Test: Waves / Abbey Road Studios Reel ADT
Installation
Im Gegensatz zu früheren Zeiten hat sich bei der Installation und Autorisierung von Waves Plug-ins viel getan: Diese ist seit einiger Zeit kundenfreundlich und vorbildlich. Reel ADT wird über Waves V9 installiert und über das Waves License Center autorisiert. Das Plug-in kann über einen Dongle (und damit mobil), mit der Workstation selbst als Referenz oder über eine License-Cloud autorisiert werden. Der iLok wird nicht mehr unterstützt.
Das Plug-in liegt auf Mac (ab OSX 10.7) und Windows (ab 7 SP1) in den Formaten VST/VST3, AU, AAX und RTAS in 32 und 64 Bit vor. Auf der Produktseite (Link im Anhang) finden Sie ausführliche Informationen zu den unterstützten Host-Sequencern.
Näheres zum Installieren, Autorisieren von Waves Produkten sowie Informationen zum Waves-Update-Plan finden Sie auch in unserem Beitrag „Von Raubkopierern, Dongen aus purem Gold und anderen Autorisierungsschweinereien“.
Architektur und Bedienung
Im oberen Bereich des Interfaces findet man eine Darstellung der Tonkopfpositionen des Quellsignals (SRC) und des Doppels (ADT). Der ADT-Tonkopf kann entlang der horizontalen Zeitachse um bis zu +/- 20 Millisekunden verschoben werden. So kann man bereits mit wenigen Handgriffen den Effekt verstärken oder verbreitern. Zudem ist die Fahrt des ADT-Tonkopfes animierbar, was bei Bedarf effektvolle Gleichlaufschwankungen simuliert.
Der dritte Reiter Vari SPD setzt sich in Bewegung, sobald ein Audiosignal anliegt und pendelt (per default) um den ADT-Tonkopf. Er simuliert die beim Original per VCO gesteuerten Geschwindigkeitsschwankungen der zweiten Bandmaschine.
Im virtuellen Nachbau werden diese durch einen wahlweise temposynchronen LFO gesteuert. Die Varispeed-Einstellungen werden zentral im Interface vorgenommen:
Mit dem großen Varispeed-Regler kann man die Pendelbewegung des ADT-Tonkopfes um 20 Millisekunden nach vorne oder hinten verschieben. Starke Verschiebungen bewirken, dass das Doppel nicht mehr die zeitliche Position des Originalsignals kreuzt.
Die Auslenkung der Pendelbewegung stellt man über die LFO-Range in Millisekunden ein. Mit Varispeed +20 ms und LFO-Range 20 ms erreicht der ADT-Tonkopf in der linken Extremposition die Stellung des SRC-Tonkopfes, sodass zu diesem Zeitpunkt Original und Doppel gleichzeitig erklingen. Reduziert man die LFO-Range, so wird diese exakte Synchronizität nicht mehr erreicht.
Für den Höreindruck bringen breite LFO-Ranges mit entsprechend weiten Pendelbewegungen des ADT-Tonkopfes Bewegung in die Darbietung: Bei Vocals klingt es, als ob die Sänger die Position zum Mikrofon leicht verändern würden. Der Effekt ist im Kontext eines Arrangements mit Begleitinstrumenten subtil aber dennoch wirkungsvoll. Definitiv entsteht der Eindruck zweier gleichberechtigter Sänger.
Hier zunächst eine trockene Originalstimme (aus Soundiron Voice of Gaia: Francesca Genco):
Nun mit dem Preset „Vocal Classic ADT“, bei dem die LFO-Range auf +/- 9 steht, Varispeed auf 0. Der ADT-Tonkopf pendelt in einem Bereich von insgesamt 18 Millisekunden um die zentrale Position des Source-Tonkopfes.
Nun mit Varispeed +20 ms (Maximalstellung) und LFO-Range +/- 20 ms:
Die LFO-Geschwindigkeit war bei allen bisherigen Audiodemos auf 0,18 Hertz eingestellt. Original und Doppel waren im Stereopanorama um 40% nach links und rechts gelegt.
Wer den Dopplungseffekt etwas bewegter, subtil aufwühlender haben möchte, stellt die LFO-Geschwindigkeit hoch und regelt die Range weit herunter auf etwa +/-3 ms:
Neben Sinus- gibt es Dreiecks- und eine Zufallswellenform für den wahlweise zum Tempo synchronisierbaren LFO. (Im Tempo-Sync-Betrieb werden Notenwerte anstatt Millisekunden angezeigt.)
Die Zufallswellenform erlaubt keine Geschwindigkeitsanpassung: Die LFO-Rate ist außer Betrieb. Varispeed und LFO-Range sind hingegen einstellbar. Der ADT-Tonkopf bewegt sich hier teils schnell (bei kleinen Sprüngen auf der Zeitskala) und dann wieder langsam (bei weiteren Bewegungen). Das Ergebnis ist das musikalischste unter den Einstellungsalternativen:
Der Varispeed-Regler bietet zwei Betriebsmodi: Latch und Touch. Im Latch-Modus bleibt der Regler an der Position stehen, auf die man ihn per Maus gedreht hat. Im Touch-Modus springt er nach dem Loslassen zur zentralen Null-Position zurück. Dieser Modus ist also nicht für das Editieren, sondern als Spezialeffekt für die Automation oder den Live-Betrieb interessant.
