuning (z.B. einzelner Trommeln) mit Hilfe des Pitch-Effekts,
  • Bearbeitung von Gesang und Sprache,
  • Performance-Effekt beim Abfeuern von Loops,
  • das Reduzieren von Hall und Raumanteilen,
  • Audio-Restauration: Entfernen von Resonanzen und Artefakten im hohen Frequenzspektrum bei Tonbandaufnahmen (Hiss).

Wenn man es will, kann man Fission auch als herkömmlichen Dual-Multieffekt betreiben. Dazu schaltet man das zentrale Modul Structual Split aus und kann nun zwei parallele Multieffekte betreiben. Mit dem Focus-Slider stellt man in diesem Fall ein einfaches Mischungsverhältnis am Eingang beider Effektmodule ein.

 

 

Funktionsweise anhand von Audiobeispielen

Die Architektur von Fission ist relativ einfach gehalten; die Bedienung des Plug-ins sollte niemanden überfordern. Für das erste Anwendungsbeispiel habe ich das Preset Drum Sharpener verwendet (s. Abbildung oben).

Wenn man mit Fission ans Werk geht, stellt man zunächst im mittleren Bereich unter Structural Split das Quellsignal ein, und zwar entweder über den Slider oder über ein Aufklappmenü:

Der Slider überblendet dabei nicht zwischen Varianten des Algorithmus, sondern fährt diese stationär ab.

Laut Hersteller werden nicht verschiedene Algorithmen verwendet, sondern ein Basisalgorithmus „skaliert“. Damit ist eine Anpassung an komplexere und polyphone oder umgekehrt einfachere und monofone Signale gemeint. Sicher ist es eine gute Idee, bei der Bearbeitung einer Schlagzeuggruppe zunächst einmal „Full Drum Set“ anzuwählen. Im Verlauf des Tests bin ich aber auch auf interessante Ergebnisse bei der Verwendung der Voreinstellungen für Gitarre in Kombination mit einer Drum-Bearbeitung gestoßen. Man darf und soll laut Eventide ruhig mit den verschiedenen Algorithmus-Varianten experimentieren.

Wie hart und wie schnell zwischen Transienten und tonalen Signalen getrennt wird, stellt man über Smoothing ein. Der Regler dient vor allem dem Reduzieren von Artefakten, kann aber auch dazu verwendet werden, Transienten weniger deutlich hervortreten zu lassen.

Trans Decay ist eine Erweiterung der Smoothing-Funktion und beschreibt, wie schnell das Transienten-Signal in ein tonales Signal überführt wird; vereifacht gesagt: Hier stellt man das Zeitfenster für die Transienten ein. Im Linksanschlag klingen Transienten unter Umständen wie ein Stakkato, also knapp und markant, im Rechtsanschlag wird häufig auch noch ein Teil des Decays zum Transienten-Modul weitergeleitet. Hohe Werte führen außerdem dazu, dass weniger Transienten isoliert abgebildet werden. Rasch aufeinanderfolgende Attacks, etwa bei Drums, werden dann als ein gemeinsamer Transienten-Block ohne Unterbrechungen gehandhabt. Hohe Werte führen je nach Material zudem auch zu einem automatischen, rhythmische Anschwellen und Abklingen der tonalen Effekte.

Wie wir noch sehen werden, erfolgt die Analyse des Materials aber offenbar vielschichtig. Anders als bei einem Transienten-Designer, der im Allgemeinen eine zeitliche Abfolge von Transienten und Sustain definiert, gelingt es Fission, beide Anteile gleichzeitig zu isolieren. Die strukturelle Trennung von Fission ist damit deutlich leistungsfähiger als ein herkömmlicher Transienten/Sustain-Detektor. Ich komme darauf später noch anhand eines Beispiels zurück.

Über den vertikalen Fokus-Slider stellt man das Verhältnis zwischen Transienten und tonalem Signal für den Eingang der beiden Module ein. Beide Module verfügen aber ihrerseits noch einmal über einen eigenen Output-Regler zur Pegelanpassung. Für natürlich klingende Bearbeitungen sollte man den Regler in der Mittelposition stehen lassen.