Links neben der Varispeed-Abteilung findet sich das Input und Quellsignal-Modul.
Die Eingangslautstärke wird in schickem Vintage-Look als VU-Meter in dbFS angezeigt. Als Eingangssignal kann man bei Stereospuren zwischen links, rechts und beiden wählen. Das Quellsignal kann im Panorama platziert, stummgeschaltet, in der Phase umgekehrt und in der Lautstärke kontrolliert werden.
Interessant wird es mit dem Drive-Regler. Dreht man diesen weiter auf, so kommt es zum Bandsättigungseffekt. Diesen wollen wir uns anhand eines anderen Gesangs anhören:
Im folgenden Audiodemo hören Sie eine Vokal-Phrase aus Soundiron Voice of Rapture: The Bass – ohne Reel ADT, ohne Hall und jegliche andere Bearbeitung:
Mit Reel ADT, ein Vocal-Preset:
Nun mit Drive- bzw. Sättigungseffekt im SRC- und im ADT-Modul:
Die Stimme wirkt rauer, voller und durchsetzungsfähiger.
Rechts des Varispeed-Bereichs finden sich die Einstellungen des ADT-Bandgeräts sowie das Output-Modul:
Weitere Anwendungsbeispiele:
Reel ADT bietet eine Reihe von Presets:
Die Auswahl lässt erkennen, dass das Plug-in in erster Linie auf die Gesangsbearbeitung abzielt. Schließlich war es John Lennon, der die Erfindung des ADT auslöste, weil er davon genervt war, bei der Stimmendopplung millisekundengenau (beziehungsweise fast genau) die Linie der Erstaufnahme in allen Nuancen zu kopieren. Es sind aber – zu Recht – auch Presets für Gitarren an Bord. ADT eignet sich grundsätzlich auch für andere Solo-Instrumente vom Saxofon über die Trompete bis zu Violinen oder sogar Lead-Synths.
Hierzu einige weitere Audiodemos:
Zunächst ein Saxophon aus der Sample Library Ueberschall Saxophone, unbearbeitet:
Mit Reel ADT:
Zusammen mit Drums (Toontrack EZdrummer 2) und wieder ohne Reel ADT:
Mit Reel ADT hebt das Saxofon ab:
Zusammen mit Noveltech Character, Waves CLA 76 Kompressor und Eventide UltraReverb als Hall im Sendweg:
Dass Reel ADT wesentlich zum Klangpanorama des Saxofons beiträgt, macht sich bemerkbar, wenn man es aus der Effektkette entfernt:
Hier habe ich Bassloops aus Ueberschall Upright Bass hinzugenommen:
Auch für den Bass findet sich ein Preset im Browser des Reel ADT, „Creamy Smooth Bass“:
Zusammen mit Waves CLA Bass Stereo:
Anstelle des Saxophons habe ich nun eine Gitarre eingesetzt (Ueberschall Guitar):
Und hier nehme ich die Plug-in Variante „Reel ADT2V Stereo“ und das Preset „2 Guitars is Better then 1“:
Nun zusammen mit SPL Attacker vor Reel ADT (um die Transienten hervorzuheben), Noveltech Character nach ADT (zum Aufpolieren des Obertonspektrum) und Waves Eddie Kramers GT Stereo (um dem Gitarrensound den letzten Schliff zu geben). Als Send Effekt ist wieder Eventides UltraReverb dabei.
Hier noch einmal mit allen anderen Effekten aber ausgeschaltetem Reel ADT (sowohl bei der Gitarre als auch beim Bass):
Noch eine weitere Alternative für die Gitarre: Das Reel ADT-Preset „Rock Heavy Phasey“:
Phasenauslöschungen?
Zur Kontrolle der Phasenauslöschungen habe ich wieder eine Gesangspassage aus Ueberschall The Voice gewählt, hier trocken:
Mit Reel ADT, Preset: Classic Vocal ADT:
Hier der Frequenzgang und die Phasenanzeige des Waves PAZ Analysers ohne und mit Reel ADT:
Das Originalsignal (oben) ist klassisch mono, die Stereo-Variante nach Einsatz von Reel ADT weist praktisch keine Phasenauslöschungen auf. Beim Frequenzgang gibt es auch keine auffälligen Abweichungen. Feinheiten wie der Klangcharakter der Bandsättigung sind hier natürlich nicht erkennbar.
Audioqualität, Anspruch an die CPU
Reel ADT liefert eine vorzügliche Audioqualität. Der Klang ist warm, durch die Varispeed-Option entstehen Modulationen, die Gesang und Solo-Instrumenten zusätzliches Leben einhauchen können. Die Klangqualität des Doppels ist dem Original ebenbürtig. Es kommt zu keinem verwaschenen oder phasigen Klang (es sei denn, man hat es auf Phasing-Effekte abgesehen).