Will man ein außergewöhnliches Sound-Design realisieren, so erhält man einzigartige Klangartefakte deutlich abseits der Mittelposition, etwa tonales Pumpen bzw. an- und abschwellende Klangfahrten. Im Rahmen einer Performance kann es auch interessant werden, diesen Slider zu animieren. Dabei wird nicht einfach zwischen Transienteneffekt und tonalem Modul überblendet, sondern je nach Position des Sliders unterschiedliche Energie und Klanganteile den jeweiligen Modulen zugeführt, sodass sich eine Art Klangmorphing ergibt.

Einschränkungen: Leider verfügt Fission selbst nicht über eine generelle MIDI-Lernfunktion. In Cubase (ab Version 4.1) stehen jedoch Quick Controls bereit, mit denen man eine Controllersteuerung einrichten kann. Das sollte auch unter Logic (und andere DAWs mit ähnlichen Funktionen) machbar sein, wurde von uns aber nicht getestet.

Außerdem kann der Pegel bei einer Automation des Fokus-Sliders abhängig vom Audiosignal und den eingesetzten Effekten deutlich schwanken. Transienten werden oft lauter abgebildet als das tonale Decay/Sustain. Einen automatischen Pegelabgleich gibt es nicht. Hier regelt man also mit den separaten Output-Reglern der beiden Module nach.

Hier habe ich einen Beat von Toontracks EZdrummer 2, EZX Pop, verwendet, zunächst das Original:

 

Nun die Bearbeitung mit Fission:

 

Wie das Preset schon ankündigt, wird das Schlagzeug konturenreicher und klingt heller. Wenn man genau hinhört, klingen die Schläge am Ende ein wenig verwaschen. Dabei handelt es sich zwar nicht um Phasenauslöschungen (der PAZ Analyser von Waves zeigt einwandfrei monokompatible Signale an), dennoch treten unerwünschte Artefakte auf, vor allem, wenn gleichzeitig die Bassdrum und die Hi-Hat bedient wird. Diese Artefakte lassen sich minimieren, wenn man den Wert für Smoothing erhöht (das tut auch den lang ausklingenden Becken gut) und das Transienten-Decay etwas verlängert. Die Hi-Hat scheppert nämlich etwas nach. Ist das Decay zu kurz gewählt, geraten Teile des Attacks in die Bearbeitung für tonale Anteile, wo sie nicht hingehören.

So klingt es besser:

 

Wir stellen also fest: Fission verfügt über verschiedene algorithmische Anpassungen für spezifische Instrumente und ist darüber hinaus einfach und intuitiv anzupassen. Dadurch sind auch bei schwierigen Signalen wie einer Schlagzeuggruppe mit teils kurzen, teils lang ausklingenden Signalen gute Ergebnisse erzielbar.

Nun konnte ich es nicht lassen, ein wenig mit dem Preset herumzuspielen. Tonale Anteile bei Drums? Das hört sich zunächst etwas seltsam an. Der Trommler spielt ja keine Tonleitern. Was man damit machen kann, hören Sie hier:

 

Dazu habe ich das Gate für die Transienten eingesetzt, sodass in diesem Bereich der Sound nach dem Attack sofort abgesägt wird.

Den Transienten-Dreiband-EQ mit semiparametrischen Mitten habe ich verwendet, um die oberen Mitten und Höhen des Attacks anzuheben. Für die Bässe und Höhen kommen Kuhschwanzfilter mit einem Q-Faktor von 0,5 bei 200 Hz und 5 kHz zum Einsatz. Für das Mittelband wird ein Peak-Filter mit Q-Faktor 0,707 verwendet. Die Centerfrequenz ist variabel zwischen 500 Hz und 4 kHz.

Eventide bezeichnet den EQ als „übersteuerungsfähig“. In der Tat kann man mit hohen Anhebungen der Filter Sättigungseffekte erzielen, eine Bassdrum also schön fett machen oder eine Hi-Hat rau, ohne dass es dabei zu digitalen Verzerrungen kommt.

Beim Dreiband-EQ für die tonalen Bestandteile (der über vollparametrische Mitten verfügt) habe ich die Bässe und die unteren Mitten angehoben, die Höhen abgesenkt. Dadurch dröhnt die Bassdrum jetzt langgezogen. Solche Effekte eignen sich dafür, die Wände wackeln zu lassen und den Nachbarn auf den Plan zu rufen.

Hier eine weitere Verfremdung:

 

Auch diese Extremeinstellung produziert keine Phasenauslöschungen. Die Verfremdungseffekte sind auf die Wechselwirkung zwischen Trennungsparametern und Equalizern zurückzuführen. Bei EDM klingen solche Verfremdungen sicherlich besser als bei akustischen Drums …

Bei diesem pumpenden Monster-Sound …

 

… kommt das Dynamics-Modul für die Transienten zum Einsatz:

Der Kompressor klingt ausgesprochen kräftig und satt, Bassdrums und Toms wirken nun ausgesprochen fleischig. Es würde mich nicht wundern, wenn hier ein Omnipressor-Algorithmus am Werke wäre.

Zumindest die ultraschnellen Attack- und Releasezeiten mit 0,1 ms und 1 ms sind identisch mit dem Omnipressor, auch der Expander-Modus links der 12-Uhr-Position. Den Omnipressor findet man in reduzierter Form übrigens auch im Eventide UltraChannel. (Beide Produkte haben wir für Sie bereits getestet: Den Omnipressor im Rahmen des Anthology X – Bundles, den UltraChannel separat.)

Die tonalen Signalanteile habe ich mit dem Pitch-Modul bearbeitet: Drei Stimmen können hier generiert und um +/- eine Oktave transponiert werden – inklusive globaler Feinstimmung. Will man eine Trommel neu stimmen, reicht natürlich eine Stimme.

Anders als bei allen üblichen Pitch-Shiftern kommt diesem hier zugute, dass er nicht mit den atonalen Transienten zu kämpfen hat, was beim Pitchshifting sonst gerne zu einer Verschleierung der Attackphase und zu unsauberen Sounds führt. Rechts neben dem Regler Voice 1 kann ein Pitch-Meter zugeschaltet werden, welches die Tonhöhe des eingehenden Audiosignal anzeigt. Durch das Pitch-Shifting können bestimmte Intervalle hinzugefügt werden. Eine Skalenkorrektur ist allerdings nicht implementiert. Pitch ist also ein vielseitiger Effekt, interessant für Stimmendopplung, Drum-Tuning bis zu extravagantem Klangdesign, man sollte in diesem kleinen Modul aber keinen vollwertigen Harmonizer suchen.

Als nächstes probieren wir einen Elektro Beat aus dem Repertoire von Rob Papens Punch aus:

 

Das Preset DRUMS Industrial Pump von Jonathan Schenke macht genau das, was es ankündigt:

 

Die Transienten erhalten hier einen Hall:

Beim tonalen Teil ist wieder das bereits bekannte Pitch-Modul im Einsatz.

Kurz zum Transient Hall: Hier wird ein Raum-Algorithmus verwendet (also Room, nicht Plate, Hall oder Ambience). Der Algorithmus verfügt über dichte Echo-Cluster für die Frühen Reflexionen, die sich schnell aufbauen und auch relativ rasch wieder abklingen. So wird ein unaufdringlicher Raumeindruck ohne Slap-Back-Echos erzielt. Ganz anders sieht es beim Tonal Reverb aus, den wir später noch mit Gesang ausprobieren.

Der Beat gewinnt mit dem Preset Big Pick von Massimo Varini deutlich an Kraft und wirkt regelrecht massiv. Dabei werden die Transienten mit dem Kompressor, der tonale Anteil mit dem Chorus bearbeitet:

Will man die Wirkung der beiden Signalwege analysieren, so kann man beide Module auch auf Bypass schalten – sehr praktisch. Während der Kompressor in bekannter Weise hart zupackt, produziert der Chorus eigentlich keine sanften Schwebungen, sondern durch die Zeitverzögerung eine Verdichtung, die den Klang richtig fett macht.