Der Anspruch an die CPU ist selbst bei niedrigsten Puffergrößen von 64 Samples (Latenz auf unserem Testsystem: knapp 4ms) kaum erkennbar und liegt im niedrigen einstelligen Prozentbereich.
Vergleichskandidaten
Der Aufgabe, eine Stimme künstlich zu doppeln, haben sich schon viele Hersteller gewidmet. So gab es bereits in der vor-digitalen Ära zahlreiche Versuche, das Abbey Road – Konzept nachzubauen. Laut Hersteller jedoch nur mit begrenztem Erfolg.
Einfache Methoden bestehen in zeitverschobenen Kopien von Gesangsspuren, aufwändiger aber auch mit mehr Gestaltungsmöglichkeiten versehen sind zusätzliche Bearbeitungen der Kopien mit Pitch-Time-Spezialisten wie Melodyne. Hier können einzelne Abschnitte verschoben, Zweit- und Drittstimmen per Transponierung gewonnen, der Tonhöhenverlauf und die Formanten bearbeitet werden. Mit Melodyne ist es möglich, sogar die Anfangsgeschwindigkeit einzelner Segmente zu verändern.
Im Gegensatz zu Reel ADT eignen sich solche Optionen jedoch nicht für den Live-Betrieb und erweisen sich oftmals als aufwändige Detailarbeit. Trotz weit entwickelter Software muss zudem darauf geachtet werden, Artefakte oder Phasenauslöschungen zu vermeiden.
Zurück zu vergleichbaren Plug-ins:
Anno 2015 trifft Reel ADT auf einige potente Mitbewerber, die bereits Lorbeeren ernten konnten: Avox Evo Duo liefert eine ebenfalls saubere und nicht von Phasenauslöschungen gezeichnete Dopplung, wirkt jedoch als Effekt mangels Varispeed im Vergleich etwas statisch und klingt eher kühl.
Leistungsstark ist auch der Doubler aus iZotopes Nectar, der mir allerdings nur in der Version 1 zur Verfügung steht. Nectar 1 liefert zwar nicht den Sound der Bandmaschinensimulation, dafür vier Stimmen mit variablen Tonhöhenveränderungen.
Auch Waves selbst bietet mit dem Doubler schon seit langen Jahren eine ähnlich ausgestattete Alternative.
Interessant und ungewöhnlich ist das Modul Micro Pitch aus Eventides UltraChannel, welches ebenfalls für die Stimmendopplung gedacht ist.
Die Klangqualität dieser Mitbewerber kann sich hören und die spezifischen Sonderfunktionen sehen lassen. Wer allerdings nach einem warmen, modulierten Vintage-Sound sucht, wird erst mit Reel ADT richtig glücklich werden.
Fazit
Der Stimmenverdoppler Reel ADT überzeugt mit hoher Audioqualität und bietet einen unter den Plug-ins seiner Gattung einzigartigen, authentischen Vintage-Sound mit Bandsättigungseffekt.
Reel ADT liefert bei sehr niedrigen Anforderungen an die CPU einen exzellenten Dopplungseffekt, bei dem es (in den klassischen Dopplungs-Einstellungen) zu keinerlei Phasenauslöschungen kommt. Das Doppel klingt ebenso natürlich wie das Original.
Per Varispeed lässt sich Bewegung in den Klang bringen; die Positionierung von Original und Doppel auf gegenüberliegende Stereo-Positionen öffnet die Räume.
Neben Gesangsaufnahmen profitieren auch andere Instrumente von diesem Effekt, etwa Bläser, Gitarren, Streicher oder auch Synthesizer.
Die Bedienung erfordert keinen nennenswerten Lernprozess. Zudem werden ausreichend instrumenten- und anwendungsspezifische Presets geboten.
Zu Reel ADT gehören mehrere Plug-ins für verschiedene Mono/Stereo-Konstellationen, dazu ein besonders ressourcenschonendes Live-Modell und ein doppelt ausgestattetes ADT für besonders breite Sounds.
Der Preis ist angesichts exzellenter Audioqualität und einzigartigem Konzept angemessen. Auf der Herstellerseite findet sich eine sieben Tage lauffähige Demo-Version.
Holger Obst
Plus:
- exzellente Klangqualität
- authentisch klingende Dopplung
- warmer, angenehmer Vintage-Sound mit Bandsättigungseffekt
- keine Phasenauslöschungen
- zusätzliche Delay- und Phasing-Effekte
- geringe Anforderung an die CPU
Minus:
–
Preis: 250.- US$ (Stand: 8. 4. 2015)
Hersteller
Systemvoraussetzungen
- Mac (ab OSX 10.7)
- Windows (ab 7 SP1)
- Formate: VST2/VST3, AU, AAX und RTAS
- 32 und 64 Bit
Testsystem
- PC Intel Core i7 3930K, Windows 7, Cubase 7, Motu 828 mKII;
- Testprojekt Cubase: 44,1 kHz Samplerate, 24 Bit Auflösung
- alle Audiodemos in 128 k mp3