 

Dabei stelle ich fest, dass ich versehentlich in die Preset-Bank für die Gitarrenbearbeitung gerutscht bin (klar: Big Pick signalisiert das eigentlich schon). Macht aber nichts. Dieses Preset ist jedenfalls auch beat-tauglich.

Phaser und Delay mit hohem Feedback produzieren Resonanzen, die die Drums singen lassen:

 

Der Phaser für die Transienten …

… bietet die klassische Multi-Stage-Allpass-Charakteristik.

Hier kann zwischen LFO-Modus (tempoynchron, auch triolisch, punktiert oder in ungeraden Notenwerten wie etwa 7/16) und Hüllkurvenverfolger umgeschaltet werden. Im letzteren Modus reagiert der Phaser auf die Dynamik der eingehenden Transienten. Anstelle der LFO-Rate erscheint nun ein Regler für die Releasezeit des Phaser-Effektes, sodass sich beispielsweise bei einem Electro-Beat sehr schön zum Tempo passende Sweeps einstellen lassen. Dass die Releasezeit nicht in Notenwerten eingestellt werden kann, stellt in diesem Fall keine Einschränkung dar. Base verschiebt die Basisfrequenz. Damit stellt man also die Tonhöhen der Resonanzen ein.

Das Echo des tonalen Signalwegs:

Die Verzögerung kann auch hier in Hertz oder in Notenwerten (wie beim LFO) eingestellt werden. Tonale Resonanzen benötigen ein sehr kurzes Delay und hohes Feedback. Der Schalter Mod bewirkt eine zufällige Modulation der Echozeit und kann verwendet werden, um Echo-Cluster oder Texturen zu erzeugen. Warp führt zu Tonhöhenrutschern (Glide) bei sich verändernden Verzögerungszeiten. Schaltet man Glide aus, wird zwischen den Echos mit unterschiedlicher Verzögerung einfach überblendet. Mittels Modulation und Glide kann man ein grooviges, temposynchrones Echo in einen eher psychedelischen Soundeffekt verwandeln.

Fission bietet auch einige Preset für die Gesangsbearbeitung. So ist es beispielsweise möglich, eine Stimme voller zu machen. Matt Lange verwendet in seinem Preset Fatter Vocals dazu den Hall für die Transienten und den Chorus für die tonalen Anteile.

Hier zunächst das Original aus SOR Shhh – I Am Speaking:

 

Mit Fission:

 

Im Wellenformdisplay wird genau angezeigt, welche Signalanteile zum Hall weitergeleitet werden (blau) und welche zum Chorus (grün).

Mit einem Delay für die Transienten und einem Hall für Tonal erreicht man auch einen respektablen Raumklang, der durch Echomuster angenehm aufgelockert wirkt:

 

Oberflächlich betrachtet sieht der Tonal Reverb fast aus wie der Transient Reverb, nur hier in Grün, doch unter der Haube kommt in diesem Fall kein Raumalgorithmus, sondern ein Konzerthallen-Algorithmus zum Einsatz. Die Echodichte ist deutlich geringer, die Hallfahne hingegen angenehm gleichmäßig, dicht und schwebend. Es wird jedoch kaum eine Modulation eingesetzt, um Chorus- oder Flanger-Effekte zu vermeiden.

Während beim Transient Reverb innerhalb der Feedbackschleife der Hallfahne tiefe und hohe Frequenzen gedämpft werden können, betrifft das „Damping“ beim Tonal Reverb nur die hohen Frequenzen. Beide Reverbs können damit Materialeigenschaften simulieren: Eine Dämpfung der hohen Frequenzen bewirkt (anders als bei einem nachgeschalteten EQ), dass die Reflexionen im zeitlichen Verlauf zunehmend dumpfer klingen, so wie das bei dicht möblierten Räumen oder mit Stoff bezogenen Wänden der Fall wäre.

Generell sind die Echo- und Raumeffekte in Fission von hoher Qualität und wären als Plug-in für sich bereits ein echter Knaller. Eventide gehört seit jeher neben Lexicon zu den Top-Adressen für algorithmischen Hall.

Ein Mini-Projekt aus Rob Papen Punch und SubBoomBass sowie Velvet Vocals von Zero G, zunächst ohne Fission:

 

Und nun mit drei Fission-Instanzen:

 

Bei den Drums kommen die Effekte Trensient Dynamics und Tonal Compressor zum Einsatz. Während das Transient Dynamics Modul neben der Kompressor- und Limiterfunktion auch als Expander eingesetzt werden kann, handelt es sich beim Tonal Compressor um einen reinen Kompressor/Limiter.

Beim Bass (Preset: Bass Power Chord) sind Echo und Pitch im Einsatz, beim Gesang wie gehabt Echo und Hall.

Eine andere Kombination: Drums mit Dynamics und EQ, Bass mit Gate + EQ und Pitch, Gesang mit Dynamics und Delay.

 

Als nächstes schauen wir uns eine Gitarrenbearbeitung an. Das Original stammt von Native Instruments Session Guitarist Strummed Acoustic 2 (ein Test folgt in Kürze):

 

Mit dem Preset Guitar Pump von Richard Chycki:

 

Ohne den natürlichen Klang der Gitarre zu gefährden, verleiht Fission dem Instrument Präsenz, Detailreichtum und Strahlkraft. Die Module Transient Dyamics und Tonal EQ waren beteiligt.

Es geht aber auch genau andersherum: Das Preset Guitar Softener schiebt die Gitarre etwas in den Raum hinein (ohne dass dabei Echo oder Hall zum Einsatz kämen). Sollte eine Begleitgitarre zu frontal klingen, wäre das hier eine gute Lösung:

 

Transient Gate + EQ und Tonal EQ sind die Effekte.

Hier habe ich die Transient Dynamics mit dem Tonal Tremolo kombiniert:

 

Letzterer würde auch in Kombination mit einer Orgel und Amp/Speaker-Simulationen eine gute Figur machen.

Das Tremolo variiert die Lautstärke per LFO temposynchron (mit dem bereits bekannten Angebot an Notenwerten) oder frei in Hertz. Der LFO verfügt über die Wellenformen Sinus, Dreieck, Sägezahn auf- und absteigend sowie Rechteck. Daneben kann ein Hüllkurvenverfolger (und damit der Lautstärkeverlauf des Eingangssignals) sowohl die Geschwindigkeit des Tremolos als auch dessen Intensität beeinflussen. Die beiden Optionen schließen sich gegenseitig nicht aus; die Empfindlichkeit des Hüllkurvenverfolgers kann angepasst werden.

Will man bewegende, musikalisch angenehme Effekte erzielen, bietet es sich an, die Parameter Envelope Sensitivity und Depth zu automatisieren (oder, wie schon erwähnt, über Quick Controls zu steuern). Dadurch lassen sich sehr schöne Akzente setzen. Schließlich kann auch die Stereobreite des Effektes definiert werden.

Eher sanfte Modulationen liefert auch der Tonal Chorus, bei dem es sich um einen tiefen, mehrstimmigen Chorus mit Ensemble-Charakter und mit zufälligen Modulationen der Verzögerungszeiten handelt. Wie schon beim Phaser profitiert der Klang dieses Chorus davon, dass durch die strukturelle Trennung Transienten nicht erfasst und damit auch nicht verwischt werden. Man kann mit dem Tonal Chorus also kompromisslos Schwebungen erzeugen, ohne dass dabei markante Attacks verloren gehen würden.

 

Um den Unterschied zu einem herkömmlichen Chorus zu verdeutlichen, habe ich im folgenden Audiodemo den Chorus aus Fission ausgeschaltet und als nächsten Effekt in der Kette einen herkömmlichen Chorus eingesetzt:

 

Die Emulation des Chorus-Effektes, die ich hier verwendet habe, stammt übrigens von einem namhaften Hersteller und wurde allgemein gelobt. Nicht, dass sie schlecht klingen würde, aber von den klaren Attacks ist nicht mehr viel übrig geblieben. Im direkten Vergleich zeigt sich, wie leistungsstark der Fission-Chorus ist.

Der Parameter Size vergrößert die Unterschiede in den Verzögerungszeiten der einzelnen Stimmen. Im Linksanschlag wird beinahe so etwas wie eine Dopplung erreicht; das Instrument wirkt auf subtile Weise etwas breiter und körperhafter. Im Rechtsanschlag kommt es (in Abhängigkeit mit Depth) zu effektvollen Schwebungen bis zur Grenze der tonalen Instabilität und zu einem melodramatischen Leiern.

Tone ist ein integriertes Dual-Filter, links von der 12-Uhr-Position mit Low-Shelf-, rechts davon mit High-Shelf-Charakteristik.

 

Weitere Anwendungsbeispiele

Ein Groove von FXpansion BFD3:

 

Mit Fission, Transient Delay und Tonal Pitch:

 

Anstatt alle Drums in der Tonhöhe zu verändern, kann man das natürlich auch bei einer einzelnen Trommel machen.

Hier zunächst das Original (eine Snare aus BFD3):

 

Nun nehme ich in Fission Transient Gate + EQ und Tonal Pitch hinzu und stimme die tonalen Anteile niedriger:

 

Die Snare wirkt bauchiger und gewinnt im Decay an Tonalität. Die Fell- und Korpusresonanzen wirken regelrecht gestimmt. Deutlicher wird das, wenn man die Snare höher stimmt:

 

Zugleich ist das Rascheln des Snare-Teppichs verschwunden. Das liegt daran, dass es von Fission als Transienten erkannt wurde, die es aber nicht über die eingestellte Schwelle des Gates hinaus schaffen. Regele ich diese Schwelle herunter, tauchen sie wieder auf:

 

Also wenn das keine archaische Snare ist …

Das Herausfiltern der Netz-Raschler und deren Erkennung als nicht-tonale Bestandteile ist eine erstaunliche Leistung, die zeigt, dass sogar bei kurzen Audioereignissen wie Drum-Hits nicht einfach das Attack zum Transient-Modul und das Decay/Sustain zum Tonal Modul geschickt wird, sondern aus dem selben Audioabschnitt zeitgleich atonale und tonale Anteile herausgefiltert werden.

Respekt. Kein Transient-Shaper kann das so sauber leisten.

Im letzten Experiment geht es darum, ob Fission auch dazu geeignet ist, einen Beat trrockenzulegen. Dazu nehme ich den bereits benutzten Groove mit Fission als Effekt und hänge noch einen Hall hintendran.

 

So ist das wirklich unbrauchbar. Nun benutze ich Fission mit Transient Gate + EQ und dem Tonal Comp:

 

Das klingt schon sehr trocken. Die fortgeschrittenen Ent-Haller, die ich kenne, scheitern alle an einem solchen Szenario, wenn man nämlich kräftig Hall beigemischt hat und wieder entfernen will. Diese Panne kann beispielsweise passieren, wenn man eine Spur gebounct hat, um Rechenleistung freizugeben. Moderne Transiententools und hochentwickelte Gates können hier zwar ebenfalls helfen, Fission schlägt sie jedoch alle durch die separate Bearbeitung von Transienten und tonalem Signalanteil.

Ein Modul haben wir noch nicht erwähnt, das Transient Tap Delay.

Hier werden innerhalb einer temposynchron oder frei einstellbaren Zeitspanne 1 bis 21 Echos (Taps) platziert. Der Effekt geht auf Bandechos mit mehreren verschiebbaren und in der Lautstärke mischbaren Wiedergabeköpfen zurück. Eventide hat hochwertige Tap-Delays schon seit langem in der Hardware verbaut. Ich kann mich erinnern, dass ich die Tap-Delays des Orville seinerzeit gerne als Spezialeffekt für Sanre und Toms verwendet habe.

Auch im Transient Tap Delay kann man die Wiedergabeköpfe verschieben. Den Lautstärkeverlauf und die Anordnung der Dichte der Taps regelt man über Taper und Spread. Ein kleines Display mit Delaybalken wäre hierfür eine angenehme visuelle Unterstützung gewesen. Es geht aber auch ohne.

Das Tap-Delay kann für kurze, flatternde Echos, mutierende Reflexionsmuster und Dopplungen eingesetzt werden. Im folgenden Audiodemo habe ich die Snare mit dem Transient Tap Delay versorgt und die Parameter Taper und Spread animiert, um variierende Buzz-Effekte zu erzielen, die ein wenig wie zufällige, etwas maschinelle Wirbel klingen. Den tonalen Anteil habe ich mit einem Hall versehen.

 

Sehr angenehm und einzigartig ist wiederum die Tatsache, dass Echo und Hall parallel auftreten, und zwar in der Form, dass die markanten Anschläge Reflexionsmuster bilden, die sich im Raum verteilen, ohne dabei die Hallfahne weiter aufzubauen.

Abschließend noch ein Blick auf den reich gefüllten und gut sortierten Browser …

… in dem man auch eigene Presets abspeichern kann – bequem und ohne Navigation durch die Ordnerhierarchie des Rechners.

In der Kopfzeile findet man zudem die Befehle:

  • Compare: Vergleich mit dem unbearbeiteten Originalpreset
  • Info: Öffnen des englischsprachigen, lückenlos und verständlich geschriebenen Handbuchs
  • Sourcelock: Hat man einen Algorithmus als Structural Solit Source eingestellt, z.B. Vocals, so wird dieser beibehalten, auch wenn man Presets aufruft, die von Haus aus einen anderen Algorithmus verwenden.
  • Mix: Parallelprocessing. Balance zwischen bearbeitetem und unbearbeitetem Signal.
  • Gain: Finale Anpassung der Ausgangslautstärke

Was fehlt, ist Undo/Redo und Plug-in interne A/B-Vergleiche. Unter Cubase und vielen andren Sequencern) werden diese allerdings vom Host bereitgestellt. Auch Undo/Redo ist seit der Version 9 von Cubase kein Problem mehr, denn alle Bearbeitungsschritte, auch innerhalb von Drittanbieter-Plug-ins, werden in der neuen History des Mixers aufgelistet.

 

Fazit

Eventide Fission ist ein wahres Multitalent. Auf der Grundlage der Trennung von Transienten und tonalen Bestandteilen sind außergewöhnliche Klangbearbeitungen, Effekte und Sounddesign möglich, wie es sie bislang nicht gab. Das Plug-in liefert interessante Optionen für alle Genres.

Die Effekte selbst sind keine Unbekannten, sondern stammen aus dem Eventide-Repertoire. Von Echo und Hall über Chorus, Flanger, Phaser, Tremolo und Equalizer bis zu Dynamik-Werkzeugen und Pitch-Shifter reicht die Palette. Die Klangqualität der Effekte ist über alle Zweifel erhaben. Das betrifft die sauber gezeichneten Echos ebenso wie die warmen Räume oder den einzigartig offenen, transparenten Chorus-Effekt. Wer die Gelegenheit hatte, mit Eventide Hardware wie etwa dem Orville zu arbeiten, wird hier einige Déjà-vus erleben.

Die Ausstattung mit Parametern ist weder sparsam noch unnötig komplex, sondern praxisnah und effektiv. Parametermodulationen über LFOs und Hüllkurvenverfolger sind nur ein Beispiel für musikalisch interessante Optionen. Leider gibt es keine MIDI-Lernfunktion, denn Fission eignet sich auch als Performance-Effekt, etwa für Club-Beats. Über Quick Controls des Host-Sequencers kann man dies dennoch umsetzen.

Über allem schwebt die geniale Trennung des Audiosignals durch Structural Split, die den Effekt-Klassikern eine neue Dimension verleiht. Anders als bei klassischen Transienten-Tools, die in zeitlicher Abfolge Attack und Sustain trennen, ist Fission in der Lage, zeitgleich atonale, transientenreiche Bestandteile und tonale Anteile zu trennen, wie im Test am Beispiel einer Snare gezeigt, bei der das Rascheln des Teppichs im Transienten-Modul ankam, während simultan das Nachschwingen des Fells und die Resonanzen des Korpus im Tonal-Modul landeten – eine einzigartige Leistung!

Eine Kombination von Echo-Clustern über das Tap Delay nur für die Transienten und die parallele Erzeugung eines Halls für die tonalen Klangkomponenten führt zu ganz neuen Raumgestaltungen.

Auch ein unvergleichlich sauberer Chorus-Effekt ist möglich, da dieser im Tonal-Modul eingesetzt wird und damit im Gegensatz zu allen Mitbewerbern die Transienten nicht verwischt (wie im Test demonstriert).

Auch die Dynamikmodule haben einiges zu bieten und können sowohl für extrem fette und druckvolle Sounds wie für ein Ent-Hallen bis zum knochentrockenen Frontalsound eingesetzt werden. Lediglich eine Kombination von Transient Gate + Compressor hätte ich mir noch zusätzlich gewünscht. Vorhanden ist Gate + EQ und Dynamics, letztere allerdings auch mit Expander-Betrieb.

Mit Tonal Pitch und Transient Dynamics lassen sich packende und zugleich fremdartige, bislang ungehörte Drums gestalten.

Je nach Effektkonstellation kann die CPU-Last bei knapp über 10% eines aktuellen Rechnerkerns liegen – bei geringer Latenz. Damit ist Fission zwar nicht ausgesprochen genügsam aber dennoch weit davon entfernt, ein CPU-Killer zu sein und absolut livetauglich.

Die Trennung in Transienten und tonale Signalanteile + separate Effekte eröffnet ein Klangdesign, wie es mit keinen anderen Plug-ins machbar ist – und das in gewohnt erlesener Eventide Qualität.

Fission ist definitiv eine Bereicherung; ein musikalisches Plug-in, das man häufig und auf lange Sicht für unterschiedlichste Zwecke verwenden wird. Und es ist wieder einmal erfreulich, dass Eventide seine genialen Algorithmen inzwischen als native Plug-ins anbietet. Gemessen an der Leistung und der Bandbreite an Möglichkeiten ist der Preis ausgesprochen günstig. Hinzu kommt, dass zwei Autorisierungen im Preis enthalten sind, das Plug-in also zeitgleich auf zwei Rechnern betrieben werden kann. Eine Lizenz kann auf einen iLok geschrieben werden.

Testautor: Holger Obst

Plus:

  • einzigartige Kombination aus Trennung von Transienten und tonalen Klangbestandteilen und parallelen Effekten
  • exzellente Audioqualität
  • vielseitig verwendbar, von der Klangkorrektur bis zum experimentellen Klangdesign
  • einfach zu bedienen
  • Parallel Processing
  • gemessen an der Leistung fairer Preis

Minus:

(Es gibt kein VST3-Format. Da Fission jedoch keine Sidechain-Funktion bietet und auch nicht extrem rechenintensiv ist, ist das nicht ganz so tragisch. Mir begegnen übrigens immer wieder VST3-Plug-ins auch namhafter Hersteller, die gelegentlich Abstürze von Cubase produzieren, während die VST2-Variante stabil läuft. Das VST3-Protokoll scheint etwas schwierig zu sein …)

Preis (UVP): 199.- EUR

System:

  • ab Windows 7 und Mac OSX 10.7
  • AAX native, VST, AU
  • 32 und 64 Bit
  • iLok Account erforderlich, nicht zwingend ein physikalischer iLok

Hersteller: Eventide

 

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